Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/arbeitswelt-keine-angst-vor-kollege-roboter-1511-117297.html    Veröffentlicht: 06.11.2015 12:01    Kurz-URL: https://glm.io/117297

Arbeitswelt

Keine Angst vor Kollege Roboter

Der Roboter: Konkurrent oder Kollege? Roboter werden immer häufiger in der Arbeitswelt eingesetzt, in immer neuen Branchen. Angst muss diese Entwicklung aber nicht auslösen: Roboter erhöhen nämlich die Produktivität und schaffen Arbeitsplätze.

"Reich mir doch mal die Schrauben rüber, Kollege Roboter!": In manchen Produktionsstätten in den USA arbeiten Mensch und Roboter eng zusammen. Der Roboter ist in diesem Fall ein netter, freundlich dreinblickender Typ, den seine menschlichen Kollegen als einen der Ihren ansehen.

Die Arbeitswelt stehe vor einem "massiven Umbau", sagt Alois Knoll, Robotiker an der Technischen Universität in München, im Gespräch mit Golem.de. Durch die Roboter werde es "drastische Produktivitätssteigerungen geben", aber auch einen Transformationsprozess in vielen Berufssparten - auch solchen, für die Automatisierung bisher kein Thema war. Grund zur Sorge gibt es nach Ansicht von Experten jedoch nicht.

Sawyer und Baxter sind freundlich...

Befürchtungen, dass die Roboter den Menschen die Arbeit wegnähmen, hörten sie kaum, sagt denn auch Brian Benoit, Produktmanager beim US-Roboterhersteller Rethink Robotics, im Gespräch mit Golem.de. Und so freundlich wie Baxter und Sawyer dreinschauen - wer könnte darin eine Bedrohung sehen?

Allerdings sind die beiden Roboter auch nicht die typischen Industrieroboter, wie sie an den Produktionsstraßen von BMW, VW oder General Motors arbeiten: stählerne Arme, die hinter Gitter verbannt sind, weil sie mit ihrer immensen Kraft - manche von ihnen wuchten mühelos ein Auto - eine tödliche Gefahr für den Menschen darstellen. Die Hallen, in denen sie arbeiten, sind praktisch menschenleer.

...und helfen den Menschen

"So ist das bei unseren Robotern nicht. Sie werden in die existierende Produktionslinie integriert", sagt Benoit. Dort ergänzten sie die Arbeit der Menschen, unterstützten diese: Wenn sie Komponenten anreichten, müsse ein Arbeiter sie nicht holen. Er werde entlastet und gleichzeitig produktiver, sagt Benoit. "Der Roboter macht, was er gut kann, und der Mensch das, was er gut kann. Das ist ein großer Unterschied zu der Automatisierung, wie sie früher durchgeführt wurde, und diesen kollaborativen Robotern."

Der 2012 vorgestellte Baxter und der neue Sawyer sind humanoide Roboter, die mit Menschen zusammen an einer Produktionslinie arbeiten. Sie sind etwa mannshoch und haben jeweils zwei Arme, an die ein Greifer oder ein Saugnapf montiert wird.

Die Roboter haben Kameras in den Armen

Baxters Arme haben jeweils sechs Freiheitsgrade, die von Sawyer je sieben. Die Roboter sind mit Kameras ausgestattet, die im Kopf, im Brustkorb und an den Enden der Arme sitzen. Damit erkennen sie ihre Umgebung und was die gerade macht.

Gehen können sie allerdings nicht.

Sawyer und Baxter arbeiten am Band

Gehen können sie nicht, sie werden an einen Arbeitsplatz geschoben. "Wir bauen Roboter, die in bereits vorhandene Arbeitsplätze passen", erzählt Benoit. Der Roboter wird dann vor Ort für seine Aufgabe angelernt. Das macht der Mitarbeiter, den der Roboter unterstützen soll, selbst. Er zeigt dem Roboter seine Aufgabe, indem er seine Arme führt. "Das senkt die Barriere für die Leute, den Roboter zu trainieren. Man muss kein Experte sein. Wer ein Mobiltelefon bedienen kann, kann auch diese Roboter bedienen", sagt Benoit.

Das Einsatzszenario sei auch ein anderes als das von den bisherigen Industrierobotern, die Teile mit wenig Varianz in hoher Stückzahl produzieren. Baxter und Sawyer sind gedacht für Unternehmen, die weniger Produkte herstellen, aber dafür viele verschiedene Varianten benötigen. Das könnten etwa Smartphones sein, die es mit verschiedenfarbigen Gehäusen gibt.

Baxter packt ein

Sawyer ist dabei für den Einsatz an einer Produktionslinie bestimmt. Er kann selbst mit Werkstücken hantieren, etwa eine Komponente nehmen und sie in das Produkt einsetzen. Baxter hingegen ist für den Anfang und das Ende einer Produktionsstraße gedacht. Er legt beispielsweise Komponenten aufs Band oder nimmt das Produkt am Ende herunter und verpackt es.

Sawyer und Baxter können aber auch komplexe Aufgaben übernehmen, die sich nicht auf so einfache Weise programmieren lassen. Dafür gibt es entsprechende Schnittstellen und ein Display. Das macht einen weiteren Erfolgsfaktor der beiden aus: Wenn sie nicht programmiert werden, erscheint auf dem Bildschirm ein Gesicht. Es lächelt den menschlichen Kollegen an. Außerdem gibt der Roboter Hinweise, was er als Nächstes macht, indem er seine Augen in die entsprechende Richtung wendet.

Roboter steigern Effizienz

Das alles sorge für eine positive Stimmung, sagt Benoit. Die menschlichen Mitarbeiter fühlten sich in der Gesellschaft der Roboter wohl, sie steckten ihnen sogar Namensschilder an und sähen die Vorteile: "Die Roboter werden als Werkzeug in der Produktionslinie eingesetzt. Die Arbeiter erkennen ihren Wert, weil sie damit einen höheren Ausstoß haben oder die Effizienz steigern. Wir haben nicht mitbekommen, dass Leute entlassen wurden, weil die Roboter angeschafft wurden."

Im Gegenteil.

Roboter schaffen Arbeitsplätze

"Diese Diskussion, dass der Roboter ein Jobkiller ist, die ist in Deutschland in den 1980er Jahren eigentlich schon beendet worden", sagt Rainer Bischoff, Leiter der Konzernforschung beim Roboterhersteller Kuka, im Gespräch mit Golem.de. Dabei sei hierzulande schon früh erkannt worden, dass durch Roboter Arbeitsplätze nicht vernichtet, sondern geschaffen werden. In den Branchen, die auf Robotik und auf Automatisierung gesetzt hätten, existierten auch in Hochlohnländern wie Deutschland noch Arbeitsplätze. Beispiel dafür sei die Automobilindustrie.

In den USA wurden in den vergangenen Jahrzehnten viele Arbeitsplätze abgebaut, weil Unternehmen ihre Produktion ins Ausland verlegten. Heute versuchen sie, die Produktion wieder zurückzuholen, um neue Arbeitsplätze zu schaffen. Dabei setzen die Unternehmen auch auf Roboter und Automatisierung.

Die Roboterindustrie wächst - die Zahl der Arbeitsplätze auch

Seit 2010 wachse die US-Robotik-Industrie "beträchtlich", heißt es in einer aktuellen Studie der Association for Advancing Automation (A3), die auf Zahlen des Bureau of Labor Statistics, einer Behörde des US-Arbeitsministeriums, beruht. Gleichzeitig wachse die Beschäftigung. Das stehe im Gegensatz zur verbreiteten Meinung, dass die zunehmende Verbreitung von Robotern zu mehr Arbeitslosigkeit führe.

Die International Federation of Robotics (IFR), der Robotik-Branchenverband, nannte 2011 Zahlen: Der Einsatz von einer Million Industrierobotern habe weltweit direkt zur Schaffung von knapp drei Millionen Arbeitsplätzen geführt. Diese Entwicklung, so sagte die Studie voraus, werde anhalten.

Die Arbeitswelt ändert sich

Allerdings wird sich die Arbeitswelt wandeln. Einige Berufe werden verschwinden, andere sich grundlegend verändern. Das gilt erstmals auch für Tätigkeiten außerhalb der Produktion. So sollen durch den Einsatz von künstlicher Intelligenz Maschinen künftig auch die Arbeit etwa von Journalisten oder sogar die von Künstlern erledigen.

Das wiederum bedeutet, dass die Arbeitskräfte bereit sein müssen, sich weiterzuqualifizieren. Lebenslanges Lernen werde zukünftig in allen Berufssparten gefragt sein, sagt Rüdiger Dillmann, Robotiker am Karlsruhe Institute of Technology (KIT), im Gespräch mit Golem.de. Es sei aber auch eine gesellschaftliche Notwendigkeit, entsprechende Weiterbildungsmöglichkeiten oder andere Arbeitsplätze zu schaffen.

Die Arbeitswelt ändert sich

"Eines der größten Probleme derzeit ist, die Qualifikationslücke zu schließen, um Arbeitsplätze zu besetzen", sagt der A3-Vorsitzende Jeff Burnstein. "Roboter verbessern die Produktion mehr denn je, sie erhöhen die globale Wettbewerbsfähigkeit und übernehmen langweilige, schmutzige und gefährliche Aufgaben. Das ermöglicht es den Unternehmen ,höherwertige, besser bezahlte und sichere Arbeitsplätze zu schaffen, bei denen Mitarbeiter ihre Gehirne, nicht ihre Muskelkraft nutzen."

Denn an Letzterer wird es in absehbarer Zeit mangeln.

Roboter ersetzen fehlende Arbeitskraft

Ohne Roboter wird es in Zukunft wahrscheinlich gar nicht gehen. Dann nämlich, wenn in unseren mehr und mehr alternden Gesellschaften die Zahl an Arbeitskräften sinken wird. Vielen Unternehmen bleibt deshalb kaum etwas anderes übrig, als ihre Produktion zu automatisieren.

"In Japan fehlt es heute schon an jungen Arbeitskräften", sagte Jong Lee, Chef von Hanson Robotics, vor einiger Zeit im Gespräch mit Golem.de. "Weshalb werden Fabriken in China schneller als irgendwo sonst auf der Welt auf robotische und automatisierte Produktion umgestellt? Weil der Nachschub an jungen Arbeitskräften, die dort arbeiten können, dramatisch zurückgeht."

Roboter machen das Leben leichter

Roboter steigern nicht nur die Produktivität der Unternehmen. Sie tragen auch zur Lebensqualität bei, indem sie Arbeiten übernehmen, die Menschen nicht machen wollen oder sollen. Arbeiten, die zu eintönig, dreckig oder zu gefährlich sind - auf Englisch: dull, dirty, dangerous. Sie unterstützen gerade die älteren Mitarbeiter.

Automatisiert werden aber nicht nur Arbeiten in der Industrie: Der demografische Wandel bedeutet ja nicht nur, dass die Älteren in den Ruhestand gehen. Er bedeutet auch, dass Arbeitskräfte benötigt werden, um die Ruheständler zu versorgen und zu pflegen.

Roboter arbeiten in der Pflege

Viele Robotiker sehen in den Bereichen Pflege und Gesundheitswesen deshalb einen der großen Zukunftsmärkte für ihre Produkte. Vielleicht nicht für Aufgaben unmittelbar am Menschen, sagt Bischoff. Aber viele Tätigkeiten im Umfeld der Pflege könnten durch roboterbasierte Automatisierung mit höherer Produktivität erledigt werden, "zum Beispiel die ganzen Logistikprozesse in einem Pflegeheim". Wenn Roboter diese übernähmen, hätten die Pflegekräfte mehr Zeit für die Senioren.

Mit der voranschreitenden Automatisierung wird sich nicht nur die Arbeitswelt verändern. Auch die Produktivität wird steigen. Das aber wirft ein Verteilungsproblem auf: Wer profitiert von der Arbeit der Roboter? "Man wird sich schon fragen müssen, wie die von Maschinen generierte Wertschöpfung so zu verteilen ist, dass keine allzu großen Ungerechtigkeiten entstehen", sagt Knoll. Es sei Aufgabe der Politik, diese Frage zu beantworten.  (wp)


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