Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/cosplay-liebling-ich-habe-das-kind-elektrifiziert-1512-118001.html    Veröffentlicht: 24.12.2015 09:04    Kurz-URL: https://glm.io/118001

Cosplay

Liebling, ich habe das Kind elektrifiziert

Große Windräder, kleine Microcontroller und buntes Cosplay: Das passt eigentlich nicht in einen Satz. Für André Riesberg und seine Tochter Lea schon. Denn über eine kleine Steuerungsplatine können beide ihren Interessen frönen.

Lea Riesberg ist sicherlich jedem aufgefallen, der in diesem Jahr über eine der Maker-Fair-Messen in Hannover, Berlin oder Rom gelaufen ist. Ihr Kostüm war nicht zu übersehen. Auf der vom Film Tron inspirierten Kleidung waberten farbige Muster, gebildet aus unzähligen farbigen LEDs. Hinter dem Kostüm steckt nicht nur handwerkliches Geschick der Tochter, sondern auch eine selbst entwickelte Steuerungsplatine des Vaters, des Elektro-Ingenieurs André Riesberg. Wir haben die beiden in ihrem riesigen Bastelkeller zu Hause besucht.

Das Tüftler-Eldorado für die Familie

André Riesberg war doch etwas überrascht, als seine Tochter Lea eines Tages in der häuslichen Werkstatt stand und ihn um Hilfe mit dem Heißluftfön bat. Die Cosplay-Anhängerin hatte bereits einige Conventions besucht. Jetzt wollte sie endlich ihr eigenes Kostüm basteln. So wurde sie zum regelmäßigen Gast im väterlichen Bastelkeller. Der umfasst nicht nur eine Werkstatt, sondern auch ein gut ausgestattetes Techniklabor mit angeschlossenem Museum. Das enthält durchaus kuriose Gerätefunde vom Flohmarkt.

In dem Bastelkeller entwickelt André Riesberg elektronische Steuerungen und programmiert sie auch. Doch zunächst teilten Tochter und Vater nur die Räumlichkeiten. Die Idee zu einem gemeinsamen Projekt kam erst bei einem Familienspaziergang. André Riesberg suchte nach anschaulichen Demonstrationsobjekten für seine neuentwickelte Nogs-Plattform, Lea nach einer neuen Kostümidee. Viel Zeit gaben sie sich dafür nicht, schon zur nächsten Maker-Messe sollte es zum Einsatz kommen.

Jugendliches Handwerk verschmilzt mit Papas Elektronik

So übernahm Lea den Entwurf des Kostüms und bastelte Arm- und Beinschienen aus Worbla. "Worbla ist bei Cosplayern beliebt", erklärt Lea. Das Material erinnert an sehr steifes Leder, ist aber ein Thermoplast. Wird es auf 90 bis 100 Grad Celsius erhitzt, ist es für einige Minuten gut formbar. So in Form gebracht, kann es bemalt, verklebt, aber auch geschliffen werden. André Riesberg übernahm die Umsetzung der Elektronik und die Programmierung. Die LEDs auf Streifen wurden dann in die Teile des Anzugs eingeschoben. Laut Riesberg waren es ursprünglich 164 Stück - "nach diversen Reparaturen sind es mittlerweile mehr".

Nicht nur, weil es wegen der vielen Teile gut zwei Stunden dauert, das Kostüm anzuziehen, ist es kein leichter Spaziergang für Lea Riesberg, wenn sie das Kostüm während einer Veranstaltung trägt. In einem kleinen Rucksack steckt ein Blei-Gel-Akku, der gut 2 kg wiegt. Damit leuchtet das Kostüm trotzdem nur eine halbe Stunde, deshalb stehen zwei weitere Akkus am Ladegerät stets in Reserve.

Doch nicht nur die schiere Anzahl an LEDs ist beeindruckend. Denn die LEDs können einzeln über das Nogs-System angesteuert werden, wodurch komplexe Muster über den Anzug wabern.



Farbmuster entsteht aus Urlaubsbild

Das Programm für die Generierung der Muster hat André Riesberg eigentlich für ein anderes Heimprojekt geschrieben: eine große LED-Wand im Bad. Statt einfach nur monotone Farben anzuzeigen, sollte diese harmonische Farbmuster darstellen. Dazu wendete Riesberg statt mathematischer Formeln einen Trick an: Sein Programm liest ein Bild ein, darüber läuft eine Art Rechen in einem beliebigen Winkel über das Bild. Der Farbwert jedes Pixels unter dem Rechen wird zur Ansteuerung einer korrespondierenden RGB-LED benutzt. Das Ergebnis wirkt erstaunlich harmonisch und trotzdem abwechslungsreich und vielfältig.

Doch Riesberg hat die Nogs-Plattform zusammen mit seinem Entwicklungspartner Carsten Möllers nicht nur entwickelt, um seine Tochter zu unterstützen oder das Bad zu beleuchten. Er ist derzeit mit der Entwicklung und dem Test von Steuerungselektronik für Windräder beschäftigt. Privat beschäftigt er sich schon lange mit der Heimautomatisierung, mit der Licht- und Heizungssteuerung im Haus.

Als er einen Schaltschrank zeigt, weist er uns auf die Anfänge hin: "Mein erster Steuerungsrechner war ein Amiga 500". Zwischenzeitlich war dann ein klassischer Industrie-PC im Einsatz, der im Schaltschrank allerdings regelmäßig zu viel Wärme produzierte und deshalb inzwischen von einem kleinen ARM-basierten Bastelcomputer abgelöst wurde. Die notwendige Elektronik und Software, um mit den übrigen elektrischen Komponenten und Sensoren im Haus zu kommunizieren und die Daten auszuwerten, entwickelte und schrieb er selbst.

Per Scriptsprache zu schnelleren Ergebnissen

Riesberg ist deshalb mit den wiederkehrenden Problemen vertraut, die sich jedem stellen, der Steuerungselektronik programmieren muss. Die Nogs-Plattform soll das vereinfachen. Auf jeden der sogenannten Nodes in einem Nogs-Netzwerk läuft ein Lua-Interpreter. Ein Node kann nicht nur vorab gespeicherte Skripte ausführen, der Code kann auch im Betrieb ohne Neustart angepasst werden. Auch Steuerungsbefehle können in Form von Lua-Aufrufen übermittelt werden. So entfällt laut Riesberg der Aufwand, "die Software jedes Mal von Grund auf neu zu programmieren und Datenformate zu definieren".

Damit leuchten nicht nur die LEDs auf Leas Kostüm, künftig sollen damit auch Einkaufscenter cleverer und schöner beleuchtet werden. Für das Jahr 2016 hat André Riesberg weitere Projekte für das Nogs-System in Planung. Eines davon ist ein neues Cosplay-Kostüm für Tochter Lea. Das soll nicht nur bunter werden. Diesmal kann sich Lea durchaus vorstellen, selbst einmal zum Lötkolben zu greifen.  (am)


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