Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/amazon-underground-hunderte-gratis-apps-im-tausch-gegen-ueberwachung-1508-115974.html    Veröffentlicht: 27.08.2015 11:34    Kurz-URL: https://glm.io/115974

Amazon Underground

Hunderte Apps gratis im Tausch gegen Überwachung

Amazon führt ein neues Bezahlmodell für App-Entwickler ein: Kunden erhalten Hunderte Android-Apps komplett kostenlos, aber dafür wird überwacht, wie oft und wie lange sie die Gratis-Apps verwenden. Abhängig davon wird der Entwickler der App bezahlt.

Aus für die Gratis-App des Tages: Die Aktion wurde von Amazon beendet und durch ein neues Distributionsmodell namens Underground ersetzt. In einem speziellen Underground-Bereich gibt es jetzt viele kostenpflichtige Android-Apps gratis. Nicht einmal In-App-Bezahlungen fallen noch an, verspricht Amazon. Im Gegenzug muss sich der Nutzer aber damit abfinden, dass sein App-Nutzungsverhalten von Amazon umfangreich überwacht wird.

Bereits im März 2015 gab es mit Amazon Unlocked einen ersten Hinweis auf diese Änderung des Distributionsmodells. Seinerzeit war aber keine Rede von der Überwachung des Nutzerverhaltens. Es wurde davon ausgegangen, dass es die Gratis-Apps nur für Prime-Kunden geben werde. Eine Prime-Mitgliedschaft hat auf die Nutzung von Underground allerdings bislang keinen Einfluss.

Keine Sonderaktionen mehr im alten App-Shop

Amazon hatte im bisherigen App-Shop jeden Tag eine sonst kostenpflichtige Android-App kostenlos abgegeben. Außerdem gab es parallel dazu ab und zu Sonderaktionen. Für einige Tage konnten Nutzer dann mehrere Apps gratis bekommen, die sonst bezahlt werden müssten. Dieses Distributionsmodell gibt Amazon komplett auf.

Amazons neues Underground-Distributionsmodell setzt darauf, dass sich möglichst viele App-Anbieter daran beteiligen und ihre Produkte darüber anbieten. Für alle im Underground eingestellten Apps zahlt der Kunde kein Geld, obwohl die normalerweise bezahlt werden müssten. Dafür erklärt sich der Kunde damit einverstanden, dass sein App-Nutzungsverhalten umfangreich überwacht wird.

Über 450 Underground-Apps gelistet

Zum Start gibt es in der Underground-Rubrik über 450 Titel, die sonst kostenpflichtig wären. Diese Apps gibt es dort komplett kostenlos, auch In-App-Bezahlungen fallen nicht an, versichert Amazon.

Die Installation der Apps aus der Underground-Rubrik ist nicht mehr über den bisherigen App-Shop möglich. Nutzer müssen dazu eine neue App installieren, die über amazon.de/underground angeboten wird. Denn Google erlaubt im Play Store keine anderen Appstores, so dass Amazon die App nur über die Webseite verteilen kann. Falls noch nicht geschehen, muss die Installation von Apps aus unbekannten Quellen in den Android-Einstellungen erlaubt werden, damit sich die Underground-App einspielen lässt.

Amazon weiß, welche Apps der Kunde wie lange verwendet

Unverständlicherweise wird die neue Underground-App im bisherigen App-Shop von Amazon nicht prominent beworben. Dabei findet sich die Underground-App auch dort und kann darüber installiert werden. Der Nutzer muss aber explizit danach suchen. Die Underground-App gibt es für Android-Smartphones und -Tablets, sie ersetzt die bisherige Amazon-App zum Einkaufen und Stöbern in Amazons gesamtem Warensortiment. Amazons installierter App-Shop bleibt parallel bestehen.

Problem bei der Installation der Underground-App

Die Installation der Underground-App kann Probleme bereiten, wenn sich eine ältere Amazon-App auf dem Gerät befindet. Dann bricht die Installation ab, ohne einen Grund zu nennen. Nach derzeitigem Kenntnisstand lässt sich die Underground-App dann installieren, sobald die alte Amazon-App gelöscht wurde. Besitzer eines Fire-Tablets sollen die Underground-App automatisch von Amazon erhalten. Die Fire-TV-Geräte und auch das Firephone werden derzeit nicht unterstützt. Es ist auch nicht bekannt, ob diese Geräte später einmal ebenfalls für das neue Distributionsmodell freigeschaltet werden.

Bei der Installation der Underground-App fällt gleich auf, dass ungewöhnlich viele Berechtigungen verlangt werden. Das könnte eine Folge der umfangreichen Überwachungsmaßnahmen sein, die für die Gratis-Apps erforderlich sind. Allerdings stellt sich die Frage, warum die App Zugriff auf das Adressbuch benötigt, eingehende SMS lesen und das Mikrofon für Aufnahmen verwenden muss.

App-Nutzungsverhalten wird genau überwacht

Spätestens wenn eine App aus dem Underground-Bereich installiert wurde, beobachtet Amazon minutengenau, wie oft und wie lange eine solche App verwendet wird. Dabei wird auch überwacht, wie lange die App verwendet wird, wenn sich das Android-Gerät im Offlinebetrieb befindet. Die auf dem Gerät gesammelten Daten werden dann an Amazon zur weiteren Verarbeitung geschickt. Amazon weiß also, welcher Nutzer welche Apps wie lange verwendet hat. Abhängig von der Nutzungszeit erhält der Anbieter der App Geld von Amazon. Das Bezahlmodell erinnert entfernt an das neue Kindle-Bezahlmodell, bei dem E-Book-Autoren nach vom Kunden gelesenen Seiten bezahlt werden.

In Deutschland zahlt Amazon pro Nutzungsminute 0,18 Cent, in einer Stunde wären das 10,8 Cent. Wenn eine App beispielhaft jeden Tag eine Stunde lang verwendet wird, zahlt Amazon dem Anbieter 75,6 Cent pro Woche. Für Entwickler von Spielen kann das ein sehr lohnenswertes Geschäftsmodell sein. Wenn Apps nur alle paar Wochen für ein paar Minuten verwendet werden, dürfte sich das weniger lohnen. Bisher zeigt sich das deutlich, bei den meisten Underground-Apps handelt es sich um Spieletitel.

App-Abstürze verringern die Einnahmen

Falls die Protokollierung durch einen Absturz der App gestört wird, muss der Anbieter damit rechnen, weniger Geld zu erhalten. Amazon ruft Entwickler daher dazu auf, App-Abstürze möglichst schnell zu beseitigen, damit die Bezahlung korrekt ermittelt werden kann.

Welche Apps im Underground-Bereich gelistet sind, entscheiden die entsprechenden Anbieter. Wenn ein Anbieter seine App dort nicht mehr haben möchte, kann er sie entfernen. Aber alle bis dahin über Underground bezogenen Apps müssen für die Kunden weiterhin kostenlos nutzbar bleiben, verlangt Amazon von den App-Anbietern. Sie verzichten dann nach derzeitigem Kenntnisstand nur auf die Bezahlung, so dass es sich für App-Anbieter nicht lohnt, eine App wieder aus der Underground-Rubrik zu entfernen.

Kann die Überwachung umgangen werden?

Wie auch bei anderen App-Shops üblich, funktionieren die über Amazon bezogenen Apps nur, wenn auch der betreffende App-Shop auf dem Gerät installiert ist. Für das Funktionieren der Apps aus dem Underground-Bereich genügt aber auch Amazons bisherige App-Shop-App. Ob sich damit das umfangreiche Überwachen verhindern lässt, ist derzeit nicht bekannt. Falls es so ist, würde der Anbieter der betreffenden App wohl auch kein Geld mehr erhalten, auch wenn die betreffende App intensiv verwendet wird.

Allerdings können über Underground bezogene Apps nicht über die alte App-Shop-App installiert werden. Dazu muss die Underground-App installiert werden. Alternativ kann die Underground-App auf einem zweiten Android-Gerät installiert werden, um dann eine über die Underground-Rubrik bezogene App mittels Backup auf das erste Android-Gerät zu übertragen. Auf dem ersten Gerät muss dann aber mindestens Amazons bisheriger App-Shop vorhanden sein.  (ip)


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