Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/raspberry-pi-3-im-ersten-test-kein-grund-zur-eile-1603-119469.html    Veröffentlicht: 01.03.2016 12:03    Kurz-URL: https://glm.io/119469

Raspberry Pi 3 im ersten Test

Kein Grund zur Eile

Die Fangemeinde des Raspberry Pi ist vielfältig. Wir haben uns angeschaut, wer mit dem neuen Modell schon seinem Hobby nachgehen kann und wer besser noch bei einem älteren Modell bleibt.

Das Raspberry Pi 3 kommt mit einem neuen Prozessor, WLAN und Bluetooth. Ansonsten bleibt vieles gleich. Eine pauschale Aussage, welche Software mit dem Raspberry Pi 3 läuft oder sogar davon profitiert, ist schwer zu treffen. Wir haben uns angeschaut, wie sich der neue Bastelrechner im Vergleich zum Vorgänger schlägt und ob beliebte Programme mit dem neuen Prozessor und dessen Architektur schon zurechtkommen.

Das Netzteil muss nicht ausrangiert werden

Bevor es losgehen kann, benötigen wir ein Netzteil für den Micro-USB-Anschluss. Der Hersteller empfiehlt ein USB-Netzteil, das bei 5V 2,5 Ampere liefern kann. Das haben wir allerdings nicht zur Hand. Unser 2A-Netzteil erweist sich aber während des Tests als vollkommen ausreichend. Bei 100 Prozent Last, mit aktivem WLAN, angeschlossener Maus und Tastatur zieht das Gerät im Maximalfall 580 mAmpere, üblicherweise aber um 300 bis 400 mAmpere. Nur wer darüber hinaus Peripherie über USB oder GPIO mit Strom versorgen will, muss über ein neues Netzteil nachdenken. Außerdem sollte die Länge des USB-Kabels im Auge behalten werden, wie sich zeigen wird.

Als Nächstes bereiten wir die Micro-SD-Karte vor; wir spielen das aktuelle Raspbian-Image vom 29. Februar 2016 auf. Die neue Version funktioniert nicht nur mit dem Raspberry Pi 3, sondern auch mit den Vorgängern. Die Raspberry Pi Foundation setzt dabei immer noch auf eine 32-Bit-Variante, auch wenn der neue Broadcom BCM2837 auch einen 64-Bit-Befehlssatz bietet.

Drahtloses Netzwerk einfach einrichten

Der Start verläuft flott, nach 20 Sekunden ist der Desktop da. Wir rufen die GUI-Version von Raspi-Config auf, um die Orts- und Tastatureinstellungen vorzunehmen. Wer bei der Gelegenheit auch gleich noch das Raspberry Pi übertakten will, hat dazu keine Möglichkeit - die Einstellung ist zwar da, erlaubt aber keine Änderung des Wertes.

Im Localisation-Tab finden wir eine neue Einstellung für das Wifi: Dort wählen wir als Wifi Country Deutschland. Erkennbare Auswirkungen hat das aber nicht. Laut iw list sind nur die Kanäle 1 bis 11 nutzbar. Dabei zeigt sich, dass das Raspberry Pi 3 auch als Access Point verwendet werden kann.

Die eigentliche Verbindung mit unserem WLAN nehmen wir über das Netzwerk-Icon in der rechten oberen Ecke des Desktops vor. Per Linksklick lassen wir uns die Liste der verfügbaren WLAN-Netzwerke anzeigen. Wir wählen unser Netzwerk aus, geben das Kennwort ein und sind drin. Trotz der nur kleinen Keramikantenne ist die Empfangsleistung in unserem Büro mit seinen Trockenwänden in Ordnung. Leider wurde auf einen Antennenstecker verzichtet. Allerdings hat der Rechner die erforderlichen Lötflächen für eine U.FL-Buchse. Sie von Hand anzulöten, ist aber aufgrund der Größe und des verfügbaren Platzes eine Herausforderung.

Mit Iperf testen wir die Performance der drahtlosen Verbindung: Mit 45 MBits pro Sekunde ist sie recht ordentlich. Die Geschwindigkeit der weiterhin per USB angebundenen Ethernet-Verbindung ist mit 95 MBits pro Sekunde nahe am Maximum.

Benchmark mit Hindernissen

Wir bleiben in der Welt der Zahlen und starten Sysbench, um die Leistungsfähigkeit des neuen Prozessors zu ermitteln. Dazu verwenden wir folgenden Aufruf:



Der erste Aufruf führt eine Rechenaufgabe nur in einem Thread durch und gibt so Auskunft über die Performance bei einem einzelnen Kern, der zweite benutzt hingegen vier Threads und sollte deshalb alle vier Kerne beschäftigen.

Der erste Einzel-Thread-Test ergibt ein nettes Ergebnis. Doch ist der Wert nicht so gut wie erwartet. Beim Vier-Thread-Test schneidet das Raspberry Pi 3 schlechter ab als das Pi 2. Da läuft etwas schief.

Wir starten das Pi im CLI-Modus neu, doch auch das ändert nichts. Wir graben uns tief in die Linux-Eingeweide. Über



lassen wir uns die aktuelle Taktrate anzeigen. Merkwürdigerweise steigt sie nur ganz sporadisch auf 1,2 GHz und bleibt trotz der Last meist bei 600 MHz. Uns fällt auf, dass auf dem Pi gelegentlich die rote LED ausgeht. Normalerweise ist das ein Indiz für eine unzureichende Spannungsversorgung, das Raspberry Pi taktet dann automatisch herunter. Doch unser Strom- und Spannungsmessgerät zeigt keinerlei Auffälligkeit.

Bleibt nur noch eine Ursache: Sollte etwa das USB-Kabel das Problem sein? Tatsächlich! Nachdem wir es gegen ein kürzeres, ein Meter langes Kabel getauscht haben, springen die Benchmark-Werte nach oben. Jetzt benötigt das Raspberry Pi 3 im Single-Thread-Test nur noch 182 Sekunden (Pi 2: 292 Sekunden), im Multi-Thread-Test 45 Sekunden (Pi 2: 75 Sekunden) zum Rechnen.

Flottes Programmieren und Schreiben

In der Praxis äußern sich diese Benchmark-Werte durch ein angenehmes Arbeiten auf dem Desktop. Weder Libreoffice noch diverse IDEs zum Programmieren zwingen uns zum Däumchendrehen. In unseren Arbeitspausen gestalten wir in Minecraft ohne Ruckler die Welt um und lernen, Pferde zu zähmen. Ruckler gibt es allerdings weiterhin bei Videos im Browser. Grenzen werden hier im Büroalltag weniger durch den Prozessor gesetzt als durch den verfügbaren RAM und die Geschwindigkeit der Micro-SD-Karte. Das galt aber durchaus schon für das Raspberry Pi 2.

Mediacenter-Fans müssen warten

Auf dem Stand des Raspberry Pi 2 sind auch die Grafik- und Videofähigkeiten des Raspberry Pi 3, insbesondere kann h.265 weiterhin nicht durch die Hardware decodiert werden. Allerdings sollte es deshalb gerade beim Mediacenter-Einsatz kaum Softwareprobleme gegeben. So installieren wir Kodi und starten es. Die Anwendung wechselt in den Vollbildmodus, der Fernseher vermeldet die Aktivierung von HDMI-CEC, die bekannte Hintergrundgrafik erscheint, und wir warten auf das Menü. Doch nichts passiert. Kodi ist eingefroren.

Eher zufällig werfen wir einen Blick auf die OpenELEC-Webseite. Und die Downloadsektion der Distribution (Version 6.0.2) verkündet tatsächlich, dass sie das Raspberry Pi 3 unterstützt. Also bereiten wir eine neue Micro-SD-Karte vor. Sie bootet, und aus den Augenwinkeln sehen wir, wie die SMB-Shares von OpenElec im Netzwerk auftauchen. Doch unsere Hoffnung wird zerstört, denn auch hier sehen wir von Kodi nur das Hintergrundbild und weiter passiert nichts.

Beim finalen Test mit Mplayer können wir schließlich doch noch ein Video anschauen, notgedrungen aber ohne viel Komfort.

Bei weiteren Versuchen mit Kodi hatten wir hingegen Erfolg. Dabei hatten wir das Raspberry Pi jeweils an einen älteren Toshiba-Fernseher und einen Computermonitor angeschlossen. Beide unterstützen kein HDMI-CEC. Unsere ersten Tests fanden hingegen mit zwei jüngeren Samsung-Geräten statt.

Nur Stunden nach Erscheinen unseres Tests erschien eine aktualisierte Fassung von OpenELEC (Version 6.0.3). Damit klappte alles, einschließlich der Unterstützung von HDMI-CEC, auch auf unseren TV-Geräten von Samsung.

Daddel-Fans können loslegen

Besser sieht es für Spielefans aus. Wir installieren Retropie per Setup-Skript auf unserem Raspbian. Auf den Einsatz des fertigen Images verzichten wir, da es noch nicht die Treiber für WLAN und Bluetooth enthalten dürfte. Dass diese Entscheidung richtig war, zeigt uns später auch ein Versuch, Recalbox zu installieren - über den Bootscreen kommen wir nicht hinaus.

Emulationstation startet ohne Probleme. Im Retropie-Menü können wir die WLAN-Verbindung konfigurieren. Viel spannender ist jedoch die Frage, ob unser PS3-Controller per Bluetooth funktioniert. Dazu rufen wir wieder das Retropie-Setup auf. Dort können wir unter Setup unseren PS3-Controller anmelden und mit dem Raspberry Pi verbinden.

In Emulationstation selbst geht dann die Controller-Konfiguration flott von der Hand. So hangeln wir uns schließlich drahtlos mit dem PS3-Controller durch die Menüs. Doch wir wollen spielen und starten Mario Kart 64. So weit klappt auch alles. Doch kaum sind wir 2 Sekunden gefahren, friert plötzlich der Bildschirm ein. Bei nachfolgenden Versuchen passiert das schon bei der Fahrerauswahl, manchmal werden aber auch die Tasten einfach nicht mehr erkannt. Auch bei Crash Bandicoot auf dem Playstation-Emulator treten diese Probleme im Startmenü des Spiels auf. Mit unserem kabelgebundenen Xbox-Controller funktioniert hingegen alles.

Bei der Performance des N64- wie PSX-Emulators zeigen sich bei beiden Spielen leichte Verbesserungen, die sich durchaus positiv auf die Steuerungsgenauigkeit auswirken.

Alternative Betriebssysteme starten nicht

Aufgrund unserer obigen negativen Erfahrung mit OpenElec und Kodi probieren wir auch OSMC aus, doch trotz anderslautender Aussagen können wir es auf dem Raspberry Pi 3 nicht starten. Das aktuelle Image stammt noch vom Januar 2016.

Von Windows 10 IoT Core ist ein Insider-Build erschienen, bisherige Images funktionieren nicht mit dem Raspberry Pi 3. Auch Snappy Ubuntu Core läuft derzeit noch nicht, die Unterstützung für das Raspberry Pi 3 wurde bislang auch noch nicht angekündigt.

Nicht allzu alte Raspbian-Versionen sind hingegen auf dem Raspberry Pi 3 lauffähig, ohne Update liegt dabei aber die Funktechnik brach.

Aufbewahrung im Dunklen ist keine Pflicht

Auch das Raspberry Pi 3 ist, wie schon sein Vorgänger, empfindlich gegenüber Xenon-Blitzlicht und stürzt dabei ab, ohne allerdings Schaden zu nehmen. Diesmal ist aber anscheinend nicht ein Bauteil bei der Stromversorgung verantwortlich, sondern der Funkchip auf der Rückseite, wie wir durch Probieren herausgefunden haben. In der Praxis dürfte der Effekt kaum von Bedeutung sein. Das Blitzlicht muss in weniger als 10 cm Abstand zum Chip aufleuchten, um Wirkung zu zeigen.

Verfügbarkeit und Preis

Das Raspberry Pi 3 wird von vielen Händlern angeboten, wie zum Beispiel Pollin, Farnell und Watterott, ist aber zum Teil schon ausverkauft. Neue Lieferungen dürften aber bei weitem nicht so lange auf sich warten lassen wie derzeit beim Raspberry Pi Zero. Die Endkundenpreise bewegen sich in Deutschland zwischen 39 und 45 Euro.

Fazit

Der Aufpreis für das Raspberry Pi 3 von 2 bis 3 Euro gegenüber dem Pi 2 wirkt in Anbetracht der Leistungssteigerung und der Funktechnik fast zu gering. Da fällt es schwer, nicht einfach eine uneingeschränkte Kaufempfehlung auszusprechen. Einzig die höheren Anforderungen an eine stabile und störungsfreie Spannungsversorgung sprechen unmittelbar gegen das Raspberry Pi 3.

Die Leistungsunterschiede sind aber nicht so extrem, dass sie jederzeit spürbar wären, bei einem reinen Mediacenter dürften sie nicht auffallen. Der Leistungsschub beim Wechsel vom originalen Raspberry Pi zum Pi 2 vor einem Jahr war deutlich größer. Der damalige Architekturwechsel ermöglicht auch eine Einschätzung, wie schnell die im Artikel genannten Softwareprobleme durch die Community gelöst werden könnten: innerhalb von drei bis vier Wochen. Vermutlich sogar schneller, weil diesmal beim Start schon deutlich mehr funktioniert. Allerdings gilt diese Schätzung nicht für die Weiterentwicklung anderer Betriebssysteme.

Es gibt also keinen Grund, jetzt so schnell wie möglich vom Raspberry Pi 2 auf einen Pi 3 zu wechseln. Auch Einsteiger sollten die nächsten Wochen noch die Finger vom neuen Modell lassen. Nur Retropie-Fans und Bastler, die sowieso ein Raspberry Pi mit Funktechnik ausstatten wollten, sollten sich in das Rennen um die nächste verfügbare Lieferung werfen.

Nachtrag vom 2. März 2016, 9:50 Uhr

Mittlerweile sind Updates von Windows 10 IoT und OpenELEC erschienen. Wir haben den Text entsprechend angepasst.

 (am)


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