Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/nexus-5x-und-nexus-6p-im-test-googles-neue-smartphones-sind-ihren-preis-nicht-wert-1511-117247.html    Veröffentlicht: 03.11.2015 12:02    Kurz-URL: https://glm.io/117247

Nexus 5X und Nexus 6P im Test

Googles neue Smartphones sind ihren Preis nicht wert

Das Nexus ist tot, meldeten wir im vergangenen Jahr, jetzt versucht Google, mit gleich zwei neuen Geräten die Reihe wiederzubeleben. Wir haben uns die Smartphones genau angeschaut - und sind am Ende nicht ganz überzeugt.

Google hat in diesem Herbst erstmals gleich zwei neue Nexus-Smartphones zugleich präsentiert: das 5,7 Zoll große 6P und das mit 5,2 Zoll Displaydiagonale etwas kleinere 5X. Beim Nexus 5X setzt Google auf die bewährte Zusammenarbeit mit LG, das Nexus 6P hingegen wird erstmals von Huawei gefertigt. Beide klingen vielversprechend, vor allem wegen der neuen Kameras und der nativen Einbindung des Fingerabdrucksensors.

Besonders beim Nexus 5X dürften Fans des zwei Jahre alten Nexus 5 hellhörig werden. Ein Nexus-Smartphone im Größenbereich von um die 5 Zoll wurde bei der letztjährigen Präsentation des Nexus 6 mit seinem im Vergleich riesigen Bildschirm von knapp 6 Zoll von vielen Nutzern vermisst. Rein von der Größe her hätte das neue Nexus 5X also durchaus Chancen, der Nachfolger des Nexus 5 zu werden. Gleichzeitig gibt es mittlerweile aber auch viele Nutzer, die ein großes Display schätzen - hier löst das Nexus 6P das Nexus 6 ab. Die Bildschirmgröße hat Google zwar etwas verringert, dennoch ist das Display des Smartphones immer noch sehr groß.

Theoretisch gibt es also für jeden Größengeschmack das passende Gerät, allerdings zu stolzen Preisen. Golem.de hat sich beide Geräte genau angeschaut und geprüft, ob die aktuellen Snapdragon-SoCs sehr warm werden und dementsprechend drosseln, und ist der Frage nachgegangen, ob sich die Anschaffung lohnt.

Gleiche Produktlinie, zahlreiche Unterschiede

Das Nexus 5X und das Nexus 6P haben nur wenige Gemeinsamkeiten. Diese betreffen die Hauptkamera, den Fingerabdrucksensor, die Android-Version und den USB-Typ-C-Ladeanschluss. Das Gehäuse des Nexus 6P ist aus Metall, während das des Nexus 5X aus etwas billig wirkendem Kunststoff ist. Auch bei den restlichen Spezifikationen ist das Nexus 6P immer etwas besser ausgestattet als das Nexus 5X.

Dies fängt beim Bildschirm an: Das OLED-Display des Nexus 6P löst mit 2.560 x 1.440 Pixeln auf, das LCD des Nexus 5X mit 1.920 x 1.080 Pixeln. Das ergibt Pixeldichten von jeweils 518 und 423 ppi. In der Praxis ist ein Schärfeunterschied mit dem bloßen Auge kaum auszumachen. Die Lichtfarbe des Displays ist beim Nexus 5X wärmer als beim Nexus 6P.

Displays mit unterschiedlicher Farbwiedergabe

Im direkten Vergleich wirkt der Bildschirm des 6P leicht blaustichig, der des Nexus 5X erscheint uns farbechter. Die Farben sind beim Nexus 6P im direkten Vergleich etwas knalliger, was an der Verwendung eines OLED-Panels liegt. Allerdings wirken die Farben nicht übertrieben kräftig. Bei der Blickwinkelstabilität liegt das Display des 6P vorne: Hier ändert sich die Helligkeit bei Betrachtung von der Seite aus kaum, während sie beim Nexus 5X etwas nachlässt. Insgesamt gefallen uns beide Displays gut, leicht vorne liegt für uns allerdings trotz der geringeren Auflösung der Bildschirm des Nexus 5X, da er eine bessere Grundfarbtemperatur hat.

Kleiner und großer Snapdragon

Ein weiterer Unterschied zwischen den beiden neuen Nexus-Modellen sind die verbauten Prozessoren: Im Nexus 5X kommt Qualcomms Snapdragon 808 zum Einsatz, im Nexus 6P ein Snapdragon 810. Beide SoCs gehören zur gleichen Modelllinie, der 808er hat allerdings neben den vier A53-Kernen nur zwei weitere A57-Kerne und nicht vier weitere wie der 810er.

Dafür steht er in dem Ruf, weniger unter dem Hitzeproblem und der damit verbundenen Leistungsdrosselung zu leiden als der Snapdragen 810. Dies hat der Snapdragon 808 uns bereits im Test des LG G4 bewiesen, wo er auch nach längerer Beanspruchung kaum an Leistung verlor - anders als der Snapdragon 810, der in verschiedenen Geräten teilweise bis zu 50 Prozent an Leistung einbüßte. Unseren bisherigen Erfahrungen folgend waren wir entsprechend besorgt, was die Leistungsstabilität des Nexus 6P betrifft, und relativ entspannt beim Nexus 5X.

Beide Nexus-Smartphones drosseln stark

Das Ergebnis unserer Benchmark-Messungen bei kaltem und warmem Prozessor hat uns überrascht - leider im negativen Sinne. Während wir 15 Minuten lang das Rennspiel Riptide GP 2 auf voller Grafikleistung spielten, fiel uns sowohl beim Nexus 6P als auch beim Nexus 5X auf, dass nach wenigen Minuten die flüssige Darstellung einer merklich weniger flüssigen wich. Der Grund dafür: Sowohl beim Nexus 6P als auch beim Nexus 5X drosselt das SoC aufgrund von Hitzeentwicklung nach wenigen Minuten die Leistung drastisch herunter.

So sinkt der Single-Wert des Geekbench 3 beim Nexus 6P mit seinem Snapdragon 810 nach 15 Minuten von sehr guten 1.347 Punkten auf äußerst ernüchternde 673 Punkte - zum Vergleich: Das entspricht dem Niveau des HTC One M7 von Anfang 2013. Anders als beim G4 hat LG es zudem geschafft, den Snapdragon 808 im Nexus 5X ebenfalls so zu verbauen, dass die Hitze eine Leistungsabnahme induziert. Das 5X sinkt innerhalb von 15 Minuten von ebenfalls guten 1.225 Zählern auf 554 Zähler.

Das Testszenario ist alltäglich

Dabei ist eine 15-minütige Spielsituation alles andere als ein unrealistisches Szenario. Wer mehr als ein Puzzlespiel auf den neuen Nexus-Smartphones spielt, merkt die Auswirkungen des Prozessor-Throttlings bereits beim morgendlichen Spiel in der Bahn oder während er auf den Bus wartet. Beim Nexus 6P haben wir aufgrund der bekannten Probleme des Snapdragon 810 ein derartiges Verhalten fast schon erwartet, beim Nexus 5X finden wir das Problem allerdings besonders ärgerlich. LG hat nämlich mit dem G4 gezeigt, dass der Snapdragon 808 durchaus ohne nennenswerte Leistungsverluste genutzt werden kann und dementsprechend eine gute Alternative zum problematischen Snapdragon 810 darstellt. Beim Nexus 5X ist dies dem südkoreanischen Hersteller leider nicht gelungen.

Fingerabdrucksensor und neue Kameras

Auch beim Speicher unterscheiden sich die beiden neuen Nexus-Modelle: Das Nexus 5X kommt wahlweise mit 16 oder 32 GByte internem Flash-Speicher und 2 GByte Arbeitsspeicher. Das Nexus 6P hingegen hat mindestens 32 GByte eingebauten Speicher, die weiteren Optionen sind 64 GByte und 128 GByte. Der Arbeitsspeicher ist hier 3 GByte groß.

Beide Smartphones unterstützen neben Quad-Band-GSM UMTS und Cat6-LTE WLAN nach 802.11ac. Bluetooth läuft in der Version 4.2, beide Nexus-Modelle verfügen über eine GPS-Antenne mit Glonass-Unterstützung und einen NFC-Chip. Über diesen kann dank des in Android 6.0 nativ integrierten Android Pay künftig auch bargeldlos bezahlt werden.

Die Fingerabdrucksensoren reagieren schnell

Auf der Rückseite haben die neuen Nexus-Smartphones jeweils einen Fingerabdrucksensor. Beim Nexus 6P ist er wie bei Huaweis Mate S in die metallische Rückseite eingelassen, allerdings ist er rund und nicht viereckig wie bei Huaweis Smartphones. Beim Nexus 5X ist der Sensor ausgesetzt, der Begrenzungsring ist gut mit dem Finger spürbar. Beide Fingerabdrucksensoren sind mit dem Zeigefinger gut zu finden. Die bei Android 6.0 integrierte Entsperrung funktioniert in unseren Versuchen ohne nennenswerte Probleme sehr schnell und zuverlässig.

Oberhalb des Fingerabdrucksensors ist beim Nexus 5X die neu entwickelte Kamera eingebaut, die auch beim Nexus 6P zum Einsatz kommt. Hier ist sie im etwas dickeren oberen Bereich der Rückseite eingebaut, der sich durch ein Glas-Inlay vom Metall abhebt. Beide Kameras haben identische Leistungsmerkmale: Die Auflösung beträgt 12,3 Megapixel, die Anfangsblende liegt bei f/2.0. Zusammen mit den 1,55 µm großen Sensorpixeln soll dies für besser belichtete und rauschärmere Fotos bei schummriger Beleuchtung sorgen.

Rauscharme Aufnahmen in schummriger Beleuchtung

Und tatsächlich wirken die Bilder des Nexus 5X und 6P in dunkleren Umgebungen störungsfreier und sauberer als etwa die der 13-Megapixel-Kamera des Mate S von Huawei. Die Fotos zeigen weniger Rauschen beziehungsweise ist das vorhandene Rauschen weniger auffällig glattgebügelt. Das dürfte durch die größeren Sensorpixel bedingt sein, die mehr Licht durchlassen. Einen ähnlichen Effekt zeigte die früher von HTC verwendete Ultrapixel-Kamera, die dank größerer Pixel ebenfalls in dunkleren Situationen bessere Bilder machte. Die neue Nexus-Kamera hat gegenüber den Ultrapixel-Kameras allerdings eine bessere Bildqualität aufgrund der höheren Auflösung.

Gute Tageslichtaufnahmen und schneller Fokus

Auch bei Tageslicht machen die Kameras des Nexus 5X und Nexus 6P gute Bilder. Die Schärfe ist angenehm, allerdings empfinden wir in sehr sonnigen Situationen den Weißabgleich manchmal als etwas zu grünstichig. Feine Strukturen wie etwa Blätter an Bäumen wirken detailliert. Bei starker Vergrößerung verwaschen sie nicht, wirken aber unstrukturierter - dies ist bei anderen Smartphone-Kameras aber nicht anders. Die Kameras beider neuen Nexus-Smartphones haben einen IR-Autofokus, das Scharfstellen des Motivs erfolgt entsprechend schnell. Beide Kameras verfügen über einen Dual-LED-Blitz.

Insgesamt sind die Hauptkameras des Nexus 5X und Nexus 6P deutlich besser als bei früheren Modellen; sie machen gute Bilder. Besonders die Abbildungsleistung in dunkleren Situationen gefällt uns gut. Bei Tageslicht kann das neue Kameramodell nicht ganz mit aktuellen Topsmartphones wie Samsungs Galaxy S6 oder LGs G4 mithalten, diese haben aber auch eine höhere Auflösung.

Erste Smartphones mit Android 6.0

Ausgeliefert werden das Nexus 5X und das Nexus 6P mit Android in der aktuellen Version 6.0 alias Marshmallow. Damit sind die neuen Nexus-Smartphones die ersten Geräte, die mit der neuen Android-Version auf den Markt kommen. Wie gewohnt installiert Google bei seinen Smartphones ein unverfälschtes Android, das dementsprechend schnell mit Updates versorgt wird.

Die neuen Nexus-Smartphones sind daher auch die ersten, bei denen ein Fingerabdrucksensor nativ vom Betriebssystem unterstützt wird. Der Fingerabdruck kann auch für bargeldloses Bezahlen mit Android Pay verwendet werden - die Alternative zu Apple Pay und Samsung Pay ist aber noch nicht in Deutschland verfügbar.

Lange Akkulaufzeit beim Nexus 6P

Im Nexus 5X steckt ein nicht ohne weiteres wechselbarer Akku mit einer Nennladung von 2.700 mAh. Laut Google soll dieser eine Standby-Zeit von 17,5 Tagen und eine Videowiedergabe von bis zu 10 Stunden ermöglichen. Das Nexus 6P hat einen 3.450-mAh-Akku, der eine Standby-Zeit von über 18 Tagen ermöglichen soll. Die Videowiedergabezeit liegt Google zufolge ebenfalls bei bis zu 10 Stunden.

Wir können ein 1080p-Video auf dem Nexus 5X knapp über 6 Stunden abspielen - ein nur durchschnittlicher Wert. Anders sieht es beim Nexus 6P aus: Hier kommen wir auf eine Akkulaufzeit von 9,5 Stunden. Dies ist verglichen mit anderen Smartphones ein Wert im oberen Bereich. Bei alltäglicher Nutzung hält das Nexus 5X bei uns einen Tag durch, das Nexus 6P anderthalb Tage.

Beide neuen Nexus-Smartphones verfügen über die neuen USB-Type-C-Stecker, die verdrehsicher sind. Als Besonderheit können die Smartphones als Akkupack fungieren und andere Geräte aufladen.

Verfügbarkeit und Fazit

Die beiden neuen Nexus-Smartphones werden in Deutschland zunächst in Googles Play Store bestellbar sein. Das Nexus 5X ist bereits verfügbar und kann bestellt werden.

Das Nexus 5X kostet mit 16 GByte Speicher in den USA 380 US-Dollar, worauf noch Steuern kommen. In Deutschland kostet das Smartphone 480 Euro, was einem leichten Aufpreis entspricht. Die 32-GByte-Variante ist für 530 Euro erhältlich.

Auch beim Nexus 6P gibt es einen Aufschlag, wenn das Smartphone in Deutschland gekauft wird. In den USA kostet die 32-GByte-Variante 500 US-Dollar plus Steuern, in Deutschland verlangt Google dafür 650 Euro. Das 64-GByte-Modell kostet in den USA 550 US-Dollar plus Steuern, in Deutschland 700 Euro. Das größte Modell mit 128 GByte Flash-Speicher kostet in den USA 650 US-Dollar plus Steuern, in Deutschland müssen Käufer 800 Euro dafür zahlen. Diese hohen Preise bringen die beiden neuen Nexus-Smartphones angesichts der Konkurrenzgeräte in eine unglückliche Marktsituation.

Fazit

Beide neuen Nexus-Smartphones erreichen in unserem Test in vielen Bereichen gute Ergebnisse. Gut gefallen uns die schnell reagierenden Fingerabdrucksensoren und die neuen Kameras. Diese sind um Längen besser als die der vorigen Modelle, besonders die des Nexus 5. Auch die zu erwartenden schnellen Android-Updates sind - wie immer bei den Nexus-Modellen - ein starker Plusfaktor.

Allerdings leiden sowohl das Nexus 6P als auch überraschenderweise das Nexus 5X unter den verbauten Qualcomm-Prozessoren, die nach kurzer Zeit der Dauerbelastung leistungsmäßig einbrechen - und das nicht einmal in einem künstlich herbeigeführten, unrealistischen Szenario, sondern schon beim Zocken eines herkömmlichen Spiels aus dem Play Store. Wie bei anderen Smartphones mit diesem Problem ist für uns dieser Leistungseinbruch besonders bei einem Gerät dieser Preisklasse nicht hinnehmbar.

Vor allem beim Nexus 5X ärgert uns der Leistungseinbruch, da LG mit dem G4 gezeigt hat, dass der Hersteller den Snapdragon 808 mit nur geringem Leistungsverlust bei Dauerbelastung verbauen kann. Dass auch die Leistung des Nexus 5X nach 15 Minuten nur noch auf dem Level des ersten HTC One vom Februar 2013 liegt, ist für uns nicht nachvollziehbar.

Auch Googles Preispolitik führt dazu, dass wir keins der beiden neuen Nexus-Smartphones wirklich empfehlen können. Sowohl das Nexus 5X mit mindestens 480 Euro als auch das Nexus 6P mit mindestens 650 Euro halten wir angesichts der aktuellen Konkurrenz für zu teuer. Zudem sinkt der Preis bei Nicht-Nexus-Smartphones schneller, da sie nicht wie die Nexus-Geräte nur über ausgewählte Vertriebskanäle verfügbar sind.

An Konkurrenzgeräten bieten beispielsweise die beiden Nexus-Hersteller interessante Alternativen an: So ist das LG G4 ein in allen Belangen besseres Smartphone als das Nexus 5X, das zudem mit aktuell 420 Euro noch günstiger ist. Huaweis aktuelles Mate S kostet mit 600 Euro ebenfalls weniger als das Nexus 6P. Hier ist zwar der Prozessor auf dem Papier weniger leistungsstark, nach wenigen Minuten ist das Mate S aufgrund der Überhitzung des Nexus 6P allerdings das leistungsfähigere Smartphone. Zusätzlich gibt es noch Smartphones anderer Hersteller, wie etwa Samsungs Galaxy S6, das aktuell um die 450 Euro kostet und für diesen Preis eine starke Konkurrenz für beide neuen Nexus-Smartphones darstellt.

Google kann auch in diesem Jahr der Nexus-Smartphone-Reihe kein neues Leben einhauchen. Es gibt einfach eine Reihe besserer und günstigerer Android-Smartphones auf dem Markt. Der Vorteil der schnelleren Android-Updates und die guten neuen Kameras wiegen für uns die Nachteile nicht auf.  (tk)


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