Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/steam-controller-im-test-neue-impulse-und-grosse-kompromisse-1511-117324.html    Veröffentlicht: 07.11.2015 09:11    Kurz-URL: https://glm.io/117324

Steam Controller im Test

Neue Impulse und große Kompromisse

Geht es nach Valve, revolutioniert der Steam Controller ab dem 10. November 2015 das Daddeln von PC-Spielen auf der Couch. Wir haben mit ihm im Test rundenbasiert taktiert, Kopfschüsse verteilt und Karten gelegt.

Valve hat den Steam Controller primär für Spieler entwickelt, die auf der Suche nach einem idealen Kompromiss sind: Sie sehnen sich zwar nach dem gemütlichen Zurücklehnen auf einer Couch, wollen aber die große Spielebibliothek und Hardware-Power ihres PCs nutzen.



Dementsprechend entscheiden sich Spieler aktuell für eine von zwei Optionen. Entweder installieren sie einen zweiten Spiele-PC im Wohnzimmer und nehmen das Managen von doppelten Downloads, zwei Windows-Lizenzen und Datentransfers in Kauf. Oder sie streamen ihre Bibliothek über das Netzwerk verkabelt auf einen kompakten Mini-PC oder künftig auch Valves Steam Link.

Ist einer dieser Schritte vollzogen, stellt sich noch die Frage nach dem idealen Eingabegerät. Wer sich für einen dedizierten Spiele-PC im Wohnzimmer entscheidet, wird nicht um eine kabellose Kombination aus Maus und Tastatur herumkommen. Komplementär findet ein Xbox-360- oder Xbox-One-Controller Platz auf dem Couchtisch. Der Steam Controller wiederum ist dazu gedacht, alle drei Eingabegeräte zu vereinen. Er ermöglicht die Steuerung von allen PC-Spielen, auch denen, die Maus und Tastatur voraussetzen. Doch wie gut funktioniert das in der Praxis?

Der erste Kontakt mit dem Steam Controller ist zwiespältig. Er liegt zwar äußerst gut in den Händen und schmiegt sich noch angenehmer in die Handballen als die Eingabegeräte für die aktuelle Xbox oder Playstation. Andererseits wirkt das verwendete Plastik billig und hohl. Auch das erstmalige Drücken auf die Knöpfe und Trigger hinterlässt keinen erstklassigen Eindruck.

Verarbeitung und Hardware

Beim natürlichen Halten des Steam Controllers liegen die Daumen automatisch über den beiden großzügig ausgelegten Touchpads. Die ovalen aufgerauten Pads stellen den größten Unterschied von Valves Eingabegerät zu Gamepads mit Analogsticks dar. Sie simulieren auf Wunsch Eingaben eines Trackpads, eines Trackballs oder eines Analogsticks.

Darüber hinaus hat der Steam Controller einen Power-Button, vier Aktionstasten, Knöpfe für Start und Select, einen Analogstick für den linken Daumen, zwei Schultertasten, zwei analoge Schultertrigger mit digitalem Klick am Ende des Zuges und abschließend zwei weitere Knöpfe an der Rückseite, die für die Ringfinger vorgesehen sind. Ein Gyrosensor ist ebenfalls verbaut.

Der Steam Controller offenbart also mehr Eingabemöglichkeiten als jedes andere Eingabegerät vor ihm, deswegen ist es vielleicht einfacher, zusammenzufassen, was ihm fehlt: Er bietet keinen zweiten Analogstick für den rechten Daumen und kein Force Feedback oder Rumble-Feature. Einen 3,5 Millimeter großen Klinkenstecker für einen Kopfhörer mit Mikrofon hat er auch nicht.

Die einzige Vibration, die er von sich gibt, folgt aus einer Vibration mitsamt klickenden Geräuschen unter den Touchpads. Sie sollen dem Nutzer das Gefühl von Haptik vermitteln und werden zum Rand hin in einer schnelleren Frequenz ausgegeben.

Inbetriebnahme mit Seitenwechsel

Damit Windows den Steam Controller erkennt, muss ein USB-Dongle am PC eingesteckt werden und Steam gestartet sein. Wer seine Maus komplett ersetzen möchte, sollte Steam daher den automatischen Start beim Booten erlauben. Sind diese Voraussetzungen erfüllt, dient das rechte Touchpad zur Steuerung des Mauszeigers. Der rechte Schulter-Trigger löst einen Linksklick aus, der linke Trigger einen Rechtsklick - das ist in der Praxis eingängiger, als es sich liest.

In unserem Test funktionierte der Controller nur unter Windows recht verlässlich. Unter Linux wurde er je nach Spiel mal erkannt, mal nicht. Zudem traten Abstürze und Fehler in der Software auf.

Frickeln statt Spielen

Valve macht dem Nutzer schnell klar: Der Steam Controller ist eigentlich nur für Steam selbst konzipiert, nicht für Windows. Um in Spielen Zugriff auf die zahlreichen Konfigurationsmöglichkeiten und Steuerungsprofile für das Gamepad zu haben, muss der Big-Picture-Modus aktiviert werden. Spieler sind daher gezwungen, die .exe-Dateien ihrer Spiele von Gog.com, Electronic Arts, Ubisoft oder Blizzard einzeln mit Steam zu verknüpfen.

Die Konfigurationen sind essenziell für den Steam Controller. Spieler entscheiden im Controller-Setup, auf welche Art und Weise sie ihn nutzen wollen. Zu diesem Zweck stehen drei vorgefertigte Konfigurationen zur Wahl: die Simulation eines Xbox-Gamepads, die Simulation von Maus und Tastatur und ein Mix der beiden, bei dem die Xbox-Voreinstellung gewählt wird, das rechte Touchpad aber Mauseingaben umsetzt.

Die Setups können gespeichert und auf Wunsch online geteilt werden. Je nachdem, wie oft sie von anderen Nutzern heruntergeladen werden, steigen oder fallen sie im ansonsten nicht sichtbaren Rating.

Spiele in der Praxis: Fallout New Vegas

Als Basis dient das Profil "WASD + Maus". Wir ändern einige der Funktionen und weisen zum Beispiel Springen dem A-Knopf zu, der eigentlich für Benutzen voreingestellt ist. Benutzen legen wir stattdessen auf den rückwärtigen rechten Knopf. Auf diese Weise können wir uns mit dem rechten Touchpad umsehen und NPCs ansprechen sowie Gegenstände aufnehmen, ohne den Daumen umsetzen zu müssen.

Den Tabulator sowie die F5-, F9-, Enter- und Escape-Tasten legen wir ebenfalls auf noch freie Knöpfe und sind mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Abgesehen davon, dass wir mit den Bildschirmanzeigen wie "Drücke E für Aufnehmen", wenig anfangen können, stellt sich mit etwas Eingewöhnung ein flüssigeres Spielgefühl als mit einem klassischen Gamepad mit zwei Analogsticks ein. Schade ist allerdings, dass wir auf diese Weise nicht länger analog laufen können.

Portal 2 und Strategiespiele mit dem Steam Controller

Der bisher einzige Titel, der den Steam Controller nativ unterstützt, ist Portal 2 von Valve. Leider kam es im Test selbst bei diesem Spiel zu einigen Fehlern, so dass wir beispielsweise das Hauptmenü nicht mehr ohne eine angeschlossene Maus steuern konnten. Ansonsten war das Erlebnis aber vielversprechend.

Das eine offiziell unterstützte Spiel

Portal 2 lässt sich in der von Valve mitgelieferten Konfiguration deutlich effizienter spielen als mit einem klassischen Gamepad. Allein das schnellere und optional genauere Zielen ist hier von Vorteil. Der Titel ist zudem das einzige Spiel, das die korrekten Knöpfe auf dem Bildschirm anzeigt. In einigen besonders kniffligen Sprungpassagen im kooperativen Multiplayermodus hätten wir uns dennoch Maus und Tastatur auf die Couch gewünscht.

Runde für Runde mit Bedacht

Entwickler Firaxis liefert bereits zum Start des Steam Controllers eine vorgefertigte Konfiguration für sein rundenbasiertes Strategiespiel an. Das ermöglicht das Beenden der Runde auf Knopfdruck sowie angenehmes Scrolling über die Weltkarte und verteilt die restlichen Hotkeys ebenfalls mehr oder weniger sinnvoll. Selbst das direkte Ziehen von Einheiten ist möglich, sofern das Numpad verknüpft wird.

Ob Civilization auf dem HDTV im Wohnzimmer Spaß bereitet, hängt aber noch von einem weiteren Faktor ab, der nichts mit dem Steam Controller zu tun hat. Der Spieler benötigt einen idealen Abstand zu den hoch aufgelösten Schriften und Menüs, um sie gut lesen zu können. Wer 5 Meter entfernt von seinem 32 Zoll großen TV sitzt, wird nichts entziffern können.

Zu wenig Präzision und zu langsam für Echtzeitstrategiespiele

Machen wir es kurz und schmerzlos: Echtzeitstrategiespiele machen mit dem Steam Controller keinen Spaß. Ja, sie sind spielbar, da sie im Endeffekt rein mit der Maus steuerbar sind. Dennoch verlangt das Genre mehr Präzision und Geschwindigkeit vom Spieler ab, als der Steam Controller bieten kann. Zudem belohnen vor allem Moba-Games wie Dota 2 oder League of Legends gute Reflexe, weswegen man sich mit dem Controller schnell wie ein Verlierer fühlt.

Adventures, Rennspiele, Weltraumspiele und Retro-Games

Sammelkartenspiele und klassische Adventures benötigen nur Maus-Eingaben. Nur selten wird es hektisch. Deshalb lassen sie sich solide mit dem Steam Controller steuern. Wir empfehlen dennoch eine Änderung an der Konfiguration für diese Titel: Linksklick und Rechtsklick der Maus sollten auf die digitalen Schulterknöpfe oder die rückwärtigen Knöpfe gelegt werden. Standardmäßig sind sie auf den analogen Trigggern, was dazu führt, dass der Mauszeiger noch einmal leicht verrutscht, wenn der Zeigefinger am Trigger zieht.

Der Shovel Knight läuft nur analog

Der Steam Controller hat kein vernünftiges Digitalkreuz, und ein solches lässt sich auch nicht emulieren. Wer sich mit dem Analogstick zufriedengibt, kann ältere Titel durchaus steuern. Es gibt allerdings deutlich bessere Controller oder man nimmt direkt einen Arcade Stick für die genannten Genres.

Zu wenig Gefühl für Rennspiele wie Dirt Rally

Wir haben den direkten Vergleich der analogen Schulter-Trigger für das Gas geben gemacht und konnten einen festen Drehzahlbereich mit dem Steam Controller nicht so gut halten wie mit einem Xbox-360-Pad. Spielbar sind Rennspiele im Allgemeinen schon, aber besser ist es definitiv mit dem traditionellen Pad. Zudem vermissen wir hier die Rumble-Effekte deutlich.

Elite Dangerous ist gefährlich mit dem Steam Controller

Es wäre purer Wahnsinn, dieses Spiel einzig mit dem Steam Controller zu steuern, da es nahezu die komplette Tastatur für wichtige Hotkeys und Menüs nutzt. Am meisten Spaß hatten wir daher mit einer über Bluetooth gekoppelten Tastatur auf dem Couchtisch. Den Steam Controller nutzten wir nur für die Flugbewegungen. Hier machte sich allerdings der Gyro-Sensor bezahlt. Durch simples Neigen und Schwenken ließ sich unser Raumschiff sehr genau und angenehm durch das Weltall navigieren. Es ist kein Flightstick, aber schon ein gutes Stück immersiver als ein kleiner Analogstick.

Verfügbarkeit und Fazit

Der Steam Controller ist ab dem 10. November 2015 für 50 Euro erhältlich. Er ist mit Windows, Linux und Steam OS kompatibel, die Unterstützung für Mac OS will Valve als Nächstes umsetzen.

Fazit

Der Steam Controller bricht mit einigen Konventionen. Deshalb sind die ersten Stunden mit dem neuen Eingabegerät von Valve alles andere als angenehm, obwohl er wirklich gut in der Hand liegt. Wer traditionelle Gamepads gewohnt ist, wird von den links vom Touchpad angeordneten Knöpfen verwirrt, wundert sich über den kurzen Weg der analogen Schulter-Trigger und vermisst ein Rumble-Feature.

Davon abgesehen könnte der Steam Controller seine Stärken deutlich besser ausspielen, wenn die Konfiguration nicht so kompliziert und zeitaufwendig wäre. Am besten funktioniert er, wenn ein vollkommen individuelles Profil auf Basis von Maus- und Tastatureingaben gespeichert wird. Da klassische Spiele den Steam Controller aber nicht unterstützen, liegt es am Spieler, auswendig zu lernen, welcher Knopf und welche Taste nun welchem Buchstaben auf der Tastatur zugewiesen wurden.

Etwas simpler wird es, wenn Spiele Maus- und Gamepad-Eingaben gleichzeitig unterstützen - dann stören eigentlich nur die verwirrenden ständig wechselnden Anzeigen von Tastatur- und Knopfsymbolen auf dem Bildschirm.

Wer sich erhofft hat, auch Echtzeitstrategiespiele wie Dota 2 oder Age of Empires von der Couch aus zu genießen, sei ebenfalls gewarnt. Es ist zwar möglich, aber macht absolut keinen Spaß! Rundenbasierte Spiele wie Hearthstone oder Civilization und auch Aufbauspiele wie Anno sind mit Einschränkungen spielbar, aber selbst hier hatten wir nach einer Stunde mehr Lust, am Schreibtisch vernünftig weiterzuspielen.

Um den Steam Controller zu einem Erfolg zu machen, sollte Valve die Ergonomie verbessern. Die analogen Schulter-Trigger dürfen gerne einen längeren Lauf haben. Die klassischen Knöpfe auf der Vorderseite müssten intelligenter platziert sowie größer und flacher werden. Des Weiteren sollte der Controller auch außerhalb von Steam funktionieren, damit die fleißige Community bei der Erstellung von passenden Steuerungsprofilen nicht behindert wird.

Spielen mit dem Steam Controller ist aktuell noch ein spannendes Experiment, aber wenig praktikabel. Mit der ersten Hardware-Version hat Valve einen soliden Grundstein für eine mögliche Revolution gelegt. Wer aber aktuell mit seinem Mix aus Tastatur und Maus und einem Xbox-Gamepad zufrieden ist, der kann entspannt auf weitere Verbesserungen warten.  (mw)


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