Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/digiskopie-ausprobiert-ich-schau-dir-in-die-augen-wildes-1508-115990.html    Veröffentlicht: 31.08.2015 12:01    Kurz-URL: https://glm.io/115990

Digiskopie ausprobiert

Ich schau dir in die Augen, Wildes!

Welche Augenfarbe hat eine Löwin? Oder eine Schlange? Die wenigsten Tiere lassen Menschen nahe genug heran, um das herauszufinden. Durch ein Spektiv lässt sich das Auge fotografieren. Wer die nötige Geduld aufbringt, wird mit großartigen Bildern belohnt.

Komm näher. Nahe genug, um die Federn eines Schwans auf einem See zu erkennen, die Zähne eines gähnenden Bären oder die Iris einer dösenden Löwin im Hamburger Tierpark Hagenbeck. Das schafft kein Objektiv. Mehr Brennweite muss her - und die bringt ein Spektiv.

Das ist ein starkes monokulares Fernrohr, an dem mit einem Adapter eine Digitalkamera befestigt wird. Mit einem solchen optischen System ist es möglich, einem Motiv auch aus großer Entfernung sehr nahe zu kommen. Digiskopie heißt diese Aufnahmetechnik. Allerdings hat das auch seine Tücken, wie wir feststellen konnten.

Das Spektiv hat eine große Brennweite

Die Brennweite ist enorm: Wir haben ein 95-Millimeter-Spektiv des österreichischen Herstellers Swarovski eingesetzt. Es hat einen Zoomfaktor von 30- bis 70fach. Das entspricht einer Brennweite von 900 bis 2.100 Millimetern Kleinbildäquivalent. An einer digitalen Spiegelreflexkamera (DSLR) mit einem APS-C-Sensor sind es 1.350 bis 3.150 Millimeter, an einer Micro-Four-Thirds-Systemkamera (MFT) gar 1.800 bis 4.200.

"Ein Spektiv ist ein Hilfsmittel, um eine große Distanz zu überbrücken", sagt Jörg Kretzschmar im Gespräch mit Golem.de. Kretzschmar ist einer der erfahrensten Digiskopierer in Deutschland. "Diese Überbrückung erzeugt beim Betrachter das Gefühl von Nähe. Das bedeutet auch Teilhabe an der Situation und macht die Besonderheit der Digiskopie aus: Ich kann deutlich mehr Nähe erzeugen als mit einem Standardsystem, das bei einem Normalnutzer bei 400 oder 600 Millimetern, bei einem Profi bei 1.000 oder 1.200 Millimetern aufhört. Da fängt die Digiskopie ja erst an."

Das Tier wird fotografiert, aber nicht gestört

Vor allem Naturbeobachter nutzen die Technik, die es ihnen erlaubt, Tiere zu porträtieren, ohne sie dabei zu stören. Entsprechend waren sie es auch, die die Technik zuerst eingesetzt haben. "Die Digiskopie gibt mir aufgrund dieser Nähe auf Entfernung eine gewisse Freiheit, an Motive heranzukommen, an die ich sonst nicht herankomme", sagt Kretzschmar.

<#vimeo id="121822314">

Das könnten Vögel sein - Kretzschmars bevorzugtes Motiv. Schlangen sind schwierig zu fotografieren, weil sie auf die Erschütterungen der Schritte reagieren und flüchten. Mit dem Spektiv wird das einfacher.

Im Prinzip kann mit jedem digitalen Aufnahmegerät digiskopiert werden - vom Smartphone bis zum Camcorder. Dafür wird einiges an Ausrüstung gebraucht.

Die Ausrüstung zum Digiskopieren

Da ist zunächst natürlich das Spektiv selbst. Es gibt zwei Klassen: Die kleineren haben ein Objektiv mit einem Durchmesser von 60 bis 65 Millimetern, die größeren einen von 80 bis 100 Millimetern. Anders als Objektive werden Spektive nicht nach ihrer Brennweite benannt, sondern nach dem Durchmesser der vorderen Linse.

Die 60er- oder 65er-Spektive sind relativ klein und leicht. Allerdings ist ihre Blende kleiner als die der 80er- bis 100er-Klasse. Vorteil der kleinen Spektive ist ihre relativ kurze Naheinstellungsgrenze von knapp über zwei Metern. Die großen brauchen einen größeren Abstand vom Motiv. Bei unserem 95er-Spektiv etwa sind das 4,8 Meter. Die großen Spektive sind nicht nur deutlich schwerer. Sie sind auch teurer, weil die Herstellung der großen Linsen sehr aufwendig ist. Dafür bieten sie eine gößere Blende.

Zum Spektiv gehört ein Okular

Mit dem Objektiv allein ist wenig anzufangen: Erst das Okular macht das Spektiv komplett. Auf dem Markt gibt es viele Hersteller. Kretzschmar rät allerdings zu einem Spektiv von einem der Premiumhersteller. Neben Swarovski sind das Zeiss, Leica, Nikon oder Kowa. Swarovski habe gerade einen Vorteil, weil die Österreicher bei der Entwicklung ihrer neuen Spektive die Digiskopie einbezogen haben. Er glaubt allerdings, dass die anderen Hersteller nachziehen.

<#vimeo id="119974589">

Wichtig ist, dass die Linsen apochromatisch korrigiert sind, damit es keine Farblängsfehler gibt, die sich auch mit Bildbearbeitungssoftware kaum retuschieren lassen. Bei den genannten Herstellern ist das Standard. Leica etwa nennt diese Linsen Apo-Televid, Nikon ED, Swarovski HD und Zeiss Diascope. Ganz günstig ist die Digiskopie nicht: Ein 65er-Spektiv mit Weitwinkel-Zoom-Okular und Adapter kostet etwa 2.000 Euro. Soll es ein Spektiv der großen Kategorie sein, wird es gut 1.000 bis 1.300 Euro teurer.

Die Kamera sitzt an einem Adapter

Die Kamera wird mit einem Adapter an das Spektiv geflanscht. Es gibt mechanische Adapter, mit denen einfache Kameramodelle einfach an das Spektiv geklemmt werden. Selbst für einige Smartphones werden passende Adapter angeboten. Für eine DSLR ist das in der Regel ein Linsenadapter, der über das Okular gestülpt wird. Ein solcher Adapter hat ein Gewinde für T2-Adapter, die es für alle gängigen Bajonetttypen gibt. Wir haben mit einer Canon-DSLR und mit einer MFT-Kamera von Olympus digiskopiert.

Bei einer solchen Brennweite ist das Fotografieren aus der Hand kaum möglich. Ein winziger Schubs an der Kamera verwackelt das weit entfernte Motiv schon immens. Spektiv und Kamera sollten deshalb auf ein stabiles Stativ gesetzt werden. Am besten eignen sich Holzstative, da sie schwingungsarm sind. Der Stativkopf sollte einen Fluid-Neiger haben. Eine Balanceschiene mit zwei Auflagepunkten unter dem Spektiv sorgt für mehr Stabilität als die Stativschelle, die relativ weit vorn am Objektiv sitzt.

Ein Sack ersetzt das Stativ

Kretzschmar selbst spart sich oft die Stativschlepperei und digiskopiert aus der Hand oder setzt einen Beanbag ein. Das ist ein mit Reis, Bohnen, Erbsen oder Ähnlichem gefüllter Sack, den er auf eine Mauer, einen Zaun oder einem Ast auflegt und der dann das Spektiv und die Kamera trägt. Allerdings, sagt er, sei Halbfreihand- oder Freihand-Digiskopie nichts für Anfänger.

Wackeln ist bei einer Brennweite jenseits der 1.000 Millimeter aber nicht die einzige Schwierigkeit, mit der sich der Digiskopierer konfrontiert sieht.

Scharfstellen ist nicht so einfach

Ein Spektiv ist - anders als ein herkömmliches Objektiv - manuell. Die Blende ist fest - das 95er-Spektiv hat eine Anfangsblende von f/9,2. Die Belichtung kann also nur über die Zeit und die Lichtempfindlichkeit, also den ISO-Wert, beeinflusst werden - wobei ISO-Werte ab 800 durchaus angebracht sind, um die Belichtungszeit möglichst kurzzuhalten. Scharf gestellt wird per Hand, was anfangs gar nicht so einfach ist. Denn die Schärfe muss genau sitzen, das Spektiv erlaubt hier keine Nachlässigkeit: Der Schärfebereich ist etwa eine Daumenbreite groß.

Der Live View, also die Anzeige des Motivs auf dem Bildschirm der Kamera, ist dafür gut geeignet. Die meisten Kameras bieten zudem einen Zoom in Live View, was das Scharfstellen erleichtert. Wer Fokus Peaking einschalten kann, also die Hervorhebung scharfer Kanten, hat ganz klar einen Vorteil. Aber auch eine Sucherlupe, die über den Bildschirm geklappt wird und den Live View vergrößert, ist praktisch.

Scharf gestellt wird in zwei Schritten

Der Experte empfiehlt, in zwei Stufen scharf zu stellen: Zuerst werde die Schärfe dort gesetzt, wo sie ungefähr hingehöre. Im nächsten Schritt werde sie "genau auf den Teil des Motivs, der die Schärfe braucht", nachgezogen, sagt Kretzschmar. Dafür müsse sich der Fotograf vorher überlegen, was er auf dem Bild darstellen wolle."Das dürfte bei einem Tier in der Regel das Auge sein."

<#vimeo id="122239567">

Für den zweiten Schritt wird das Einstellrad nur ganz wenig bewegt. "Das braucht Übung", sagt Kretzschmar - zu Hause etwa. Oder im Zoo an einer Löwin, die faul auf einem Ast liegt und nur ab und zu ein Ohr bewegt. Schafe auf dem Deich sind deutlich undankbarer. Fokussiert er per Hand auf grasende Schafe auf dem Deich, stellt der Digiskopierer fest, dass die Schafe das Grün mit hoher Verzehrgeschwindigkeit vertilgen. Ist der Schärfepunkt vermeintlich gefunden, ist das Schaf schon wieder einen Schritt weiter.

Die Nasenspitze ist scharf, nicht das Auge

Wer durch den Sucher der DSLR fokussiert, sollte bedenken, dass das Sucherbild nicht das Sensorbild ist. Steht die Dioptrien-Einstellung nicht auf 0, wird das Bild schnell unscharf. "Die Digiskopie verzeiht aufgrund der ultradünnen Schärfezone nichts. Das heißt: Ein halbes Dioptrien Zugabe für das Sucherbild wird schnell zu einer halben Dioptrien Unschärfe für das Sensorbild", sagt Kretzschmar. "Das kann mal passieren, dass der Schärfepunkt doch am richtigen Punkt liegt. In den meisten Fällen liegt er aber knapp dahinter oder knapp davor. Dann ist die Nasenspitze oder das Ohr scharf, aber nicht das Auge." Gerade am Anfang ist das Frustpotenzial hoch. Umso größer ist allerdings die Freude, wenn nach x misslungenen Aufnahmen Schaf, Löwe oder Bär tatsächlich wie beabsichtigt scharf ist.

Auslösen sollte der Digiskopierer per Fernbedienung oder Selbstauslöser. Bis dessen Countdown beendet ist, hat sich das System nach dem Drücken des Auslösers wieder beruhigt. Bei einer DSLR sollte die Spiegelvorauslösung eingestellt werden, da der Spiegelschlag für zu viel Bewegung sorgt. Ein Smartphone, eine Kompakt- oder eine Systemkamera wie etwa eine MFT sind hier klar im Vorteil. Für die Dokumentation einer Beobachtung reichen Smartphone und Kompaktkamera durchaus.

Erst mal in der Nähe digiskopieren

Generell sollte das Motiv nicht übermäßig entfernt sein. Einsteigern empfiehlt der Experte nicht mehr als 50 bis 70 Meter, ideal sei eine Entfernung von 20 bis 30 Metern. Bei Wind oder nach einem Regen könne die Entfernung auch etwas größer sein.

Auf zu große Entfernungen zu digiskopieren, ist ohnehin nicht ratsam: Die große Brennweite vergrößert nämlich nicht nur das Motiv selbst, sondern auch alles, was sich zwischen diesem und dem Spektiv befindet: Luftfeuchtigkeit, Staub und vor allem das Hitzeflimmern. "Ob ich das 30fach oder 60fach vergrößere, ist ein eklatanter Unterschied", sagt Kretzschmar. Die beste Zeit sei zwischen Sonnenaufgang und etwa 10 Uhr und am späteren Nachmittag ab 16 Uhr bis zum Sonnenuntergang.

Das Foto wird impressionistisch

Bei einer Segelregatta vor Laboe haben wir es ausprobiert: An dem warmen Tag flimmerte die Luft über dem Wasser so sehr, dass das Foto einem impressionistischen Gemälde ähnelt. Zwar lässt sich auch auf eine Entfernung von etwa fünf Kilometern die Schrift im Segel der Regattaboote noch erkennen. Die Kanten der Segel sind jedoch wellig. Es ist deshalb besser, mit weniger Zoomfaktor zu digiskopieren und später das Bild zu schneiden. Die hohe Auflösung der modernen Kameras ermöglicht das.

Was wird digiskopiert?

An der Technik der Digiskopie wird schon lange gearbeitet. Die ersten, die durch ein Spektiv fotografierten, waren Vogelgucker, die dokumentieren wollten, was sie beobachtet hatten. Das geht schon seit den 1970er Jahren - damals kamen die ersten Adapter auf den Markt. Allerdings hatten die Spektive zu der Zeit noch kleinere Blenden ab f/13, die Okulare waren weniger leistungsstark. Um die große Blendenzahl auszugleichen, bedurfte es empfindlicher Filme, die schwer zu bekommen und teuer waren und die oft nur sehr verrauschte Bilder abgaben.

Ab der zweiten Hälfte der 1990er Jahre ging es dann los mit der Digiskopie. Zu der Zeit kamen zum einen Spektive mit einer größeren Austrittspupille - sprich einer kleineren Blendenzah -, zum anderen kleinere und erschwingliche Digitalkameras auf den Markt und ermöglichten es den Vogelbeobachtern, ihre gefiederten Motive abzubilden. Auf die Bildqualität kam es dabei erstmal gar nicht so sehr an.

Der Beobachter ist weit genug weg

Andere Naturfreunde zogen nach. Auch sie nutzten die Brennweite aus, um außerhalb der Fluchtdistanz der Tiere zu bleiben. Schon ein Schaf auf dem Deich lässt den Fotografen nur ungern so nahe heran, dass er ein Augenporträt machen kann, ganz zu schweigen von einer Gams im Gebirge. Jäger setzen die Digiskopie ein, um den Wildbestand in ihrem Revier zu dokumentieren.

Auch eine ganz andere Gruppe nutzt die Technik: Strafverfolger. Sie können damit Verdächtige aus größerer Entfernung beschatten. Ein kürzlich veröffentlichtes Video der italienischen Polizei könnte durch ein Spektiv aufgenommen worden sein. Früher oder später dürften auch Paparazzi die Digiskopie entdecken.

Eine neue Bildsprache

Inzwischen entdecken auch Fotografen die Digiskopie. "Sie greifen zum Spektiv, um eine andere Bildsprache generieren zu können", sagt Kretzschmar. Die wird begründet durch die sehr geringe Schärfentiefe, die einen cineastischen Bildeindruck erzeugt. Auf diese Weise lassen sich Menschen, Industrieanlagen oder Landschaften auf eine andere Art darstellen.

Der Effekt sei ähnlich dem bei der Makrofotografie: Das Spektiv suggeriert große Nähe zum Motiv, das aber auf große Entfernung. Der extrem kurze Schärfebereich erfordert ein Nachdenken über die Bildkomposition, wenn der Schärfepunkt nicht einfach irgendwo hinfallen soll. Dafür gelingen - mit Geduld und Übung - Aufnahmen, die man sonst so nie hätte machen können. Wer will sich schon einer Löwin so weit nähern, dass auf dem Foto das Muster seiner Iris zu erkennen ist?  (wp)


Verwandte Artikel:
Swarovski: Fernglas verleiht iPhones Fernsicht   
(26.08.2014, https://glm.io/108822 )
APO-Summicron-M: Leica baut Objektiv aus den 50ern nach   
(01.12.2017, https://glm.io/131434 )
Zifra: Startup will Fotos auf Speicherkarten endlich verschlüsseln   
(27.02.2018, https://glm.io/132998 )
Swarovski mit Fernglas-Adapter für Kompaktkameras   
(23.04.2010, https://glm.io/74686 )
Zeiss VR One Connect angefasst: Günstiges Steam-VR-Upgrade für Smartphone-VR   
(02.09.2017, https://glm.io/129844 )

© 1997–2020 Golem.de, https://www.golem.de/