Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/bbc-filme-fuer-die-filterblase-1512-117884.html    Veröffentlicht: 21.12.2015 09:05    Kurz-URL: https://glm.io/117884

BBC

Filme für die Filterblase

Die BBC möchte Filme mit Hilfe einer App auf die jeweiligen Vorlieben der Zuschauer zuschneiden. So interessant wie die Technik sind auch die möglichen Nebenwirkungen.

In Pixars jüngstem Animationsfilm Alles steht Kopf gibt es eine Szene, in der die junge Protagonistin Riley eine Portion Brokkoli von ihrem Vater serviert bekommt, worauf sie mit Ekel, Protest und Wut reagiert. Verständlich, denn in den USA ist Brokkoli eines der unbeliebtesten Gemüse. Ganz anders sieht es in Japan aus; dort ist Brokkoli auch unter den Jüngsten akzeptiert. Damit die Szene erzählerisch in beiden Ländern gleich gut funktioniert, hat sie Pixar nachträglich angepasst: Statt Brokkoli bekommt Riley in der japanischen Fassung eine grüne Paprika aufgetischt.

Regionale Änderungen wie diese kommen in Kinofilmen häufiger vor. Im Actionfilm Iron Man 3 wurde sogar exklusiv für den chinesischen Markt eine Szene hinzugefügt, in der eine Figur namens Dr. Wu dem Superhelden aus der Patsche hilft. Die BBC möchte noch einen Schritt weitergehen. Die Entwicklungsabteilung der britischen Rundfunkanstalt plant, Filme nicht nur für bestimmte Regionen, sondern für jeden Zuschauer individuell zu gestalten. Das entsprechende Verfahren heißt Visual Perceptive Media.

"Stell dir eine Welt vor, in der die Erzählung, Hintergrundmusik, Farbgebung und das grundlegende Gefühl eines Films in Echtzeit auf deine Persönlichkeit zugeschnitten sind", heißt es auf der Website des Projekts. Seit mehreren Jahren experimentiert die BBC mit Perceptive Media, bereits 2012 erschien ein Online-Hörspiel, in dem auf Basis der IP-Adressen der Zuhörer verschiedene Elemente ausgespielt wurden. Für das Filmprojekt arbeitet die BBC mit dem Unternehmen Preceptiv zusammen, dessen App ein genaues Profil der Nutzervorlieben liefern soll.

Sag mir, was du magst und ich sag dir, was du guckst

Bevor der Film beginnt, beantworten die Zuschauer einige Fragen per Smartphone-App. Welche Musik sie mögen, ob sie männlich oder weiblich sind, ihr Alter und ihre Lieblingsfarbe sind offensichtliche Variablen, aber prinzipiell kann die App auch klären, ob die Zuschauer eher romantisch, kreativ oder schüchtern sind. Diese Entscheidungen beeinflussen anschließend die Zusammensetzung des Films.

Ein kurzes Demovideo auf der Website zeigt, wie das aussehen kann: So ändert sich je nach Vorliebe der Zuschauer etwa die Farbgebung in einzelnen Szenen oder die Hintergrundmusik. Mehr noch, einzelne Szenen bekommen manche Zuschauer gar nicht erst zu sehen oder sie werden aus der Perspektive anderer Charaktere gezeigt. Im Video ist von einem Gender Bias die Rede, also davon, ob in einigen Szenen die männliche oder die weibliche Figur im Mittelpunkt steht.

Um den Effekt zu verstärken, wird der komplette Film in Einzelteile zerlegt und eine Matrix verschiedener Variationen erstellt. Je nach Profil des Zuschauers werden die Szenen zusammengesetzt, angepasst und mit dem entsprechenden Soundtrack bestückt. "Ich denke, die Technologie hat einen Punkt erreicht, an dem wir das so reibungslos umsetzen können, dass die Zuschauer es überhaupt nicht mehr bemerken", sagt Ian Forrester von der BBC. Er weist darauf hin, dass es sich am Ende nicht um verschiedene Filme, sondern bloß um Variationen des gleichen Films handele - ähnlich wie beim Brokkoli und der grünen Paprika im Pixar-Film. Das bedeutet auch, dass sich zwar die Perspektive ändern kann, nicht aber die Schauspieler.

Noch ist das Projekt der BBC bloß ein Experiment und Perceptive Media im digitalen Zeitalter ein noch recht junges Forschungsgebiet. Die Entwicklungen in Hollywood zeigen aber, wie wichtig es für Filmstudios schon jetzt ist, dem Publikum in den Kinosälen rund um die Welt möglichst angepasste Inhalte zu liefern. Schließlich ist es bei Filmen wie in der Werbung oder der Facebook-Timeline: Je enger die Inhalte auf die persönlichen Vorlieben zugeschnitten sind, desto stärker und emotionaler ist die Reaktion der Nutzer und Rezipienten.

Bloß keine Überraschungen

Spinnt man das Prinzip weiter, werden mögliche Probleme sichtbar. Der Autor und Internetaktivist Eli Pariser liefert in seinem gleichnamigen Buch eine Definition der Filterblase, die auch auf das Konzept von Perceptive Media zutrifft: "Inhalte und Struktur werden den Bedürfnissen, Zielen, Interessen und Vorlieben eines jeden Nutzers angepasst." Das führt, so Pariser, dazu, dass die Nutzer in ihren gängigen Ansichten und Vorurteilen bestätigt werden und gleichermaßen von anderen isoliert sind. In den vergangenen Jahren wurde viel über die Filterblasen geforscht und nicht alle teilen Parisers Fazit. Dennoch ist es eine ungebrochen interessante These in einer zunehmend von Algorithmen bestimmten Welt.

Auf die Filmkultur übertragen bedeutet das: In dem Moment, in dem jeder Zuschauer eines Films schon vorab angibt, was er gerne sehen möchte, werden die Überraschungen minimiert. Das Ergebnis kann emotional sein, wenn etwa in einer romantischen Szene plötzlich das Lieblingslied läuft, aber es ist das Ergebnis einer Schablone basierend auf den eigenen Vorlieben. Vor allem, wenn die Variationen eben nicht bei Musik und Farbgebung aufhören, sondern auch den Inhalt beeinflussen: Der von der BBC selbst erwähnte Gender Bias kann dazu führen, dass die männliche oder weibliche Perspektive zugunsten der jeweils anderen marginalisiert wird.

Die Freiheit der Filmemacher

Nicht zuletzt sehen sich auch die Filmemacher mit elementaren Fragen konfrontiert: Geht in einem Film, der verschiedene Variationen enthält, nicht die eigene Handschrift verloren? "Dieser Ansatz des Geschichtenerzählens ändert nichts am kreativen Prozess des Filmemachens", heißt es im Video der BBC. Tatsächlich sorgt Perceptive Media für ebenso viele neue Möglichkeiten wie Herausforderungen bei Drehbuchautoren und Regisseuren. Eine Individualität zugunsten der Zuschauer kann an der individuellen Vision des Filmemachers nagen. "Die Drehbücher müssen von vornherein dafür geschrieben sein", sagt BBC-Entwickler Ian Forrester.

Schon deshalb dürfte das ultimative, personalisierte Filmerlebnis so schnell nicht die Streamingdienste oder VR-Brillen erobern. Und auch die BBC hat noch keinen Termin für einen ersten, fertigen Film in Planung, bislang geht es noch um "erste Forschungen" in dem Gebiet. Trotzdem überlegen einige Menschen schon, welche Konsequenzen das eigentlich für Menschen haben könnte, die eine andere Version des Films sehen, sich aber darüber unterhalten wollen: Aus der Frage "Hast du das gesehen?" könnte dann ein "Wie war es für dich?" werden. Oder anders gefragt: Hattest du Brokkoli oder Paprika zu Mittag?  (zeit-ek)


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