Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/urheberrechte-gema-alternative-c3s-will-2016-starten-1509-116281.html    Veröffentlicht: 21.09.2015 09:07    Kurz-URL: https://glm.io/116281

Urheberrechte

Gema-Alternative C3S will 2016 starten

Die Gründer der C3S wollen ein zeitgemäßes Urheberrecht und das Monopol der Gema bei der Musikverwertung brechen. Jetzt geht das Projekt in den "Endspurt".

Die letzten anderthalb Jahre waren besonders anstrengend für die rund 20, fast ausschließlich ehrenamtlich arbeitenden Mitarbeiter der Cultural Commons Collecting Society (C3S). Sie haben Fördergeld eingesammelt, neue Geschäftsräume bezogen, Kommissionen gegründet, über Satzungen, Tarife und Verträge diskutiert und viel programmiert. Deswegen verordneten sie sich im August erst einmal Betriebsferien, "zum Kräftesammeln vor dem Endspurt", wie es auf der Webseite hieß.

Dieser Endspurt soll mit einer Zulassung beim Deutschen Patent- und Markenamt (DPMA) enden. Erst dann wäre die C3S berechtigt, die Rechte von Komponisten und Textdichtern zu vertreten. So wie es der Noch-Monopolist bei den Musikverwertungsgesellschaften, die Gema, für ihre mehr als 69.000 Mitglieder tut - oder besser gesagt: anders, als es die Gema tut. Nämlich mit einer selbst entwickelten Software, die lizenzierte Musik automatisch erfassen soll, und mit der Möglichkeit, Stücke unter eine Creative-Commons-Lizenz zu stellen.

Den Antrag für die Zulassung beim Patentamt wollte die C3S eigentlich in diesem Herbst einreichen. Weil aber in der EU gerade das Urheberrecht reformiert und es dann neue nationale Gesetze geben wird, lassen sie sich damit eventuell noch etwas mehr Zeit, bis die Rechtslage klar ist.

Monopol der Gema brechen

Vielleicht ist ein bisschen mehr Zeit gar nicht schlecht: Denn es ist noch einiges festzuzurren, bevor der Gema-Konkurrent den Künstlern sein alternatives Musikverwertungssystem anbieten kann. Ein System, das von nicht wenigen Musikern herbeigesehnt wurde und das, so wird häufig gesagt, dabei helfen soll, das Urheberrecht ins digitale Zeitalter zu befördern.

Die C3S kritisiert an der Gema unter anderem, dass in ihrem System nicht nachvollziehbar sei, wer wie viel Tantiemen bekommt und dass Künstler nicht selbst entscheiden können, unter welcher Lizenz sie ihre Werke veröffentlichen. Um es auf einen Satz zu bringen: Die C3S will mehr Freiheit und Selbstbestimmung für die Künstler.

Freie Nutzung, schnelle Abrechnung

Deswegen unterscheidet sich die Art, wie die C3S Rechte von Musikschaffenden vertreten will, in einigen Punkten deutlich von jener der Gema. Ein großer Unterschied ist, dass die Künstler ihre Werke dort auch gratis zur Verfügung stellen können, unter der CC-Lizenz, die die meisten Internetnutzer zum Beispiel von Wikipedia kennen.

Ein weiterer Unterschied ist die automatische Erfassung der bei der C3S registrierten Werke. Eine selbst entwickelte Software soll das leisten. Sie nutzt das von Songerkennungsdiensten wie Shazam bekannte Konzept des Audio-Fingerprintings. Das Programm analysiert das Lied, greift sich dessen Charakteristika und erstellt daraus einen Code, der einen Song eindeutig identifizieren kann. Mit der Software werden die Tracks in Echtzeit erfasst und idealerweise schnell abgerechnet.

Noch 2.500 Mitglieder gesucht

Wie schnell abgerechnet wird, und wer wie viel bekommen soll, ist aber noch offen. Wie bei der Gema wird es verschiedene Tarife geben. Unterschieden wird nach Art der Nutzung, etwa ob ein Lied bei einem Live-Konzert gespielt wird, von einem DJ oder als Hintergrundmusik in einer Kneipe. An der Formel, aus der sich die Tarife nachvollziehbar ableiten lassen sollen, wird derzeit noch gearbeitet. Sie soll in der Software hinterlegt werden. Ein Tarif-Algorithmus wird dann die Lizenzforderungen berechnen. Dazu greift er auf eine Datenbank zurück, in der alle zur Berechnung wichtigen Informationen zu den einzelnen Nutzungsformen hinterlegt sind.

Weil die Kosten mit den Mitgliedsbeiträgen allein nicht zu decken sind, soll auch eine Verwaltungsgebühr erhoben werden. "Unser derzeitiges Konzept sieht aber sowohl Freibeträge vor, um Urheber mit kleinen Einnahmen zu entlasten, als auch einen progressiven Verwaltungsabzug, ähnlich dem Steuersystem", sagt Meik Michalke, einer der Gründer und geschäftsführenden Direktoren der C3S.

Den Mitgliedsbeitrag hat die C3S vorerst auf 50 Euro pro Jahr festgelegt. Momentan hat sie rund 1.000 Mitglieder, etwa die Hälfte sind sogenannte nutzende Mitglieder. Es gibt also momentan rund 500 Musikschaffende, die ihre Werke bei der C3S registrieren lassen würden. Das würde für eine Zulassung durch das DPMA wohl nicht reichen. Zwar verlangt das Patentamt keine bestimmte Zahl an Mitgliedern, sehr wohl aber eine solide Geschäftsgrundlage. Die C3S hat selbst errechnet, wie viele Mitglieder sie bräuchte: 3.000. Genauer gesagt: 3.000 Künstler mit einem "verwertbaren Repertoire", die also mit ihrer Musik Geld verdienen.

Wird die C3S überhaupt etwas auszuschütten haben?

Dabei setzt die C3S nicht nur auf Künstler, die mit ihrer Kunst nichts verdienen (wollen), die ihre Werke gratis zur Verfügung stellen, um sich überhaupt bekannt zu machen, oder weil sie die Idee leben, dass Kunst frei verbreitet werden sollte. Die Gefahr, dass der Creative-Commons-Gedanke in dieser Genossenschaft so sehr dominiert, dass es am Ende nichts an Tantiemen abzurechnen gibt, sieht Meik Michalke nicht: "Wir finden es unabdingbar, dass eine Verwertungsgesellschaft in dieser Zeit ganz selbstverständlich auch CC-Lizenzierung ermöglichen muss. Aber wir verstehen das von Anfang an als zusätzliches Angebot, das sehr gut gemeinsam mit der klassischen Lizenzierung abgewickelt werden kann."

Michalke hofft, damit auch ein weit verbreitetes Missverständnis ausräumen zu können: dass CC-Lizenzierung und Lizenzeinnahmen ein Widerspruch seien. Auch bei CC-lizenziertem Material gibt es nämlich Spielraum für zusätzliche Lizenzeinnahmen. Etwa, wenn sich ein Urheber von einer Firma, die einen Song für einen Werbefilm verwendet, das Recht an der Namensnennung - der einzigen nicht verhandelbaren Bedingungen von Creative Commons - abkaufen lässt. Zudem bleibt es einem Urheber jenseits der CC-Lizenz unbenommen, seine Stücke auch zu verkaufen.

Es darf auch gespendet werden

Zusätzlich zur Musikverwertung hat die C3S noch ein System entwickelt, mit dem Fans an Musiker spenden können. Es heißt Adore und funktioniert in Verbindung mit einem Plugin. Für den Mediaplayer Clementine gibt es bereits ein solches Plugin, es soll sie aber künftig auch für andere Player geben.

Das Plugin-System soll auch für die klassische Musikverwertung eingesetzt werden, "etwa als Kernkomponente in sogenannten Black-Boxen, die in einem Club hängen können, um automatisch Titellisten zu erzeugen. Damit lassen sich auch Rundfunk-Streams analysieren", erklärt Meik Michalke.

Die Gema reagiert

Dass es bei der Gema keine Möglichkeit gibt, einzelne Werke unter eine freie Lizenz zu stellen, hält nicht nur die C3S für ein Unding. Vielen Internetnutzern ist es wichtig, ihre Texte, Musik, Fotos möglichst breit in der Netzgemeinde zu streuen, ohne jedem Einzelnen eine Erlaubnis dafür geben zu müssen. Offenbar hat man das auch bei der Gema erkannt.

Im Mai schrieb sie auf Twitter, ein neues Modell ermögliche die Vergabe vergütungsfreier Lizenzen durch Gema-Mitglieder. Damit würde die Gema erstmals Creative-Commons-Lizenzen zulassen. Zu den Details ist aber noch nichts bekannt. Löst die Gema ihren Grundsatz auf, dass sie stets das gesamte Repertoire eines Künstlers vertritt? Welche Bedingungen werden an die CC-Lizenzvergabe geknüpft sein? Wann soll das Modell kommen? Eine Anfrage an die Gema dazu blieb unbeantwortet.

Die Veränderungen bei der Gema sind wohl nicht zuletzt auf die C3S und ihre Ideen von Musikverwertung im digitalen Zeitalter zurückzuführen. Dennoch: Wirklich fürchten muss sie die neue Verwertungsgesellschaft erst einmal nicht. Mit ihren mehr als 1.000 Mitarbeitern und ihren mehr als 800 Millionen Euro Erlösen wird die Gema erst einmal die mächtigste Musikverwertungsgesellschaft hierzulande bleiben.  (jf)


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