Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/hyperloop-die-durch-die-roehre-flitzen-1601-118582.html    Veröffentlicht: 18.01.2016 12:12    Kurz-URL: https://glm.io/118582

Hyperloop

Die durch die Röhre flitzen

Elon Musk erfindet ein neues Transportmittel, will es aber selbst nicht umsetzen. Stattdessen werden zwei Unternehmen gegründet, die fast den gleichen Namen haben. Und schließlich mischt SpaceX doch ein wenig selbst mit. Ein Überblick über die Hyperloop-Projekte.

Ab durch die Röhre: Hyperloop ist ein neuartiges Transportmittel, das sich Elon Musk 2013 ausgedacht hat. Es ist so schnell wie ein Flugzeug, aber es schwebt nur wenige Meter über dem Boden in einer Röhre. Dabei soll es leiser und umweltfreundlicher sein. Die Technik stellte Musk seinerzeit aus Abneigung gegen Patente quelloffen zur Verfügung.

Zwei Projekte arbeiten inzwischen an der Umsetzung: Hyperloop Transportation Technologies und Hyperloop Technologies. Was beim schnellen Lesen nach zweimal der gleichen Bezeichnung aussieht, sind zwei verschiedene Unternehmen. Und auch das US-Raumfahrtunternehmen Space Exploration Technologies (SpaceX) mischt inzwischen mit. Golem.de hat sich angeschaut, wer hyperloopt.

Musk ist zu beschäftigt

Hyperloop solle, sagte Musk, das fünfte Transportmittel nach Auto, Flugzeug, Schiff und Zug werden. Der Erfinder wollte sich allerdings heraushalten: Noch bevor er sein Konzept im August 2013 vorstellte, erklärte Musk, den Hyperloop nicht selbst bauen zu wollen. Er sei mit der Leitung des Elektroautoherstellers Tesla Motors und des Raumfahrtunternehmens Space Exploration Technologies (SpaceX) beschäftigt genug.

Es fanden sich aber recht schnell Akteure, die stattdessen eine solche Strecke bauen wollten: Wenige Monate später, im November 2013, startete Hyperloop Transportation Technologies (HTT), ein ungewöhnliches Unternehmen, dessen Mitarbeiter auf der ganzen Welt verteilt sind und die bisher ohne Bezahlung an dem Projekt mitmachen. Gut ein Jahr später legte Hyperloop Technologies los, ein konventionelles Unternehmen aus Los Angeles, das mit einigen in der Branche bekannten Namen aufwarten kann.

Eine Kapsel saust durch eine Röhre

Beide Unternehmen arbeiten daran, Elons Musks Idee umzusetzen: Um möglichst wenig Luftwiderstand und Reibung zu haben, soll das Transportmittel, eine Kapsel, im Vakuum unterwegs sein - in einer Röhre, aus der die Luft weitgehend abgepumpt wurde. Die Kapsel schwebt auf einem dünnen Polster aus Luft, das sie selbst erzeugt. An der Front der Kapsel ist ein Kompressor angebracht, der die verbliebene Luft ansaugt. Sie wird zum Teil nach unten geleitet, wodurch das Luftpolster erzeugt wird, auf dem die Kapsel schwebt. Der Rest wird hinten ausgestoßen, was zusätzlichen Vortrieb generiert.

Hauptantrieb ist aber ein asynchroner Langstator-Linearmotor, der ähnlich wie ein Drehstrom-Elektromotor arbeitet: Ein Stator erzeugt ein elektromagnetisches Feld, das einen Rotor in Bewegung versetzt. Nur sind Rotor und Stator aufgeteilt: Der Stator ist in der Röhre und erzeugt ein elektromagnetisches Feld, das die Strecke entlangwandert und die Kapsel mit sich zieht. Die soll dabei eine Geschwindigkeit von etwa 1.200 Kilometern pro Stunde erreichen. Eine Reise von Hamburg nach München würde mit dem Hyperloop nur etwa eine Dreiviertelstunde dauern.

Hyperloop Technologies hat schon angefangen zu bauen.

Die angestellten Hyperlooper bauen an einer Teststrecke

Gegründet wurde Hyperloop Technologies von Shervin Pishevar, dem Chef des Investmentunternehmens Sherpa Ventures, der unter anderem die Startups Airbnb und Uber finanziert hat, und Brogan Bambrogan, einem ehemaligen SpaceX-Mitarbeiter. Pishevar ist heute Mitglied des Verwaltungsrates, dem auch Peter Diamandis angehört, Gründer der X-Prize Foundation. Chef ist seit Oktober 2015 Rob Lloyd, ehemals Chef des Netzwerkausrüsters Cisco.

Zwei Monate nach seinem Amtsantritt konnte Lloyd auch schon das erste Projekt verkünden: Im Dezember 2015 hat Hyperloop Technologies angefangen, im Norden von Las Vegas eine Teststrecke für den Hyperloop zu bauen. Der erste Bauabschnitt soll bereits im März fertig sein. Die komplette, knapp 4 Kilometer lange Teströhre will das Unternehmen Ende des Jahres einweihen.

Hyperloop Technologies testet in Nevada

In der Wüste des US-Bundesstaates Nevada will Hyperloop Technologies nacheinander die verschiedenen Komponenten des Transportsystems testen: Kapsel, Antrieb, Schwebetechnik, die Röhre. Als Erstes sei der Linearantrieb dran, sagt Knut Sauer im Gespräch mit Golem.de. Er leitet den Bereich Geschäftsentwicklung bei Hyperloop Technologies und war zuvor Leiter des Think Tanks Mobilität bei Siemens. Den Antrieb gebe es schon im Labor. Der Test soll voraussichtlich schon in diesem Frühjahr stattfinden - allerdings nicht in der Röhre, sondern auf Schienen.

Das sei einfacher, sagt Sauer. Bei einer so komplexen Technologie sei es wichtig, schrittweise vorzugehen. Deshalb werde das System danach auf Schienen in der Röhre getestet. Erst ganz am Schluss komme dann auch die Schwebetechnik hinzu.

Test-Hyperloop soll Ende 2016 einsatzbereit sein

Doch auch wenn Hyperloop Technologies schrittweise vorgehen will: Die Schritte folgen schnell aufeinander. Ende dieses Jahres soll, so die Planung, der voll funktionsfähige Hyperloop erstmals mit der vollen Geschwindigkeit, also etwa 1.200 km/h, durch die Röhre flitzen.

Daneben arbeitet das Unternehmen an Geschäftsmodellen. Es verhandelt mit mehreren potenziellen Kunden aus dem Logistik- und Personenverkehrsbereich auf der ganzen Welt. Details nennt Sauer aber keine. Nur so viel: "Die ersten kommerziellen Projekte werden wahrscheinlich im Cargo-Bereich sein", sagt er. "Die werden nicht im Personenbereich sein, weil die einen viel längeren Zyklus haben, um das genehmigen zu lassen."

Güter und Passagiere flitzen durch die Röhre

Die Idee sei, das System zuerst im Güterverkehr auf kurzen Strecken von 80 bis 100 Kilometern zu testen. Wenn es sich dort bewähre, werde es eventuell leichter, auch eine Genehmigung für den Personentransport zu bekommen. "2021 oder 2022 werden wir die ersten Tickets für den Personenverkehr verkaufen", sagt Sauer. Eine andere Infrastruktur ist dafür nicht nötig: Kapseln mit Passagieren können in derselben Röhre verkehren wie solche, die einen Standardcontainer transportieren. Die Kapseln werden sich äußerlich nicht unterscheiden.

Allerdings glaubt Sauer nicht, dass die ersten kommerziellen Hyperloops in Europa oder den USA verkehren werden. In den Ländern Asiens und des Mittleren Ostens seien die Genehmigungsverfahren wahrscheinlich deutlich weniger aufwendig.

Darin ist sich Sauer mit Dirk Ahlborn, dem Chef des anderen Hyperloop-Projekts, einig. Aber sonst haben die beiden Hyperlooper wenig gemeinsam.

Die freiwilligen Hyperlooper planen auch die Stadt zur Röhre

HTT ist kein konventionelles Unternehmen wie Hyperloop Technologies, mit einem Sitz und angestellten Mitarbeitern. Hervorgegangen ist es aus der Plattform Jumpstartfund. Über 400 Mitarbeiter hat HTT inzwischen, viele davon sind bei Technologieunternehmen wie Boeing, Airbus, SpaceX oder der US-Raumfahrtagentur Nasa beschäftigt.

Sie sind verteilt auf 21 Länder, und viele arbeiten auch nicht hauptberuflich bei HTT. Gehyperloopt wird sozusagen nach Feierabend. Auch erhalten die Mitarbeiter kein Gehalt am Ende des Monats. Ihre Arbeit wird mit Aktienoptionen abgegolten. Für Hyperloop Technologies kommt ein solches Modell nicht infrage: "Wir glauben, dass man ein so komplexes System nicht mit einem solchen verteilten Ansatz entwickeln kann", sagt Sauer.

HTT will an die Börse

Die Aktienoptionen indes könnten bald eingelöst werden: Denn HTT will in diesem Jahr an die Börse gehen. Bis zu 500 Millionen US-Dollar will das Unternehmen an der US-Technologiebörse Nasdaq bekommen. Bisher hatte HTT Geld über Crowdfunding gesammelt. Mit den Erlösen aus dem Börsengang will HTT aber nicht nur die Mitarbeiter finanzieren: Davon will das Unternehmen seine erste Hyperloop-Strecke bauen.

Sie werde in Quay Valley entstehen, sagte Ahlborn im vergangenen Jahr im Gespräch mit Golem.de. Das ist eine neue Stadt, die im US-Bundesstaat Kalifornien gebaut werden soll, etwa auf halber Strecke zwischen Los Angeles und San Francisco. Mitte des Jahres will HTT dort anfangen zu bauen.

HTT will von Anfang an Passagiere transportieren

Anders als Hyperloop Transportation will HTT keine Teststrecke in kleinerem Maßstab bauen: Die Röhre in Quay Valley wird die reale Größe haben, und sie soll Passagiere transportieren. "Wir wollen etwas bauen, das wirklich benutzt wird", sagte Ahlborn. Denn nur im echten Betrieb ließen sich die Abläufe erproben, wie etwa den ehrgeizigen Takt des Verkehrsmittels: Alle 30 Sekunden will HTT eine Kapsel durch die Röhre schießen.

Allerdings nur mit einer geringen Geschwindigkeit: Mit nur etwa 300 Kilometern pro Stunde soll die Kapsel durch die Röhre verkehren. Grund ist die kurze Strecke: Das Oval ist nur 8 Kilometer lang. 2018 oder 2019 sollen erstmals Passagiere von einer Art Bahnsteig aus in eine Hyperloop-Kapsel einsteigen. Diese gleitet dann zuerst in eine Schleuse, in der die Luft angepumpt wird und dann in die Röhre, um die Fahrt anzutreten. Zehn Millionen Passagiere, so schätzt Ahlborn, könnten in Quay Valley im Jahr den Hyperloop nutzen.

Der lange Hyperloop kommt

Wie Hyperloop Technologies geht auch HTT davon aus, bald nach dem Start des Pilotprojekts Aufträge für den Bau weiterer Trassen zu bekommen. Es gebe bereits Interessenten für längere Strecken. Möglich sei etwa eine Trasse von Los Angeles nach San Francisco oder von Los Angeles nach Las Vegas. Wahrscheinlich sei aber, dass der erste Langstrecken-Hyperloop in Asien oder dem Mittleren Osten gebaut werde.

Musk beobachtet beide Projekte - davon ist auszugehen. Partei ergreift er jedoch nicht. Zum Glück für den jeweils anderen: Würde er in eines der beiden Unternehmen investieren, würde das für das andere das sofortige Aus bedeuten, sagt Sauer. Von seiner Ankündigung, sich herauszuhalten, ist der Erfinder jedoch abgerückt. Ein wenig zumindest.

SpaceX hyperloopt ein bisschen

Denn SpaceX will eine eigene Hyperloop-Röhre. Sie soll - wie in Musks Konzept vorgesehen - auf Stelzen stehen. Schon im Juni soll die 1,6 Kilometer lange Röhre nahe dem SpaceX-Hauptsitz in Hawthorne im US-Bundesstaat Kalifornien einsatzbereit sein.

Allerdings wird SpaceX dort nicht selbst das fünfte Transportmittel ausprobieren. Das sollen stattdessen unabhängige Entwickler - Studenten oder Unternehmen -, die nicht bei einem der beiden Hyperloop-Projekte engagiert sind. Sie sollen Hyperloop-Kapseln für den Transport von Passagieren und Gütern entwickeln. Die Prototypen sollen sie dann in der Röhre in Hawthorne mit knapp 2 Metern Durchmesser testen.

SpaceX veranstaltet Wettbewerb

Mitte 2015 hatte SpaceX einen Wettbewerb für die Entwicklung der Kapseln ausgerufen, die Official SpaceX Hyperloop Pod Competition. Ziel sei es, "die Entwicklung eines funktionsfähigen Hyperloop-Prototyps zu beschleunigen", erklärt SpaceX auf der Website.

Über 130 Teams aus der ganzen Welt meldeten sich an: aus den USA und Kanada, Ägypten und Südafrika, Usbekistan und China, Spanien und Polen. Auch zwei deutsche Teams beteiligen sich am Hyperloop-Wettbewerb: eins von der Technischen Universität München und eins von der Universität Oldenburg und der Hochschule Emden-Leer.

Yeehaw, Hyperloop

Derzeit dürften die Köpfe der Kapsel-Konstrukteure rauchen: Am 20. Januar müssen sie ihre Entwürfe einreichen. Eine Woche später reisen sie nach Texas zum SpaceX Hyperloop Pod Design Weekend, das am 29. und 30. Januar in der Texas A&M University in College Station, etwa 150 Kilometer nördlich von Houston, stattfindet. Dort präsentieren die Teams ihre Konzepte.

Die besten Konstrukteure treten dann voraussichtlich im Sommer in Kalifornien gegeneinander an, auf der SpaceX-Hyperloop-Teststrecke.  (wp)


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