Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/need-for-speed-im-test-soap-opera-mit-rennautos-1511-117269.html    Veröffentlicht: 03.11.2015 14:00    Kurz-URL: https://glm.io/117269

Need for Speed im Test

Soap Opera mit Rennautos

Nächtliche Verfolgungsjagden mit der Polizei, Tuning und Drifts: EA legt mit Need for Speed einen Serienneustart hin und versucht, Elemente aus früheren Serienteilen zu einer Art Best-of zusammenzubauen. Hinzu kommt eine grandios inszenierte - aber auch unfassbar klischeebeladene Story.

Auch das neue Need for Speed erzählt eine altbekannte Geschichte: Ein junger, unbekannter Nachwuchsfahrer macht durch spektakuläre Aktionen auf sich aufmerksam. Er feierte erste Erfolge in der Szene, dringt immer tiefer in die elitären Zirkel der nächtlichen Straßenrennen ein und versucht so nach und nach, seinen Namen und seinen Fuhrpark aufzubessern. Need for Speed erzählt all das mit sehr vielen Zwischensequenzen, die mit realen Schauspielern aufwarten und im wahrsten Sinne des Wortes filmreif sind - es fühlt sich an, als wäre der Spieler selbst Teil eines Kinostreifens.

Schade nur, dass die imposante Aufmachung und die stimmige deutsche Synchronisation inhaltlich so wenig zu bieten haben. Die Passagen in Garagen, bei Diners und auf Partys strotzen nur so vor dumpfen, klischeebeladenen Dialogen. Eine wirkliche Entwicklung der Charaktere gibt es nicht - es geht immer nur um Preisgeld, hübsche Frauen und das gegenseitige Provozieren. Für ein Rennspiel ist das zwar nicht ungewöhnlich - angesichts der Mühe, die in die Filmpassagen investiert wurde, hätte eine etwas weniger platte Geschichte aber noch mehr Atmosphäre bringen können.

Zentrum des Spiels ist Ventura Bay - eine Fantasie-Stadt, die an diverse nordamerikanische Metropolen erinnert und frei befahrbar ist. Highways und normale Straßen, Industriegebiete und Hinterhöfe können inspiziert werden, was nicht nur Selbstzweck ist, sondern den Spieler auch weiterbringt. Überall gibt es Extras, etwa besonders schöne Aussichtspunkte, die entdeckt werden können und dafür den eigenen Punktestand nach oben bringen. Ansonsten klingelt während der freien Ausfahrten regelmäßig das Telefon und der Freundeskreis erzählt von neuen Herausforderungen, die sich irgendwo in der Stadt gerade aufgetan haben.

Per Knopfdruck wird in die Kartensicht geschaltet, wo alle verfügbaren Wettbewerbe markiert sind. Hier kann auch festgelegt werden, was der Spieler als nächstes fahren will. Das Ziel wird aktiviert, daraufhin wird auf der kleinen Karte links auf dem Bildschirm die Route angezeigt. Angesichts der Größe der Stadt ist das nicht nur hilfreich, sondern durchaus notwendig.

Die Wettbewerbe unterscheiden sich nach Zielsetzung. Es gibt klassische Wettbewerbe mit Sprint-Duellen gegen einen Herausforderer, Platzierungsrennen gegen mehrere sowie Zeitfahrten, in denen ein Limit vorgegeben ist. Hinzu kommen Drift-Wettbewerbe, in denen die gekonnte Handhabung der Handbremse gefragt ist, Team-Aufgaben für die gesamte Crew und Tuning-Wettkämpfe, in denen besonders aufgemotzte Karossen vorausgesetzt werden. Gute Platzierungen bringen ebenso Geld und Punkte wie gekonnte Fahrmanöver, etwa Fahren im Windschatten, fehlerfreie Abschnitte, besonders große Zerstörung beim Ignorieren von Straßensperren oder Rasen im Gegenverkehr.

Verfolgungsjagden und Fazit

Wer es beim Überschreiten von Verkehrsregeln zu wild treibt, macht regelmäßig Bekanntschaft mit der örtlichen Polizei. Dann gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder kurz ranfahren und eine Strafgebühr zahlen oder aber sich auf eine Verfolgungsjagd einlassen - und am Ende bei Erfolg Geld sparen oder richtig zur Kasse gebeten zu werden.

Die wichtigste Währung im Spiel sind sogenannte Rep-Punkte, die die eigene Reputation bestimmen. Mit Erfolgen im Spiel füllt sich nach und nach die jederzeit betretbare Garage mit immer besseren und schöner anzusehenden Karossen. Sind es zu Beginn eher Fahrzeuge von Herstellern wie Ford oder Mazda, kommen später immer mehr Autos von Porsche, BMW und dergleichen hinzu. In der Garage können auch sämtliche Schraubvorgänge ausgeführt werden, und die Optionen hierbei sind umfangreich. Sowohl Leistungs-Tuning von Differential bis Nitro als auch optische Veränderungen von Farbe bis Sticker können an nahezu allen Teilen vorgenommen werden. Wer an der Technik bastelt, merkt das auch durchaus auf der Piste: Need for Speed ist zwar grundsätzlich ein Arcade-Rennspiel, trotzdem ist etwa das Ausbrechverhalten in Kurven und bei Drifts sehr abhängig von den eigenen Einstellungen. Detailreich wie in echten Rennsimulationen ist das alles aber nicht.

Der Schwierigkeitsgrad ist sehr einsteigerfreundlich: Gerade die ersten Wettbewerbe sind auch für Fahrschüler einfach zu meistern - und wer kurz vor Schluss knapp zurückliegt, kann fast mit Sicherheit davon ausgehen, dass die Konkurrenz noch einen Fahrfehler einbaut. Erst im Spielverlauf steigt die Höhe der Herausforderungen spürbar an. Auch das Geschwindigkeitsgefühl wird im Verkauf mit höherwertigen Wagen besser. Insgesamt ist die Optik in der nächtlichen Stadt sehr ansehnlich, ab und zu trüben aber Ruckler das Bild. Mit dem Detailgrad eines Forza 6 kann das Spiel zudem nicht mithalten.

Need for Speed ist ab dem 5. November 2015 für Playstation 4 und Xbox One verfügbar und kostet etwa 60 Euro. Das Spiel ist von der USK ab 12 Jahren freigegeben und setzt eine permanente Online-Verbindung auch im Einzelspielermodus voraus. Wer will, kann zudem in kurzen Online-Rennen via Xbox Live oder PSN antreten.



Fazit

Eine beeindruckend inszenierte Story, einfache Bedienbarkeit, eine große und frei befahrbare Stadt: Need for Speed ist ein grundsolides und unterhaltsames Rennspiel geworden, das Fans von Underground und Shift gleichermaßen abholen will. Trotz aller Stärken reißt das Spiel aber nicht so richtig zu Begeisterungsstürmen hin - dafür ist die Geschichte zu klischeebeladen, und die spielerischen Herausforderungen sind sich auf Dauer zu ähnlich. Electronic Arts hat eher einen immer wieder unterhaltsamen Zeitvertreib, weniger einen dauerhaft motivierenden Dauerbrenner produziert.

Die Grafik wartet mit stimmungsvoll ausgeleuchteten nächtlichen Stadtkursen auf. Lichteffekte und Spiegelungen sorgen für viel Atmosphäre, von der Qualität von Vorzeigetiteln wie Forza 6 ist die Optik aber ein gutes Stück entfernt.  (tw)


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