Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/htc-one-a9-im-test-gut-ist-manchmal-zu-wenig-1510-117144.html    Veröffentlicht: 28.10.2015 12:01    Kurz-URL: https://glm.io/117144

HTC One A9 im Test

Gut ist manchmal zu wenig

Das One A9 soll es richten: HTCs neues Smartphone sieht gut aus, hat einen Fingerabdrucksensor und als eines der ersten Geräte Android 6.0. Im Inneren ist es aber nur ein Smartphone der gehobenen Mittelklasse - für einen verhältnismäßig hohen Preis.

Das Jahr 2015 war für HTC bisher kein gutes: Quartale mit Verlusten reihten sich aneinander, der Börsenkurs des taiwanischen Traditionsherstellers von Android-Smartphones ist rapide gesunken. Weitere Verluste werden erwartet, zahlreiche Mitarbeiter sollen entlassen werden.

Inmitten dieser Turbulenzen präsentiert HTC ein neues Smartphone: Das One A9 ist zwar Mitglied der One-Familie, unterscheidet sich aber sowohl äußerlich als auch bei einigen Hardwarespezifikationen von den bisherigen M-Modellen. Insgesamt ist das One A9 eher im gehobenen Mittelklassebereich angesiedelt als im Topsegment.

Das ist auch am Preis ersichtlich: Das Smartphone kostet etwas weniger als die Topmodelle der Konkurrenz, ist mit 580 Euro aufwärts aber dennoch nicht günstig. Ob das One A9 das Zeug hat, HTC aus der gegenwärtigen Krise zu helfen, hat sich Golem.de im ausführlichen Test angeschaut.

Parallelen zum iPhone erkennbar

Äußerlich dürfte sich bei vielen Betrachtern des One A9 ein Gedanke aufdrängen: "Das Teil sieht aus wie ein iPhone". Tatsächlich gibt es einige Parallelen: Die Front sieht der eines iPhone 6 und 6S auch in der Größe zum Verwechseln ähnlich, die Rückseite zeigt wie die aktuellen iPhones relativ breite Antennenstreifen aus Kunststoff. Insgesamt sind diese bei HTCs neuem Smartphone aber weniger aufdringlich als bei den iPhones. Verschwunden sind die Stereolautsprecher auf der Vorderseite, stattdessen hat das One A9 einen Speaker am unteren Rand.

In der Diskussion, wer bei wem beim Design abgeguckt hat, muss man allerdings auch bedenken, dass HTC zu den ersten Herstellern von Smartphones mit Metall-Unibody-Gehäuse gehörte. Wohlwollend ließe sich also auch argumentieren, dass die Formgebung des One A9 das Resultat eines Entwicklungsprozesses ist - auch wenn die Ähnlichkeiten mit dem iPhone tatsächlich frappierend sind. So oder so ist das Resultat, dass das One A9 gut aussieht, sich gut anfühlt, hervorragend verarbeitet ist und angenehm in der Hand liegt.

HTC bleibt dem 5-Zoll-Display treu

Das Display des One A9 ist 5 Zoll groß, womit HTC auch bei seinem neuen Smartphone der Größe seiner bisherigen One-Modelle treu bleibt. Die Auflösung beträgt 1.920 x 1.080 Pixel, was eine Pixeldichte von 440 ppi ergibt - dementsprechend scharf werden Displayinhalte angezeigt.

Schneller Fingerabdrucksensor

Unterhalb des Bildschirms ist der Fingerabdrucksensor eingebaut, der gleichzeitig als Home-Button fungiert. Wie beim Oneplus Two kann der Button nicht eingedrückt werden, denn es ist eine Sensortaste. Anders als beim neuen Oneplus-Smartphone gibt es beim One A9 links und rechts neben dem Home-Button keine Menü- und Zurück-Taste - diese Aktionen muss der Nutzer über die Navigationsleiste auf dem Bildschirm erledigen, wo es ebenfalls eine Schaltfläche für die Rückkehr zum Startbildschirm gibt. Das finden wir etwas unglücklich, da der separate physische Home-Button so im Grunde unnütz ist.

Die von uns registrierten Fingerabdrücke werden äußerst schnell registriert, vergleichbar mit den neuen iPhone-Modellen 6S und 6S Plus. Bei der Registrierung müssen wir darauf achten, unseren Finger gerade zu halten, beim Entsperren ist es hingegen egal, in welchem Winkel er aufliegt: So können wir das One A9 auch entsperren, wenn wir unseren Finger um 180 drehen.

13-Megapixel-Kamera mit RAW-Modus

Bereits beim letzten One-M-Modell, dem One M9, hat HTC auf die bis dahin als Hauptkamera verwendete Ultra-Pixel-Kamera verzichtet: Anstelle des 4-Megapixel-Modells wurde eine 13-Megapixel-Kamera eingebaut. Auch die mittig auf der Rückseite angebrachte Kamera des One A9 hat 13 Megapixel, die Anfangsblende beträgt f/2.0 - die Frontkamera ist weiterhin eine Ultrapixel-Kamera mit 4 Megapixeln. Dank eines eingebauten optischen Bildstabilisators gelingen mit der Hauptkamera wackelfreie Videos, die sich in maximal 1080p aufzeichnen lassen. 4K unterstützt das One A9 nicht. Das Objektiv steht über einen Millimeter aus dem Gehäuse hervor, ist allerdings mit Saphirglas vor Kratzern geschützt.

Dafür kann der Nutzer mit der vorinstallierten Kamera-App, die vergleichbar übersichtlich aufgebaut ist wie die des One M9, Hyperlapse-Videos aufnehmen. Die Aufnahme wird stabilisiert und kann schneller abgespielt werden, was besonders bei Videos, die im Laufen aufgenommen werden, einen interessanten Effekt gibt. Microsoft bietet die Funktion mittlerweile auch als App für Android an. Dass sie beim One A9 in die native Kamera-App eingebaut ist, ist praktisch. Unpraktisch hingegen ist, dass bei der Hyperlapse-Aufnahme die Helligkeit des Videos nicht reguliert wird - starten wir an einem etwas schummrigeren Ort und laufen ins Helle, ist das Ergebnis eine starke Überbelichtung.

Gute Schärfe bei den RAW-Aufnahmen

Bei den Fotos gibt es den erwartbaren Qualitätsunterschied zwischen den im Standardmodus aufgenommenen JPG-Bildern und den im Pro-Modus geschossenen Bildern im RAW-Format. Die JPG-Fotos sind qualitativ durchschnittlich gut: Die Schärfe ist angenehm, feine Details wirken bei stärkerer Vergrößerung allerdings verschwommen. Die Farbwiedergabe und der Kontrast gefallen uns gut.

Im RAW-Format des Pro-Modus haben die Fotos eine bessere Schärfe und viel klarere Details. Allerdings sind sie tatsächlich roh: Im unbearbeiteten Zustand ist ein deutliches Rauschen sichtbar, was auch durch eine sehr ausgleichende Belichtung hervorgerufen wird - dunkle Bereiche werden viel stärker aufgehellt als im JPG-Modus. Passen wir diese in der Nachbearbeitung an - ziehen wir also die Schatten herunter und gleichen die Lichter aus -, verbessert sich das Rauschen.

Nach der Bearbeitung erhalten wir ein gutes Bildergebnis - hierfür ist allerdings tatsächlich Arbeit nötig. Für den schnellen Schnappschuss eignet sich die RAW-Funktion nicht, dafür ist sie aber auch nicht gedacht. Insgesamt ist die Kamera des One A9 gut, sticht aber gleichzeitig nicht aus dem Feld anderer Smartphones mit 13-Megapixel-Kameras hervor.

Mittelklasse-Prozessor im Topgehäuse

Als Prozessor hat HTC für das One A9 Qualcomms Snapdragon 617 gewählt, ein 64-Bit-fähiges Acht-Kern-SoC mit vier auf 1,5 GHz und vier auf 1,2 GHz getakteten Kernen. Die Weiterentwicklung des Snapdragon 615 ist ein klassischer Mittelklasse-Chip, der sich gut für alltägliche Aufgaben eignet. Mit seiner Adreno-405-Grafikeinheit kommt das SoC bei grafisch aufwendigeren Anwendungen wie beispielsweise Spielen jedoch schnell an seine Grenzen: Das Rennspiel Riptide GP2 läuft bei höchsten Grafikeinstellungen nicht immer flüssig.

Dies spiegeln auch die Benchmark-Werte wider: Im Geräte-Benchmark Geekbench 3 erreicht das One A9 einen Single-Wert von 745 Punkten - ein Wert, der noch über 100 Zähler unter dem ein Jahr alten Honor 6 liegt. Im Multi-Modus kommt das One A9 auf 3.018 Punkte. Im Icestorm-Unlimited-Test des 3DMarks erreicht es 9.153 Punkte, ebenfalls ein niedriger Wert. Die mit dem GFX Bench gemessene Grafikleistung liegt mit 6,7 fps im Manhattan-Offscreen-Test ebenfalls im niedrigen Bereich.

2 oder 3 GByte Arbeitsspeicher

Das One A9 gibt es in zwei Ausführungen: Das Modell mit 16 GByte internem Flash-Speicher hat 2 GByte Arbeitsspeicher, das 32-GByte-Modell hingegen 3 GByte RAM. Beide Varianten haben einen Steckplatz für Speicherkarten bis zu einer Größe von 2 TByte. Unser Testmodell ist die 16-GByte-Variante mit dem kleineren Arbeitsspeicher, was sich bei vielen geöffneten Apps auch bemerkbar macht: Das System kommt dann ab und an ins Stocken. Alltägliche Aufgaben erledigt das One A9 aber problemlos.

Die restliche Hardwareausstattung ist sehr gut: Das One A9 unterstützt neben Quad-Band-GSM und UMTS auch Cat7-LTE auf den Frequenzbändern 1, 35, 7, 8, 20 und 28. WLAN beherrscht das Smartphone nach 802.11ac, Bluetooth läuft in der Version 4.1. Ein GPS-Empfänger mit Glonass-Unterstützung ist eingebaut.

Android 6.0 und Sense 7

Das One A9 ist eines der ersten Android-Smartphones, das mit der neuen Version Android 6.0 alias Marshmallow auf den Markt kommt. Davon ist zunächst nicht viel zu sehen, denn das neue Smartphone hat wie gewohnt die HTC-Sense-Oberfläche, beim One A9 in der neuen Version 7. Diese ist verglichen mit älteren Sense-Versionen deutlich weniger bunt und eher unauffällig, unterscheidet sich aber auf den ersten Blick nur wenig vom direkten Vorgänger Sense 6.

So haben sich die Icons unter Sense 7 nicht merklich geändert, auch die Aufteilung des Startbildschirms ist gleich geblieben: Standardmäßig ist Blinkfeed vorgegeben, HTCs in den Home-Screen eingebettete Nachrichtenübersicht, die sich aber auch deaktivieren lässt. Das Einstellungsmenü ist wie das von Sense 6 übersichtlich und unaufdringlich aufgebaut.

Durchschnittlich gute Akkulaufzeit

Der nicht ohne weiteres wechselbare Akku hat eine Nennladung von 2.150 mAh. HTC zufolge soll dies für bis zu 12 Stunden HD-Video-Wiedergabe und eine Standby-Zeit im UMTS-Netzwerk von bis zu 18 Tagen ausreichen. Wir konnten ein Full-HD-Video 6,5 Stunden lang anschauen, bevor der Akku schlappmachte - ein durchschnittlicher Wert. Bei alltäglicher Nutzung kommen wir mit dem One A9 locker über den Tag.

Verfügbarkeit und Fazit

Das HTC One A9 soll ab 580 Euro in Deutschland erhältlich sein, dieser Preis dürfte für die 16-GByte-Version gelten. Was das 32-GByte-Modell kosten soll, ist noch nicht bekannt. Einige Onlinehändler führen das One A9 bereits ab 560 Euro, lieferbar ist es aber noch nicht.

Fazit

Das One A9 ist zweifellos ein schickes und gut verarbeitetes Android-Smartphone, das mit Android 6.0 die aktuelle Version sowie mit Sense 7 eine übersichtliche Benutzeroberfläche bietet. Der Fingerabdrucksensor arbeitet zuverlässig, das Display ist gut und die Kamera macht anständige Bilder.

Tief im Inneren gehört HTCs neues Smartphone aber zur Mittelklasse, wenn auch zur gehobenen. Der Snapdragon 617 ist ein guter Prozessor für alltägliche Anwendungen, rechenintensive Apps bringen ihn jedoch schnell an den Rand seiner Leistungsfähigkeit. Durch die Beschränkung des 16-GByte-Modells auf nur 2 GByte Arbeitsspeicher lässt es sich nicht immer flüssig bedienen.

Das größte Problem beim One A9 sehen wir allerdings beim Preis: Mindestens 580 Euro halten wir für deutlich zu teuer für ein Smartphone mit derartiger Ausstattung. Das wird besonders deutlich beim Vergleich mit den Geräten der Konkurrenz: Das LG G4 mit seinem Snapdragon-808-Prozessor ist mit Ledercover aktuell bereits ab 420 Euro zu haben, Samsungs Galaxy S6 ist in der 32-GByte-Version für 485 Euro plus Versandkosten erhältlich.

Angesichts dieser Preise stellt sich für Interessenten des One A9 die Frage, warum sie für ein offensichtlich weniger leistungsstarkes Smartphone mehr Geld bezahlen wollen. Zwar wird auch der Preis des One A9 mit der Zeit sinken, die Ausgangslage halten wir aber für deutlich zu hoch.

Deshalb glauben wir kaum, dass das One A9 ein Verkaufsschlager und damit HTCs Rettung sein wird - dafür bietet es unserer Meinung nach einfach zu wenig.  (tk)


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