Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/primove-in-der-hauptstadt-berlin-hat-wieder-eine-e-bus-linie-1509-116039.html    Veröffentlicht: 01.09.2015 09:58    Kurz-URL: https://glm.io/116039

Primove in der Hauptstadt

Berlin hat wieder eine E-Bus-Linie

Viel Komfort, weniger Stolpergefahr und eine betrieblich herausfordernde Linienführung: Nach mehreren Jahrzehnten hat Berlin wieder eine rein elektrisch betriebene E-Bus-Linie. Wir haben erste Erfahrungen im Linienbetrieb mit den per Induktion ladenden Bussen gesammelt.

Seit dem 31. August 2015 fahren in Berlin wieder E-Busse im Linienbetrieb. Ganz neu ist die E-Mobilität für die Stadt nicht, denn vor einigen Jahrzehnten besaß Berlin nicht nur ein weit ausgebautes Straßenbahnnetz, sondern auch ein ausgedehntes O-Bus-Netz mit Trolleybussen, die dank Stromabnehmer elektrisch fahren konnten. Im Zuge der Priorisierung des Autoverkehrs wurde allerdings beides stark verkleinert beziehungsweise sogar abgeschafft.

Jetzt, im neuen Jahrtausend, ist Elektromobilität im Busverkehr in Deutschland wieder angesagt. Vor allem Bombardier will mit seinem Akku- und teils auch dem Antriebssystem hier größere Marktanteile erobern. Nach Mannheim und Braunschweig ist Berlin die dritte Stadt, die nun mit dem System experimentiert. In anderen Städten ist die Konkurrenz unterwegs.

Am Eröffnungstag tauschte die BVG die Busse der Linie 204, die zwischen den Bahnhöfen Berlin-Südkreuz und Zoologischer Garten verkehrt, im laufenden Betrieb aus. Zunächst wurden zwei der vier Busse für die Presse- und Politikerfahrt verwendet, die gegen Mittag in den normalen Linienbetrieb überführt wurden. Am Südkreuz wechselten die Fahrer der Dieselbus-Schicht dann auf die E-Busse, so dass wir innerhalb einer Stunde einen reinen E-Bus-Betrieb beobachten konnten. Änderungen im Takt gab es dafür nicht, allerdings ein leichtes Verkehrsproblem.

Die BVG beanspruchte nämlich den ihr zustehenden Platz, was zusammen mit Taxi- und Pkw-Fahrern, die am Südkreuz trotz eigener Aufstellfläche gerne Bushaltestellen blockieren, etwas schwierig war. Zudem waren mehrere Limousinen der Gäste auf den Busparkplätzen, was die Situation nicht vereinfachte. Die Aktion fiel also auf, was sogar dazu führte, dass ein Fernbusfahrer spontan seine Fahrgäste eine Minute warten ließ, damit er ein Foto von den E-Bussen machen konnte.

"Gelb stinkt nicht"

Zusammen mit den Bussen hat die BVG ein paar Kleinigkeiten entwickelt, die entlang der Strecke Aufmerksamkeit erregen sollen. Zum einen sind die Bushaltestellen mit den Anzeigetafeln für die Linien in gelber Farbe ausgestattet. Das soll auf den E-Bus hinweisen. Zum anderen wurde für den Eröffnungstag der Boden mit E-Bus-Werbung besprüht. Besonders offensichtlich sind jedoch die markigen Sprüche um und in dem Bus. "Gelb stinkt nicht", heißt es etwa auf einem der Fahrzeuge und im Inneren erinnert ein "Gib' mir deinen Saft" an einen alten Hip-Hop-Song.

Eine schwierige Linie für das Primove-System

Das alles täuscht aber nicht darüber hinweg, dass sich die BVG eine schwierige Linie für den Testbetrieb ausgesucht hat. Nur weil die Busse elektrisch fahren, heißt das nicht, dass sie pünktlicher fahren. Schon die ersten Fahrten, die wir auf der Mitte der Strecke beobachtet haben, haben innerhalb eines Umlaufs Verspätungen von 5 bis 10 Minuten angesammelt. Und das wohlgemerkt zur Mittagszeit, ohne Berufsverkehr und Fahrgastandrang sowie bei pünktlicher Abfahrt. Anwohner dieser 20-Minuten-Takt-Buslinie werden also auch weiterhin mit einem unpünktlichen Fahrtablauf rechnen müssen.

Auch das Anzeigesystem Daisy, das erst vor kurzem für mehrere Tage wegen eines Softwareupdates ausfiel, mochte den Wechsel auf die E-Busse nicht. Wer den Anzeigetafeln glaubte, sah offiziell gestrichene Fahrten. Der Bus fuhr natürlich trotzdem. Erst später stabilisierte sich die Echtzeitanzeige.

Für den Testbetrieb ist das aber ideal. Während in Mannheim, wo Bombardier Primove entwickelt, vor allem das kurze Unterwegsladen getestet wird, ist die Berliner Strecke staugeplagt und muss mit Reserven arbeiten. Deswegen sind die Busse auch 130 Kilogramm schwerer als Dieselbusse, da der Akku in Berlin 90 statt 60 kWh Kapazität bietet.

Viel Komfort

Anders als bei bisherigen Testfahrten konnten wir uns dieses Mal ein Praxisszenario anschauen. Und hier überzeugten die Busse. Lauter als das Fahrgeräusch war die Klimaanlage, die allerdings durch Temperaturen jenseits der 30 Grad Celsius am Eröffnungstag zu kämpfen hatte. Auffallend ist die elektrische Bremse mit Energierückgewinnung, die einen ungewohnten Klang im Innenraum erzeugt. Die Nähe zu Bahnsystemen ist unüberhörbar, aber nicht störend.

Die Busse fahren im Betrieb ruckfrei an und bieten im Innenraum ein ungewöhnliches Bild. Normalerweise verbaut Solaris in seinen Bussen hinten stehend einen Motor, der Platz wegnimmt. Auch fehlt unter den letzten Sitzreihen so viel Technik, dass der gesamte Bus niederflurig aufgebaut ist. Die Stolperfallen typischer Eindecker in Berlin fehlen, und es gibt hinten mehr komfortable Sitzplätze. So eignen sich die hinteren Sitzplätze, die in anderen Bustypen in der Regel nur von jüngeren Fahrgästen besucht werden, für ältere oder gehbehinderte Fahrgäste.

Test mit Potenzial für die Verlängerung

Der Betrieb ist zunächst für rund ein Jahr gefördert und vorgesehen. Berlin will zudem bis 2023 das Projekt weiter unterstützen, Details stehen allerdings noch nicht fest. Doch sowohl der Senat als auch die BVG wollen die Busse anschließend weiter betreiben. Zunächst muss sich das System im Verkehr einer Großstadt aber bewähren. Vor allem in Mannheim arbeitet Bombardier schon an der nächsten Primove-Generation: Dort ist ein Vito-Transporter mit einem Primove-System bestückt. In zwei Jahren, also vermutlich 2017, will Bombardier auch diesen Markt versuchen zu erobern. Bisher ist Primove nur in Bussen und einem Straßenbahnsystem im Einsatz. Für Straßenbahnen wurde das System ursprünglich entwickelt.

Mehr Informationen zu dem Primove-System finden sich in unserem fünfseitigen Artikel Eine E-Bus-Fahrt, die ist lustig sowie dem Nachfolgeartikel Effiziente Induktion, Wasserstoff für Akkus und Schwungräder, in dem wir sowohl historische als auch aktuelle Alternativen des ÖPNV betrachten.  (ase)


Verwandte Artikel:
Datenschutz: BVG-Webseite verrät Besucher-IPs und Mailadressen   
(01.03.2018, https://glm.io/133054 )
Bombardier Primove: Die BVG hat Probleme mit ihren Berliner Induktionsbussen   
(07.11.2017, https://glm.io/131001 )
E-Busse im Überblick: Effiziente Induktion, Wasserstoff für Akkus und Schwungräder   
(13.07.2015, https://glm.io/115074 )
Siemens und Schunk: Akkufahrzeuge werden mit 600 bis 1.000 Kilowatt aufgeladen   
(15.11.2017, https://glm.io/131154 )
Alternative Dienstwagen: Steuernachteil durch Elektroautos   
(13.10.2011, https://glm.io/87020 )

© 1997–2019 Golem.de, https://www.golem.de/