Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/dirt-rally-im-test-motorsport-fuer-fortgeschrittene-1512-118031.html    Veröffentlicht: 17.12.2015 14:00    Kurz-URL: https://glm.io/118031

Dirt Rally im Test

Motorsport für Fortgeschrittene

Codemasters geht zurück zu den Wurzeln: Dirt Rally folgt nicht mehr den spaßigen, aber kaum realistischen Dirt-Rennspielen der vergangenen Jahre, sondern orientiert sich an den frühen Colin-McRae-Titeln. Das sorgt für viel Realismus - und einen knackigen Schwierigkeitsgrad.

Seit April 2015 ist die PC-Version von Dirt Rally über Early Access auf Steam in einer gut spielbaren Version verfügbar. Seitdem hat Codemasters den Titel auf Basis der Rückmeldungen von den Fans fertiggestellt und jetzt auch offiziell veröffentlicht. Offensichtlich hat sich die Community vor allem klassischen Rallyesport und einen hohen Simulationsanspruch gewünscht: Während die letzten Dirt-Spiele auch für Sonntagsfahrer geeignet waren, ist hier von Beginn an viel Können am Lenkrad gefragt.

Wie bei den frühen Colin-McRae-Titeln verbringt der Spieler die meiste Zeit alleine auf der Piste - abgesehen vom Beifahrer, der vor Hindernissen warnt und die nächste Kurve beschreibt. Kernstück in Dirt Rally ist die Karriere, in der immer gegen die Uhr gefahren wird. Jede Rally besteht dabei aus mehreren Etappen, die möglichst in Bestzeit gemeistert werden wollen. Fahrerfolge bringen dann Geld aufs Konto, mit dem wiederum neue Serien und vor allem Zugang zu weiteren Fahrzeugen freigeschaltet wird.

Der Spieler beginnt auf staubigen Pisten in Griechenland und hat zunächst nur Zugang zu niedrig motorisierten Fahrzeugen wie einem alten Mini Cooper. Diese Beschränkung ergibt Sinn: Auf Grund der niedrigeren Fahrleistung ist es so möglich, sich mit der anspruchsvollen Steuerung und den unzähligen Gemeinheiten wie superengen Schikanen, Hügeln und Abgründen auf den Strecken zurechtzufinden.

Mit steigender PS-Zahl wird die Kontrolle schwieriger und anspruchsvoller. Egal ob mit aufgerüsteten 80er-Boliden oder aktuellen Rallye-Wagen: Es braucht einige Zeit, bis der Umgang mit vielen PS erlernt ist und nicht nach jeder schwierigen Schikane ein Ausflug ins Gelände folgt.

Freude und Frust am Fahren

Für viel Frust sorgt, dass ein einziger Fahrfehler die komplette Rallye ruinieren kann. Wer sich bei einer Kurve verschätzt, bei einem kleinen Sprung den Fels hinter der Kuppe übersieht oder auf Geröll am Straßenrand ins Rutschen kommt und den Abhang hinuntersaust, muss Schäden am Fahrzeug, Strafsekunden für das Zurücksetzen auf die Strecke und im schlimmsten Fall sogar einen Totalschaden hinnehmen. Das kann bei den minutenlangen Etappen zur Verzweiflung führen - etwa, wenn kurz vor dem Zieleinlauf eine kleine Unaufmerksamkeit die Platzierung ruiniert.

Der Fuhrpark weist im Grunde alles auf, was das Offroad-Herz begehrt. Von Rallye-Klassikern wie Subaru, Lancia und Mitsubishi bis hin zu Fahrzeugen von BMW, VW oder Audi ist die Vielfalt groß und in mehrere Klassen der vergangenen Jahrzehnte aufgeteilt. Auch am Lenkrad fühlt sich jedes Fahrzeug anders an.

Die Charakteristiken der Boliden verlangen Fingerspitzengefühl und Einarbeitungszeit. Gleiches gilt für die Strecken: Gerast wird etwa in Finnland, Schweden, Deutschland und Griechenland, bei Untergrund und Wetter wird folglich alles aufgeboten: vereiste Pisten, schlammige Abschnitte mit großen Pfützen, Geröll, Asphalt, Sand. Jeder Untergrund fühlt sich komplett anders an und sorgt auch für nachvollziehbar anderes Fahrverhalten.

Viele Modi und das Fazit

Das realistische Fahrgefühl wird durch die gute Grafik weiter intensiviert: Wer etwa bei strömendem Regen die Cockpitansicht wählt und sich förmlich durch die undurchdringbar scheinenden Wasserwände kämpfen muss oder wer aus der Ego-Perspektive mit hohem Tempo in die Kurve geht und nur haarscharf an Baum oder Felsen vorbeizieht, kann sich über einen Adrenalinrausch der besonderen Art freuen.

Wer nach längeren Ausfahrten doch wieder Sehnsucht nach direkter Konkurrenz auf der Piste hat, kann den Rallycross-Modus auswählen und so zumindest ein bisschen das Gefühl der letzten Dirt-Spiele aufleben lassen, wenn man im Pulk durch enge Kurven saust. Auch sonst gibt es einiges an Modi - wer will, kann jederzeit eine eigene Veranstaltung mit gewünschtem Ort und Auto erstellen, sich den harten Hillclimb-Herausforderungen stellen, in denen ein Ausflug in die Botanik noch wahrscheinlicher als ohnehin schon ist, oder online auf die Jagd nach Bestzeiten gehen.

Der hohe Simulationsanspruch setzt sich abseits der Piste fort. Fahrhilfen wie ABS und Traktionskontrolle sind zwar übersichtlich, dafür ist das Tuningsystem durchaus umfangreich und lässt viel Freiraum zum Experimentieren, um das Fahrzeug perfekt auf die Gegebenheiten der Piste und des Klimas einzustellen. Hinzu kommt ein umfangreiches Schadenssystem. Der Verschleiß zwischen den Etappen ist hoch, die Zeit zum Reparieren aber begrenzt, so dass dem eigenen Werkstattteam genau vorgegeben werden muss, welche Schäden zuerst beseitigt werden sollen.

Abseits der Pisten präsentiert sich Dirt Rally allerdings nüchtern - der Fokus liegt hier klar auf dem Rennerlebnis, nicht auf beeindruckenden Zwischensequenzen und stimmungsvoller Inszenierung. Die Menüs sind spartanisch gehalten, auch sonst gibt es wenig zu sehen zwischen den Etappen - für Atmosphäre sorgen hier einzig Rennerlebnis und Motorsound.

Dirt Rally ist für knapp 40 Euro als Download über Steam erhältlich. Am 18. Dezember erscheint über Koch Media eine Boxed-Version für Windows-PC. Die USK hat eine Altersfreigabe ab 6 Jahren erteilt. Am 5. April 2016 soll das Rennspiel für Playstation 4 und Xbox One im Handel erhältlich sein.

Fazit

Während die letzten Dirt-Spiele um eine möglichst große Zielgruppe buhlten und großen Wert auf hohe Zugänglichkeit legten, ist Dirt Rally ein Spiel für eine kleine, aber umso anspruchsvollere Zielgruppe. Spieler, die bereits in den Neunzigern unzählige Stunden mit Colin McRae verbrachten, können sich jedenfalls freuen: So viele gut gestaltete Rallyestrecken hatte schon lange keine Rennsimulation zu bieten.

So viel Frustpotenzial allerdings auch nicht. Selbst kleinste Fahrfehler können gravierende Folgen haben, Dirt Rally verzeiht fast nichts. Um so größer ist die Freude, wenn nicht nur jede Schikane, sondern auch das eigene Fahrzeug perfekt eingestellt ist und dann fehlerlos über Strecken brettert. Mit Lenkrad, aber auch mit Controller ist das simulationslastige Fahrgefühl endgültig eine Klasse für sich. Wer an Rennspielen vor allem die Herausforderung schätzt, wird diesen Winter das Steuer wohl nicht mehr aus der Hand geben.  (tw)


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