Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/lego-education-im-test-lernen-mit-kloetzchen-1602-118980.html    Veröffentlicht: 15.02.2016 12:04    Kurz-URL: https://glm.io/118980

Lego Education im Test

Lernen mit Klötzchen

Wie wird aus einem 4-x-2-Stein ein Lehrmittel? Wer glaubt, allein der Ort und die Uhrzeit unterscheide das Spielen vom Lernen mit Lego, liegt ein wenig daneben.

Den Inhalt eines Lego-Kastens kann wohl jeder im Schlaf herunterbeten: mehrere Beutel mit Lego-Teilen, deren Sortierung seit Generationen Rätsel aufgibt, und eine Bauanleitung mit vielen Bildern. Und kaum jemand wird bestreiten, dass schon die klassischen Sets der Fantasie viel Raum geben und helfen, die geistigen und motorischen Fähigkeiten zu trainieren. Warum gibt es also spezielle Sets für Schulen, was unterscheidet den Schulbaukasten vom neuesten Star-Wars-Modell? Wir haben uns das Lego-WeDo-2.0-Set näher angesehen, das erstmals auf der Elektronikmesse CES 2016 vorgestellt wurde. Es richtet sich vor allem an Grundschüler und kostet in Deutschland rund 155 Euro.

Auf den Lehrer wartet Arbeit

Schon die Verpackung hebt sich von den klassischen Kästen ab. Statt in einem Pappkarton steckt das Set in einer stabilen, stapelbaren Kunststoffbox. Auch das Coverbild kommt vergleichsweise zahm daher. Ein kleiner Warnhinweis weckt unsere Aufmerksamkeit: Er zeigt, dass die Elektronikbausteine zwar nicht wasserfest sind, aber doch mit einem nassen Lappen gesäubert werden können. Ein nicht unwichtiges Detail, sollen die Bausteine doch durch viele Kinderhände gehen.

In der Box fällt zuerst ein Sortierkasten auf: natürlich die Tüten mit Lego-Teilen und ein Set von Aufklebern. Die gilt es, auf die Fächer des Sortierkastens zu kleben, sie geben vor, welches Teil in welches Fach gehört. Somit ist auch die nächste Aufgabe klar: Der Inhalt der Tüten wird auf die Fächer verteilt. Es möchte wohl niemand mit der Lehrkraft tauschen, die einen ganzen Klassensatz an Kästen derart vorbereiten muss. Die Vorsortierung spart aber später einiges an Zeit beim Bau, eine Schulstunde ist schließlich nur 45 Minuten lang.

Eine App ersetzt die Papieranleitung

Bei den Bauklötzchen selbst unterscheidet sich der Inhalt nur wenig von den normalen Lego-Kästen. So enthält das Set auch Kleinstteile, die gerne einmal vom Tisch rollen. Mit Ausnahme der Elektronik (Controller, Motor und Sensoren) gibt es keine Sonderteile. Auffällig ist die Farbauswahl, es dominieren gelbe, blassgrüne und hellblaue Bausteine. Das Set könnte auch als Teil der Lego-Friends- oder Junior-Serie durchgehen. Dafür fehlen allerdings die Minifigs im Baukasten.

Es fehlt auch etwas anderes: Wer eine Bauanleitung so dick wie ein Ikea-Katalog erwartet, wird enttäuscht. Alle Anleitungen sind in einer App enthalten. Schon die Downloadgröße von gut 1,8 GByte zeigt, dass darin wohl nicht nur ein paar Strichzeichnungen stecken.

Aber auch nach dem Öffnen der App wartet keine lange Liste an Bauprojekten auf uns. Zuerst gilt es, einen Tagebuch-Eintrag anzulegen. Innerhalb eines solchen Eintrags werden die aufgenommenen Notizen, Videos und Fotos sowie das erstellte Programm für die Elektronik gespeichert. Dieses Tagebuch-Format soll Lehrkräften helfen, die Lernfortschritte der Schüler zu verfolgen. Aber auch nachdem wir das Tagebuch geöffnet haben, ist erst einmal keine Bauanleitung in Sicht.

Stattdessen haben wir die Wahl, ob wir ein Start-Tutorial durchführen oder uns einem "Geführten Projekt" oder einem "Offenen Projekt" widmen wollen. Wir entscheiden uns für das geführte Projekt "Zugkraft und Reibung". Zuerst erhalten wir eine Übersicht über die Lernziele des Projekts. Im darauf folgenden Video werden wir durch kleine Realfilm-Einspielungen darauf eingestimmt, wo Zugkraft und Reibung im Alltag eine Rolle spielen.

Vor dem Bauen wird geschrieben

Schließlich bekommen wir etwas zu tun. Nein, wir dürfen immer noch nicht losbauen. Stattdessen werden uns einige Fragen präsentiert, zum Beispiel: "Was kann die Reibung bei Gegenständen beeinflussen?". Unsere Antworten sollen wir über die Notizfunktion der App aufschreiben.

Dann können wir wirklich loslegen. Ein kurzes Video zeigt uns, was wir bauen sollen: einen kleinen Roboter, der einen Hänger zieht. Die nachfolgende Bauanleitung entspricht ihrem klassischen Papier-Pendant. Als geübte Lego-Bauer benötigen wir keine zehn Minuten für den Bau. Das gilt auch für die meisten übrigen Modelle, auch die Vorsortierung der Teile spart merklich Suchzeit.

Nach dem Bau kommt die Programmierung. Das Ziel ist kurz und bündig vorgegeben: Der Roboter soll sich vorwärtsbewegen. Quellcode müssen wir dafür nicht eingeben, stattdessen reihen wir Symbole hintereinander auf, wodurch zuerst ein Countdown angezeigt wird und schließlich der Motor mit Höchstgeschwindigkeit startet. Die Symbolabfolge müssen wir nicht erraten, sie wird uns angezeigt. An dieser Stelle müssen wir sie nur nachmachen. Überspielt wird das Programm per Bluetooth auf den Controller in unserem Modell.

Wem das zu langweilig scheint, der kann sich über den nächsten Teil des Projekts freuen. Auch hier werden wir wieder mit Fragen konfrontiert. Wir sollen herausfinden, wie sich Reibung und Zugkraft verändern, wenn wir bestimmte Details am Modell ändern. Unsere Gedanken sollen wir wieder notieren, bevor wir die Änderungen am Modell vornehmen - für Letzteres fehlt es an einer Anleitung, lediglich ein Bild des geänderten Modells ist zu sehen. Die Experimente mit den Modelländerungen können wir per Videokamera oder Foto innerhalb der App dokumentieren. So haben wir genug Material gesammelt, um schließlich unser Projekt in der Klasse zu präsentieren. Denn auch dazu fordert uns die App auf.

Nachbauen reicht nicht aus

Nach diesem Muster sind alle Projekte innerhalb der App aufgebaut. Lego unterteilt diese Abfolge in Erforschungsphase, Entwicklungsphase und Ergebnisphase. Überall gibt es kleine Erklärvideos dazu, sie kommen ohne Text und mündliche Erklärungen aus, dafür gibt es eine schnell nervende Musikuntermalung. Einen Unterschied gibt es nur bei den offenen Projekten. Hier werden nur Basismodelle als Bild gezeigt und die Schüler müssen diese nicht nur ohne Anleitung bauen, sondern auch herausfinden, wie sie zum jeweiligen Projektthema, zum Beispiel "Räuber und Beute", passen. Sollte die Lehrkraft hier ebenfalls nicht Bescheid wissen, wird ihr von Lego ein Zusatzheft angeboten, das allerdings gut 250 Euro kostet.

Die Basismodelle und darauf basierende Aufbauten finden sich auch in einer Bibliothek wieder. Hier können mechanische Konstruktionen und Programmierkonstrukte gezielt geübt werden. Viele Modelle sind recht freie Entwürfe, es gehört schon ein klein wenig Fantasie dazu, in Modellen wie Spinne oder Schlange tatsächlich die jeweiligen Vorbilder zu sehen. Abseits von einigen Detailbildern und einem vorgegebenen Basisprogramm müssen die Konstruktion und der mechanische Aufbau selbst erarbeitet werden. Insgesamt bietet die App so mehr als 30 Vorschläge für die verschiedensten Modelle.

Wer beim Programmieren Probleme hat, kann jederzeit eine einfache Übersicht über die verfügbaren Symbole und ihre Funktion aufrufen. Eine Einführung in die Programmierung selbst ist aber nicht enthalten. Das muss die Lehrkraft schon selbst stemmen.

Tiere bauen statt Todesroboter

Wer jetzt aber annimmt, die Lego-Basteleien sollten Teil des Informatikunterrichts sein, irrt. Der Motor und die Sensoren machen zwar die Modelle interessanter und reizen den Spieltrieb. Ein Roboterbaukasten, wie Mindstorms, ist es aber nicht. Vielmehr soll der Spieltrieb zu Experimenten anregen und somit das Lernen in naturwissenschaftlichen Fächern unterstützen. Deutlich wird das an den Lehrerhandreichungen, die als PDF etwas versteckt im Informationsmenü der App zu finden sind. Darin finden Lehrkräfte nicht nur Erläuterungen zum pädagogischen Konzept hinter dem Lego-Baukasten. Es enthält auch Formblätter, um die Lernfortschritte der Schüler zu verfolgen, etwa ein Selbsteinschätzungsblatt für jeden Schüler.

Wer nur auf die Klötzchen des WeDo-Sets schaut, wird kaum einen Unterschied zum klassischen Lego-Baukasten ausmachen. Die wesentlichen, aber aus Lehrersicht wichtigsten Unterschiede sind das Drumherum und die Darreichung. Statt ein Modell möglichst exakt einem (imaginären) Vorbild nachzubilden, stehen funktionale Aspekte im Vordergrund. Auch laden nur wenige Modelle zum Spielen ein, Niedlichkeitsbausteine wie Augen sollten darüber nicht hinwegtäuschen. Lego-Fans werden das bedauern, Lehrer hingegen dankbar sein, reduziert es doch die Ablenkung. Schließlich dient die Lego-Bastelei nicht als kurzweiliger Zeitvertreib, sondern soll Kinder dazu animieren, über Technik und die Umwelt nachzudenken und zu diskutieren. Das eigentliche Bauen tritt in den Hintergrund. Das dürfte mit einem X-Wing-Nachbau aus Lego eher schwer zu erreichen sein.  (am)


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