Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/version-42-1-opensuse-wagt-die-antwort-auf-den-ganzen-rest-1509-116296.html    Veröffentlicht: 23.09.2015 12:03    Kurz-URL: https://glm.io/116296

Version 42.1

Opensuse wagt die Antwort auf den ganzen Rest

Die Opensuse-Variante Leap kombiniert die Basis von Suses Enterprise Linux mit aktuellen Anwendungen. Die Frage nach dem Sinn dieses Konzepts beantworten die Verantwortlichen zwar scherzhaft mit "42" - es soll aber den Bedürfnissen der Nutzer ernsthaft entsprechen.

Schon die erste offizielle Ausgabe von Suse-Linux erschien nicht als Version 1.0, sondern als 4.2. Mit dem für Anfang November geplanten Opensuse Leap 42.1 spielt Community erneut auf Douglas Adams' Per Anhalter durch die Galaxis an: Die Zeichen stehen auf Neustart und für einen nach Meinung vieler nötigen Innovationssprung. Die Distribution wird dabei völlig umgebaut.

In dem Roman steht die Zahl 42 bekanntlich für die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens, genauer des Lebens, des Universums und des ganzen Rests. In ähnlicher Weise stellt sich die Sinnfrage bei dem neuen Konzept von Opensuse in mehrfacher Hinsicht: Was bedeutet es für die Zukunft von Suse, wenn die Community-Distribution nicht mehr wie bisher als Vorstufe für die Enterprise-Produkte eingebunden ist, die Geld einspielen? Und was bringt eine Linux-Distribution auf Basis des konservativen Suse-Enterprise-Linux den Mainstream-Anwendern?

Leap ist nicht der erste Neustart

Vor etwa zehn Jahren hat Suse sein Entwicklungs- und Geschäftsmodell grundlegend umgestellt. Die Firma reagierte auf den durch das DSL-Zeitalter verursachten starken Rückgang der Verkäufe von Installations-CDs und -DVDs plus Handbuch, indem sie ihre Hauptdistribution in Opensuse umbenannte und deren Entwicklungsprozess für die Community öffnete.

Kurz darauf ermöglichte der öffentliche Opensuse-Build-Service jedem Anwender, der erfahren ist im Bau von Softwarepaketen, die Mitarbeit an dem Projekt. Die Installations-Images waren frei im Netz verfügbar, Gewinne erbrachten fortan die Enterprise-Produkte, die Teile der Vorarbeit aus Opensuse übernehmen.

Mit Leap organisiert Suse seine Arbeitsweise nun ein zweites Mal um: Die nächste Opensuse-Ausgabe wird in ihrer Systembasis auf Enterprise-Linux basieren, das mit konservativen Softwareversionen ausgestattet ist. Der bereits existierende Rolling-Release-Zweig Tumbleweed soll aktuelle Software beisteuern, vor allem für Desktop-Nutzer.

Suse löst sich also zum Teil von dem bewährten Modell nach dem Vorbild von Redhat mit Fedora. Bei diesem bietet eine offene, auf aktuelle Programmversionen ausgerichtete Community-Distribution die Test-und Entwicklungsbasis für Enterprise-Produkte mit Langzeit-Support. Opensuse Leap soll künftig synchron zu den Enterprise-Produkten SLES und SLED mit einer Laufzeit von über vier Jahren samt Service-Packs im 18-Monats-Rhythmus erscheinen. Die Community hat für den Neuansatz den Namen Leap gewählt, um die "sprungweise" Aktualisierung im Gegensatz zu dem rollenden Tumbleweed zu betonen. Die erste Versionsnummer wird 42.1 lauten, mit dem nächsten SLES-Service-Pack erscheint dann 42.2 und so weiter.

Konservativ und progressiv zugleich

Opensuses Chairman Richard Brown hat Anfang Mai in einem Vortrag auf der Opensuse Conference erstmals die Mischung aus getesteten Paketen von Suses Enterprise Linux und den aktuellen aus Tumbleweed vorgestellt. Demnach sollen etwa 1.000 Pakete inklusive der Updates aus SLE übernommen werden, etwa 6.000 weitere werden wie bisher durch das Opensuse-Community-Projekt beigesteuert.

Die Verteilung aus stabilem Distributionsunterbau und aktuellen Anwendungen soll dabei flexibel bleiben. Das Opensuse-Team kann jederzeit alte Software-Versionen aus SLE durch eine aktuellere Fassung ersetzen. Lediglich der Arbeitsaufwand beim Bereitstellen von Fehlerkorrekturen begrenzt deren Zahl.

Ein Beispiel, wo dies bereits auffällig in den ersten Meilensteinen von Leap geschehen ist, ist der Linux-Kernel 4.1, der die Unterstützung von neuer Hardware sicherstellen soll. In SLES 12 Service Pack 1 kommt dagegen Linux 3.12 zum Einsatz. Zudem bringt Leap wie etwa Kubuntu oder Fedora aktuelle Versionen des KDE-Plasma-Desktops und von Gnome mit.

Schwer umsetzbarer Kompromiss für Nutzer

Etwas mehr als 1.200 Pakete wird die neue Opensuse-Ausgabe aus SLES erben. Meist sind dies sehr kritische Komponenten wie etwa Systemd oder der Apache-Webserver. Dabei ist zu beachten, dass die Service Packs für SLES, die alle acht Monate erscheinen, auch neue Software-Versionen einführen. Nur die wenigsten der von der Enterprise-Sparte übernommenen Pakete werden also vier Jahre ohne größeres Update auskommen müssen. In Ausnahmefällen werden auch alte und aktuelle Versionen nebeneinander angeboten, etwa GCC 4.8 und 5.

Brown erklärt in seinem Vortrag, dass Opensuse Leap damit einen Kompromiss für zwei Fraktionen von Anwendern erreichen wolle. Den einen fehlten in der stabilen Fassung 13.2 aktuelle Programme, den anderen sei der Rolling-Release-Zweig Tumbleweed dagegen in letzter Zeit zu instabil geworden. Schließlich fließe seit Sommer 2014 der gesamte experimentelle Factory-Zweig nach einem automatisierten Test dort ein. Tumbleweed hat sich damit von dem ursprünglichen Addon, das stabile Opensuse-Installationen mit ausgewählten neueren Anwendungen auffrischt, in eine vollständige Rolling-Release-Distribution verwandelt.

Der neue Ansatz für Leap wird dagegen eine ausgiebig getestete und langlebige Basis regelmäßig mit aktuellen Anwendungen versorgen - ein Kompromiss, der viele Linux-Benutzer ansprechen soll. Zeitaufwendige und vergleichsweise heikle Upgrades der gesamten Distribution gibt es nur noch alle vier bis fünf Jahre. Dennoch spielt der Paketmanager laufend aktualisierte Versionen von Programmen wie Firefox, Libreoffice und Ähnlichem ein.

Zu schön, um wahr zu sein Oft sind diese im Open-Build-Service bereits verfügbar oder wenigstens leicht zu aktualisieren. Mitunter artet der Paketbau für die veraltete Distribution aber in eine zeitraubende Fehlersuche aus oder scheitert ganz. Wenn Programme bestimmte aktuelle Bibliotheksversionen benötigen, lässt sich die Software in einer in die Jahre gekommenen Umgebung schlicht nicht mehr kompilieren.

Opensuse stehen zwar viele Beteiligte und die notwendige Erfahrung zur Verfügung, weshalb die Entwickler eventuell einzelne Bibliotheken der stabilen Basis austauschen könnten. Die Idee zur Umsetzung von Leap erscheint allerdings zu schön, um wahr zu sein.

Eine über Jahre unveränderte Basis plus aktuelle Versionen aller gängigen Anwendungen bereitstellen - dass sich dieses Vorhaben ohne Einschränkungen nur schwer bis zum Schluss umsetzen lassen wird, gibt auch Opensuse-Chairman Brown im bereits zitierten Vortrag zu. Er rechnet deshalb mit einem abnehmenden Update-Tempo gegen Ende der etwa vierjährigen Laufzeit der Basis-Distribution.

Für viele Anwender dürfte ein besserer Kompromiss aus Stabilität und Aktualität als mit dem bisherigen Release-Zyklus dennoch vielversprechend sein. Denn in den vergangenen Veröffentlichungen landeten neu erschienene Programmversionen fast zwangsläufig erst mit mehrmonatiger Verzögerung im stabilen Zweig.

Opensuse-Projekt war überlastet

Zudem hat die verspätet erschienene Version 13.2 gezeigt, dass selbst der von vielen schon als langsam empfundene Achtmonatsrhythmus der Veröffentlichungen nicht mehr gehalten werden konnte. Die Infrastruktur der Build-Service mit dem stetig anwachsenden Paketbestand forderte das vergleichsweise kleine Opensuse-Team zu sehr.

Einen Einblick in die Probleme und Verunsicherungen dieser Zeit gewährt ein Thread aus der Opensuse-Mailing-Liste vom Januar 2014, in dem Opensuse-Board-Mitglied Michal Hrusecky ankündigt, dass die Community das nächste Release ohne Mithilfe des von Suse festangestellten Teams stemmen müsse.

Stattdessen wurde die Veröffentlichung von Opensuse 13.2 verschoben. Im neuen Modell setzt Suse darauf, dass das Enterprise-Team rund 1.000 Pakete inklusive Patches in der für die Sicherheit besonders relevanten Systembasis beisteuert. Bisher war die Mitarbeit des Enterprise-Teams an Opensuse wegen des Abstands der beiden Zweige kaum möglich.

Vertrauter Eindruck trotz ungewisser Zukunft

Noch ist Leap ein Experiment mit offenem Ausgang, auf das sich Suse mit dem Zusammenwürfeln seiner beiden Linux-Sparten einlässt. Mit den bereits erschienen Meilensteinen von Opensuse Leap 42.1 und der noch für September geplanten Beta hat das Team aber bereits eine Synthese aus dem für November erwarteten Service Pack 1 von SLE 12 und eigenen Paketen aus dem Factory-Entwicklungszweig erstellt.

Diese Kombination ergibt eine Opensuse-Version, die sich überraschend vertraut anfühlt: Die neue Ausgabe nutzt den seit langem geläufigen Installer. Wie bisher wird für das Root-Volume das Dateisystem Btrfs mit eingebauter Schnappschussfunktion eingesetzt. Und wie beim Vorgänger ist das Yast-Modul Snapper für eine einfach zu bedienende Snapshot-Verwaltung integriert. Dadurch kann ein Zustand des Betriebssystems vor dem letzten Update wiederhergestellt werden, falls Probleme auftreten.

Standarddesktop bleibt KDE Plasma, als Alternative sind Gnome, LXDE, Xfce, eine minimale grafische Umgebung sowie ein Textmodus für Server verfügbar. Zumindest im Kurztest gab es keine offensichtlichen Fehler oder Abstürze, weder im neuen Desktop Plasma 5 noch beim Rest der Distribution. Dass die Stabilität der neuen Opensuse-Ausgabe schlechter ausfallen wird als die ihrer Vorgänger, ist wohl nicht zu erwarten. Wie üblich werden die Designer von Opensuse der als Neuanfang beworbenen Fassung bis zum November aber noch ein eigenes Aussehen verpassen.

Die Anwendungsversionen fallen im Vergleich zu Tumbleweed etwas konservativ aus. Sie sind in Einzelfällen derzeit sogar weniger aktuell als beim Ende April erschienenen Ubuntu 15.04. Das gilt etwa für Libreoffice. Anders als etwa bei Ubuntu müssen Opensuse-Anwender aber nicht mehr bis zum Distributions-Upgrade auf neue Programmversionen warten. Der Paketmanager wird sie im laufenden Betrieb einspielen, sobald die Pakete verfügbar sind. Schon die Vorschau auf Leap 42.1 zeugt von einem stimmigen Linux-System. Die wenigsten Anwender werden ihm den veränderten Entstehungsprozess überhaupt anmerken. Auffällig wird das neue Konzept allerdings, wenn ein vermeintlich vertrautes Programm nach einem Update plötzlich in veränderter Optik oder Funktionalität startet.

Linux-Nutzer waren aber schon immer nach jedem Upgrade ihrer Distribution mit neuen Softwareversionen konfrontiert. Rolling-Release-Distributionen wie Arch Linux oder eben Opensuses Tumbleweed-Zweig folgen der Ansicht, dass es besser sei, den Anwender in kleinen Schritten mit veränderten Programmversionen vertraut zu machen als mit einem großen Upgrade. Nun verschreibt sich auch der Opensuse-Mainstream diesem Ansatz.

The Future is unwritten

Die Entwickler suchen mit Opensuse Leap nach einem neuen Kompromiss zwischen Ärger beim Update und Freude über den Fortschritt. Die Kerndistribution nimmt dabei nicht an den fortlaufenden Veröffentlichungen teil. Viele Desktop-Anwender hätten an dieser Stelle ohnehin wenig von den Neuerungen. Doch die meisten werden sich über regelmäßig aktualisierte Alltagsprogramme freuen.

Die größten Nachteile des neuen Bauprinzips sind eher technischer oder sogar politischer Natur. So muss sich noch zeigen, ob der Mehraufwand, für eine teilweise alte Basis aktuelle Anwendungen bereitzustellen, den Vorteil aus der Übernahme der Fehlerkorrekturen von der Enterprise-Sparte wieder zunichtemacht. Abzuwarten bleibt auch, ob SLES seine Qualität halten können wird, wenn die Opensuse-Vorstufe in der bisherigen Form wegfällt. Unklar ist ebenfalls noch, was das für die Stellung von Opensuse in einem insgesamt kommerziell ausgerichteten Unternehmen überhaupt bedeuten wird.

So dramatisch wie das Experiment mit der Erde in Douglas Adams' Buch, das kurz vor Abschluss einer intergalaktischen Autobahn weichen muss, wird Opensuse Leap wohl nicht scheitern. Dafür bürgen die verfügbaren Vorschauversionen. Doch als gelungen lässt sich der Versuch der Neugestaltung erst bezeichnen, wenn der Zustand der Distribution gegen Ende des ersten Release-Zyklus in drei bis vier Jahren das rechtfertigt. Treffend nannte Richard Brown seinen Vortrag, in dem er den neuen Entwicklungsprozess vorstellt, "The Future is Unwritten".  (pkr)


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