Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/autonomes-fahren-das-fahrrad-das-keinen-fahrer-braucht-1509-116251.html    Veröffentlicht: 11.09.2015 11:59    Kurz-URL: https://glm.io/116251

Autonomes Fahren

Das Fahrrad, das keinen Fahrer braucht

Ein fahrerloses Fahrrad ist ein Hingucker. Aber wozu ist es gut? Über die Frage lachen selbst die Erfinder. Ein paar gute Einsatzideen haben sie trotzdem schon.

Das Fahrrad fährt - allein, ohne jemanden, der in die Pedale tritt. Angetrieben wird es von einem Elektromotor in der Nabe des Hinterrades. Gesteuert wird es von Welix Klaas - in bester James-Bond-Manier - mit dem Smartphone. Schauplatz der Demonstration ist allerdings kein Parkhaus in Hamburg, sondern das Euref-Gelände in Berlin, direkt neben dem Gasometer Schöneberg.

Klaas ist einer der Gründer des Unternehmens Comodule. Das aus Estland stammende Startup mit Sitz in Berlin hat eine Technik entwickelt, um Fahrräder zu vernetzen. "Als wir das alles entwickelten, wurde uns klar, dass es von da nur ein paar Schritte bis zum autonomen Fahren sind", erzählt er. "Wir dachten uns: Warum bauen wir nicht einfach einen Prototyp?"

Das Fahrrad wird per Smartphone gesteuert

Klaas legt seinen Finger auf einen roten Punkt auf seinem Smartphone-Bildschirm und schiebt ihn langsam in Richtung des oberen Bildrandes. Daraufhin setzt sich das Rad in Bewegung. Gelenkt wird per Bewegungssteuerung: Neigt Klaas das Smartphone nach links oder nach rechts, drehen sich die Vorderräder in die jeweilige Richtung.

Dass das autonome Fahrrad dabei nicht umkippt, hat einen einfachen Grund: Es ist ein Dreirad, genauer gesagt ein Lastfahrrad Veleon, das von dem Berliner Unternehmen Adomeit Group entwickelt wurde; Comodule hat die E-Bike-Variante umgebaut.

Das Fahrrad folgt

Aber wozu ist ein autonomes Fahrrad nützlich? "Ehrlich gesagt: Wir wissen es auch nicht genau", sagt Klaas und lacht. "Wir wollen die Menschen anregen, sich Gedanken über verschiedene Einsatzmöglichkeiten zu machen." Allerdings, sagt er, hätten sie einige Ideen: Das Lastfahrrad kann einer Person folgen. Es eigne sich beispielsweise als Postfahrrad. Der Briefträger fährt mit dem Fahrrad zum Einsatzort. Er steigt ab und geht von Haus zu Haus, um die Post zu verteilen. Sein Fahrrad folgt ihm dabei, ohne dass er sich darum kümmern muss. Straßenkehrer könnten das Fahrrad ebenso nutzen.

Ein anderes Szenario könnten autonome E-Bikes sein, die als Leihfahrräder eingesetzt werden. Die Nutzer stellen sie - ähnlich wie ein Auto aus einem Carsharing-Programm - am Ende ihrer Fahrt ab. Nachts könnten die Räder dann autonom zur Ladestation fahren. Das müssen dann auch keine dreirädrigen Lastfahrräder sein: Verschiedene Entwickler arbeiten daran, dass normale zweirädrige Räder autonom fahren.

Allerdings ist das ein Blick in eine fernere Zukunft, das autonome Fahrrad lediglich ein Nebenprodukt der Technik, die Comodule entwickelt hat, um Fahrzeuge zu vernetzen.

Internet der Dinge für E-Bikes

Ziel sei, die Vernetzung, wie sie einige Hersteller heute schon in ihre Autos integrieren, auch auf Elektrofahrräder und andere elektrische Leichtfahrzeuge wie Roller oder Segways zu übertragen, sagt Klaas im Gespräch mit Golem.de. Hersteller, Zulieferer und andere sollen so einen Rückkanal für ihre Produkte bekommen.

Das System besteht aus drei Komponenten. Da ist zunächst die Hardware: ein kleines Board mit GPS-Sensor, Bluetooth und einer SIM-Karte, das bei der Montage in ein Elektrofahrrad verbaut wird. Das Fahrrad überträgt Daten an eine Cloud-Plattform zur Datenanalyse. Ein Hersteller bekomme darüber aggregrierte Daten über sein Produkt. So könne er sehen, wie seine Produkte genutzt werden, ob es Serienfehler oder Möglichkeiten zur Verbesserung gebe. Ein Verleiher könne erkennen, wo seine Räder am häufigsten eingesetzt und abgestellt werden. "Das ist Internet der Dinge für E-Bikes und andere elektrische Leichtfahrzeuge", sagt Klaas.

Unternehmen erhalten anonymisierte Daten

Wichtig bei so einem System sei der Datenschutz. Comodule werde deshalb sicherstellen, dass jeder nur Zugriff auf die Daten erhalte, die er benötige. So erhalte ein Hersteller nur anonymisierte Daten. Er könne zwar einen Kunden kontaktieren. Die Kontaktaufnahme laufe aber über die Cloud-Plattform von Comodule. Erkenne der Hersteller etwa, dass der Akku an einem Fahrrad ausfalle, könne er eine Benachrichtigung an den Cloudserver schicken, der sie dann an den entsprechenden Kunden weiterleitet.

Die Vorteile für die Unternehmen sind klar, die für die Radler weniger. "Wir haben uns viele Gedanken darüber gemacht, was der Fahrradbesitzer davon hat", sagt Klaas. Für ihn ist die dritte Komponente gedacht: eine App, die es für Smartphones und Smartwatches geben wird. Darüber kann er sein Fahrrad zwar nicht autonom fahren lassen. Er kann aber zumindest einige Funktionen steuern, etwa einstellen, wie stark der Motor beim Treten helfen soll, oder die Lichter ein- und ausschalten.

Die App zeigt Reichweite an

Zudem bietet ihm die App wertvolle Informationen, etwa über die Reichweite des E-Bikes. Sie zeigt nämlich nicht einfach den Ladestand des Akkus an - womit sich nur bedingt etwas anfangen ließe -, sondern stellt auf einer Landkarte dar, wie weit der Radler von seinem aktuellen Standort aus noch kommt. Bei der Berechnung werden Steigungen ebenso berücksichtigt wie das Fahrverhalten des Radlers, weshalb die Vorhersagen mit der Zeit genauer werden.

Mit Hilfe des GPS lassen sich die Routen, die mit dem Fahrrad zurückgelegt werden, aufzeichnen und dann auch mit Freunden teilen. Über das GPS lässt sich das Fahrrad auch orten, was praktisch ist, wenn es geklaut wurde. Schließlich gibt die App Auskunft über den Status des Akkus. So sieht der Besitzer, wie viel Speicherkapazität der Akku nach längerer Zeit im Gebrauch verloren hat.

Comodule hat das System kürzlich auf der Fahrradmesse Eurobike in Friedrichshafen vorgestellt - es war integriert in das E-Bike Coboc Commuter Bike, das prompt ausgezeichnet wurde. Neun Hersteller aus Deutschland, Estland, Großbritannien, der Schweiz und den USA testeten das System derzeit, sagt Klaas.  (wp)


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