Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/wearables-vom-kunstobjekt-zur-massenproduktion-1509-116551.html    Veröffentlicht: 30.09.2015 10:50    Kurz-URL: https://glm.io/116551

Wearables

Vom Kunstobjekt zur Massenproduktion

Elektronik in Kleidung klingt immer noch nach Science-Fiction. Dabei sind es nicht unbedingt die technischen Hürden, um die sich Modedesigner Gedanken machen müssen.

Die individuelle Zeitanzeige auf einer Smartwatch ist bereits Alltag. Doch die große Vision bei Wearables geht deutlich darüber hinaus: das Kleidungsstück als ein einziges großes Display, dessen Träger jederzeit Farbe und Muster nach seinen eigenen Wünschen anpassen kann. So stellt es sich Lisa Lang vor, Gründerin des Modelabels Electro Couture. Anlässlich der Wear-IT-Konferenz haben wir mit ihr über die aktuelle Herausforderungen bei elektronischer Kleidung gesprochen - die nicht nur technischer Natur sind.

Mit Absicht mehr Schein als Sein

Praktisch verwendbare Wearables haben sich in der Medizin und beim Sport längst etabliert. In der Mode, wo Ästhetik und nicht der reine Nutzen im Vordergrund steht, sind Textilien mit elektronischen Schaltungen heute hingegen oft noch reine Kunstobjekte oder selbstgenähte Einzelstücke. Im Mittelpunkt stehen dabei Leuchteffekte. Ging es ursprünglich um den Effekt an sich, so werden zunehmend Sensoren oder Funktechniken eingesetzt, um LEDs und Wirkung gezielt zu steuern oder durch die Umgebung zu beeinflussen.

Abseits von funktionaler Kleidung und Arbeitsbekleidung ist die Faszination für LEDs nicht zufällig: "Licht ist etwas Emotionales", sagt Lisa Lang. Durch steuerbare Lichtakzente und -muster könnten Träger individuelle Akzente setzen und Emotionen ausdrücken - auch wenn es sich um standardisierte Kleidung von der Stange handelt. Sie vergleicht es mit typischen Nerd-T-Shirts, die die Persönlichkeit des Trägers nach außen tragen.

Mit Elektronik gegen die Retrowelle

Außerdem sind Lichteffekte ein neues Werkzeug im gestalterischen Baukasten der Modedesigner, dessen richtiger Einsatz aber noch entwickelt werden muss. Denn der technische Look leuchtender Textilien mit sichtbaren Kabeln und Platinen ist nicht für jeden attraktiv. Er war ursprünglich dem Mangel an passender Elektronik für Bekleidung geschuldet, diente aber auch als gestalterisches Element.

Die Cyberästhetik war der Versuch, neue gestalterische Möglichkeiten auszuloten, genauso wie jetzt das Spiel mit Licht. Lisa Lang betont, wie sehr Designer mittlerweile nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten suchen, statt jede Saison eine neue Retrowelle zu verkünden.



Technische Fortschritte helfen Modedesignern

Die Technik hat sich inzwischen weiterentwickelt. Inzwischen gibt es nicht nur kleine Schaltkreise und leitfähige Fäden, die in Textilien eingenäht werden können. Auch für die Stromversorgung und das Reinigungsproblem werden Lösungsansätze entwickelt.

Mittlerweile werden Akkus produziert, die dünn und flexibel sind, so dass sie eingenäht werden können. Dank verfügbarer Induktionsladesysteme können sie aufgeladen werden, selbst wenn die Elektronik wasserdicht verpackt wurde. So kann die Kleidung auch problemlos gewaschen werden. Alternative Stromversorgungsansätze nutzen die Bewegung des Trägers aus oder Temperaturunterschiede zwischen der Haut und der Außenluft.

Aus der Sicht von Lisa Lang lassen sich die technischen Herausforderungen lösen. Eine größere Hürde ist es, Modedesigner mit den Folgen von Technik in Textilien vertraut zu machen. Dank Arduino & Co. ist die Hemmschwelle in den letzten Jahren gesunken, Berührungsängste wurden abgebaut. Solange ein Designer nur Einzelstücke für den Laufsteg schneidert, genießt er alle Freiheiten. Doch sobald es in die Produktion und in den normalen Verkauf gehen soll, müssen Designer umdenken. Wenn dann Elektronik hinzukommt, wird es noch schwerer.

Wearables sind eine Chance für die heimische Textilindustrie

Die Produktion in der klassischen Textilindustrie wird heute zumeist dominiert von Akkordnäherinnen in Asien. Der Kontakt zwischen der eigentlichen Produktion und dem Designer beziehungsweise dem Modelabel beschränkt sich häufig darauf, die Schnittmuster zu verschicken und die fertigen Produkte in Empfang zu nehmen. Das funktioniert, da die erforderlichen Kenntnisse und Arbeitsabläufe sich über Jahrzehnte eingespielt haben.

Für Designer ist die große Distanz aber nicht nur wegen der fragwürdigen Arbeitsbedingungen der Näherinnen ein Problem. Denn das Wissen um die besten Arbeitsabläufe bei elektronischen Textilien steht noch am Anfang. Der notwendige Wissensaustausch zwischen Designern, Ingenieuren und Nähern erfordert regionale Nähe und Kontrolle. Lisa Lang weist darauf hin, dass Europa in dieser Hinsicht besser dastehe als die USA, wo praktisch keinerlei Bekleidung mehr in Stückzahlen produziert werde.

Ein weiteres Neuland für den Gesetzgeber

Auch ein weiteres Thema ist neu für Modedesigner: Elektronische Textilien müssen wie alle anderen elektrischen Geräte den gesetzlichen Anforderungen entsprechen. Soll das erforderliche CE-Zeichen künftig das Wäschelabel zieren, muss die Hose oder die Jacke zuerst zum EMV-Verträglichkeitstest.

Noch ungeklärt ist die Frage nach der Rücknahmepflicht des Handels für gebrauchte Elektroniktextilien nach dem Elektro- und Elektronikgerätegesetz, das in ähnlicher Form in vielen Ländern der EU existiert. Das betrifft nicht nur die Modelabel, sondern stellt auch den Textilhandel vor eine vollkommen neue Situation.

Sobald Sensoren oder Kameras ins Spiel kommen oder der Jogginganzug anfängt, Daten ins Internet zu versenden, muss der Nutzer darüber aufgeklärt werden. Ob es für die Datenschutzerklärung und den Nutzungsvertrag ausreicht, auf dem Wäschelabel eine URL aufzubringen oder die Dokumente tatsächlich in Papierform beim Kauf dabei sein müssen, wird noch der Gesetzgeber oder ein Gericht klären müssen.



Modedesigner und Ingenieure müssen zusammenarbeiten

Lisa Lang ist jedoch zuversichtlich, dass auch diese Schwierigkeiten überwunden werden könnten, zumal diese Fragen in anderen Industriezweigen zum Alltag gehörten. Modelabels müssten sich das Wissen dazu heute von außen holen und viel ausprobieren. Mit ihrem eigenen Label produziert sie bereits dreistellige Stückzahlen. Ihr Hauptaugenmerk richtet sie aber darauf, Modedesignern technische Lösungen und Hilfestellung für die Produktion zu vermitteln.

Zu diesen Hilfestellungen gehört es auch, Ingenieure und Modedesigner zusammenzubringen. Das ist auch eines der großen Ziele der Wear-IT-Berlin-Konferenz. In Konferenzbeiträgen und im Rahmen einer Ausstellung zeigten Designer und Forscher aktuelle Produkte und Ideen für zukünftige Wearables aller Art, nicht nur Bekleidung. Eine Fortsetzung in Form eines Wearable-Hackathons planen die Macher für den Dezember 2015.  (am)


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