Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/spiele-2015-postnukleare-abenteuer-und-verhexte-grafikdowngrades-1512-117883.html    Veröffentlicht: 27.12.2015 09:01    Kurz-URL: https://glm.io/117883

Spiele 2015

Postnukleare Abenteuer und verhexte Grafikdowngrades

Trotz einer ultrakurzen Marketingkampagne hat Fallout 4 sich zum wohl größten Erfolg 2015 gemausert - und damit ein Problem der Entwickler von The Witcher 3 vermieden. Was sich sonst noch bei den Games getan hat, verrät der Jahresrückblick von Golem.de.

Am 3. Juni 2015 hat Bethesda sein Rollenspiel Fallout 4 mit dem ersten Trailer angekündigt. Ein paar Tage später konnten sich Fans das Mobilegame Fallout Shelter auf ihr Smartphone laden. Rund fünf Monate, nach einem kurzen Zwischenspiel bei der E3 und der Gamescom, stand das Spiel, das 200 Jahre nach dem großen Atomkrieg angesiedelt ist, dann auch schon im Laden und hat sich seitdem bestens verkauft. Offizielle Zahlen nennt der Entwickler nicht, aber unter der Hand ist zu hören, dass Fallout 4 wohl das bestverkaufte Vollpreisspiel 2015 ist. Auch inhaltlich war das postapokalyptische Rollenspiel das Highlight in einem starken Jahr.

Das Verhältnis von Dauer der Marketingkampagne zu verkauften Einheiten dürfte für ein Hardcore-Blockbusterspiel wie Fallout 4 durchaus einen Rekordwert erreichen. Zum Vergleich: Bei GTA 5 betrug die Zeitspanne vom ersten Trailer bis zur Erstveröffentlichung auf Xbox 360 und Playstation 3 fast zwei Jahre. Zeit, in der viel schiefgehen kann: Konkurrenten können Ideen klauen, Details über die Handlung ungewollt an die Öffentlichkeit gelangen oder Hacker sich den Code beschaffen.

Und noch eine Gefahr hat Fallout 4 mit seiner kurzen Marketingkampagne gebannt: Es gibt keine Jahre alten Videos, die Spieler oder Presse nachträglich mit der fertigen Version vergleichen könnten. Mit diesem Problem sah sich das Entwicklerstudio CD Projekt Red nach der Veröffentlichung seines erstklassigen Rollenspiels The Witcher 3 konfrontiert. Unter dem Stichwort "Grafikdowngrade" wurden Sichtweiten, Nebeleffekte und Texturqualität in älteren Trailern analysiert - und das, obwohl das Abenteuer um Geralt den Hexer unbestritten eines der schönsten Spiele des Jahres ist.

Eigentlich ging es bei der Diskussion darum, wie Spiele vermarktet werden. Also darum, ob Hersteller vom ersten Tag an echte Grafik zeigen müssen. Bei Spielen ist das gar keine einfache Sache, weil sich im Lauf einer langen Entwicklungszeit sehr viel ändern kann. Es wäre also gut möglich, dass angeregt durch Fallout 4 künftig mehr Publisher allein schon zur Risikominimierung auf kürzere Marketingkampagnen setzen.

Auch das vermutlich wichtigste Programm aus deutscher Produktion hatte nur einen kurzen Vorlauf: Anno 2205 wurde im Sommer auf der Spielemesse E3 vorgestellt und kam bereits kurz vor Jahresende auf den Markt. Mit einigen frischen Ideen gegenüber den Vorgängern und dem Schritt auf den Mond war es dann aber eines der besten Anno seit langem - und ein schöner Beleg dafür, dass gut gemachte Strategie- und Aufbauspiele immer noch ihr Publikum finden.

Ori und Bloodborne

Richtig innovative Spiele, etwa aus dem Bereich der Indiegames, gab es 2015 nur wenige - aber es gab sie. Das britische Entwicklerstudio The Chinese Room lieferte mit seinem originell erzählten Everybody's Gone to the Rapture eines der spannendsten Experimente des Jahres ab. Und mit dem Auto-Ballsport-Spiel Rocket League dürfte sich ein kleines, aber toll gemachtes Programm sogar dauerhaft im E-Sport-Bereich etablieren.

Die ganz großen Massen wollten bei Indiegames wie dem märchenhaften Abenteuer Ori and the Blind Forest, dem herzigen Roboter-Actionspiel Grow Home oder dem mystischen Toren dann doch nicht zugreifen. Den größten Erfolg in dieser Hinsicht fuhr wohl das Entwicklerstudio Wildcard mit seinem PC-Actionspiel Ark: Survival Evolved ein, das Spieler in eine riesige Welt mit Dinosauriern eintauchen lässt.

Erstaunlich erfolgreich waren die großen Publisher mit einigen Titeln, die im Vorfeld eher für ein Nischenpublikum gedacht schienen. Besonders Sony konnte sich gleich über mehrere Spiele freuen, die deutlich besser waren als erwartet und sich auch zu kommerziellen Erfolgen mauserten: Etwa das düstere, ultraschwierige Bloodborne oder das interaktive Until Dawn mit einem gut erzählten und sehr schön verpackten Teenie-Horror-Drama.

Mittlerweile gibt es viele große Spiele, deren Nutzer Nachschub im Jahresrhythmus bekommen. Das mag die Freunde von innovativen Games stören - aber immerhin hat heuer die Qualität gestimmt. Sportspielfans konnten etwa bei Fifa 16 und PES 2016 ohne große Bedenken zugreifen, aber auch Reihen wie Call of Duty mit Black Ops 3, Assassin's Creed mit dem London-Abstecher Syndicate und der letzte Teil von Blizzards Starcraft 2 waren sowohl technisch als auch inhaltlich besser als ihre Vorgänger.

Ein Thema für sich waren 2015 die Umsetzungen für andere Systeme. Rockstar Games hat mit der PC-Fassung von GTA 5 eine hervorragende Portierung abgeliefert, die auch technisch und grafisch mehr bietet als die Fassungen für Xbox One oder Playstation 4. In vielen anderen Fällen durften die PC-Spieler schon froh sein, wenn die Umsetzung ohne größere Pannen lief - nur noch wenige Programme nutzen die theoretisch größeren Leistungsressourcen eines PC wirklich aus.

Ganz übel wurde es bei Batman: Arkham Knight. Während der Titel auf Konsole gut lief, hatte die PC-Version massive technische Probleme - die so groß waren, dass Publisher Warner Bros Entertainment die Fassung zurückzog. Nach einigen Monaten des Nachbesserns kam dann eine Neuauflage heraus, die leider alles andere als einen guten Eindruck machte und bei vielen Fans damit erst recht für Empörung sorgte.

Star Citizen und Pewdiepie

Ebenfalls hitzige Diskussionen entfachte ein anderes Spiel: Star Citizen. Höchst erfolgreich war das Großprojekt von Chris Roberts beim Geldsammeln, und das hat offenbar Neider auf den Plan gerufen. Anders sind die teils heftigen Ausfälle des Entwicklers Derek Smart kaum zu erklären: Nicht nur hielt er Star Citizen für nicht machbar, er griff auch Roberts und dessen Familie persönlich an. Mittlerweile ist in der öffentlichen Auseinandersetzung so etwas wie Ruhe eingekehrt, was wohl vor allem daran liegt, dass sie mittlerweile hinter den Kulissen über Anwälte ausgetragen wird.

Stark in der Öffentlichkeit stehen inzwischen auch die Let's Player. Auch dank des anhaltenden Erfolgs von Twitch und des neu eröffneten Youtube Gaming konnte sich der Megastar Pewdiepie im September 2015 darüber freuen, dass seine Videos schon zehn Milliarden Mal abgerufen wurden. Laut einer Liste von Forbes verdient er damit rund zwölf Millionen US-Dollar im Jahr. Da können deutsche Let's Player wie Gronkh zwar nicht mithalten, aber der eine oder andere Euro wird bei ihm und seinen Kollegen jetzt am Jahresende dann wohl doch im Portemonnaie übrig geblieben sein.



Ein gutes Jahr hatten auch die E-Sportler - mit einem kleinen Problem: Weil einer der Athleten in einem Onlinevideo allzu offen über Doping und Drogen sprach, sah sich die Branche zu schnellen Reaktionen gezwungen. Besonders schnell und umfassend reagierte die ESL, die auf wichtigen Turnieren mittlerweile Dopingtests durchführt - mit Unterstützung der gleichen Agentur, die bereits andere Sportler weltweit auf verbotene Maßnahmen überprüft. Auf die Fans hatte dieser (kleine) Skandal kaum spürbare Auswirkungen: Die Turniere, allen voran das mit über 18,5 Millionen US-Dollar dotierte The International 2015, waren gut besucht wie nie.

Die Computerspielebranche dürfte 2015 aus wirtschaftlicher Sicht wohl als sehr erfolgreiches Jahr verbuchen. Spektakuläre Pleiten gab es ebenso wenig wie große Entlassungswellen. Die größte Übernahme hat Activision Blizzard mit dem Kauf von King Digital hingelegt - 5,9 Milliarden US-Dollar hat der Entwickler von Candy Crush Saga gekostet.

Negativschlagzeilen auch in der Wirtschaftspresse bekam das deutsche Unternehmen Goodgame Studios kurz vor Jahresende: Offenbar, weil ein paar der über 1.200 Beschäftigten einen Betriebsrat gründen wollten, wurden sie kurzerhand gefeuert - wegen "Minderleistung", so das Unternehmen. Die Betroffenen werden von der Gewerkschaft Verdi unterstützt, die Sache geht wohl vor Gericht. Auf die deutsche Spielebranche wirft die Angelegenheit kein gutes Licht.

Zu guter Letzt: Was hat sich eigentlich bei den Konsolen getan? Erstaunlich wenig, jedenfalls aus technischer Sicht. Die wohl spannendste neue Hardware dürfte der teure, aber auch gute Elite Controller für die Xbox One sein, der ungefähr gleichzeitig mit einem großen Firmware-Update im November 2015 herauskam.

Konkurrent Sony hat zwar kleinere Software-Aktualisierungen für seine Playstation 4 veröffentlicht, Weltbewegendes ist aber nicht dabei. Beide Konsolen schmücken sich jetzt mit Abwärtskompatibilität - eigentlich eher Emulation - für ausgesuchte Spiele. Auf der Playstation 4 sind momentan acht PS2-Titel spielbar, davon sind aber immerhin drei ältere, immer noch sehr gute GTA. Bei der Xbox One gibt es sogar über 100 Spiele von der Xbox 360. Inklusive eines Abstechers in eine gewisse postnukleare Welt: Fallout 3 ist vom Start weg mit im Angebot.  (ps)


Verwandte Artikel:
Creation Club: Nur größere Bezahlinhalte für Fallout 4 und Skyrim geplant   
(19.06.2017, https://glm.io/128450 )
Bethesda: Fallout Shelter plattformübergreifend spielbar   
(08.02.2017, https://glm.io/126068 )
Doom VFR im Test: Wir als Waffe   
(05.12.2017, https://glm.io/131491 )
CD Projekt Red: Journalist oder Rockstar für Cyberpunk 2077 geplant   
(17.07.2017, https://glm.io/128946 )
TV-Serie: Netflix verfilmt The Witcher   
(18.05.2017, https://glm.io/127904 )

© 1997–2019 Golem.de, https://www.golem.de/