Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/nfc-was-apple-pay-nicht-schafft-soll-der-nahverkehr-bringen-1602-119381.html    Veröffentlicht: 26.02.2016 12:57    Kurz-URL: https://glm.io/119381

NFC

Was Apple Pay nicht schafft, soll der Nahverkehr bringen

Apple Pay hat nicht gereicht: Jetzt startet der Halbleiterhersteller NXP ein Projekt, um den Funkstandard NFC und das Sicherheitsmodul Secure Element endlich zu etablieren - im öffentlichen Nahverkehr.

Die Nutzung und Verbreitung des Funkstandards NFC stellt den Halbleiterhersteller NXP nicht zufrieden. Zwar ist die Technik, die auch für das bargeldlose Bezahlen mit dem Smartphone genutzt wird, seit der Einführung von Apples Zahlungssystem Apple Pay deutlich bekannter geworden. In einigen Regionen wird das System sogar bereits verwendet, doch die breite Masse kann so nicht angesprochen werden, obwohl die Technik spannend ist; wir haben sie in einem früheren Artikel eingehend betrachtet. NXP möchte das ändern. Dafür soll NFC in einem System eingesetzt werden, das jeder früher oder später benutzt: dem Nahverkehr.

Der Halbleiterhersteller geht zu diesem Zweck eine Partnerschaft mit dem chinesischen Smartphonehersteller Xiaomi und chinesischen Nahverkehrssystemen (ÖPNV) ein. Der NFC-Standard, über den Daten über kurze Distanzen zwischen Geräten übertragen werden, soll dabei kontaktlose Plastikfahrkarten überflüssig machen: Der Fahrgast hält sein Smartphone statt der Plastikkarte vor das Kontrollgerät, das die Daten ausliest. So könne so gut wie jeder Teil der Bevölkerung erreicht werden, unabhängig von der sozialen Schicht, sagte uns NXP auf der Mobilmesse Mobile World Congress in Barcelona.

Und: Die nötige Infrastruktur ist an vielen Stellen bereits seit Jahren vorhanden, wo mit einer drahtlos arbeitenden Smartcard gearbeitet wird. Dank des Card Emulation Modes, der zu NFC gehört, kann ein Smartphone verschiedene kontaktlose Plastikkartensysteme ersetzen. Diese müssen dafür selbst gar kein NFC beherrschen. Es muss nur ein Nahfunksystem sein. Magnetkartenbasierte Systeme funktionieren freilich nicht.

Kontaktlose E-Ticket-Systeme sind komplex

Die Umsetzung ist laut NXP allerdings schwierig. Zwar sind viele E-Ticket-Systeme von NXP selbst, doch mancher Verkehrsbetrieb hat bei der Umsetzung nicht sauber gearbeitet, nutzt jeweils ein eigenes Backend und Kartenprüfgeräte, die mitunter ein Jahrzehnt alt sind. Die Software muss angepasst werden, um das Smartphone in der jeweiligen Stadt oder Region als vollwertigen Ersatz zur Plastikkarte zu etablieren. Das alles muss aufwendig getestet werden. Die Komplexität der Entwicklung ist durchaus mit dem Aufwand vergleichbar, den Smartphonehersteller mit Banken haben, um NFC als Standard für Zahlungen per Smartphone statt per Karte durchzusetzen.

Deswegen tut sich NXP mit Partnern zusammen. Im Falle von China setzt das Unternehmen auf das günstige Topsmartphone Mi5 von Xiaomi samt NFC und Secure Element (SE), dem Sicherheitsmodul. Außerdem arbeitet NXP mit den Verkehrsbetrieben in Schanghai und Shenzen zusammen. Dort funktionierte das Mi5 als Fahrkarte als Erstes.

Das ist taktisch sicherlich klug; dass sich NFC etwa als Zahlungsstandard so langsam verbreitet, hängt sicher auch damit zusammen, dass Apple Pay an das iPhone gebunden ist, eines der teuersten Smartphones. Es fehlen Anwendungen, die jeden erreichen. Und nicht in jedem Land ist es so einfach möglich, eine Kreditkarte zu bekommen wie beispielsweise in den USA. Eine kontaktlose Nahverkehrskarte bekommt der Nutzer hingegen in der Regel von einem Automaten.

Noch sind nicht alle Fragen geklärt

Neben den komplexen Systemen gibt es aber noch weitere Probleme bei der Umsetzung. Ein NFC-fähiges Smartphone kann die Plastikkarte nicht in jeder Hinsicht ersetzen. Beispielsweise kann eine Karte in der Regel mit Bargeld aufgefüllt werden, ein Smartphone bisher aber noch nicht. NXP wollte aber nicht ausschließen, dass dies in Zukunft möglich sein wird. Vermutlich hängt das auch vom Willen der Verkehrsbetriebe oder -verbünde ab, ihre Automaten so umzurüsten, dass eine Bargeldübertragung auf ein NFC-Smartphone möglich ist.

Nicht eindeutig beantworten konnte uns NXP, was bei Card-Clash-Systemen passiert, also Systemen, bei denen mehrere drahtlos funkende Karten im Einsatz sind. London arbeitet etwa mit der Oyster Card, einer Mifare-Karte, erlaubt aber auch das Bezahlen der Fahrtberechtigung per kontaktloser Kreditkarte. Hält der Fahrgast einfach sein Portemonnaie an die Lesegeräte, riskiert er eine Doppelabbuchung von beiden Karten: der Oyster-Card und einer kontaktlos arbeitenden Kreditkarte beispielsweise. Für das Projekt in Shenzen und Schanghai muss diese Frage allerdings noch nicht beantwortet werden; dort wird das Bezahlen per kontaktloser Kreditkarte an den Zugängen nicht unterstützt, so NXP.

Immerhin ist aber sichergestellt, dass ein NFC-Smartphone auch wirklich nur in dem Nahverkehrssystem funktioniert, für das das digitale Ticket auch gilt, und nicht versehentlich Geld von einer anderen Karte abgebucht wird. NXP konnte das auf dem MWC bereits demonstrieren. Genauso funktioniert das mit den Plastikkarten verschiedener Verkehrssysteme: Mit einer Oyster Card aus London lässt sich beispielsweise weder das Ticket im Ventra-System von Chicago lösen noch die Clipper Card in der San Francisco Bay Area ersetzen.

NFC im Nahverkehr bringt mehr Nutzer dazu, die digitale Geldbörse zu aktivieren

Durch den Einsatz von NFC im Nahverkehr sollen sich Kunden niedrigschwellig daran gewöhnen, ihre mobile und virtuelle Geldbörse im Smartphone zu aktivieren. Schließlich geht es nicht gleich um den Ersatz der Kreditkarte, sondern hauptsächlich um die niedrigen Kosten für die Fahrkarte oder weitere Kleinbeträge, die Kunden bisher mit ihrer Plastikfahrkarte bezahlen.

Bis zur Mitte des Jahres will NXP sieben ÖPNV-Smartcard-Systeme unterstützen. Das dürfte heißen: sieben unterschiedliche Regionen und sieben unterschiedliche Systeme. Denn elektronische Tickets für den ÖPNV sind alles andere als standardisiert. Bis Ende 2016 sollen es sogar zehn Systeme werden. Welche das sind, das wollte uns NXP nicht sagen. Es wurde jedoch angedeutet, dass es sich um US-Regionen sowie den ostasiatischen Raum handelt. Gerade Letzteres bietet sich an, denn in vielen ostasiatischen Ländern ist das drahtlos arbeitende Ticket längst Realität.

Sonys Felica kommt später

Es gibt allerdings noch einige Einschränkungen. So ist NXP derzeit nicht in der Lage, Felica-Systeme zu emulieren, ein System für kontaktlose Smartcards von Sony. Die Arbeiten daran sind noch nicht abgeschlossen und benötigen neue NFC-Hardware, da die Anforderungen an das präzise Timing des Datenaustauschs laut NXP höher sind. NXP will später weltweit alle Smartcard-Systeme unterstützen, also neben dem hauseigenen Mifare oder SmartMX auch Konkurrenzsysteme wie Felica, das beispielsweise in Hongkong (Octopus Card) eingesetzt wird, oder die Suica Card, die im Großraum von Tokio zum Einsatz kommt. Dafür sind dann aber neue NFC-Smartphones nötig.

Haben sich die Kunden an NFC-Smartphones statt Fahrkarten gewöhnt, hofft NXP, dass nach und nach auch die anderen Karten durch das Smartphone ersetzt werden können. Im nächsten Schritt könnten beispielsweise Zugangskontrollsysteme in die Smartphones mit NFC und Secure Element integriert werden. Laut NXP sind diese virtuellen Karten sicherer, als die Plastikkarten in der Geldbörse herumzutragen.

Für den deutschen Markt dürfte das unserer Einschätzung nach schwierig werden. Hier hat sich nach Jahren noch nicht einmal die kontaktlose Fahrkarte richtig durchgesetzt. Und der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) hat das Vertrauen in das System jüngst weiter erschüttert. Auch das deutschlandübergreifende Touch-und-Travel-System wurde bisher nicht akzeptiert, so dass die Deutsche Bahn das System zum Jahresende einstellen möchte.  (ase)


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