Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/oepnv-das-rhein-main-e-ticket-gehoert-abgeschafft-1603-119815.html    Veröffentlicht: 17.03.2016 09:13    Kurz-URL: https://glm.io/119815

ÖPNV

Das Rhein-Main-E-Ticket gehört abgeschafft!

Es könnte alles so einfach sein - isses aber nicht. Unsere Erfahrung zeigt: Das E-Ticket des Rhein-Main-Verkehrsverbundes macht nichts leichter, günstiger oder gar umweltfreundlicher.

Prozesse vereinfachen, Müll vermeiden und den Fahrgästen helfen: Das alles hatte der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) bei der Einführung des E-Tickets offenbar nicht im Sinn. Das zeigt unser Versuch, für die Woche der Lichtmesse Light + Building in Frankfurt eine Wochenkarte zu kaufen.


Früher konnten Wochenkarten problemlos an modernen elektronischen Fahrkartenautomaten gelöst werden. Diese Zeiten sind seit dem 1. Januar 2016 vorbei. Seither können Touristen und Messebesucher sie nur noch über Vertriebspartner kaufen. Warum das so ist? Der RMV hat das E-Ticket ("eTicket RheinMain", Werbebroschüre) in den sogenannten Wirkbetrieb versetzt. Damit gibt es bestimmte Zeitkarten nur noch über dieses E-Ticket, eine kontaktlose Smartcard basierend auf der VDV-KA-Spezifikation, die wiederum auf einem SmartMX-Chip von NXP läuft. Dazu gehört auch die Wochenkarte, die sich schon nach wenigen Fahrten lohnen kann.

Das komplett durchgetestete Produkt E-Ticket ist allerdings derart exklusiv, dass es technisches Vorwissen, Ortskenntnis und Erfahrung mit öffentlichen Verkehrsbetrieben braucht, um es aufzuspüren.

Ein Ticket für Technikversierte und Ortskundige

Unser erster Gang auf der Jagd nach einer Wochenkarte führt uns zu den modernisierten Automaten des RMV am internationalen Flughafen Frankfurt am Main (EDDF/FRA). Jeder Automat ist mit einem großen Aufkleber versehen, der erklärt, dass man für eine Wochenkarte zunächst ein E-Ticket benötigt. Die entsprechenden Vertriebsstellen sind hinter einem QR-Code versteckt. Als technisch versierter Anwender finden wir uns immerhin damit zurecht.

Uns wird eine Linkliste angezeigt, die auch einige Vertriebsstellen nennt. Doch die nächste offizielle E-Ticket-Vertriebsstelle ist mehrere Kilometer vom Flughafen entfernt. Bei gründlichem Lesen entdecken wir zum Glück den Nebensatz, dass alle Reisezentren der Deutschen Bahn das E-Ticket ebenfalls führen. Wo die Reisezentren sind, verrät der RMV allerdings nicht. Es gibt auch keine Pfeile an den Automaten.

Als Vielreisende wissen wir, dass sich irgendwo am Flughafen ein Reisezentrum befinden muss. Uns wird klar: Das schöne elektronische Ticket verlangt vom Nutzer nicht nur, dass er mit diversem elektronischem Spielzeug umgehen kann. Sondern auch gute Ortskenntnis.

Herumirren, warten - und fünf Seiten Dokumentation für das RMV-E-Ticket

So ortskundig sind wir dann allerdings auch wieder nicht. Wir irren 15 Minuten am Flughafen herum und studieren Karten, bevor wir per Zufall eines der beiden Reisezentren entdecken. Service wird hier offenbar großgeschrieben: Gleich ein ganzer Schalter ist besetzt. Zudem erstaunen uns die eingeschränkten Öffnungszeiten. Der RMV verlangt zwar von Neuankömmlingen, sich ein E-Ticket an einer der exklusiven Verkaufsstellen zu besorgen, lässt den Verkauf aber nur innerhalb der Geschäftszeiten zu. Die schönen elektronischen Automaten vor dem Reisezentrum sind nur noch für Einzelfahrausweise brauchbar. Die gibt es auf Papier.


Wir verbringen eine gefühlte Ewigkeit in der Reisezentrumsschlange. Als wir endlich an der Reihe sind, stellen wir fest: Das Ausstellen des Tickets selbst ist auch nicht ganz einfach. Rund eine Minute dauert der Schreibvorgang auf das E-Ticket. Völlig normal, wie uns der DB-Mitarbeiter sagt, der ebenso wenig glücklich über das E-Ticket zu sein scheint wie wir. Dann halten wir endlich die Smartcard in der Hand. Doch das ist noch nicht alles: Der DB-Mitarbeiter reicht uns noch eine fünfseitige Dokumentation inklusive Rechnung. Genug Papier, um 50 Wochen- oder Monatskarten auszudrucken.

Technischer Rückschritt, schlecht für die Umwelt

Der DB-Mitarbeiter klärt uns zudem darüber auf, dass die Karte nur 20 Monate funktioniert. Wer regelmäßig eine Monatskarte oder alle paar Jahre mal eine Wochenkarte braucht, erzeugt also mit dem E-Ticket mit der Zeit nicht nur erheblich mehr Papiermüll als mit einer Fahrkarte auf Papier, sondern auch noch Plastik- und Chipmüll.

Das persönlich durch Mitarbeiter ausgegebene E-Ticket ist also ein erheblicher technischer Rückschritt im Vergleich zu den Papiertickets, die von elektronischen Automaten rund um die Uhr ausgegeben werden. Über all diese Probleme klärt der RMV allerdings nicht auf. Das erinnert uns frappierend an die unehrliche Einführung des E-Tickets in Form der VBB-Fahrcard in Berlin.

Hoffnung für die Zukunft gibt es auch nicht. Denn für das Lösen von Einzelfahrausweisen oder Guthabensystemen ist das E-Ticket im RMV an sich nicht geeignet. Im Verbund fehlt die Tap-in-Tap-out-Infrastruktur zum An- und Abmelden einer Fahrt. Dabei sind E-Ticket-Systeme dafür eigentlich ideal. Doch von einem System, wie es in London, San Francisco, Seoul, Valencia, Sevilla, den kompletten Niederlanden oder Tokio seit Jahren, teils Jahrzehnten üblich ist, ist das E-Ticket im RMV Jahre entfernt.

Häufig lässt sich das E-Ticket in den genannten Städten sogar an Automaten erwerben. Im RMV gibt es keine Pläne dafür, dazu müsste man die gerade erst modernisierten Automaten erneut modernisieren. Sie wären erst dann auf einem Stand, den andere E-Ticket-Systeme vor Jahren schon hatten. An moderne Entwicklungen, wie die Umsetzung auf NFC-Smartphones, glauben wir gar nicht erst. Da hilft nur eins: das E-Ticket des RMV umgehend wieder abschaffen.  (ase)


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