Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/crucial-bx200-im-test-wenn-die-ssd-von-der-festplatte-ueberholt-wird-1511-117184.html    Veröffentlicht: 06.11.2015 08:30    Kurz-URL: https://glm.io/117184

Crucial BX200 im Test

Wenn die SSD von der Festplatte überholt wird

Der Controller und der Flash-Speicher machen's möglich: Crucials neue SSD-Reihe BX200 kostet weitaus weniger als die BX100-Vorgänger, da die neue 3-Bit-Technik verwendet wird. Bei der Leistung werden die Solid State Drives aber teils von einer Festplatte geschlagen.

Wer aktuell auf der Suche nach einer günstigen SSD mit einer Kapazität zwischen 200 GByte und einem TByte ist, der dürfte zwangsläufig auf ein BX100-Modell von Crucial stoßen. Die im Frühling 2015 vorgestellten Solid State Drives bieten aktuell mit das beste Preisleistungsverhältnis - mit den neuen BX200 möchte Crucial diesen hart umkämpften Markt erneut bedienen.

In den vergangenen Monaten wurde die Konkurrenz stärker: Samsungs 850 Evo sinken kontinuierlich im Preis und OCZ hat mit den von uns getesteten Trion 100 neue SSDs veröffentlicht, die besonders günstig angeboten werden. Den beiden Modellreihen gemein ist der Flash-Speicher mit Zellen, die drei Bits und somit acht Zustände sichern. Dieser Speichertyp wird daher als Triple Level Cells, kurz TLC, bezeichnet. Mit den BX200-SSDs zieht Crucial nun nach.

Verbaut wird der TLC-Flash des Mutterkonzerns Micron, den der Speicherhersteller im Juni 2015 vorgestellt hatte. In erster Linie verringert Micron so die Fertigungskosten, da TLC-Flash bei gleicher Chipfläche 50 Prozent mehr Daten sichern kann, beziehungsweise die Dies bei gleicher Kapazität gut ein Drittel kleiner sind. Beim Controller setzt Crucial auf den SM2256 von Silicon Motion, also ein günstiges Modell mit vier Speicherkanälen und Sata-6-GBit/s-Interface. Crucial gibt an, eine angepasste Firmware zu verwenden.

Der Nachteil von TLC-Flash ist die im Vergleich zu SLC- und MLC-Speicher zumeist geringere Schreibgeschwindigkeit und theoretisch höhere Ausfallquote, da die Zellen durch die gesteigerte Bitdichte stärker beansprucht werden. Die Hersteller wirken letzterem Problem mit einer aufwendigeren Fehlerkorrektur wie LDPC entgegen. Micron sagte uns, man habe die Technik länger reifen lassen, bevor man sie in Consumer-SSDs einsetze.

Eine Absicherung gibt es dennoch: Die Spare Area für Over Provisioning, also Aufräumarbeiten, um die Haltbarkeit der Flash-Zellen zu steigern, ist bei den BX200 größer als bei den BX100. Statt als 250-, 500- und 1.000-GByte-SSD verkauft Crucial die neuen Modelle mit 240, 480 und 960 GByte. Zudem kann in der Storage Executive v3.24 die Spare Area eingestellt werden.

Werfen wir einen Blick ins Innere der Flash-Drives um mehr zu erfahren.

Ohne SLC-Cache wird's arg lahm

Der Innenaufbau des uns zur Verfügung stehenden Musters der BX200 erinnert frappierend an den BX100-Vorgänger: Bei der 480-GByte-Variante sind acht Flash-Packages verbaut. Der SSD-Controller stammt wie gehabt von Silicon Motion, statt eines SM2246EN-Modells verwendet Crucial jedoch den neueren SM2256-Controller. Der wurde im August 2015 vorgestellt und ist eine günstige Option mit Sata-6-GBit/s-Anschluss. Der DRAM-Cache fasst je nach BX200-Variante zwischen 256 über 512 bis 1.024 MByte an Daten.

Ein Nachteil des SM-Controllers ist die fehlende Option für eine Hardware-unterstützte Verschlüsselung wie TCGs Opal 2.0, außerdem verfügen die BX200-SSDs aufgrund des niedrigen Preises und der Zielgruppe nicht über Stützkondensatoren für eine Power-Loss-Funktion. Dafür hat Crucial nach eigenen Angaben die Leistungsaufnahme im Devsleep-Ruhemodus von 15 auf 10 mW und im Leerlauf durchschnittlich von 115 auf 65 mW reduziert - gut für Notebooks. Unter Last sind es bis zu 4,2 statt bis zu 4 Watt - im Mittel sollen die BX100 ebenso wie die neuen BX200 aber bei 150 mW liegen.

Ohne SLC-Puffer langsamer als eine Festplatte

Verglichen mit den BX100-Modellen gibt Crucial an, die Lese- und Schreibgeschwindigkeit der BX200-SSDs durchweg leicht gesteigert zu haben. Auch die neue Reihe reizt die möglichen Datentransfer-Raten der Sata-6-GBit/s-Schnittstelle nicht aus, für alltägliche Anwendungen hingegen sind die Flash-Drives mehr als flott genug. Wir vergleichen die neuen BX200 mit den älteren BX100 sowie OCZs Trion 100 und Samsung 850 Evo.

Bereits nach wenigen Messungen wird klar: Die eigentlichen Triple Level Cells schreiben Daten sehr langsam. Daher bedient sich Crucial des gleichen Tricks wie unter anderem schon Samsung und OCZs bei ihren SSDs mit TLC-Flash. Bis zu einem bestimmten Schreibvolumen agieren die Triple Level Cells als Single Level Cells, es wird also nur ein Bit statt drei Bits gesichert. Das steigert die Leistung massiv, zumindest solange die Daten in den Pseudo-SLC-Speicher passen. Lesevorgänge werden durch diesen Cache nicht beeinflusst.

Die uns vorliegende 480-GByte-Version der BX200 schreibt sechs GByte in den Pseudo-SLC-Speicher, bevor der Flash-Speicher regulär als TLC angesprochen wird. OCZs Trion zeigen ein ähnliches Verhalten und brechen von 380 auf 130 MByte pro Sekunde ein. Bei Crucials BX200 ist das weitaus happiger: Hier sinkt die Schreibrate von 400 auf nur noch 75 MByte pro Sekunde!

Für Nutzer, die sich eine SSD einbauen, damit das Betriebssystem und Programme flott starten und gelegentlich ein paar Bilder kopieren, reichen sechs GByte SLC-Cache völlig aus. Ein gelegentliches Alltagsszenario eines Spielers aber wird zum Kuriosum: Wer ein Spiel von der Festplatte auf die SSD kopiert, wird nach wenigen Minuten durch die Schreibleistung des Flash-Drives und nicht durch die HDD limitiert. Das Gleiche gilt auch beim Kopieren von Daten per Gigabit-Ethernet von einem NAS-Gerät auf den SSD-Rechner.

Weitere Messwerte bestätigen die geringe Schreibleistung der BX200-Modelle, die Input-/Output-Operationen pro Sekunde liegen ebenfalls äußerst niedrig und fast auf HDD-Niveau. Im Consumer-Segment ist beides jedoch kaum relevant. Die Lesegeschwindigkeit nämlich ähnelt der anderer SSDs - Anwendungen und Spiele laden ergo viel flotter als auf einer Festplatte.

Für eine Beurteilung und Einordnung der SSDs ist der Preis von Belang, womit wir beim Punkt Verfügbarkeit wären.

Verfügbarkeit und Fazit

Crucial verkauft die BX200 als 240-, 480- und 960-GByte-Modell. Die Listenpreise betragen 92, 163 sowie 325 Euro. Das ist weit weniger als bei den BX100-Vorgänger-SSDs: Die kosten offiziell 114, 215 und 430 Euro - im Handel liegen sie bei 80, 155 sowie 325 Euro. Zum Lieferumfang der SSDs gehört die Vollversion von Acronis True Image HD, Crucial gibt eine Garantie von drei Jahren.

Wir gehen davon aus, dass die BX200 in den nächsten Wochen zu spürbar günstigeren Straßenpreisen erhältlich sein werden als die BX100 und die vorliegenden Listenpreise wenig aussagekräftig sind. Ein erster Blick in unseren Preisvergleich bestätigt diese Annahme: Die neue BX200 mit 480 GByte kostet 140 Euro, die ältere BX100 mit 500 GByte hingegen 155 Euro.

Fazit

Beim Blick auf den günstigen Preis stellten wir uns bei der Präsentation der neuen BX200-SSDs bereits die Frage: Wo ist der Haken bei diesen Flash-Drives? Im Datenblatt auf der zweiten Seite fanden wir dann einen kleinen Hinweis - SLC Write Acceleration. Ergo war klar, die SSDs schreiben ein paar GByte mit hoher Geschwindigkeit und werden anschließend deutlich langsamer. Wir hatten allerdings nicht damit gerechnet, dass die BX200-Modelle nach wenigen Minuten auf magere 75 MByte pro Sekunde einbrechen.

Diese Werte sind geringer als eine heutige Festplatte mit 7.200 Umdrehungen pro Minute erreicht. Anders ausgedrückt: Wird beispielsweise ein 50 GByte großer Spieleordner von der HDD auf die SSD kopiert, stellt letztere und nicht die Festplatte das limitierende Element dar. Im Alltag dürfte das in der Zielgruppe der BX200 nur wenige bis keine Nutzer einschränken, wenn Spiele per Steam oder von der Disc installiert oder ein paar Urlaubsfotos verschoben werden. Die Lesegeschwindigkeit der BX200 fällt hoch genug aus und die Latenz ist gering, weswegen Anwendungen viel flotter starten und Spiele deutlich zügiger laden als von einer Festplatte. Als Systemlaufwerk für das Betriebssystem ist die BX200-Reihe daher sehr gut geeignet.

Wer auf der Suche nach einer günstigen SSD mit bis zu einem TByte Kapazität ist, greift aktuell aber besser bei einem anderen Hersteller zu. Empfehlenswert werden Crucials BX200-Modelle erst, wenn ihr Preis noch weiter unter den der BX100-Vorgänger und unter den von OCZs Trion-100-Modellen fällt.

Hinweis: Ursprünglich war der Test von Crucials BX200 für Dienstag, den 3. November 2015 um 15 Uhr geplant. Das Testmuster erreichte uns durch Packfehler des verantwortlichen Logistikunternehmens erst am Donnerstag.  (ms)


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