Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/wowwee-rev-im-test-boxkampf-auf-vier-raedern-1511-117252.html    Veröffentlicht: 13.11.2015 11:59    Kurz-URL: https://glm.io/117252

Wowwee REV im Test

Boxkampf auf vier Rädern

Unkomplizierte Kämpfe mit ferngesteuerten Autos ohne feste Strecken auch gegen Computergegner verspricht REV. Wir wollten wissen, ob es besser als Anki Overdrive ist.

Mit REV (Robotic Enhanced Vehicles) wird das ganze Wohnzimmer zur Autokampf-Arena. Der Spieler steuert per Android- oder iOS-Smartphone oder -Tablet sein Auto und versucht, das gegnerische Auto abzuschießen. Das zweite Fahrzeug wird entweder von einem menschlichen Spieler oder einer künstlichen Intelligenz gesteuert. Regeln gibt es nicht, und Grenzen setzen nur die Zimmerwand oder das ungünstig platzierte Sofa. Trotz eines vergleichbaren Grundkonzepts unterscheidet sich REV vom Hersteller Wowwee in vielerlei Hinsicht von Anki Overdrive - im Guten wie im Schlechten, wie wir im Test herausgefunden haben.

Anschalten und losfahren

Das REV-Set besteht aus zwei gleichen Fahrzeugen, die sich nur in der Farbgebung unterscheiden. Die Autos sind circa 20 x 10 cm groß. Bevor wir losfahren können, müssen wir noch vier AA-Batterien einlegen - die nicht beiliegen - und schieben den mechanischen Einschalter auf On. Sofort blinkt eine LED in bunten Farben und aus einem kleinen Lautsprecher am Boden faucht uns das Auto etwas blechern an. Es wird dann einfach auf dem Fußboden aufgesetzt.

Als wir die kostenlose App starten, sucht sie automatisch nach einem Auto. Unser Fahrzeug wird auch prompt gefunden. Daraufhin landen wir in einer einfachen Bedienoberfläche: Per virtuellem Joystick auf der linken Seite können wir vorwärts oder rückwärts fahren, der virtuelle Joystick rechts steuert das Auto nach links und rechts. Ein mittiger Button löst unsere primäre Bordwaffe aus.

So drehen wir unsere ersten Runden durch die Wohnung und weichen mal mehr, mal weniger geschickt Stuhlbeinen und unerwartet herumstehenden Regalen aus. Das Auto beschleunigt recht schnell. Wer nur über wenig Platz verfügt, fährt das Auto schnell gegen die Wand - Sensoren zur Hinderniserkennung fehlen. Sechs oder sieben Quadratmeter freie Bodenfläche sollten also mindestens zur Verfügung stehen. Durch die Steuerung mit Hilfe zweier Motoren können Wendemanöver auf der Stelle erfolgen. Ob Teppich, Küchenfliesen oder Holzdielen - beim Fahrverhalten macht das kaum einen Unterschied. Nur auf hochflorigem Teppich gibt es erwartungsgemäß Probleme, es fehlt den Fahrzeugen an Bodenfreiheit.

Nicht jedes Smartphone ist geeignet

Allerdings bemerken wir zwei Probleme während unserer ersten Fahrübungen. Zum einen benötigen wir für die Steuerung eigentlich drei Daumen. So müssen wir praktisch jedes Mal stehen bleiben, um auf den mittigen Feuerbutton zu drücken. Allerdings können wir in den Einstellungen auf einen anderen Modus wechseln, um mit dem linken Joystick Gas zu geben und zu lenken. Der Feuerbutton landet so rechts. Jetzt können wir gleichzeitig fahren und feuern.

Wirklich frustrierend wirkt sich ein anderes Problem aus: Sporadisch scheint unter Android die Bluetooth-Low-Energy-Verbindung zum Auto abzubrechen. Dann bleibt das Auto stehen und es werden keine Steuerungsanweisungen mehr ausgeführt. Allerdings gehen diese nicht verloren, sondern werden ausgeführt, wenn die Verbindung wieder steht. Dann wirkt das Auto wie von Geisterhand gesteuert.

Wir erinnerten uns daran, dass Anki Overdrive nur wenige Android-Smartphones unterstützt und wechseln das Smartphone. Und tatsächlich: Als wir das gleiche Android-Gerät wie zum Anki-Test benutzen, tritt das Problem nicht mehr auf. Die Reichweite der Bluetooth-Low-Energy-Verbindung stellt kein Problem dar - in einer Wohnung gerät das Auto eher aus der Sicht als aus der Senderreichweite.

Der Kampf erinnert an einen schlechten Boxkampf

So präpariert, wagen wir uns in den ersten Kampf und wählen den Arena-Kampfmodus. Wir schalten das zweite Auto ein. Auch dieses wird sofort erkannt. Wir weisen ihm einen KI-Fahrer zu. Dabei haben wir nur wenig Auswahl, die meisten müssen erst noch freigespielt werden.

Kaum haben wir den Kampf gestartet, geht der Gegner auf uns los. Im wahrsten Sinne des Wortes. Er klebt förmlich an uns, als wären in den Autos Magneten verbaut. Unsere Taktik besteht vor allem darin, Abstand zu gewinnen und unsere Front auszurichten - und dann darauf zu warten, dass der Gegner mit Vollgas auf uns zufährt. So haben wir den Gegner nach drei oder vier Minuten per Dauerfeuer abgeschossen.

Ein echtes Rennfeeling wie bei Anki kommt dabei nicht auf. Eher erinnert es an einen Boxkampf, bei dem sich der Gegner immer wieder in die Arme des Angreifers wirft, um keine Treffer zu kassieren.

Stärkere Gegner sind nicht klüger

Etwas ernüchtert starten wir den Karrieremodus. Dabei treten wir gegen immer stärkere Gegner an - zumindest in der Theorie. Das Verhalten der künstlichen Intelligenz ändert sich allerdings nicht. Stärkere Gegner besitzen bessere Waffen und bessere Schilde. Aber auch sie kleben an uns. Mit zunehmender Erfahrung ändern wir allerdings trotzdem unsere Taktik: Wir bugsieren den Gegner nunmehr einfach in eine Zimmerecke. Solange wir dort nicht herausfahren, bleibt auch der Gegner brav darin und lässt sich mit überlegener Waffenpower abschießen.

Verantwortlich ist dafür vermutlich das einfache Erkennungssystem auf Basis von vier IR-Dioden und -Empfängern. Sie befinden sich an der Front, dem Heck und den beiden Seiten. Damit erkennt unser Computergegner zwar, wo sich unser Fahrzeug befindet, erhält aber keinerlei Entfernungsinformation. Taktische Fahrmanöver sind vom Computergegner so nicht umsetzbar.

Zuweilen hat dieses System einen, je nach Standpunkt, unterhaltsamen oder nervigen Effekt: Der Gegner scheint sich zeitweilig verstecken zu wollen. Gerät der Gegner an einen Ort, wo ihn die IR-Signale unseres Fahrzeugs nicht mehr erreichen, bewegt er sich nicht mehr. Bevorzugt passiert das hinter offenen Türen oder unter mit Stoff abgehängten Möbelstücken.

Bessere Waffen und Schilde nach kurzer Spielzeit

Nachdem wir einen Gegner im Karrieremodus geschlagen haben, können wir ihn auch im Arena-Modus auswählen, was uns aber kaum weiter motiviert. Außerdem erhalten wir nach unseren Siegen im Karrieremodus neue Waffen und bessere Schutzschilde. Wir können neben unserer Hauptwaffe so mit der Zeit auch drei weitere Sekundärwaffen oder Boosts aktivieren.

Am Ende besiegen wir so den stärksten Gegner in weniger als zwei Minuten. Die stärkeren Gegner besitzen - wie auch wir - Waffen, die in alle Richtungen schießen können, das aufwendige Zielen mit der Fahrzeugfront entfällt. Merkwürdigerweise benutzt der Gegner sie kaum, auch mit seiner normalen Waffe geht er sehr sparsam um. Für den ganzen Karrieremodus benötigen wir deshalb nur gut eine Stunde, inklusive Pause.

Partytauglicher Mehrspielermodus

Alle Verbesserungen an unserem Auto stehen auch im Kampf gegen einen menschlichen Spieler zur Verfügung. Der Kampf Spieler gegen Spieler funktioniert denkbar einfach. Der zweite Spieler verbindet sich über die App auf seinem Smartphone mit einem Auto, und sofort kann es losgehen. Wir müssen keine Wettkampfrunde starten, in die wir den Gegner erst einladen müssen. Das Infrarot-Waffen-Gewitter des gegnerischen Autos wertet unsere App sofort als Treffer an unserem Auto.

Bastelfreundliche Konstruktion

Als unser menschlicher Spieler keine Zeit mehr hat und wir uns durch den Karrieremodus geschlagen haben, greifen wir spontan zum Schraubendreher. Die vier Schrauben auf der Unterseite machen uns neugierig.

Nachdem wir das Auto aufgeschraubt haben, sind wir in zweierlei Hinsicht überrascht. Zum einen kann das Auto zerstörungsfrei zerlegt werden, zum anderen wird die Elektronik nicht versteckt. Das eigentliche Herz ist der populäre Nordic nRF51822 auf einem Breakout-Modul (PDF). Der Chip basiert auf einem ARM-Cortex-M0-Kern mit einer Bluetooth-Low-Energy-Sendeeinheit.

Sämtliche Anschlüsse sind frei zugänglich und auch die Verbindungen zum Motor und den Infrarotdioden sind auf der Platine dokumentiert. Das lädt zu eigenen Bastelexperimenten und der Neuprogrammierung ein.

Preis und Verfügbarkeit

Das REV-Set gibt es bereits im Handel. Die Preisempfehlung beträgt 150 Euro, die Straßenpreise liegen bei um die 130 Euro. Die App für iOS (ab Version 8.1) und Android (ab Version 4.4.3) gibt es kostenlos in den jeweiligen Stores.

Fazit

REV macht Spaß und bietet unkomplizierte Action - vorausgesetzt, es findet sich ein menschlicher Mitspieler, man hat die richtigen Smartphones zur Hand und das heimische Wohnzimmer ist groß genug. Die Autos sind robust und überstehen auch Dauerkollisionen mit den Wänden. Uns ist es während des Tests nicht gelungen, die Batterien in den Autos zu leeren. Und sollte der Spielspaß doch einmal verflogen sein, bietet das Fahrzeug Potenzial zum Hacken und für Bastelexperimente, auch wenn das vermutlich nicht im Sinne des Herstellers ist.

Unbrauchbar ist hingegen die künstliche Intelligenz, ständig kracht der Gegner einfach in unser Fahrzeug ohne irgendeine Strategie und vergisst dann häufiger auch noch zu feuern. Verantwortlich ist dafür vermutlich die einfache Fahrzeugverfolgung per Infrarotdiode. Selbst App-Updates dürften die Fähigkeiten der KI deshalb nicht verbessern können.

Wer sich fragt, warum Anki trotz all der verbauten Technik auf eine Rennbahn setzt, sollte sich REV anschauen. Denn damit wird diese Frage beantwortet. Preiswerte Sensortechnik reicht nicht aus, damit ein Computergegner eine angemessene Konkurrenz für einen menschlichen Spieler wird. Wer ein bezahlbares Spielzeug sucht, muss zwangsläufig Kompromisse eingehen - entweder in Form einer Rennbahn wie bei Anki Overdrive oder in Form kuschelbedürftiger Computergegner wie bei REV.  (am)


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