Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/guitar-hero-live-vs-rock-band-4-beim-einen-klickt-s-beim-anderen-nicht-1510-117083.html    Veröffentlicht: 23.10.2015 16:01    Kurz-URL: https://glm.io/117083

Guitar Hero Live vs. Rock Band 4

Beim einen klickt's, beim anderen nicht

Die Musikspiele sind zurück! Harmonix setzt mit Rock Band 4 auf Altbewährtes und bringt primär harmonische Neuerungen. Guitar Hero Live dagegen wirft alles über den Haufen und präsentiert eine neue Art von Musikspiel, von der wir gar nicht wussten, dass wir sie wollten. Wir präsentieren die Kontrahenten im Test im Direktvergleich.

Hat mich die Bassistin etwa gerade angezwinkert? Was steht denn auf dem Schild, das der Fan da unten in der Menge hochhält? Und wie viele Hero-Points habe ich eigentlich noch auf dem Konto? Fragen über Fragen, die eindeutig nichts mit Musik zu tun haben, die aber trotzdem heute in den Köpfen der Spieler von Guitar Hero Live herumgeistern dürften. Dabei waren Musikspiele doch einst so simpel - 2010. Zum Glück hat Harmonix mit Rock Band 4 auch an die Traditionalisten gedacht. Wir vergleichen das innovative Guitar Hero Live mit dem klassischen Rock Band 4.

Guitar Hero Live im Detail

Im Solomodus von Guitar Hero Live tritt der Spieler als Gitarrist einer Band auf verschiedenen Bühnen auf. Die Auftritte wurden aus der Ego-Perspektive eines echten Gitarristen bei einem Livekonzert gefilmt und werden als hochauflösendes Video wiedergegeben. Sie bestehen aus Szenen vom Publikum und regelmäßigen Blickkontakten mit dem Rest der Band. Publikum und Band geben dem Spieler Feedback zur eigenen Performance. Nach mehrmaligem falschen Geschrabbel auf der Gitarre fängt das Publikum an zu buhen und unser Schlagzeuger guckt uns zum Beispiel mürrisch entgegen.

Als wir im Vorfeld des Tests von diesem Konzept erfahren haben, waren wir zugegebenermaßen skeptisch. Nun müssen wir aber zugeben: Die Präsentation der Liveauftritte ist den Entwicklern extrem gut gelungen. Sie machen jeden Event zu einem kleinen Erlebnis. Das Mittendrin-Gefühl ist hoch und der Rest der Band größtenteils sympathisch. Nur die Kamera schwenkt für unseren Geschmack etwas zu frequent zwischen den vielen Protagonisten hin und her. Das ist nichts für Leute mit Motion Sickness.

Manchmal haben wir uns von den magischen Blicken der hübschen Bassistin ablenken lassen oder waren vom Drum-Solo des Schlagzeugers so fasziniert, dass wir uns kaum mehr auf die eigene Performance konzentriert haben. Wir waren durchgehend fasziniert und gespannt, was unsere Kollegen wohl als Nächstes darbieten werden. Der Solopart unterhält allein bereits gut zehn Stunden.

Der zweite große Modus von Guitar Hero Live trägt den Namen TV und besteht aus zwei Sendern, die rund um die Uhr Musikvideos über das Internet senden. Hier öffnet sich dem Spieler der aktuell verfügbare Songkatalog von knapp über 200 Songs.

Das Mitspielen ist freiwillig, die Sender laufen autark und live für alle Spieler und haben einen festen Sendeplan. Es ist also auch möglich, die Sender wie MTV oder Viva in den Neunzigern einfach im Hintergrund laufen zu lassen und dann zur Gitarre zu greifen, sobald ein Song besonders gut gefällt. Das macht den Modus auch interessant für den Partyeinsatz.

Guitar Hero übernimmt somit die Musikauswahl für den Spieler und präsentiert - quasi wie die Radiosender von Spotify oder Apple Music - immer neue Mixes und Songs. Uns hat der Flow der Musikstationen aber sehr gefallen.

Weniger Authentizität beim Gitarrespielen

Der Spielfluss ist bis ins letzte Detail clever erdacht. Eine stabile Breitband-Internetleitung vorausgesetzt, konnten wir uns kaum von dem Spiel trennen, weil wir immer wissen wollten, welcher Titel uns als Nächstes präsentiert wird. Und hat man erst einmal angefangen zu spielen, hört man auch nicht mittendrin einfach auf. Wir hätten nicht gedacht, dass dieser Überraschungsfaktor und der Liveansatz der TV-Stationen so gut funktionieren würden.

Optional ist es auch möglich, Songs einzeln anzuwählen und zu spielen. Jeder Durchgang muss dann allerdings mit einem Token bezahlt werden. Token werden durch das generelle Spielen gesammelt - uns gingen sie im Verlauf des Tests nicht aus. Trotzdem kann es nicht über den Fakt hinwegtäuschen: In Guitar Hero Live gehört dem Spieler kein einziger Song und er kann sie auch nicht erwerben. Einzig das Ausleihen der kompletten Songbibliothek für 24 Stunden ist für 6 Euro möglich.

Für weitere Motivation sorgen die sogenannten Premium-Events. Spieler schalten sie durch das generelle Mitspielen bei den Musiksendern frei oder können sie mit einer weiteren Ingame-Währung, den Hero-Points, direkt kaufen. Die Premium-Events beinhalten zeitexklusive Musiktitel (aktuell zum Beispiel "We are the Champions") und können nur einmalig angegangen werden, bevor ein erneutes Freispielen/Kaufen ansteht. Das sorgt für Nervenkitzel beim Auftritt. Allgemein ist der permanente Onlinevergleich mit anderen Guitar-Hero-Live-Spielern am linken Bildschirmrand in einem Ranking sinnvoll integriert.

Kein echtes Gitarrenfeeling

Guitar Hero Live setzt im Gegensatz zu Rock Band auf ein neues Layout bei den Fret-Buttons. Statt fünf Knöpfen befinden sich auf den Guitar-Hero-Gitarren zwei mal drei Knöpfe. So werden für Eingaben nur mehr Zeige- bis Ringfinger genutzt.

Das neue Layout fordert einige Umgewöhnung vom Spieler, macht dann allerdings Spaß und ermöglicht Handgriffe auf zwei Ebenen, deren Meistern viel Fingerfertigkeit voraussetzt. Wir haben allerdings ein Problem mit dem neuen System: Es ist nicht authentisch.

Zum einen führen wechselnde Eingaben auf dem Controller zu im Song identischen Melodiefolgen, was wenig Sinn ergibt. Manchmal spielen wir den Refrain eines Songs mit der unteren Tastenreihe, wenig später spielen wir ihn mit einem Mix aus der unteren und oberen Reihe, bei gleicher Melodiefolge.

Außerdem vermissen wir die Logik einer echten Gitarrensaite, die die Vorgänger simulierten. Wenn eine weiter innerhalb liegender Akkord am Bund gedrückt wurde, war es egal, ob Spieler die weiter hinten liegenden Tasten ebenfalls gedrückt hielten. Die Eingaben blieben dennoch korrekt, da eine Gitarre immer noch den richtigen Ton spielen würde. In Guitar Hero Live funktioniert das nur noch bei einzelnen Noten, ansonsten muss aber muss immer genau die richtige Kombination an Buttons gedrückt werden, um zu punkten. In diesem Fall hinterlässt Rock Band 4 mit seinen klassischen Gitarren einen viel stimmigeren Eindruck.

Viel Altes, wenig Neues bei Rock Band 4

Den Umfang von Rock Band 4 noch einmal im Detail zu beschreiben, sparen wir uns an dieser Stelle. Am Design, den Menüs und dem allgemeinen Spielgefühl hat sich seit dem dritten Serienteil nicht viel geändert. Viele Optionen bei der Individualisierung der Band und ihrer Mitglieder sind sogar weggefallen. Das Spiel kommt mit einer Songauswahl von 40 Titeln, die uns nur mittelmäßig gut gefallen. Alle Songs sind nur offline spielbar, einen Onlinemodus bietet Rock Band 4 nicht.

Mad Catz hat neue Instrumente angefertigt. Schlagzeug, Gitarre und Mikrofon machen auf uns aber keinen dramatisch besseren Eindruck als ihre Vorgänger. Sie dienen ihrem Zweck. Bemerkenswert ist der komplette Wegfall des digitalen Klicks bei der Strum-Bar des Gitarrencontrollers. So gibt es noch weniger Geräusche, aber auch weniger Feedback über die Eingaben. Wir empfinden das geräuschlose neue System nach etwas Eingewöhnung aber durchaus als angenehmer. Alle Instrumente verbinden sich über Bluetooth. Die Verarbeitung ist nahezu identisch mit den bereits sehr guten Vorgängermodellen, die allesamt mit der neuen Version kompatibel sind.

Rock Band 4 unterstützt nicht nur die alten Instrumente der Vorgänger, sondern bietet auch die Möglichkeit, bereits erworbene Songpakete und einzelne Lieder separat herunterzuladen. Während unserer Testperiode war der Shop allerdings fast nie zugänglich und wenn er es war, funktionierte er nur in Ausnahmefällen. Die Benutzerführung ist zudem sehr sperrig. Harmonix hat bereits angekündigt, an einem Patch bezüglich des Songshops zu arbeiten.

Neue Harmonie und Soli

Spielerisch gibt es zwei musikalisch relevante Neuerungen. Sänger können sich auf höheren Schwierigkeitsstufen nun an Harmonien austoben und beispielsweise eine Terz über der Gesangsstimme immer noch punkten. Rock Band 4 unterstützt zudem nun bis zu drei Sänger/innen gleichzeitig. Wir haben im Test bei einem Duett positive Erfahrungen mit der Stimmen-Evaluierung gemacht - sie funktioniert.

Die zweite Neuerung sind dynamische Soli für die Gitarristen, bei denen sie nur darauf achten müssen, die Strum-Bar im richtigen Takt zu spielen, auf den Saiten aber spielen dürfen, was sie wollen. Auf der Gitarre kann dafür auch die zweite Reihe an Knöpfen in der Gitarrenmitte genutzt werden.

Das wilde Herumklimpern führte im Test durchaus zu wohlklingenden Soloeinlagen, die zudem variieren, je nachdem, welche Kombination an Knöpfen genau gehalten wird. Der spielerische Mehrwert hält sich allerdings in Grenzen, da es immer noch ein automatisch generiertes Solo ist. Nach circa ein Dutzend Soli haben wir die Funktion daher freiwillig deaktiviert und lieber manuell nachgespielt wie früher.

Verfügbarkeit und Fazit

Guitar Hero Live ist mit einem Gitarrencontroller für 100 Euro und mit zwei Gitarrencontrollern im Bundle für 140 Euro erhältlich. Das Spiel setzt die neuen Controller und eine Breitband-Internetleitung für den TV-Modus voraus. Rock Band 4 ist für 150 Euro mit einer Gitarre sowie in einer Band-Edition für 300 Euro mit Gitarre, Mikrofon und Schlagzeug erhältlich. Ohne Instrumente kostet Harmonix' Spiel 70 Euro. Es ist mit den alten Instrumenten der Serie kompatibel. Guitar Hero Live ist von der USK ab 6 Jahren und Rock Band 4 für alle Altersgruppen freigegeben.

Fazit

Rock Band 4 oder Guitar Hero Live? Die Entscheidung zwischen den beiden Neuauflagen der großen Musikspiele ist nicht leicht und hängt sehr stark von den persönlicheren Präferenzen und Erwartungen ab.

Generell ist den Entwicklern von Freestyle Games mit Guitar Hero Live das deutlich modernere und innovativere Videospiel gelungen. Die Motivationskurve stimmt, angefangen von der grandios präsentierten, dynamischen Live-Performance auf der Bühne bis hin zum Meistern der Premium-Events im TV-Modus.

Spieler, die Wert auf Innovation, Präsentation und insgesamt modernes Spieldesign legen, finden mit Guitar Hero Live ein äußerst gelungenes Produkt. Die neue Gitarre liegt sehr gut in den Händen und das neue Eingabesystem mit zwei mal drei übereinanderliegenden Fret-Buttons macht Spaß.

Leider hapert es bei der Authentizität der Eingaben. Die Wechsel zwischen den Fret-Buttons wirken oft willkürlich gewählt, um für künstliche Abwechslung zu sorgen. Außerdem vermissen wir die Möglichkeit, die Live-Performances und die Premium-Shows mit einem Mitspieler gemeinsam zu spielen. Aktuell ist der lokale Multiplayer-Modus nur bei den TV-Stationen sowie der Wahl einzelner Tracks möglich.

Spieler, denen ein authentischeres Band-Gefühl und die musikalische Umsetzung des Instrumente-Spielens wichtiger ist, dürften daher mit dem klassisch anmutenden Rock Band 4 besser bedient sein. Hier hat man als Spieler ein stärkeres Gefühl, wirklich einen Song zu begleiten.

Leider ist das Spieldesign von Rock Band 4 auf dem Stand von 2010 geblieben. Spieler müssen sich mühsam von Menü zu Menü klicken. Die Freischaltung von in der Vergangenheit erworbenen Titeln ist zudem unnötig sperrig und zeitaufwendig. So fühlt sich Rock Band 4 nur wie eine mäßig gelungene Portierung der Vorgänger auf die aktuelle Konsolengeneration an, dessen größte Innovation die Umsetzung von Harmonien bei den Sängerstimmen geworden ist.  (mw)


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