Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/gigaset-me-im-test-bitte-sprechen-sie-lauter-1512-117772.html    Veröffentlicht: 04.12.2015 10:08    Kurz-URL: https://glm.io/117772

Gigaset ME im Test

"Bitte sprechen Sie lauter!"

Gigaset stellt seit diesem Jahr auch Smartphones her - neben seinem Stammgeschäft mit DECT-Schnurlostelefonen. Golem.de hat sich das gut aussehende Topmodell Gigaset ME angeschaut und einige Macken gefunden, die uns im Alltag nerven.

Gigaset? Machen die nicht DECT-Telefone fürs Festnetz? Ja, und seit diesem Herbst auch Smartphones: Auf der Ifa 2015 hat der in Düsseldorf ansässige Nachfolger von Siemens' Mobilsparte drei Modelle vorgestellt, die alle in China gefertigt werden.

Das Gigaset ME, Gigaset ME Pro und das Gigaset ME Pure haben nicht nur ähnliche Namen: Das ME und das ME Pro haben beide Rückseiten aus Glas - das ME Pro ist allerdings etwas größer. Technisch gesehen liegt das preiswertere ME Pure im Mittelklassebereich, das von uns getestete ME und das große ME Pro sind die Topmodelle des Herstellers. Das Pro hat zusätzlich zum größeren Display auch eine höher auflösende Kamera, ansonsten ist die Hardwareausstattung mit der des ME gleich.

Im Test haben wir uns das Modell ME angeschaut, das mit 5 Zoll großem Display, Snapdragon-810-Prozessor, 16-Megapixel-Kamera und Fingerabdrucksensor ausgestattet ist. Dabei zeigt sich, dass Gigaset grundsätzlich auch Smartphones kann - einige Punkte stören uns im Alltag aber immer wieder.

Schwerer Brocken

Direkt beim Auspacken fällt uns das Gewicht des Gigaset ME auf: Mit 168 Gramm ist es nicht leicht, was sicherlich am Metallrahmen und der Glasrückseite liegt. Zum Vergleich: Das größere Huawei Mate S wiegt 10 Gramm weniger. Dennoch liegt das Gigaset ME gut in der Hand, das Gewicht trägt sogar etwas zum Gefühl der Hochwertigkeit bei - wie auch beim ZTE Nubia Z9.

Die Front des Gigaset ME ist eher unspektakulär und ähnelt der eines iPhones der 6er-Serie. Auf der Rückseite finden sich markante Metallstreifen unter dem Glas, die eine Verlängerung der Kunststoffeinsätze der Antennen im Metallrahmen darstellen. Das sieht ungewöhnlich aus und mag nicht jedem gefallen - einen Wiedererkennungswert hat das Smartphone dadurch auf jeden Fall.

Das Flutsch-Phone

Insgesamt ist die Verarbeitung sehr gut: Die kratzfesten Glasflächen gehen leicht abgerundet in den Metallrahmen über, wir konnten kein Knarzen oder auffällige Spaltmaße feststellen. Einen Kritikpunkt haben wir allerdings: Die Rückseite des Gigaset ME ist wie die des Oneplus X so glattpoliert, dass das Smartphone auf fast jeder Oberfläche sehr leicht gleitet.

Dadurch fällt das Gerät oft von Tischen, Sofas oder anderen Ablageflächen, von denen man annimmt, dass es sich um eine gerade Fläche handelt. Denn selbst geringstes Gefälle reicht aus, um das Smartphone rutschen zu lassen. Hinterhältigerweise geschieht dies bei sehr geringer Schräglage mitunter erst nach Minuten. Wir haben während unseres Tests irgendwann nicht mehr mitgezählt, wie oft das Gigaset ME irgendwo runtergeplumpst ist - zugutehalten muss man dem Gerät, dass es dabei nicht kaputtging.

5-Zoll-Display mit guter Bilddarstellung

Das IPS-Display des Smartphones ist 5 Zoll groß und löst mit 1.920 x 1.080 Pixeln auf - auch das teurere Pro-Modell hat keine höhere Auflösung. Beim Gigaset ME ergibt das eine Pixeldichte von 443 ppi, was für eine scharfe Darstellung sorgt. Das Display ist blickwinkelstabil und hat angenehm neutrale Farben. Insgesamt macht der Bildschirm einen guten Eindruck auf uns.

Betrachtet der Nutzer das Frontglas des Gigaset ME, wird ihm irgendwann ein Detail auffallen: An der Stelle, wo sich normalerweise die Öffnung des Telefonlautsprechers befindet, befindet sich lediglich ein Gigaset-Schriftzug. Tatsächlich hat das ME weder auf der Rückseite noch auf der Vorderseite Öffnungen im Gehäuse. Dadurch soll das Gerät besser vor Staub und Flüssigkeiten geschützt sein, eine explizite Zertifizierung hat es jedoch nicht.

"Was hast du gesagt?"

Die Audioausgabe bei Telefonaten erfolgt Gigaset zufolge durch eine Kombination aus Lautsprecher und Oberflächenübertragung des Schalls. Diese Technik hat unter anderem Kyocera bei seinem Smartphone Torque verwendet: Töne werden in Vibrationen umgewandelt und über den Schädelknochen weitergeleitet. Zusammen mit speziellen Filtern sollen Anrufer mit dem Gigaset ME besser zu verstehen sein als bei herkömmlichen Smartphones.

In der Praxis funktioniert das mit unserem Testgerät nicht immer: Halten wir das Smartphone nicht an einer bestimmten Stelle ans Ohr, hören wir von unserem Gesprächspartner nur noch ein leises Flüstern. Treffen wir den "Sweet Spot", sind die Klangqualität und die Lautstärke gut - nach ein paar Tagen hatten wir den Dreh raus. Wir müssen das Gigaset ME jedoch deutlich genauer an eine bestimmte Stelle am Ohr halten als Smartphones mit herkömmlichen Lautsprecheröffnungen.

Ebenfalls auffällig waren Verbindungsprobleme, die wir beim Gigaset ME öfter beobachteten als mit anderen Testgeräten. So kam es während unseres Tests mehrfach vor, dass das Smartphone schlicht keine Telefonate aufbauen konnte - trotz angezeigten Netzes. Auch erhielten wir mit dem Gerät andauernd Cell-Broadcast-Nachrichten, die wir nicht in den Einstellungen abschalten können.

Der Fingerabdrucksensor braucht seine Zeit

In der oberen Hälfte der Rückseite befindet sich ein Fingerabdrucksensor. Gut gefällt uns, dass er - wie auch die Kamera - eben mit dem Gehäuse eingebaut ist. Über den Sensor können Nutzer das Gigaset ME entsperren und weitere Aktionen ausführen, wie etwa die Frontkamera auslösen.

Wir haben die Entsperrfunktion des Fingerabdrucksensors schnell wieder abgestellt, da sie uns schlicht zu langsam war. Verglichen mit den Sensoren des neuen Nexus-Smartphones, des neuen iPhone 6S oder auch des Huawei Mate S braucht der im Gigaset ME einfach viel zu lange, um das Gerät freizugeben. In der Zeit haben wir schneller eine PIN eingegeben.

16-Megapixel-Kamera mit schnellem Autofocus

Die Hauptkamera, die oberhalb des Fingerabdrucksensors liegt, hat eine Auflösung von 16 Megapixeln und einen Dual-LED-Blitz. Links neben der Kamera befindet sich der Sensor für den Phasenvergleichsautofokus, der für ein schnelles Scharfstellen sorgt. Gleichzeitig ist hier auch der Pulsmesser untergebracht, der wie beim Galaxy S5 mit Auflicht arbeitet. Die Frontkamera des Gigaset ME hat 8 Megapixel.

Die Bildqualität der Hauptkamera ist bei Tageslicht gut: Aufgenommene Fotos haben eine gute Schärfe und angenehme Farben. Bei stärkerer Vergrößerung werden erste Artefakte sichtbar; andere 16-Megapixel-Kameras, wie die der Galaxy-S6-Modelle von Samsung, sind hier besser. In dunkleren Umgebungen zeigen die mit dem Gigaset ME gemachten Bilder kaum Artefakte, wirken dafür aber bereits bei geringer Vergrößerung etwas unscharf.

Snapdragon 810 mit Drosselung

Als Prozessor kommt im Gigaset ME Qualcomms Snapdragon 810 zum Einsatz, ein Octa-Core-Prozessor mit vier leistungsstarken und vier weniger starken Kernen. Die Taktrate beträgt 1,8 GHz. Der DDR4-Arbeitsspeicher ist 3 GByte groß, der eingebaute Flashspeicher 32 GByte - andere Speichervarianten gibt es nicht. Ein Steckplatz für Micro-SD-Karten ist eingebaut, er befindet sich im kombinierten Dual-SIM-Speicherkarten-Slot: Nutzer können wählen, ob sie zwei SIM-Karten oder eine SIM- und eine Micro-SD-Karte nutzen möchten.

Der Snapdragon 810 drosselt seine Leistung auch im Gigaset ME nach wenigen Minuten herunter. Allerdings ist der Leistungsverlust hier nicht so stark wie in anderen Smartphones mit Qualcomms aktuellem SoC: Im Geekbench-Benchmark erreicht das Gerät bei kaltem Prozessor einen Single-Wert von 1.032 Punkten, der im warmen Zustand auf 739 Zähler sinkt. Andere Smartphones verlieren hier durchaus die Hälfte der Leistungsfähigkeit. Der Preis für die geringere Drosselung ist, dass das Gehäuse bereits nach kurzer Zeit merklich heiß wird.

Android 5.1.1 mit eigener Benutzeroberfläche

Die restliche Hardware des Gigaset ME lässt im Grunde nichts zu wünschen übrig: Das Smartphone beherrscht neben Quad-Band-GSM und UMTS auch Cat4-LTE. WLAN beherrscht das Gerät nach 802.11ac, Bluetooth läuft in der Version 4.1. Ein GPS-Empfänger mit Glonass- und Beidou-Unterstützung ist eingebaut.

Ausgeliefert wird das Gigaset ME mit Android 5.1.1, auf dem der Hersteller seine eigene Benutzeroberfläche namens Gigaset UI installiert hat. Diese sieht auf den ersten Blick wie ein herkömmliches Android aus, auffällig ist aber das Orange des Gigaset-Schriftzugs als Akzentfarbe in allen Menüs.

Die Benutzeroberfläche hat keine App-Übersicht

Auf der Benutzeroberfläche gibt es keine App-Übersicht, stattdessen werden wie bei iOS alle Apps auf dem Startbildschirm abgelegt. Mit Ordnern lässt sich hier Übersicht schaffen, wenngleich wir die Ordnersymbole nicht besonders hübsch finden. Störend finden wir zudem, dass es keine Übersicht über den monatlichen Datenverkehr gibt. Gigaset hat einige Apps vorinstalliert, unter anderem ein Tool, um Kontakte auf DECT-Telefone zu übertragen, eine Gesundheits-App und eine Kontroll-App für Gigasets Smart-Home-Geräte. Wer mit diesen Anwendungen nichts anfangen kann, kann sie einfach deinstallieren.

Insgesamt betrachtet lässt sich mit Gigasets Benutzeroberfläche durchaus arbeiten, besonders auffällige oder positiv hervorstechende Merkmale hat sie allerdings nicht. Wer gerne alternative Launcher verwendet, den wird es beim Gigaset ME wie uns stören, dass in unregelmäßigen Abständen wieder das ursprüngliche UI eingeblendet wird, obwohl der alternative Launcher als Standard eingestellt wurde.

Gute Akkulaufzeit und Schnellladefunktion

Der Akku des Gigaset ME hat eine Nennladung von 3.000 mAh. In unserem Test hat das Smartphone bei alltäglicher Nutzung eine gute Akkulaufzeit: Problemlos kommen wir über anderthalb Tage mit einer Ladung aus. Dabei rufen wir E-Mails ab, schicken Kurznachrichten, surfen, schauen Videos und spielen ein wenig.

Geladen wird das Smartphone über einen USB-Typ-C-Stecker, der verdrehsicher ist. Das Gigaset ME unterstützt Schnellladen, bereits nach wenigen Minuten füllt sich die Ladeanzeige merklich. Laut Gigaset bringen zehn Minuten Ladezeit 16 Prozent Akku - ein Wert, den wir bestätigen können.

Verfügbarkeit und Fazit

Das Gigaset ME kann aktuell über den Onlineshop des Herstellers bestellt werden. Das Smartphone kostet 470 Euro plus Versandkosten.

Fazit

Gigasets Einstieg in den Smartphone-Markt beeindruckt uns nicht. Grundsätzlich gefallen uns das Design und die Verarbeitung des Smartphones gut, auch die Kamera macht anständige Bilder. Dass der Snapdragon-Prozessor weniger stark drosselt als bei Modellen anderer Hersteller, ist zu begrüßen. Wir haben in unserem Test allerdings zahlreiche Kritikpunkte gefunden, die - angesichts des Preises und der verfügbaren Konkurrenzgeräte - für uns gegen eine Kaufempfehlung sprechen.

Am meisten stört uns die mitunter schlechte Qualität des unter dem Displayglas versteckten Lautsprechers, der trotz Oberflächenschallübertragung nur dann ein genügend lautes Signal ausgibt, wenn wir das Smartphone in einer spezifischen Position halten.

Der Fingerabdrucksensor ist aufgrund seiner langsamen Erkennung für uns im Grunde nicht nutzbar: Teilweise vergehen gut zwei Sekunden, bis das Gigaset unseren Finger erkennt und das Smartphone entsperrt. Ebenfalls im Alltag für uns sehr unpraktisch ist die sehr rutschige Rückseite des Smartphones. Ohne eine Hülle fällt das Gigaset ME ständig herunter.

Bei einem Preis von aktuell 470 Euro plus Versandkosten bietet uns das Gigaset ME verglichen mit Konkurrenzgeräten keinen Kaufanreiz. Das Samsung Galaxy S6 mit 32 GByte Speicher kostet zurzeit 450 Euro und hat dafür eine bessere Kamera, ein sehr gutes Display, einen schnellen Fingerabdrucksensor sowie einen leistungsstarken Prozessor vorzuweisen - ohne die Nachteile des Gigaset-Smartphones. Wer auf eine Speicherkarte nicht verzichten will, findet im LG G4 für aktuell 430 Euro sogar ein noch günstigeres Alternativgerät.  (tk)


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