Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/need-for-speed-angespielt-rennspiel-reboot-fuer-tuner-und-autoliebhaber-1509-116581.html    Veröffentlicht: 29.09.2015 17:15    Kurz-URL: https://glm.io/116581

Need for Speed angespielt

Rennspiel-Reboot für Tuner und Autoliebhaber

Entwickler Ghost Games will mit dem neuen Need for Speed das Flair der alten Underground-Titel zurückbringen - mit Hilfe vielfältiger Tuning-Optionen, Live-Filmsequenzen und Ken Block. Golem.de hat das Rennspiel beim Studiobesuch in Göteborg angespielt.

Das neue Need for Speed erinnert uns bei unserer fünfstündigen Anspielsession beim schwedischen Entwickler Ghost Games sofort an den Serienteil Underground: Aufwendig gerenderte Spiegelungen im Asphalt, die durch prasselnden Regen noch verstärkt werden, Bokeh-Tiefenschärfe und HDR-Effekte auf LED-Bandenwerbung für Burgerläden lassen an den Rennspielklassiker aus dem Jahr 2003 denken. Dank Frostbite-Engine 3 erstrahlt Need for Speed jedoch in zeitgemäßer Optik. In Göteborg war die PS4-Version spielbar, die ruckelfrei mit 30 Bildern pro Sekunde läuft. Die PC-Fassung wurde kürzlich auf das Jahr 2016 verschoben, weil Ghost Games den ursprünglich geplanten Framerate-Lock aufheben will und mehr Zeit für die Optimierung der Engine benötigt. Spielerisch orientiert sich Need for Speed ebenfalls am Underground-Vorgänger und setzt auf einen Arcade-Ansatz. Allerdings fühlt sich das Rennspiel etwas nuancierter als früher an, geht damit etwas mehr in Richtung Simulation. Man spürt etwa am Auto, ob Fahrwerk und Reifen auf Drift oder Grip eingestellt sind. Dies geschieht anhand eines Reglers, der sich in jeweils drei Stufen nach links oder rechts schieben lässt. Doch das ist nur die grobe Basis für die Feinjustierung - wer sich besser mit der Materie auskennt, der passt den Reifendruck individuell an und widmet sich den üppigen Tuning-Optionen. Mehr PS wollen entsprechend gekühlt werden und verlangen nach besseren Luftfiltern, auch ECU-Chiptuning und unterschiedliche Turbolader gibt es. Letztere komprimieren die Luft, die in den Motor eingesaugt wird. Je mehr Luft in den Zylinder gelangt, desto mehr Benzin kann er ziehen.

"Wir dringen tief in die Autokultur ein", erklärt Executive Producer Marcus Nilsson (https://twitter.com/marcusnilsson) im Gespräch. "Je nach Tuning verändert sich auch der Sound des Motors rapide. Sie können einen 1972er Volvo 242 nehmen, 50.000 Dollar reinstecken (die Spielwährung, Anm. d. Red.), und er brüllt wie ein Mustang."

Wir haben das vor Ort selbst ausprobiert - und in der Tat, der Motorsound eines Porsche 911 lässt sich massiv modifizieren. Die Zuffenhausener klingen ja sonst immer ein wenig brav, können mit ein bisschen Tuning hier und da aber auch ihre Kraft herausbrüllen.

Die Story: Echtzeit-Compositing in Netflix-Qualität

Das auf der Gamescom 2015 angekündigte Echtzeit-Compositing funktioniert in der Vorab-Version bereits sehr gut. Dabei werden für den Story-Modus, der in der frei befahrbaren und in der an eine Mischung aus Los Angeles und San Francisco erinnernden Stadt Ventura Bay angesiedelt ist, animierte Rendermodelle in Echtzeit-Videosequenzen eingebaut. Die Filmsequenzen befinden sich qualitativ durchaus auf dem Niveau von Streamingdiensten wie Netflix, und auch die Schauspielerinnen und Schauspieler machen ihren Job gut. Unser digitaler Subaru BRZ rollt während des Probespiels in seinem aktuellen Zustand in die reale Garage, wo unsere Crew rund um die Charaktere Spike, Amy, Manu und Robyn bereits auf uns wartet. Mechanikerin Amy öffnet nun die Motorhaube und prüft die Zylinderköpfe. Löblich: Szenen wie diese sind nicht nur ein Gimmick, sie kombinieren clever Filmatmosphäre und Tuning-Optionen. Denn während die Clique um unser Auto herumsteht und tratscht, können wir für jeden einzelnen Part des Wagens - von der Motorhaube bis zum Seitenspiegel - unterschiedliche Paintjobs anlegen. So ist es unter anderem möglich, der Lackierung einen Metallic-Touch zu verpassen oder aus Tausenden Vinyls und fünf unterschiedlichen Zoll-Größen zu wählen. Auch hier gilt die gleiche Devise wie beim Performance-Tuning: Wer will, kauft fertige Kits von Rocket Bunny und Co., Autokenner hingegen suchen sich den Sniper-Wing-Spoiler für Mitsubishi Lancer Evolution MR oder Mercedes-AMG GT lieber selbst aus.

Weniger Fast & Furious, mehr Schmutz und Schlosserhose

Glücklicherweise scheinen die Zeiten vorbei zu sein, als die Rennspielserie ihre vornehmlich männliche Zielgruppe mit leicht bekleideten Dessous-Models ködern wollte. Frauen sind im kommenden Need for Speed zwar immer noch zahlreich vertreten, doch sie werden deutlich bodenständiger präsentiert, tragen Schlosserhosen und machen sich die Hände in der Werkstatt schmutzig. Überhaupt hinterlassen die Charaktere des Story-Modus einen sympathischen Eindruck: Die Figuren werden nicht als Übertypen à la Fast & Furious, sondern als normale Jungs und Mädels dargestellt, die ständig pleite sind und uns immer wieder auf dem Smartphone anrufen und fragen, ob wir nicht Lust auf ein lukratives Rennen oder eine neue Herausforderung haben. Teil der Handlung ist Rallye-Pilot Ken Block: Hat man einige spektakuläre Powerdrifts in den Haarnadelkurven der Crescent Mountains von Ventura Bay hingelegt, meldet sich der Gymkhana-König beim Spieler. Später können wir seinen Ford Mustang mit 850 PS selbst durch die Straßen prügeln.

Fünf Ikonen, fünf Spielmodi

In Need for Speed kommen neben Ken Block vier weitere sogenannte Ikonen vor. Diese dienen nicht nur als Mittel zum Zweck, sondern fungieren als Mentoren, geben Tipps und schalten neue Boliden frei. Zudem repräsentieren sie je eine der fünf Spielarten der offenen Welt: Speed, Style, Schrauber, Crew und Outlaw. Je nachdem, welche Herausforderungen wie Checkpoint-Rennen, Drift-Battles oder Touge-Rennen wir annehmen, lernen wir außer Block den japanischen Tuning-Künstler Nakai-san, Porsche-Experte Magnus Walker, PS-Yakuza Morohoshi-san und die Risky Devils kennen.

Letztere stehen für eine besondere Kunstform, die es so noch in keinem Need for Speed gab: Synchron-Drifts. Man kann mit bis zu drei weiteren Freunden Drift-Herausforderungen angehen, wobei der Abstand zwischen den Fahrzeugen so eng und der Driftwinkel so gleich wie möglich ausfallen muss, um die höchste Punktzahl einzufahren.

Doch was ist eigentlich mit der Polizei? Die wird in Need for Speed weitestgehend optional behandelt. Wird man beim Rasen erwischt, kann man auch einfach die fällige Strafe zahlen - oder eben flüchten. Dann schießt jedoch das Bußgeld ordentlich in die Höhe, man geht also ein entsprechendes Risiko ein. Das ist aber nötig, um mit Speed-Junkie Moroshi-san in Kontakt treten zu dürfen, der für abgeschüttelte Cops und Chaos auf den Straßen Geld, Autos und Zubehör springen lässt.

Fazit

Need for Speed ist ein kompromissloser Reboot, der der Rennspielserie guttut: Dem Spieler werden nicht mehr alle zehn Minuten neue Autos in die Garage gestellt, stattdessen stehen Feinjustierung und Tuning im Vordergrund. Auch die Geschichte ist schön erzählt; man fühlt sich schnell als Teil einer Clique. Fahrgefühl, Modi-Vielfalt und technische Umsetzung stimmen ebenfalls. Nur Ventura Bay könnte es auf Dauer etwas an Abwechslung fehlen: Abgesehen vom in Göteborg gezeigten Haarnadelkurs in den Crescent Hills vermissen wir noch Strecken, die sich ins Gedächtnis brennen. Ansonsten befinden sich die Entwickler aber auf einem guten Kurs.

Need for Speed ist ab dem 5. November 2015 für Playstation 4 und Xbox One erhältlich. Die PC-Version wurde auf Frühjahr 2016 verschoben und soll mit optimierter Grafik und allen bis zu diesem Zeitpunkt für die Konsolenfassungen veröffentlichten Updates erscheinen.  (bpfl)


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