Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/vw-ein-hauch-von-zukunft-ueber-dem-dieseldunst-1601-118355.html    Veröffentlicht: 06.01.2016 14:04    Kurz-URL: https://glm.io/118355

VW

Ein Hauch von Zukunft über dem Dieseldunst

In Las Vegas entwerfen die Autohersteller Visionen zur Zukunft der Mobilität. Das gilt auch für VW, das einen E-Bulli vorstellt. Doch Markenchef Herbert Diess kann die Vergangenheit nicht ganz ausblenden.

Nicht drüber reden - das geht natürlich nicht. Also erledigt Herbert Diess die unangenehme Aufgabe gleich zu Anfang. Die "Angelegenheit mit den Dieselmotoren" sei nichts, auf das man stolz sei, sagt der Markenchef von Volkswagen. "Wir haben die Kunden und das amerikanische Volk enttäuscht und entschuldigen uns dafür", liest er vom Teleprompter ab.

Hunderte von Zuschauern schauen ihm schweigend aus dem Halbdunkel des Theatersaals entgegen. Auf der Elektronikmesse CES in Las Vegas, wo er eine der Eröffnungsreden hält, ist man so viel Demut nicht gewohnt. Doch Diess ist an diesem Dienstagabend nicht gekommen, um über manipulierte Motoren und Ärger mit amerikanischen Behörden zu sprechen.

Auf der Technikshow entwerfen die Autohersteller Jahr für Jahr ambitioniertere Visionen, wie sie sich die Zukunft der Mobilität vorstellen. Deshalb kann Diess nach dreieinhalb Minuten das lästige Thema hinter sich lassen und versprechen: "Wir erschaffen eine bessere Firma, ein neues Volkswagen." Kurz darauf rollt der vollelektrische Bulli Budd-e auf die Bühne. Und im Publikum jubeln etliche.

Bulli ohne Dieseldunst für ein bisschen gute Presse

Es ist ein Auftritt, über den sie sich viele Gedanken gemacht haben in Wolfsburg. Der Dieselskandal ist nicht ausgestanden, erst diese Woche hat das US-Justizministerium den Autohersteller wegen Verstößen gegen das Umweltrecht verklagt. Gleichzeitig ist das Geschäft zwischen San Francisco und New York eingebrochen.

Zwischenzeitlich habe man überlegt, die Keynote abzusagen, lässt Diess durchblicken. Andererseits kann der Konzern positive Presse gebrauchen. Etwa über einen Bulli, der ohne Dieseldunst fährt, womöglich sogar zu den Stränden in Kalifornien, wo der Urahn des Modells als Legende gilt.

Was da auf die Bühne rollt, wirkt für die meisten Autofahrer wie aus der Zukunft hergebeamt. Im Kühlergrill leuchten die LEDs blau, eine Geste lässt die Seitentür aufschweben. "Türgriffe sind so 2016", witzelt Diess - jetzt macht ihm der Auftritt sichtlich Spaß.

Als rollender Computer lässt sich der Bulli mit dem vernetzten Zuhause verbinden: Aus dem Cockpit heraus schaut Diess, was in seinem Kühlschrank ist und wer vor seiner Haustür steht. Noch bedeutender als diese Spielereien aber: Die Akkus sollen 375 Kilometer durchhalten.

Ein Smartphone auf Rädern

Der elektrische E-Golf Touch ist da schon beiseitegerollt. Vor einem Jahr hat VW das Konzept präsentiert, nun ist eine Serienversion in Arbeit. Noch im Laufe des Jahres sollen Kunden sie bestellen können. Von einem Modell mit Verbrennermotor ist er äußerlich kaum zu unterscheiden, doch auch dieses Auto ist vernetzt, "ein Smartphone auf Rädern", wie Volkmar Tanneberger, Chef der elektrischen Entwicklung, stolz sagt. Per Sprachkommando wird das Navisystem gesteuert, per Smartwatch die Heizung aus der Ferne eingeschaltet.

Für VW sind die beiden Autos ein bedeutender Schritt: E-Golf und Budd-e sind zwar nicht die ersten rein elektrisch angetriebenen Fahrzeuge, die der Konzern ankündigt, aber die vermutlich bislang erschwinglichsten. Auch wenn Diess keine Preise nennt, dürfte es bei den beiden Modellen um den praktischen Nutzen gehen, nicht um den schnittigen Luxus wie etwa beim Audi E-Tron. Die bezahlbare Elektromobilität soll auch bei VW endlich in Serie gehen.

"Komplett neue Fahrzeuge"

Dabei modifiziert VW nicht einfach vorhandene Modelle. "Wir entwickeln komplett neue Fahrzeugkonzepte speziell für die elektrische Langstreckenmobilität", betont Diess. Die Akkus liegen beispielsweise flach am Boden des Fahrzeugs. Die Botschaft an die Autowelt: Nicht nur Startups wie Tesla und Faraday Future denken das Auto komplett neu, sondern auch etablierte Konzerne wie VW.

Doch die Vision geht weiter. VW bereite gerade den "nächsten Schritt der Mobilität" vor, mit autonomen Autos, die sich mehrere Nutzer miteinander teilen. "Das neue Volkswagen steht für bezahlbare elektrische Mobilität, für das vollvernetzte Auto, für automatisches Fahren, und es steht für eine völlig neue Nutzererfahrung", sagte Diess. Der Duktus klingt nach Silicon Valley, wenn auch nicht der nüchterne Tonfall.

Ein Animationsvideo wirft zahlreiche Schlagworte an die breite Leinwand. Was genau sie bedeuten, verrät Diess an diesem Abend allerdings nicht. Die Umsetzung solcher Konzepte wird indes Jahre dauern. Bis dahin ist vielleicht auch der Dieselskandal vergessen.  (hb-cke)


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