Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/owncloud-warum-sollte-uns-jemand-trauen-1509-116082.html    Veröffentlicht: 03.09.2015 10:18    Kurz-URL: https://glm.io/116082

Owncloud

"Warum sollte uns jemand trauen?"

Kein Sammeln von Kundendaten, kein monolithisches Wachstum, enge Zusammenarbeit mit der Community: Owncloud macht vieles anders als andere Cloud-Dienste - mit großem Erfolg. Das liegt auch daran, dass das Unternehmen nicht um allzu großes Vertrauen wirbt.

Konkurrenz für die Cloudspeicherdienste Dropbox oder Google Drive sei Owncloud auf keinen Fall, sagt der Mitgründer und Geschäftsführer Markus Rex. Schließlich unterscheiden sich die Zielgruppen der Nutzer deutlich. Vor allem aber möchte Owncloud keine Daten von seinen Nutzern. Denn welchen Grund hätten die Nutzer sonst, ausgerechnet Owncloud zu vertrauen?

Mit dieser verblüffend einfachen rhetorischen Frage beschreibt Rex im Interview mit Golem.de die für viele Privatnutzer immer noch ungewöhnlich erscheinende Geschäftsgrundlage des seit fast vier Jahren existierenden Unternehmens. Anders als etwa Dropbox agiert Owncloud eben nicht als Serviceprovider und hostet damit keinerlei Dateien seiner Kunden. Sie müssen persönliche Inhalte damit keinem Dritten anvertrauen, sondern können sie auf ihrer eigenen Hardware belassen.

Möglich macht das die gleichnamige freie Software zum Hosten und Synchronisieren von Dateien im Web. Sie bietet zwar ähnliche Funktionen wie die erwähnten Cloudspeicheranbieter. Doch Interessierte können den Server jederzeit auf einem Heimrechner installieren oder eben im firmeneigenen Rechenzentrum. Deshalb spricht Owncloud vor allem jene Nutzer an, die ihre Daten nicht herausgeben wollen oder können, weil dem etwa Betriebsgeheimnisse entgegenstehen.

Geld verdienen ohne Datensammelwahn

Für Rex, der seit etwa 20 Jahren an Open-Source-Software und deren Weiterverbreitung arbeitet, ergibt es auch schlicht keinen Sinn, in einem Markt zu konkurrieren, der Kunden an extrem niedrige Preise gewöhnt hat und von einigen wenigen, aber riesigen Unternehmen dominiert wird. Deshalb agiert Owncloud in der Tradition der freien Software als klassischer Dienstleister.

Das Unternehmen erstellt ein Produkt, entwickelt dieses weiter, behebt Fehler und stellt seinen Kunden Updates zur Verfügung. Hinzu kommen Tätigkeiten als Berater beim Aufsetzen und Betreuen der Software. Abgerechnet wird im Abo, je nach Zahl der Nutzer und Häufigkeit des Supports.

Dieses Geschäftsmodell ist seit Jahrzehnten erfolgreich erprobt und funktioniert auch für die Chefs von Owncloud sehr gut. Für Produktchef Matt Richards bleibt dabei die Hoheit über die eigenen Daten das wohl wichtigste Verkaufsargument. "Niemand will Steuerdaten oder Krankenakten in einer öffentlichen Cloud speichern", sagt Richards. Das eigene Hosting nutzen vor allem große Forschungseinrichtungen wie das Cern und Universitäten sowie Behörden und Ministerien.

Die freie Verfügbarkeit von Owncloud führt letztlich aber auch dazu, dass viele Privatpersonen die Software kostenlos einsetzen und das Projekt so bekannter machen. Ebenso stammen vergleichsweise viele Beiträge von externen Entwicklern, die auch Geld damit verdienen. Für Rex ist das eine nahezu optimale Situation.



Ohne Mission, aber mit Plattform

Daran wird ebenfalls deutlich, wie sich die Firmenphilosophie Ownclouds von den allumfassenden Ansprüchen der Konkurrenz abhebt. Statt monolithisch zu wachsen, pflegt Owncloud ein für Außenstehende eher unübersichtliches Netzwerk an Kooperationen.

So werden in Staaten, in denen Owncloud nicht selbst aktiv ist, Vertriebspartner hinzugezogen, die dort auch häufig länger tätig und damit bekannter sind als Owncloud. Außerdem gibt es lokale Partner, die zum Beispiel die Software in bereits vorhandene Infrastruktur integrieren, sowie natürlich Hostinganbieter, die die Administration und den Zugang zu einer Owncloud-Instanz für Kunden übernehmen.

Diese in der Software-Industrie weit verbreitete Zusammenarbeit mit regionalen Dienstleistern und Wiederverkäufern ist aber nicht die einzige Möglichkeit, an Owncloud zu verdienen. So gebe es inzwischen einige Anbieter, die Owncloud-Apps kommerziell vermarkten, sagt Rex. Dass das Owncloud-Unternehmen von den so erwirtschafteten Einnahmen unter Umständen gar nichts abbekommt, stört ihn sichtlich wenig.

Austausch und Externe erwünscht

Der Geschäftsführer zeigt sich sogar froh über diese Entwicklung. Immerhin führt diese Streuung zu einem stabilen und hoffentlich weiter wachsenden Ökosystem. Von dieser Verbreitung profitiere dann wiederum das Unternehmen selbst.

Eine ähnliche Argumentation verfolgt Owncloud auch beim Umgang mit externen Entwicklern. So wird sehr viel Wert auf das Engagement der unabhängigen Community gelegt, die aktiv in ihrer Arbeit unterstützt wird, bei der Umsetzung von Ideen aber größtenteils völlig freie Hand hat. Forciert wird dies durch das Ziel Owncloud zur App-Plattform auszubauen.

Code-Beiträge erhält Owncloud darüber hinaus sogar von seinen eigenen Kunden. So stammt das Test-Framework für Nutzerinteraktionen ursprünglich von den Entwicklern des Cern. Rex sagt gar, dass viele Kunden ihre eigenen Implementierungen sehr gern an Owncloud abgeben würden, um sie nicht selbst weiter pflegen zu müssen.

Keine Datenschutz-Evangelisten

Manche Verfechter freier Software könnten diese komfortable wirtschaftliche Situation nutzen, um breite Aufklärungsarbeit in der Gesellschaft zu leisten und für mehr Bewusstsein für den Schutz persönlicher Daten zu werben. So formuliert zum Beispiel Mozilla eine klare Mission - also Ideen und Ziele - für ein besseres Web für die Menschen auf der Welt.

Den Owncloud-Machern liegt Derartiges zwar auch spürbar am Herzen, doch als Unternehmen agieren die Beteiligten sehr bescheiden. Auch weil solche Ziele womöglich zu hoch gesteckt sein könnten und das Unternehmen dann an seinen eigenen Ansprüchen scheitern könnte. Rex zufolge wollen sie lediglich praktisch dafür sorgen, dass Nutzer überhaupt eine fundierte Entscheidung treffen können, also den Speicherort ihrer Daten selbst wählen können.

Was der Anwender wem anvertraut, müsse dieser immer selbst entscheiden. Unter bestimmten Umständen seien Dateien auch gut bei einem Anbieter wie Dropbox aufgehoben, sagt Rex. Für einige Daten sei es aber eben besser, sie auf eigener Hardware zu lagern.  (sg)


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