Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/alles-andere-als-schrottreif-neue-linux-distributionen-fuer-alte-computer-1510-116627.html    Veröffentlicht: 15.10.2015 12:01    Kurz-URL: https://glm.io/116627

Alles andere als schrottreif

Neue Linux-Distributionen für alte Computer

Alte Rechner können mit den Hardwareanforderungen moderner Betriebssysteme meist nicht mithalten. Also wandern sie auf den Schrott. Dabei können Linux-Distributionen die alten Computer wieder zum Laufen bringen.

Neue Betriebssysteme sollen schneller und komfortabler sein. Dabei steigen meist die Hardware-Voraussetzungen mit jeder neuen Version: Für Windows- und Linux-Nutzer muss es schon ein Rechner mit Mehrkernprozessor sein, der über ausreichend großen Arbeits- und Massenspeicher verfügt. Die Grafikkarte darf meist nicht älterer Bauart sein, da sie sonst mangels passender Treiber die optischen Verbesserungen nicht auf dem Bildschirm darstellen kann. Daneben gibt es jedoch auch eine wachsende Anzahl von schlanken Linux-Derivaten, die selbst auf 15 Jahre alten Computern mit Einkernprozessoren und relativ wenig Arbeitsspeicher noch eingesetzt werden können. Wir haben mit etwa zehn Jahre alten Computersystemen getestet, inwieweit sich mit einigen der Linux-Varianten arbeiten lässt.

Einfache Zweikernprozessoren ohne Turboboost

Für unseren Test der Praxistauglichkeit verwenden wir mehrere HP-Compaq-Notebooks der ersten Centrino-2-Generation, die einfache Zweikernprozessoren ohne Turboboost und Hyper-Threading eingebaut haben und durchgängig integrierte Intel-Grafikchipsätze zur Ansteuerung des Displays nutzen. Auf der Desktop-Seite testen wir mit ebenso alten Pentium-D-Systemen, die noch auf der Netburst-Architektur von Intel basieren und daher entsprechend wenig effizient arbeiten. Zudem haben wir auf IBM-Workstations der Baujahre 2003 und 2004 getestet, wie agil sich ressourcenschonende Linux-Distributionen auf Pentium-4-Einkernprozessoren verhalten. Aus den mindestens rund 40 schlanken Linux-Distributionen, die derzeit erhältlich sind, haben wir anhand fest vorgegebener Kriterien eine Vorauswahl getroffen: So muss mit der jeweils getesteten Distribution auch wirklich produktives Arbeiten möglich sein - Varianten, mit denen selbst einfache Office-Aufgaben mangels entsprechender Software nicht bewältigt werden können und bei denen kein funktional moderner Browser zur Verfügung steht, sind durch unser Testraster gefallen. Auch Desktop-Umgebungen, die den Look and Feel der frühen neunziger Jahre versprühen und für heutige Verhältnisse nur mäßig zu bedienen sind, haben wir nicht berücksichtigt. Um auch für Linux-Neulinge tauglich zu sein, müssen die meisten Werkzeuge im Test zudem mit einer grafischen Oberfläche zu bedienen sein und nicht erst eine stundenlange Einarbeitung benötigen.

Erster Proband: 4MLinux

Der erste Testkandidat, das aus Polen stammende 4MLinux, ist in vielerlei Hinsicht besonders. So nutzt die unabhängig entwickelte Distribution für den grafischen Desktop den Windowmanager JWM, jedoch auch Teile des ebenfalls sehr schlanken Window Maker. Das System setzt vier Applikationsschwerpunkte: Die Gruppe Maintenance umfasst eine Reihe von Werkzeugen zur Systemwartung und Datenrettung, in der Kategorie Multimedia befinden sich einige Programme zum Abspielen und Bearbeiten von audiovisuellen Inhalten, im Bereich Miniserver befinden sich einige schlanke Server-Dienste, während die Untergruppe Mystery Spielen vorbehalten ist.

4MLinux benötigt, sofern das Betriebssystem auf dem lokalen Massenspeicher installiert wird, kaum Ressourcen: Der Arbeitsspeicher sollte mindestens 128 MByte betragen, während auf der Festplatte oder SSD minimal ein GByte freier Speicher vorhanden sein sollte. Für ein modern wirkendes Erscheinungsbild sorgt auf dem Desktop neben dem Statusmonitor Conky mit transparentem Hintergrund auch die Wbar-Schnellstartleiste für einige wichtige Applikationen, die horizontal am oberen Bildschirmrand verläuft. Dank des vorkonfigurierten Idesks gelingt es sogar, Icons auf dem minimalistischen Desktop darzustellen - inklusive einiger optischer Gimmicks. Eine Panelleiste am unteren Bildschirmrand mit einigen Startern, einem Hauptmenü und einem System-Tray rundet den Desktop ab, so dass keine funktionellen Defizite zu verzeichnen sind.

Eine weitere Besonderheit von 4MLinux stellen die sogenannten Extensions dar, die im Hauptmenü aufgeführt werden: Hierbei handelt es sich um Installationsskripte für viele der großen Standard-Anwendungen wie Libreoffice, Firefox, Thunderbird, aber auch Wine, die Java-Laufzeitumgebung oder Virtualbox. Damit kann im Handumdrehen ohne große manuelle Installationsversuche die jeweilige Applikation dem Softwarebestand hinzufügt werden. Mit der Virtualbox besteht zudem die Möglichkeit, ein weiteres Betriebssystem unter 4MLinux auszuführen. Hierbei konnten wir selbst auf unseren alten Pentium-4-Testsystemen kleinere Linux-Derivate sowie OS/2 Warp v3 und Windows 98SE in virtuellen Maschinen nutzen, wobei dabei allerdings auf diesen Einkernprozessoren mit lediglich einem GByte Arbeitsspeicher keine Geschwindigkeitsrekorde erzielt werden konnten.

Fazit: 4MLinux besticht durch seinen äußerst geringen Ressourcenbedarf und eine wieselflinke Arbeitsweise bei hoher Stabilität. Daher eignet es sich als solider Allrounder für alle täglich anfallenden Arbeiten am Arbeitsplatzrechner. Nicht geeignet aufgrund seines in einigen Bereichen geringen Softwarebestandes ist das System für sehr experimentierfreudige Anwender, die ständig neue Programme installieren und ausprobieren möchten.

AntiX-Linux kommt mit 64 MByte RAM aus

Das aus Griechenland stammende AntiX-Linux kommt in der 32-Bit-Variante für ältere Computersysteme mit lediglich 64 MByte Hauptspeicher aus, wenn ein Swapbereich von mindestens 128 MByte auf dem Massenspeicher angelegt ist. Als Prozessor wird eine Pentium-II-CPU vorausgesetzt. Der freie Festplattenspeicher sollte für eine stationäre Installation noch mindestens 2,2 GByte betragen. Das auf Debians Testing-Zweig basierende Betriebssystem nutzt wie 4MLinux einen sehr schlanken Window Manager und Desktop: Hier kommt IceWM zum Einsatz, wobei als Alternativen auch Fluxbox, JWM oder der exotische HerbstluftWM genutzt werden können.

Anders als die meisten anderen schlanken Linux-Distributionen bringt AntiX bereits einige Standardanwendungen für den Alltagsbetrieb mit: So ist Iceweasel als Webbrowser bereits installiert, und auch Libreoffice ist dabei. Die Entwickler haben zudem einige Programme aus dem Gnome-, XFCE- und LXDE-Fundus in ihr System integriert. Für Systemwartungsarbeiten steht außerdem ein stattliches Arsenal an Werkzeugen bereit: So finden sich im Menü System Tools zum Beispiel zum Löschen überflüssiger Datenbestände Bleachbit, GParted zum Partitionieren von Datenträgern, Htop zur Anzeige laufender Dienste und Prozesse, Midnight Commander für das effiziente Arbeiten mit Dateien und Verzeichnissen und auch Synaptic, das grafische Frontend zur Programmverwaltung. Anders als jene Distributionen, die aus den Quellen entwickelt werden, kann AntiX den gesamten Softwarebestand von Debian nutzen, und das sind derzeit immerhin rund 50.000 Pakete, die die grafische Paketverwaltung listet. Der Desktop von AntiX-Linux präsentiert sich erwartungsgemäß spartanisch-funktionell: Der Conky-Systemmonitor wird wie bei 4MLinux mit transparentem Hintergrund eingeblendet, während am unteren Rand eine schlanke Panelleiste eingeblendet wird. Optische Gimmicks werden zugunsten der Performance vermieden.

Der Ressourcenverbrauch fällt im Test tatsächlich sehr gering aus: Mit teilweise weniger als 100 MByte Arbeitsspeicherbedarf kann AntiX noch auf 15 Jahre alten Pentium-III-Systemen genutzt werden, und selbst bei drei oder mehr geöffneten großen Programmen steigt die Arbeitsspeichernutzung selten über 300 MByte. Dabei reagiert das Betriebssystem außerordentlich agil.

Fazit: Äußerlich etwas langweilig wirkend, punktet AntiX mit enormer Geschwindigkeit und vor allem sehr guter Softwareausstattung. Größere Anwendungen sind bereits vorinstalliert, und dank der Basis Debian und der grafischen Softwareverwaltung Synaptic erfüllt das Betriebssystem nicht nur ausgefallene Software-Wünsche, sondern ist auch für Ein- und Umsteiger ohne große Einarbeitung problemlos zu bedienen. Seinem Anspruch als Allrounder für leistungsschwächere ältere Computersysteme wird AntiX-Linux somit vollkommen gerecht.

Dritter Proband: SalentOS

Das nach der italienischen Stadt Salento benannte Ubuntu-Derivat SalentOS kommt neben einer Variante für 64-Bit-Architekturen auch in einer Version für betagte Hardware. Da das System Openbox als Fenstermanager nutzt, ist es deutlich schlanker als alle herkömmlichen gängigen Ubuntu-Abkömmlinge. Zudem sind Elemente aus Gnome und XFCE in das Betriebssystem integriert. Die Entwickler von SalentOS wollen das Betriebssystem nicht nur als Alternative für betagte Hardware am Markt positionieren, sondern peppen ihr Linux-Derivat auch optisch auf, so dass der Anschluss an moderne Desktops nicht verloren geht.

So finden sich - für Openbox reichlich ungewöhnlich - am oberen Bildschirmrand die Panelleiste Tint2, die der Arbeitsoberfläche nicht nur eine professionell anmutende Optik verleiht, sondern auch deren Funktionalität erhöht. Tint2 ist dank eines ebenfalls in SalentOS integrierten grafischen Werkzeugs zudem sehr detailliert konfigurierbar. Außerdem nutzt SalentOS die bereits legendären Konfigurationsmöglichkeiten des Openbox-Window Managers: In der Menügruppe Openbox settings, die über das Hauptmenü erreicht werden, sind zusammengefasst alle relevanten Einstelloptionen zu finden, wobei hier neben Skripten, die im Terminal angepasst werden können, auch grafische Werkzeuge vorhanden sind.

SalentOS behält beim Start die von Ubuntu bekannten Auswahlmöglichkeiten zwischen Live-Betrieb und stationärer Installation auf einem Massenspeicher bei. Somit kann man sich das Betriebssystem erst einmal ansehen, ohne dabei Speicherplatz auf der Festplatte oder SSD belegen zu müssen. Dabei kann im Auswahlfenster auch gleich die korrekte Spracheinstellung vorgenommen werden. Verfügt das Computersystem über ausreichend potente Grafik-Hardware, kann der Desktop zusätzlich optisch aufgepeppt werden: SalentOS integriert den Composite-Manager Compton, der bequem über das Hauptmenü konfiguriert werden kann.

Da SalentOS auf Ubuntu aufsetzt, können selbstverständlich auch die Ubuntu-Paketquellen genutzt werden, um weitere Software zu installieren. Das italienische System hat jedoch bereits im Live-Betrieb wie auch nach der Festplatteninstallation mehrere Standardanwendungen installiert. Im Hauptmenü steht zudem das grafische Paketverwaltungstool Synaptic bereit, mit dem sich neue Programme bequem mit wenigen Mausklicks in das System einbinden lassen.

Fazit: SalentOS kann ebenso wie AntiX-Linux auch von Einsteigern und Umsteigern sofort als Allrounder für die tägliche Arbeit genutzt werden. Wie auch das auf Debian aufsetzende AntiX-Linux glänzt SalentOS mit hoher Stabilität und enormer Softwarevielfalt. Im direkten Vergleich der beiden Distributionen zeigt sich SalentOS jedoch deutlich behäbiger im Betrieb. Das System hat zudem einen größeren Ressourcen-Bedarf als AntiX-Linux und eignet sich daher nicht für den Einsatz auf Computern mit weniger als 100 MByte Arbeitsspeicher.

Das winzige Slitaz-Linux mit eigener Paketverwaltung

Das mit einer Imagegröße von gerade einmal 35 MByte (Stable-Version) geradezu winzige Betriebssystem Slitaz-Linux kommt wie alle anderen Probanden mit einer grafischen Oberfläche und vorinstallierter Software. Der Desktop basiert auf dem Fenstermanager Openbox. Die Lokalisierung wird gleich im Bootmanager eingestellt. Das gesamte Betriebssystem kopiert sich anschließend von der Live-CD in den Arbeitsspeicher, so dass selbst auf ältesten Computersystemen eine ansprechende Performanz erzielt wird.

Dabei sollte der Arbeitsspeicher eine Kapazität von 256 MByte nicht unterschreiten. Für Systeme mit weniger Arbeitsspeicher bieten die Entwickler eine sogenannte Loram-Version an, die ab 128 MByte Arbeitsspeicher einsatzfähig ist. Die zusätzlich verfügbare Loram-cdrom-Variante begnügt sich sogar mit nur 24 MByte RAM. Selbstverständlich lässt sich das System anschließend aus dem Startmenü heraus auch auf einem Massenspeicher installieren. Ist der Desktop aufgebaut, so findet der Anwender am oberen Bildschirmrand horizontal eine Panelleiste mit Startmenü und einem System-Tray. Auf dem Desktop können auch Icons abgelegt werden, so dass sich dieser optisch kaum von Desktop-Oberflächen wie XFCE oder LXDE unterscheidet.

Das in der Schweiz entwickelte Slitaz kommt mit einem eigenen Paketverwaltungssystem und einem dazugehörigen grafischen Paketverwaltungstool. Da nicht überall schnelle Internetverbindungen zur Verfügung stehen, können die mehrere tausend verfügbaren Pakete auch auf einer DVD gespeichert und anschließend von dieser installiert werden. Der Gesamtumfang der Pakete beläuft sich derzeit dabei auf rund drei GByte.

Das TazPanel ist in Slitaz das zentrale Verwaltungswerkzeug. Mit seiner Hilfe können nicht nur neue Applikationen installiert oder vorhandene Software auf den aktuellen Stand gebracht werden, sondern damit lassen sich auch verschiedenste Verwaltungsaufgaben durchführen.

Der Softwareumfang von Slitaz erreicht zwar nicht die Größe der anderen Probanden und bietet auch nicht die großen Applikationen wie LibreOffice, Gimp, Thunderbird oder Firefox, kann jedoch durch schlankere Alternativen wie die aus dem Gnome-Fundus entnommenen Programme Abiword und Gnumeric oder den schnellen Webbrowser Midori durchaus im Praxiseinsatz auf sehr alter Hardware überzeugen.

Fazit: Slitaz empfiehlt sich für sehr alte Hardware ab etwa der Pentium-II-Leistungsklasse, wobei lediglich ein relativ gut ausgebauter Arbeitsspeicher von 256 MByte vorhanden sein sollte. An Massenspeicher oder Grafikhardware stellt das System überhaupt keine Ansprüche. Damit Slitaz täglich eingesetzt werden kann, müssen die meisten Applikationen manuell installiert werden, was jedoch dank des grafischen Paketmanagers kein Problem ist.

Gesamteindruck

Die vier getesteten Linux-Distributionen zeigen eindrucksvoll, dass betagte Hardware durchaus noch sinnvoll und produktiv eingesetzt werden kann, sofern ein passendes Betriebssystem installiert wird. Kleine Linux-Distributionen weisen zwangsläufig funktionelle Mängel auf und sind schwierig zu handhaben? Alles Quatsch. Die von uns getesteten Betriebssysteme sind für ältere und alte Computer-Hardware geeignet und unsicheren und längst nicht mehr gepflegten Windows-Varianten vorzuziehen.  (ebw)


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