Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/leica-q-im-test-die-kleine-schwarze-fuer-4-000-euro-1511-117355.html    Veröffentlicht: 15.11.2015 08:00    Kurz-URL: https://glm.io/117355

Leica Q im Test

Die kleine Schwarze für 4.000 Euro

Schwarz, elegant und bis auf den roten Punkt unscheinbar ist Leicas Kompaktkamera Q. Ob der äußere Eindruck täuscht und die Hochpreiskamera mit ihrem Vollformatsensor auch richtig gute Bilder macht, zeigt unser Test.

Die Leica Q ist eine Kompaktkamera mit 28 mm Brennweite und einem 35-mm-Kleinbildsensor, der mittlerweile marktüblich als Vollformatsensor bezeichnet wird. Er nimmt 24 Megapixel auf und kann auch in Full-HD filmen. Mit 4.000 Euro ist die Leica Q die mit Abstand teuerste Kompaktkamera, die Golem.de bisher in einem Test über mehrere Wochen verwendet hat.

Interessant ist bei kurzer Betrachtung der technischen Daten, dass Leica kein Zoomobjektiv eingebaut hat - 28 mm bei einer Anfangsblendenöffnung von f/1,7 sind alles, was dem Fotografen zur Bildgestaltung zur Verfügung steht. Zwar können mit einem Knopf Ausschnittsvergrößerungen bei der Aufnahme gemacht werden, die auch von einem stilvollen Leuchtrahmen im Sucher und auf dem Display angezeigt werden, aber darunter leidet natürlich die Auflösung. Die vollen 24 Megapixel gibt es nur bei 28 mm Brennweite. Das ist riskant, denn das Näher-heranholen-Können gilt für viele Nutzer als Muss.

Feste Brennweite schränkt Flexibilität ein

Bei einer Festbrennweite bleiben nur Vorsatzlinsen, um den optischen Bildeindruck zu verändern. Wir haben es mit Makrolinsen versucht, die sich problemlos auf das Filtergewinde aufschrauben lassen. Einen Televorsatz bietet Leica nicht an. Auch bei Drittherstellern sind wir wegen des Filterdurchmessers nur auf billige und nicht empfehlenswerte Lösungen gestoßen. Da die Kamera eine eigene Makro-Einstellung hat, die durch Drehen eines Objektivrings aktiviert wird, bietet sie aber auch so recht viele Einsatzmöglichkeiten. Der Sensor hat eine Lichtempfindlichkeit bis ISO 50.000, das Objektiv ist mit f/1,7 sehr lichtstark und ein optischer Stabilisator sorgt für verwacklungsarme Aufnahmen auch bei langen Verschlusszeiten.



Extrem schneller Autofokus

Technisch ist die Leica Q auch sonst auf der Höhe der Zeit. Ihr Autofokus ist hervorragend: So schnell stellt kaum eine Kompakte auf einen Punkt scharf. Neben einer 1-Punkt-Messung gibt es auch eine Mehrfeldmessung, eine Motivverfolgung und sogar die Möglichkeit, über den Touchscreen scharfzustellen. Wer will, kann den gesamten Autofokus-Mechanismus auch deaktivieren und manuell scharf stellen. Das funktioniert dank des fein justierbaren Objektivrings sehr gut, obwohl nur ein elektronischer Sucher oder das Display zur Verfügung steht.

Der Sucher erreicht eine Auflösung von 3,68 Megapixeln. Mehr bietet derzeit keine Kamera. Die Bilddarstellung ist so detailreich, dass selbst das Setzen des Schärfpunkts im Makrobereich millimetergenau möglich ist. Hier kann wahlweise auch eine Bildschirmlupe zugeschaltet werden, sobald der Fokusring gedreht wird. Zudem können Motivbereiche farblich hervorgehoben werden (Focus Peaking), sobald sie scharf gestellt sind.

Manuelle Scharfstellung wie bei einer Analogkamera

Normalerweise sind die manuellen Scharfstellfunktionen von Kompaktkameras ziemlich untauglich, doch bei der Leica sind sie so schnell und zuverlässig, dass wir zeitweise nur noch so fotografiert haben. Zugegebenermaßen ist der Autofokus aber oft noch schneller und exakter.

Interessant für Schnappschüsse ist auch die Serienbildfunktion, die es immerhin ermöglicht, bei voller Auflösung 10 Bilder pro Sekunde zu machen. Neben JPEGs unterstützt die Kamera auch die Aufnahme von Rohdaten im DNG-Format.

Die Leica Q findet per WLAN (IEEE 802.11b/g/n) Anschluss an Smartphones und Tablets mit iOS und Android. Sie kopiert nicht nur das Bildmaterial auf die Mobilgeräte, sondern kann auch von diesen fernbedient werden. Ob es allerdings sinnvoll ist, Zeit, Blende und anderes aus der Ferne einzustellen, hängt vom Anwendungszweck ab. Eine Kompaktkamera wird wohl eher selten irgendwo fest montiert und aus der Ferne ausgelöst.

Schweres Gehäuse, simple Steuerung, überraschend gute Bilder

Das Gehäuse ist untadelig verarbeitet und größtenteils aus Metall - und das macht die Kamera auch recht schwer. Die Deckkappe ist aus einem Aluminiumblock gefräst, das Gehäuse aus Magnesium gefertigt und alle Beschriftungen sowie Markierungen an den Einstellrädern lasergraviert. Die Leica Q wirkt recht eckig, dennoch liegt sie gut in der Hand. Das ist auch ein Verdienst der unscheinbaren Daumenstütze. Nach einer Griffmulde für die restlichen Finger fragte während unseres Tests nur, wer die Kamera sehr lange einhändig hielt. Die Q wiegt mit Akku immerhin 640 Gramm und misst 130 x 80 x 93 mm - ganz schön viel für eine Kompakte.

Apropos Bedienung: Die wenigen Knöpfe der Q sorgten zunächst für lange Gesichter: Gibt es nur so wenige Einstellungsmöglichkeiten? Und das bei einem Traditionshersteller wie Leica? Ein Blick ins Handbuch machte klar, dass es bei einem intelligenten Bedienungskonzept auch mit weniger Tasten geht.

Gestensteuerung über den Touchscreen

Der Touchscreen kann mit einer Gestensteuerung bedient werden, wie es sie auch bei Smartphones gibt, aber auch durch eine Kombination aus Tastendrücken und Verstellen des Drehrads. Das Konzept ist eingängig, und da sich viele Tasten auch neu belegen lassen, kann die Q ganz gut auf individuelle Vorlieben eingestellt werden.

Über die Funktionstaste ist so ein direkter Zugang zu der Menüfunktion möglich, mit der die Taste vorher belegt wurde. Zur Verfügung stehen Weißabgleich, Belichtungskorrektur, Blitz-Belichtungskorrektur, Belichtungsreihe, Szene-Programme, Dateiformat, Belichtungsmessmethode und der Selbstauslöser. Generell gilt, dass die wichtigsten Einstellungen über mehrere Wege erreicht werden können: über das Menü, über den Touchscreen oder direkt über eine Taste. Uns gefällt die Tasten- und FN-Möglichkeit am besten, doch das ist reine Geschmackssache.

Die Bildqualität der Leica Q erstaunt uns. Sind das wirklich die Ergebnisse einer Kompaktkamera und nicht von einer DSLR? Der Dynamikumfang des Sensors liegt bei 13 Blenden. Ausgerissene Lichter treten selten auf, schattige Fotobereiche bieten bei Verwendung des Rohdatenformats genügend Reserven, um in der Bildbearbeitung aufgehellt zu werden.

Ab ISO 6.400 rauscht es zu viel

Natürlich trägt zum rauscharmen Bildeindruck, der sich erst bei ISO 6.400 ändert, der große Sensor bei. Objektivfehler wie chromatische Aberrationen, Vignettierungen und Randunschärfen sind im Bild mit bloßem Auge nicht zu finden. Die Farbwiedergabe gefällt uns besonders gut: Hauttöne werden nicht verfälscht, satte Farben nicht übermäßig betont. Kurz: Die Aufnahmen wirken in der Grundeinstellung dokumentarisch. Das lässt sich natürlich mit einigen Einstellungen in der Kamera auch verändern, am Rechner sowieso.

Die Videoaufnahmen im MP4-Format mit Full-HD (60 oder 30 Bilder pro Sekunde) überzeugen durch klar gezeichnete Details, geringe Kompressionsartefakte aber bei der Tonaufnahme sollte doch lieber ein externes Mikrofon genutzt werden. Beim eingebauten Mikrofon kommt es im Freien schnell zu übermäßigen Windgeräuschen und bei Innenaufnahmen zu leicht blechern wirkenden Stimmenaufzeichnungen. Das ist bei anderen Kompakten ähnlich.

Einen Blitz muss der Käufer für die Leica Q dazukaufen, denn auf eine Aufklapp-Version wurde verzichtet.



Preis und Fazit

Die Leica Q kostet 4.000 Euro - für eine Kompaktkamera ein sehr hoher Preis. Vergleicht man die Q mit der - für eine Kompaktkamera ebenfalls sehr teuren - Sony DSC-RX100 IV fällt auf, dass Sony für die rund 1.100 Euro wesentlich mehr Technik verbaut, allerdings mit einem deutlich kleineren Sensor. Dafür gibt es ein Zoomobjektiv und 4K-Videoaufnahmen. Eine Kompaktkamera, die wie die Leica Q über eine Festbrennweite und einen Vollformatsensor verfügt, hat auch Sony vorgestellt: Die Sony RX1R II kostet rund 3.500 Euro und ist mit einem 35-mm-Festbrennweiten-Objektiv (f/2,0) ausgerüstet. Die Auflösung liegt bei 42,4 Megapixeln und ist damit deutlich höher als bei Leica. Der ausfahrbare OLED-Sucher der Sony kommt jedoch nur auf eine Auflösung von 2,36 Megapixeln. Hier liegt Leica eindeutig vorn.

Fazit

Für wen ist die Kamera geeignet? Leica selbst empfiehlt die Q für Aufnahmen von Landschaften, Menschen sowie für Reportagen. Zumindest in den letzten beiden Punkten stimmen wir zu. Auch wenn der Aufnahmeabstand zu bildfüllenden Aufnahmen recht gering sein und der Fotograf nahe herangehen muss, fällt eines auf: Die Kamera wirkt weniger bedrohlich auf Menschen als eine große DSLR. Die Leica ist beim Auslösen und Scharfstellen zudem praktisch unhörbar, was Schnappschüsse erleichtert. Man kann sie problemlos im Theater verwenden, allerdings sollten dann das AF-Hilfslicht und der manchmal verräterisch aufleuchtende Bildschirm abgeschaltet werden. Bei Landschaftsaufnahmen greifen wir häufiger zum Panoramamodus, weil uns der 28-mm-Weitwinkel zu langweilig vorkommt.

Doch dann gibt es natürlich noch den Preis: Sind 4.000 Euro für die Leica Q angemessen? Dabei muss berücksichtigt werden, dass die Kamera in Deutschland entwickelt wurde und hier auch zusammengebaut wird. Für einige Käufer mag das wichtig sein, relevant sind für uns aber vor allem die Bedienbarkeit und die Bildqualität. In beiden Punkten setzt Leica Maßstäbe, auch wenn wir uns manchmal eine andere Brennweite gewünscht hätten. Doch mit einem Zoom wäre die Bildqualität beeinträchtigt worden - und da macht Leica nun einmal keine Kompromisse.

PS: Die Leica wurde nicht geschont und musste im Regen genauso funktionieren wie bei einer Hochzeit, in kalten Nächten und bei Hitze. Auffälligkeiten gab es dabei nicht. Lediglich den roten und ziemlich auffälligen Leica-Punkt haben wir bei einigen Ausflügen lieber abgeklebt. Man weiß ja nie, wem die Kamera noch gefällt.

Wie immer stellen wir eine Reihe von Rohdatenbildern (ZIP) und JPEGs (ZIP) für eigene Experimente zur Verfügung.  (ad)


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