Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/smarter-tennisschlaeger-ausprobiert-app-satz-und-sieg-1510-116673.html    Veröffentlicht: 06.10.2015 08:51    Kurz-URL: https://glm.io/116673

Smarter Tennisschläger ausprobiert

App, Satz und Sieg

Treffsicher wie ein Profi oder doch eher Laienniveau? Wir haben einen Monat lang unser Tennisspiel von unserem smarten Schläger Babolat Play auswerten lassen - und dabei ganz schön viel Ehrgeiz entwickelt.

Ich blicke auf den gelben Filzball hoch über meinem Kopf, hole aus und schlage ihn über das Netz ins gegnerische Feld. War das jetzt ein Aufschlag oder ein Schmetterball? Mein smarter Tennisschläger kann den Schlag nicht so recht zuordnen - die meisten meiner Überkopfbälle wertet er als Schmetterball, manchmal auch meine Aufschläge. Einen Monat lang habe ich mit dem Tennisschläger Babolat Play Pure Drive Smart gespielt, meine Daten fleißig mit einem iPad synchronisiert und Fortschritte wie Fehler entdeckt.

Der Smart-Racket speichert Daten darüber, wie ich den Ball treffe (Anzahl, Power und Treffpunkt), differenziert sehr genau zwischen Vorhand und Rückhand und zeigt, mit wie viel Spin ich die Bälle anschneide. Als Tennisschläger überzeugt der Babolat bei der Verarbeitung, dem Gewicht und auch der Bespannung. Bei Smash- und Drive-Schlägen bringt er die Bälle zielgenau und fest auf die andere Seite. Slices und Volley-Stopps gelingen ebenfalls problemlos.

150 Stunden Daten im Griff

Aufgeladen wird der Schläger über ein mitgeliefertes Micro-USB-Kabel. Voll geladen zeichnet er bis zu 6 Stunden Daten am Stück auf, die über Bluetooth an ein mobiles Endgerät mit Windows Phone, Android oder iOS übertragen werden. Der interne Speicher sichert maximal 150 Stunden Spielfortschritt. Um eine Aufzeichnung zu starten, muss der An-Aus-Schalter länger gedrückt gehalten werden, bis eine blaue LED zu blinken beginnt.

Um ein Match so genau wie möglich aufzuzeichnen, muss immer der Bluetooth-Knopf an der Unterseite des Griffs kurz gedrückt werden. So teilt der Schläger die Daten in Sätze ein. Wird der Druck vergessen, geraten die Aufschlagspiele und damit auch die Daten durcheinander. In einer spannenden Partie eine unnötige Hürde.

Die Sensoren, die im Griff des Schlägers verbaut sind, arbeiten in der Regel selbst bei Amateuren wie mir zuverlässig, wie der Langzeittest zeigt. Und bei Profis unterscheidet er auch erheblich besser zwischen Aufschlag und Schmetterball, wie sich herausstellt, als ich den Schläger einer ehemaligen Federations-Cup-Spielerin für einen kurzen Test in die Hand drücke. Auch als ein mehrmaliger ehemaliger Meister im Doppel der Altherren-Kreisliga den Schläger schwingt, ordnen die Sensoren die Schlagtypen zuverlässiger zu als bei mir. Volleys werden aber immer als simple Vor- oder Rückhand verbucht.

Das Analysespiel nach dem Spiel

Vor der Nutzung der Babolat-App muss ein Benutzerkonto mit einer E-Mail-Adresse oder über Facebook-Connect erstellt werden. Das Synchronisieren geht schnell und funktioniert tadellos. Es bietet sich aber an, nicht zu viele Trainingseinheiten und Spiele gesammelt auf dem Schläger zu lassen, ohne sie zu übertragen. Denn bereits nach ein paar Tagen kann die Erinnerung trügen und die lockeren Ballwechsel werden etwa vom Nutzer fälschlicherweise einem Match zugewiesen.

Die Babolat-Play-App ist zweckdienlich mit übersichtlichen Graphen und einer sinnvollen Unterteilung in fünf Hauptrubriken. Beim Synchronisieren mit der App kann das Training näher definiert werden: Neben Kommentaren und Bildern vom Court wird die eigene Stimmung über Emoticons festgelegt und der Untergrund (Halle, Gras, Sand) zugewiesen. Auch das Wetter wird gesichert.

Pulse zeigt die aktuelle Entwicklung der eigenen Performance in den Punkten Technik, Ausdauer und Power an. Anhand dieses Dreiecks ergibt sich auch der durchschnittliche Gesamtscore, den ich als Spieler natürlich stetig erhöhen oder stabil halten möchte.

Kaum Gamification

Unter dem Punkt Analyse sind alle gespeicherten Spiele und Trainingseinheiten aufgelistet, inklusive der Daten über die Anzahl sowie Arten der Schläge. Viel Zeit verbringe ich auch im dritten Menüpunkt: Skills. Hier trackt die App Fortschritte in Form der Anzahl vollbrachter Schläge. Nach jeweils 100 Vorhand- und Rückhandschlägen, 40 Aufschlägen und 5 Volley-Schmetterschlägen steige ich im Level auf, allerdings nur, um ein weiteres Mal die simplen Fortschrittsbalken aufzufüllen. Gute Gamification geht anders: nämlich mit interessanten, abwechslungsreichen Aufgaben.

Im Bereich Rekorde sind die besten Schläge aufgelistet, und der letzte Menüpunkt Community ermöglicht das Vergleichen mit anderen Babolat-Spielern weltweit in einem Ranking. Dort ist übrigens auch Rafael Nadal zu finden, mit aktuell 64.291 Schlägen auf dem Konto, aber ohne detaillierte Angaben über die Art oder Qualität seines Spiels. Schade.

Keine Live-Analysen und Fazit

Während meiner Trainingseinlagen kommt mir immer wieder der Gedanke: Noch nützlicher wäre die Möglichkeit des Live-Trackings. Wenn also ein Trainer die Daten des Schlägers live präsentiert bekäme. So ließen sich auch noch die kleinsten Fehler im Tracking minimieren und es gäbe direktes professionelles Feedback beim Auswerten der Daten auf dem Platz.

Fazit

Mich hat das Ausprobieren des Babolat-Play-Tennisschlägers motiviert: Ich will meine Aufschlagbewegungen möglichst schnell optimieren, damit der smarte Schläger auch bei mir verlässlich zwischen Schmetterball und Aufschlag unterscheiden kann. Den professionelleren Spielern, denen ich den Schläger überlassen habe, hat dieser ausgesprochen gut gefallen - allerdings primär, weil es ein guter Schläger ist und nicht wegen der faszinierenden Möglichkeiten, sein Spiel damit zu verbessern.

Mit dem Pure-Drive-Schläger lassen sich mit wenig Kraftaufwand lange Bälle spielen und Gegner effektiv unter Druck setzen. Der Schläger eignet sich daher für Spieler mit einigen Jahren Tenniserfahrung, die in besonderer Weise das Angriffsspiel lieben. Für Anfänger eignet er sich wegen seiner härteren Bespannung weniger. Die meisten Spieler hielten es für sinnvoll, einen Dämpfer zu installieren, um Schwingungen zu reduzieren.

Die Synchronisation der Daten über Bluetooth gelang immer zuverlässig. Allerdings ist das Analysieren der Daten im Nachhinein eine Einschränkung. Auch die Bedienung ist noch nicht ideal, da in Matches der Bluetooth-Knopf mehrfach gedrückt werden muss. Die reizvolle Möglichkeit des Live-Trackings bietet der Schläger nicht.

Wen der hohe Preis von knapp 400 Euro nicht abschreckt, der findet mit dem Babolat-Play-Tennisschläger insgesamt ein faszinierendes Gadget, um sein Spiel aufzuzeichnen. Besonders für Spieler, die bereits die Grundlagen des Sports gemeistert haben und Spaß daran haben, Daten zu analysieren, bietet der Schläger viele Anhaltspunkte. In puncto Gamification wird mit der App allerdings Potenzial verschenkt.  (mw)


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