Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/until-dawn-im-test-ich-weiss-was-du-diesen-sommer-spielen-solltest-1508-115910.html    Veröffentlicht: 24.08.2015 17:01    Kurz-URL: https://glm.io/115910

Until Dawn im Test

Ich weiß, was du diesen Sommer spielen solltest

Acht junge Männer und Frauen in einem Horrorhaus: Das ist die Ausgangslage des grandios inszenierten PS4-Abenteuers Until Dawn - das zeigt, wie ein sehens- und spielenswerter interaktiver Film aussehen muss.

Die Tür ist verschlossen! Wir stehen mitten in der Nacht im tiefsten Winter irgendwo in den Bergen, sind ebenso übermüdet wie durchgefroren und kommen nicht in das Haus vor uns - kann doch nicht wahr sein! Also muss einer von den acht jungen Leuten, die wir in Until Dawn steuern, durch ein Kellerfenster krabbeln und in der finsteren, eiskalten Hütte eine Lösung finden. Es ist Spaßvogel Chris, der nur mit einem Feuerzeug ausgestattet durch die Finsternis tapst.

Was Chris noch nicht weiß, wir aber schon: Irgendwo lauert eine echte, große Gefahr. Vor genau einem Jahr hat sie bereits die Zwillingsschwestern Hannah und Beth getötet - das haben wir im Intro des Gruselabenteuers erfahren. Geht es nun den restlichen acht Freunden an die Gurgel?

Until Dawn ist so etwas wie ein interaktiver Slasher-Film. So heißt das Genre, zu dem Horrorfilme wie Scream oder "Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast" gehören, in denen ein Jugendlicher nach dem anderen auf grausame Art von einem Psychopathen getötet wird. Ob das in dem von Supermassive Games produzierten Spiel auch so ist, sagen wir hier natürlich nicht. Es gehört zur Erzählweise der Handlung, erst allmählich die Hintergründe aufzudecken.

Neben Chris gibt es den ruhigen Josh, den Bruder der getöteten Schwestern, und die zickige Emily. Einige der Hauptfiguren sind ein Paar, etwa die lustig-unbeschwerte Jessica und ihr sportlicher Freund Mike. Der Spieler steuert die acht abwechselnd, die Reihenfolge gibt das Programm fest vor. Zwischendurch gibt es noch eine weitere, auf den ersten Blick unabhängige Folge von Szenen mit einem Psychiater und dessen Patienten - aber über deren Bedeutung wollen wir nun wirklich nicht mehr verraten.

Keine Überlebenden ...?

Einen wesentlichen Unterschied zu Slasher-Filmen gibt es in Until Dawn: Durch unsere Entscheidungen können wir alle, einige oder auch keinen der acht Freunde retten. Ein harmloses Beispiel, das nichts verrät: Mitten in einer spielfilmähnlichen Sequenz suchen wir aus, ob eine Figur sich eine Waffe schnappen soll oder eben nicht. Natürlich ist der Gedanke naheliegend, dass man sich damit verteidigen könnte. Allerdings sind die Dinge in Until Dawn manchmal auch etwas komplizierter ...

Teile des Spiels erinnern an die Adventures von Telltale Games. Der Spieler verfolgt die Handlung in Filmsequenzen und trifft ab und zu Entscheidungen. Meistens kann er in Ruhe überlegen, in dramatischen Momenten muss er unter Zeitdruck handeln - sonst trifft das Programm die (meistens nicht so gute) Wahl. Nett: Wer seine Playstation 4 ans Internet angeschlossen hat, kann sich auf Wunsch zusätzlich durch eine Prozentzahl anzeigen lassen, wie alle anderen Spieler vor ihm entschieden haben.

Unsere Entscheidungen bestimmen auch über kleinere Details am Rande, etwa ob es zwischen den Protagonisten zu Eifersüchteleien oder zu einem handfesten Streit kommt. Die Unterschiede im Handlungsverlauf sind stärker spürbar als bei Telltale, aber nicht wirklich gravierend. Im Kern ist auch die acht bis zehn Stunden lange Story von Until Dawn sehr linear. Ein zweiter Durchgang lohnt sich durchaus, beim dritten dürfte es den meisten Spielern aber langweilig werden.

Ein Dreieck kann Leben retten

Neben den Entscheidungen bestimmt ein zweites Element über Leben und Tod, nämlich schnelles Drücken des richtigen Knöpfchens in dramatischen Szenen - also das, was Spieler etwas abfällig "Quicktime-Events" nennen. Wenn wir etwa in einer Verfolgungsjagd das Dreieck auf dem Controller zu spät erwischen, kann der gerade aktive Spieler stolpern. Je nach Moment macht das vielleicht noch nicht viel aus, ein zweiter Stolperer kann dann aber ein Problem werden.

In Until Dawn lässt sich das Spiel nicht manuell sichern. Selbst wenn ein Charakter stirbt, gibt es kein Zurück - außer durch den Neubeginn der Kampagne. Wir haben deshalb bei verunglückten Quicktime-Events teilweise die brachiale Methode gewählt: das Spiel sofort beendet und ganz neu gestartet. So konnten wir allmählich auswendig lernen, wann wir welche Knöpfchen drücken müssen. Das hat natürlich den Nachteil, dass wir mehrfach die Minuten Vorlauf bis zu den Quicktime-Events immer wieder durchstehen müssen.

Ab und zu steuern wir eine der Figuren auch längere Zeit wie in einem klassischen Adventure in der Außenperspektive etwa durch Kellerräume. Dabei lösen wir extrem einfache Kombinations- und Schalterrätsel - wirkliches Nachdenken ist dabei nie nötig.

Weitere Elemente von Until Dawn sind Zeitungsfetzen, Bilder und Gegenstände, die wir im Spielverlauf sammeln. Die helfen zwar nicht beim Überleben, aber uns hat es viel Spaß gemacht, durch die Hinweise wie in einem Krimi über die Hintergründe des Falls nachzudenken und vielleicht schon vor den Protagonisten zu wissen, was wirklich passiert sein könnte.

Lebendige Gesichter

Das Schicksal von Mike, Jess, Ashley und den anderen Helden geht uns auch deshalb so nahe, weil die Charaktere toll animiert sind. Vor allem sind wir wie bei guten Schauspielern in der Lage, anhand der Gesichter die Gefühle zu erkennen und in brenzligen Situationen mitzuleiden. Uns ist es selten passiert, dass wir einen Gesichtsausdruck nicht stimmig fanden oder nicht einordnen konnten, wie das bei anderen Spielen noch oft vorkommt.

Auch Schnitte, Kamerawinkel und andere Details können mit gut gemachten Filmen mithalten. Lediglich die Hintergrundgrafiken sehen nur mittelmäßig, teils sogar schlecht aus - das Innere des Horrorhauses etwa wirkt sehr detailarm.

Neben der guten deutschen Sprachausgabe liefert Sony auch die englische Tonspur mit, die sogar einfach nur mit einem Klick im Optionsmenü aktivierbar ist. Das Ändern der Ländereinstellung ist also nicht nötig, der Wechsel fast jederzeit möglich; zusätzlich lassen sich deutsche Untertitel einblenden.

Verfügbarkeit und Fazit

Until Dawn ist ab dem 26. August 2015 nur für die Playstation 4 erhältlich und kostet rund 70 Euro. Auf der Disc befinden sich neben dem eigentlichen Spiel noch eine Reihe aufwendiger Making-of-Videos, in denen unter anderem die Schauspieler zu Wort kommen, auf denen die computeranimierten Figuren basieren. Die Filme müssen allerdings erst durch das Absolvieren der Handlung freigeschaltet werden. Die USK hat dem ungeschnittenen Spiel eine Freigabe ab 18 Jahren erteilt.

Fazit

Ein Glück, dass Until Dawn kein Buch oder Film ist! Wir hätten nämlich ziemlich sicher nicht der Versuchung widerstanden, vorzublättern oder vorzuspulen, um einen Blick auf das Ende zu werfen - so spannend ist Until Dawn in Szene gesetzt.

Wir fiebern über die ganze Distanz mit, ob und wie Mike, Emily und die anderen mit dem Horror in den Bergen von Blackwood Pines zurechtkommen. Auch als abgebrühte Computerspieler und Filmegucker leiden wir fast die ganze Spielzeit über mit den Figuren - wie selten zuvor mit virtuellen Charakteren. Die sind von einem starken Drehbuch toll geschrieben und wirken bald fast so vertraut wie echte Freunde.

Gelungen ist auch die Animation der Figuren: Selten zuvor hatten wir in einem Spiel so sehr den Eindruck, selbst kleinste Gefühlsregungen von einem künstlichen Antlitz ablesen zu können. Dass da offenbar nicht mehr viel Rechenleistung für die oft simple Hintergrundgrafik geblieben ist, können wir verschmerzen.

Doch es gibt auch ein paar Sachen, die man durchaus kritisieren kann. So hat der Spieler mit seinen Entscheidungen letztlich doch nicht so viel Einfluss auf die Handlung, wie uns das Spiel mit seinem Gerede vom "Schmetterlingseffekt" Glauben machen soll. Beim ersten Mal Durchspielen fällt das kaum auf. Aber beim zweiten Mal merken wir doch, dass Until Dawn ziemlich linear ist und die Haupthandlung immer ähnlich abläuft. Auch das Absuchen einiger Kellerabschnitte ist nur beim ersten Mal spannend.

Trotzdem ist Until Dawn ein kleiner Meilenstein im Genre der interaktiven Filme, der uns viel besser als etwa die aktuellen Abenteuer von Telltale Games gefällt. Wer rund zehn Stunden packende Unterhaltung sucht und über ein gefestigtes Nervenkostüm verfügt, sollte den Ausflug ins Horrorhaus wagen.  (ps)


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