Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/kuenstliche-intelligenz-alpha-go-spielt-wie-eine-goettin-1603-119646.html    Veröffentlicht: 09.03.2016 12:04    Kurz-URL: https://glm.io/119646

Künstliche Intelligenz

"Alpha Go spielt wie eine Göttin"

Nach dem Europameister hat die künstliche Intelligenz Alpha Go auch einen der besten Spieler der Welt besiegt. Sie spielte unerwartet aggressiv.

Das Brettspiel Go galt lange Zeit als einer der letzten Bereiche, in denen Menschen Computerprogrammen überlegen waren. Heute hat die künstliche Intelligenz Alpha Go einen der besten menschlichen Spieler der Welt im ersten von fünf Spielen besiegt: Nach 184 Spielzügen gab der Koreaner Lee Sedol auf.

Das Spiel bietet schon wegen der Brettgröße mehr Zugmöglichkeiten und ist insgesamt deutlich komplexer als Schach. Durch die verwendeten Algorithmen und die begrenzte Rechenleistung der verfügbaren Computer reichten bis zum vergangenen Jahr die Fähigkeiten der besten Programme nicht über das Amateurniveau hinaus. Heute kommentierte Kim Myungwan, ebenfalls ein starker Profispieler, Alpha Go mit den Worten: "Sie spielt wie eine Göttin!"

Das auf neuronalen Netzwerken basierende Programm von Google mit dem Namen Alpha Go hatte bereits im Oktober den europäischen Meister Fan Hui in fünf von fünf Spielen geschlagen. Diese Leistung wurde erst im Januar veröffentlicht, zusammen mit der Ankündigung, dass die künstliche Intelligenz im März ein ähnliches Match gegen Lee Sedol spielen werde.

Lee Sedol gilt als einer der besten Go-Spieler der Welt, seit er 2014 in einem Match aus zehn Spielen ("Jubango") den chinesischen Spieler Gu Li mit 6:2 besiegt hat. Für das Match gegen Alpha Go mit fünf Spielen ("Gobango") ist eine Siegprämie von 1 Million US-Dollar ausgesetzt. Sollte Lee Sedol mindestens drei der fünf Spiele verlieren, wird die Summe an das Kinderhilfswerk Unicef und Vereine für MINT-Förderung und Go-Verbände gespendet.

Alpha Go spielt aggressiver

Alpha Go überraschte im Spiel gegen Lee Sedol mit einer stark verbesserten Spielleistung. Sie spielte deutlich aggressiver als in den Spielen gegen Fan Hui und zeigte weitaus weniger Nachlässigkeiten als noch bei der Auswertung dieser Spiele. Inwiefern die Hardware verbessert wurde, war noch nicht zu erfahren.

Die Spiele im Match werden im Four-Seasons-Hotel in Seoul gespielt und live auf Youtube übertragen. Die offizielle Übertragung für den Google-Mutterkonzern Alphabet wird von Michael Redmond begleitet. Er ist der beste westliche Go-Spieler und der erste, der jemals den höchsten professionellen Go-Rang (9p) erreicht hat. Der 52-Jährige erhielt schon mit 14 Jahren Go-Unterricht in Japan und kommentierte das Spiel für Anfänger; knapp 80.000 Zuschauern sahen zu. In der Spitze hatte das erste Spiel knapp 100.000 Zuschauer, als am Ende des Spiels die Niederlage bereits abzusehen war.

<#youtube id="vFr3K2DORc8"> Gleichzeitig kommentierte Kim Myungwan, ein ähnlich starker koreanischer Spieler, für die American Go Association etwas detaillierter.

<#youtube id="6ZugVil2v4w"> Das Spiel begann zunächst friedlich. Lee Sedol eröffnete das Spiel mit den schwarzen Steinen und steckte Ansprüche entlang der rechten und oberen Seite ab. Die erwartete Invasion von Alpha Go folgte. Lee Sedol nutzte sie, um Territorium an der rechten Seite zu konsolidieren. Zunächst wirkte diese Invasion schwach, da sie Lee Sedol vergleichsweise viele Punkte sicherte, ohne dass sich Alpha Go vor dessen Steine setzen konnte. Das erinnerte etwas an die Spiele gegen Fan Hui, als Alpha Go generell zu passiv wirkte. Aber in der gegebenen Situation war es dennoch eine vernünftige Strategie, wie sich zeigte.

'Ich glaube, sie wird gewinnen!'

Schon wenig später zeigte sich der neue Charakter von Alpha Go: Aus passiv wurde aggressiv. In der Folge eines Zugs von Alpha Go nach Zug 24 wurde einer von Lee Sedols schwarzen Steinen in der oberen rechten Ecke vollkommen abgeschnitten und eine weitere Gruppe zwischen weißen Steinen eingeklemmt. Der Koreaner war zum ersten Mal merklich angespannt. Er verlor nun deutlich an Einfluss entlang des oberen linken Bretts.

Als hervorragender Spieler erkannte Lee Sedol, dass die große Gruppe invadierender Steine dennoch angreifbar war, während er seine eigenen Steine schon abgesichert hatte. So gelang es ihm im Anschluss seinerseits, starken Einfluss im unteren linken Viertel des Bretts aufzubauen. Die Beobachter und Kommentatoren sahen zu diesem Zeitpunkt einen klaren Vorsprung für Lee Sedol. Kim erwartete allerdings schon bei Zug 91 Komplikationen durch Alpha Go, weil die Situation für Schwarz zu bequem war.

Lee Sedol in Bedrängnis

Das bewahrheitete sich bei Zug 102 mit einer gewagten Invasion mit einem weißen Stein auf der rechten Seite - "der schlechtestmögliche Moment für Schwarz", kommentierte Kim. Der Versuch, das Territorium auf der rechten Seite zu reduzieren, war durchaus erwartet. Zuvor hatten die Spieler noch um die untere linke Ecke gekämpft. Wer auch immer sich zuerst aus diesem Kampf lösen würde, hätte die Wahl, den Gegner anzugreifen. Es war ein sehr gut gewählter Zug.

"Alpha Go könnte stärker werden als ich", kommentierte Kim zu dem Zeitpunkt. "Ich denke, sie ist vielleicht schon stärker als ich. Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, dass Lee Sedol gewinnt." Schon bei der Auswertung der Spiele gegen Fan Hui hatten sich Andrew und Kim auf die weibliche Anrede für Alpha Go geeinigt.

Das Computerprogramm wagt und gewinnt

Überraschend war die Fortsetzung der Invasion. Statt den schwarzen Stein vom Zug 107 abzuschneiden und möglichst nach außen anzubinden oder zumindest damit zu drohen, um anderswo Schwächen auszunutzen, sprang Alpha Go mit einem weißen Stein von Zug 108 noch tiefer in das schwarze Territorium.

Es war ein gewagter Zug, der normaler Intuition widerspricht. Der Schnitt bringt mehr Möglichkeiten mit sich, die Invasion erfolgreich durchzuführen, und das Resultat wäre durchaus gut gewesen. Der Sprung nach innen käme für einen professionellen Spieler nur infrage, wenn er sehr genau weiß, wie die damit verbundenen Spielvariationen ausgehen. Die professionellen Kommentatoren wussten es nicht.

Alpha Go besaß die notwendige Sicherheit, um so einen Zug zu spielen. Kim schlussfolgerte, sie wisse wohl sehr genau, wie die Spielvariationen in dieser Situation verlaufen würden und dass der Zug 108 auf S12 statt des Schnitts bei p8 zu einem noch besseren Resultat führen werde. "Sie spielt wie eine Göttin, ich glaube, sie wird gewinnen!"

Einige Züge später hatte Alpha Go den Rückstand ausgeglichen und einen leichten Vorsprung aufgebaut, den das Programm nicht mehr abgab. Nach über 3 Stunden Spielzeit und 184 Zügen gab Lee Sedol das Spiel auf. Die nächste Partie steht am Donnerstag an. Bis dahin werden sicher auch die ersten Statements von Lee Sedol und tiefergehende Analysen des Spiels vorliegen.

Nachtrag vom 10. März 2016, 10.30 Uhr

Alpha Go hat auch im zweiten Spiel gegen Lee Sedol gewonnen.  (fwp)


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