Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/windows-95-im-test-endlich-lange-dateinamen-1508-115859.html    Veröffentlicht: 24.08.2015 12:15    Kurz-URL: https://glm.io/115859

Windows 95 im Test

Endlich lange Dateinamen!

Wir haben unseren Compaq Aero mit seinen 33 MHz reaktiviert und mit ihm ein 20 Jahre altes Erlebnis neu gemacht: die Installation von Windows 95. Gut vertragen haben wir uns dabei nicht. Eine Tortur in Wort und Bild von Andreas Sebayang (alt) und Jörg Thoma (älter)

Vor 20 Jahren sollte Windows 95 die Welt vereinfachen und den Computer vom Werkzeug für Spinner - heute würde man sagen: Computer-Enthusiasten - zum Gerät für alle machen. Die nervigen Konfigurationen in Autoexec.bat und Config.sys sollten passé sein. Vorbei auch das quälende Freischaufeln von Speicher unterhalb der 640 KByte (mehr braucht man eh nicht), um dieses oder jenes Spiel starten zu können.

Brauchen Profis wirklich eine Maus, die eigentlich nur Speicher verschwendet? Und wie schaut es mit der vermaledeiten Datenträgerkompression aus, die einmal installiert zwar schön viel Speicher auf der Festplatte freimacht, aber leider einen hohen RAM-Bedarf hat? Diese Fragen sollten sich mit Windows 95 nicht mehr stellen. Wir haben in Erinnerungen geschwelgt, den Umstieg auf Windows 95 noch einmal nachvollzogen und die DOS-Welt verlassen, indem wir einen Windows-3.11-Rechner mit Doublespace-Treiber über die Windows-95-Installationsmedien liebevoll plattgemacht haben.

Dazu nutzen wir den Compaq Aero 4/33, einen Rechner, der auch nach heutigen Maßstäben noch sehr kompakt ist. Unseren Stammlesern dürfte er noch in Erinnerung sein: Vor vier Jahren, zum 1. April 2011, wählten wir diesen besonderen Schatz aus unserer Sammlung aus und stellten ihn in einem ausführlichen Test als Neuheit vor. Wer sich für die Hardwaredetails interessiert, findet in diesem Aprilscherz-Artikel viele Informationen, außerdem auf der Homepage von Ulrich Hansen, der sogar die überzeugende Werbung von damals archiviert hat. Rund 4.000 Deutsche Mark hat unser Rechner einst gekostet und wiegt dank des luxuriösen Farbdisplays rund 300 Gramm mehr als die Monochromvariante.

Aber genug zur Hardware. Windows 95 ist jetzt das Maß aller Dinge, wir wollen weg von Windows 3.11 für Workgroups und dem DOS-Gefrickel. An das Gefühl erinnern wir uns noch genau: Vor 20 Jahren gab es zwar Golem.de noch nicht, aber die Autoren dieses Artikels durchaus. Jüngere Leser mögen uns daher die vielen "Früher war alles sch^H^H^Hbesser"-Anekdoten verzeihen; wir schwelgen in längst vergangenen/vergessenen/verdrängten Zeiten.

Die Ideen des neuen Betriebssystems waren vielversprechend, Plug and Play zum Beispiel: Endlich kein mühsames Konfigurieren von angeschlossener Peripherie in der Autotexec.bat und der Config.sys mehr! Keine IRQ-Grenzen und kein Gefummel, einem Gerät einen IRQ zuzuweisen, den es nicht wollte, wenn der Jumper nicht korrekt gesetzt war - obwohl über die Jahre hinweg in der Config.sys ein ziemlich tolles Menü entstand, das je nach Standort und Konfiguration gestartet werden konnte. Wir waren vor 20 Jahren stolze Besitzer eines sündhaft teuren Greymate-Laptops von Escom - mobil quasi. Satte 4 MByte RAM, eine 120 MByte große Festplatte, Farbdisplay (16.000 Farben!) und ein 486er-SX-Prozessor mit 25 MHz.

Aus Plug and Play wird Plug and Pray

Unter Windows 3.11 for Workgroups sprintete die Kiste förmlich. Es musste aber Windows 95 sein. Gleich in der Startwoche kauften wir den himmelblauen Karton mit stolzen 13 Installationsdisketten darin - vergleichsweise wenig, wenn man bedenkt, dass Microsofts Word damals bereits zehn Disketten belegte. Erst wenig später kam ein CD-ROM-Laufwerk dazu, denn der Diskettenbedarf stieg in den folgenden Jahren immer weiter.

Jetzt sollte Windows 95 das externe, über den Parallelport angeschlossene CD-ROM-Laufwerk und den dort durchgeschleiften Nadeldrucker automatisch erkennen. Yay! Bäh. Nix. Immerhin, den Großteil der Hardware in dem Laptop konfigurierte Windows 95 bei der ersten Installation tatsächlich weitgehend selbstständig - mit Ausnahme der Grafikkarte. Das vielgepriesene Plug and Play wurde recht schnell als Plug and Pray verspottet.

Wer hat die größte Treibersammlung?

In 16 Farben sah das neue Betriebssystem gelinde gesagt nicht toll aus. Also mussten erst einmal der Grafikkartentreiber und viele anderen Treiber her - bei Modemgeschwindigkeit aus dem Usenet, bei Compuserve oder später AOL. Oder von einer CD-Beilage der vielen, vielen Computerzeitschriften. Treiber-CDs von Herstellern stapelten sich ebenfalls. Aus Ungeduld wurde Windows 95 oft so abgewürgt, dass beim Neustart der abgesicherte Modus erschien. Regelmäßige Scandisk-Durchläufe waren Pflicht.

Das Defragmentieren war indes die Kür. Der Computer räumte sich selbst auf, während sich das Geschirr in der Küche stapelte. Das Ergebnis dämpfte das schlechte Gewissen, nichts gegen die reale Unordnung getan zu haben. Und das Zusehen beim automatischen Herumschieben der Klötzchen hatte was Meditatives; später schauten wir stattdessen den Bildschirmschoner Aquarium an.

Der Gerätemanager war unser Lieblingsprogramm, eine Verknüpfung lag auf dem Desktop. Beides waren Neuerungen von Windows 95: der Arbeitsplatz und Verknüpfungen. Auch die Taskleiste und das neue Startmenü erleichterten die Arbeit. Und der Papierkorb natürlich - geklaut von Apples OS. Mit Windows 95 wollte Microsoft mit viel Tamtam den Computer als Arbeitsplatz revolutionieren - und tat es tatsächlich.

Lange Dateinamen und neue Dateisysteme

Endlich lange Dateinamen: Vorbei die Zeiten, als Buchstaben und Zahlenkombinationen in 8+3 Zeichen untergebracht werden mussten. Das dafür geschaffene Dateisystem Virtual FAT ließ sich mit dem damals unter MS-DOS gebräuchlichen File Allocation Table 16 (FAT16) nutzen. Und das dürften einige Nutzer gar nicht kennen. Erst mit Windows 95B wurde ein halbes Jahr später FAT32 veröffentlicht, das dann auch mit mehr als sagenhaften 2 GByte Datenspeicher umgehen konnte. Bei unserem damaligen Greymate hatte die Festplatte nur 120 MByte Kapazität. Entsprechend oft mussten Programme deinstalliert werden, wenn andere genutzt werden mussten. Zudem ging viel Platz durch die Auslagerungsdatei verloren. Sollte Corel Draw drauf, musste Word für Windows runter. Backups wurden unerlässlich. Mangels erschwinglicher brennbarer optischer Datenträger und aufgrund einer zugegebenermaßen eigensinnigen Aversion gegen Zip-Laufwerke haben wir lange nur Disketten als Backup-Medium genutzt. Aber die langen Dateinamen unter Windows 95, die beim Kopieren auf Disketten wieder auf ein vernünftiges 8+3-Maß samt Tilde zurückgestutzt wurden, waren toll. Doof auch, dass lange Dateinamen in der MS-DOS-Eingabeaufforderung ebenfalls nur verkürzt mit Tilde angezeigt wurden.

1.000 Tipps und Tricks für Windows 95

Anfangs installierten wir Windows 95 häufig neu, nicht wegen der vielen Crapware, die zunehmend auf allerlei Medien verbreitet wurde, sondern, weil wir so viel herumexperimentierten. Und jedes Mal galt es, aus dem 8+3-Zeichensalat wieder einen langen Dateinamen zu machen - eine Vollzeitbeschäftigung. Gab es später Tools dafür? Wir meinen, ja.

Schnell sprach sich herum, dass der Startbildschirm in der Datei Logo.sys ein BMP-Bild war und durch ein eigenes ersetzt werden konnte. In der Registry konnte man ebenfalls allerlei ändern, tweaken, deaktivieren oder aktivieren. Die Registry musste auch verkleinert, aufgeräumt und komprimiert werden. Und ja, Windows 95 schien dann schneller zu laufen als zuvor, fast so schnell wie beim Nachbarn. Oder doch nicht?

Wir installieren Windows 95 neu und werden nervös

Nach zwei Jahrzehnten sind unsere Erinnerungen vermutlich nicht nur verblasst, sondern auch idealisiert. Um das ganze Erlebnis noch einmal komplett nachzuvollziehen, haben wir unsere Archive durchgearbeitet und Windows auf dem kleinen Compaq Aero noch einmal installiert. Mit 4 MByte RAM und einer 170 MByte fassenden Festplatte ist er für die Diskettenversion von Windows 95 äußerst großzügig ausgestattet. Die haben wir mangels Disketten allerdings von einer Windows-95A-CD heruntergeladen.

Die Installation von Windows 95 ist jedoch gar nicht so einfach. Grundproblem: Unsere Lizenz ist auf einem optischen Medium. Doch ein optisches Laufwerk für den Aero haben wir nicht. Wir bereuen ein bisschen, dass wir die Diskettenversion von Windows 95 nicht sauber archiviert haben. Vermutlich existiert sie noch, gefunden haben wir sie aber nicht. Wir müssen also erst einmal Bootdisketten erstellen, zum Glück nicht im DMF-Format. Aber dafür sind gut zwei Dutzend Disketten zu erstellen. Wir wünschten, das 2,88-MByte-FDD-Format hätte sich durchgesetzt, das hätte die Arbeit immerhin halbiert.

Die Disketten-Jockeys von Golem.de

Doch die Rechner zum Vorbereiten solcher Legacy-Aufgaben sind ein Problem geworden. Immerhin haben wir noch funktionsbereite, abgestellte Rechner mit PATA-Anschlüssen und Floppy-Disk-Controllern. Wir nehmen also einen Windows-XP-Rechner und fangen an, Windows-95-Disketten für unseren Compaq Aero zu erstellen - zunächst eine Windows-95-Bootdiskette, die eigentlich nur in die Kommandozeile mit der Versionsnummer Windows 95 bootet.

Eine weitere Diskette beinhaltet die Werkzeuge, um die alte Installation von MS-DOS zu entfernen. Das normale Ausführen des Setups funktioniert nämlich wegen verschiedener Datenträgerfehler nicht, denen wir nicht auf den Grund gehen wollen. Wir entledigen uns also per Fdisk der alten Partitionierung und werden so auch gleich das Doublespace-Laufwerk los.

Disk 3 enthält die Windows-Setup-Routine, die dank frischer Festplatte mit 170 MByte Speicherkapazität kaum noch das System prüfen musste. Es geht also los: Wir spielen Dutzende Male Disketten-Jockey und tauschen fröhlich Disketten beim Installationsprozess aus. Allerdings besitzen wir nicht mehr ausreichend viele Disketten, so dass wir später die Floppy-Disks recyceln. Doch das ist komplizierter, als wir erwartet haben.

Mann, ey, da kann ich doch nichts für!

Zwischendurch gibt es nämlich einige Probleme: Eines der externen FDD des Compaq Aero funktioniert nicht mehr. Der PC macht mitunter sehr seltsame und laute Geräusche. Und einige unserer nur vier Jahre alten Disketten geben den Geist auf, was interessante - und Microsoft-typisch unbrauchbare - Fehlermeldungen im Setup zur Folge hat. Da wir zu faul gewesen sind, die Disketten zu beschriften, kommt es zudem zu gegenseitigen Beschimpfungen infolge von Diskettenverwechslungen bei der Installation. Vor 20 Jahren waren Windows-Installationen eben noch etwas HOCHEMOTIONALES.

Irgendwann stellen wir fest, dass nicht wir unfähig, sondern offenbar die Dateien im Extraktionsprozess defekt sind. Entnervt probieren wir eine andere Windows-95-CD aus. Doch die hat Dateigrößen, die DMF-Disketten erfordern. Die können wir zwar noch erstellen, doch unser Wissen reicht nicht aus, um die Daten draufzuspielen. Microsoft hat das auch als eine Art Kopierschutz gedacht - wie etwas später die Verbreitung über CD-ROMs, die damals nur mit sündhaft teurer Hardware hätte kopiert werden können. Bootfähige Installations-CDs gab es erst mit Windows 98.

ZIP-Laufwerke sind doch ein Segen!

Doch eine Redaktion wie Golem.de arbeitet auch mit Redundanzen. Während der eine Redakteur auf die Idee kommt, die Daten per Null-Modem-Kabel, das noch originalverpackt ist, zu übertragen, will der andere lieber ein altes ZIP-Laufwerk nutzen. Beides sind gelinde gesagt schlechte Ideen. Die Vorstellung, mit maximal 9,2 KByte pro Sekunde eine Windows-95-Installation auf die Festplatte des Aeros zu bringen, verwerfen wir nach einiger Diskussion - es würde zu lange dauern. Außerdem liegen bereits stundenlange, erfolglose und blutdrucksteigernde Versuche mit Floppy-Disks hinter uns. Wer glauben will, dass es in der Golem.de-Redaktion nett zugeht, sollte uns meiden, wenn wir Windows 95 installieren!

Nächster Versuch: Windows 95 mit Iomega Click of Death

Iomegas ZIP-Technik scheint hingegen attraktiv. Vor allem: Wir haben ein paralleles Laufwerk (100 MByte) und ein USB-Laufwerk (750 MByte), könnten also auf unsere einzige 100-MByte-Diskette von einem modernen Rechner die Daten von der CD kopieren. Könnten im Konjunktiv, 750-MByte-Laufwerke können 100-MByte-Disketten nur auslesen, nicht aber beschreiben - was uns erst später auffällt. Denn weder Windows noch OS X sind da transparent. Erst nach der Installation der Iomegaware erfährt man dieses längst vergessene Detail. Der Versuch, die Iomegaware auf einem Windows-8.1-Rechner zu installieren, führt zu einem Fehlschlag. Nach einer Warnung vor Kompatibilitätsproblemen, auf die wir keine Lust haben, bootet der Rechner nicht mehr.

Also musste doch wieder der alte XP-Rechner genutzt werden. Und dort erklärt uns die Iomegaware, dass die Diskette nicht brauchbar sei. Wir installieren also das parallele ZIP-Laufwerk am XP-Rechner, kopieren die Daten auf die Diskette und nutzen diesen Parallel-Datenstick am Compaq-Laptop. Die Installation des ZIP-Laufwerks ist unter DOS erstaunlich unproblematisch, dauert aber gut eine Viertelstunde bei nur einer Diskette. Ineffizienz pur.

Die Null-Modem-Verbindung bleibt uns erspart

Das Windows-95-Setup wollen wir aber nicht direkt von der Diskette ausführen. Eine gute Entscheidung, wie sich herausstellt, denn bei der win95_05.cab klickt das vermaledeite ZIP-Laufwerk plötzlich: Iomegas berühmt-berüchtigter Click of Death schlägt plötzlich zu, der Disketten wie auch Laufwerke kaputt macht. Betroffen sind auch die _06.cab und die _09.cab. Wir kopieren diese Dateien anschließend noch zweimal auf dieselbe Diskette, in der Hoffnung, dass die hinteren Bereiche des Datenträgers noch in Ordnung sind - was tatsächlich so ist. Das bewahrt uns davor, eine Null-Modem-Verbindung unter DOS einzurichten. Schon der Gedanke daran ist nicht schön.

Eine gute halbe Stunde später ist die Installation von Windows 95A abgeschlossen. Der Gerätemanager stört sich an nicht korrekt erkannter Hardware und dem fehlenden Real-Modus. Außerdem empfiehlt Windows die Installation von mehr Arbeitsspeicher - eigentlich eine praktische Empfehlung, die wir uns bei modernen Rechnern auch wünschen würden. Windows 10 mit 2 GByte RAM lässt sich beispielsweise nicht besonders gut bedienen.

Auf besserer Hardware läuft Windows 95 dann doch schneller

Neben dem Compaq Aero haben wir in unserem Archiv einen weiteren Rechner, der noch mit Windows 95 betriebsbereit ist: ein Acer Travelmate 312t mit Pentium MMX und luxuriösen 32 MByte RAM. Die Unterschiede zu unserem 486er sind beeindruckend. Wir empfehlen allen, die Windows 95 neu installieren wollen, in zusätzliches RAM und einen schnelleren Prozessor zu investieren. Zudem hat der Acer-Laptop einen dieser neumodischen USB-Anschlüsse. Zwar nur einen einzigen, aber Acer war damit seiner Zeit voraus.

Das dort installierte USB-taugliche Windows 95C bereitet uns aber keine Freude. Weder ein USB-Stick noch eine USB-Maus wird korrekt erkannt. Von wegen Plug and Play! Zudem hat der Vorbesitzer die Kiste mit dem Realplayer verseucht, den wir noch nie leiden konnten. Und trotzdem: Der Rechner ist verdammt fix im Vergleich zum Compaq Aero. Zudem schaltete dieser Rechner sich auch selbsttätig ab und beherrscht Suspend to Disk. Das war zu Windows-95-Zeiten nicht selbstverständlich. Aus unseren Erfahrungen der Anfangszeit von Windows 95 kennen wir das nicht.

Wir können uns nun also von den Vorzügen von Windows 95 überzeugen - und davon gibt es einige.

Windows 95 macht vieles besser als Windows 3.11

Böse Zungen behaupteten, dass Windows 95 lediglich MS-DOS mit einem 32-Bit-grafischen Aufsatz gewesen sei. Tatsächlich werkelten vielerorts auch aus Kompatibilitätsgründen noch 16-Bit-Anwendungen und Treiber im Hintergrund, ähnlich wie es IBM zuvor auch mit OS/2 getan hatte. Einen radikalen Schritt hin zu einem reinen 32-Bit-Betriebssystem wagte Microsoft mit der Windows-NT-Reihe für den Unternehmensbereich, dessen erste Version etwa anderthalb Jahre zuvor mit Windows NT 3.1 erschienen war, auch wenn dort ebenfalls eine virtuelle DOS-Maschine lief. Der NT-Kernel dient heute noch als Basis für Microsofts Betriebssysteme, auch für das aktuelle Windows 10.

Den Spagat zwischen MS-DOS und der 32-Bit-Welt, die mit Windows 95 begann, schaffte Microsoft nie. Auch Windows 98, 98 SE und der unglückselige Nachfolger Windows ME wurden den Nimbus eines DOS-basierten Betriebssystems nie los, obwohl Microsofts Entwickler den Anteil der 16-Bit-Komponenenten fast vollständig zurückfuhren. Aber Windows ME war ohnehin das Ende dieser Reihe. Die nächste Windows-Version für Privatanwender war XP, das bereits auf dem NT-Kernel basierte.

Der Spagat zwischen 16 und 32 Bit

Anders als das erfolgreiche Windows 3.0 und das noch erfolgreichere Windows 3.11 for Workgroups war Windows 95 aber keineswegs ein reiner grafischer Aufsatz für MS-DOS. Allein die 32-Bit Speicher- und die Prozessverwaltung und der eigene 32-Bit-Schutzmodus hoben Windows 95 deutlich von MS-DOS ab. Das gilt ebenso für die 32-Bit-Gerätetreiber und die erweiterten Adressräume, die beispielsweise das Teilen eines IRQs ermöglichten. In dem Schutzmodus konnten 32-Bit-Anwendungen oder Treiber nicht mehr das gesamte System zum Absturz bringen, wie es noch unter MS-DOS der Fall war. Allerdings plagten abruptes Einfrieren und ein spontaner Neustart ihrer Rechner weiterhin viele Anwender.

Windows 95 wurde aber noch unter DOS gestartet und schaltete erst dann in den Schutzmodus, die gesamte 16-Bit-Umgebung von MS-DOS lief weiterhin im Hintergrund. Und Anwendungen, die ebendiese Umgebung nutzten, sowie schlecht programmierte Treiber konnten das gesamte System einfrieren, was oftmals in den berüchtigten Blue Screens of Death endete.

Windows 95 löst einen Hardwareboom aus

Windows 95 leitete auch einen bis dahin unbekannten Boom der Hardwareverkäufe ein. Besonders nach der Einführung von USB mit Windows 95B im August 1997 stieg die Anzahl der angebotenen Peripheriegeräte enorm an. Mäuse, Tastaturen, bald auch Drucker, Modems, ISDN-Adapter, Scanner, Digitizer, sie alle benötigten ihre eigenen Treiber. Damit stieg auch die Gefahr, dass das Betriebssystem instabiler wurde. Schlecht programmierte Treiber dürften die Hauptursache für die zahlreichen Abstürze und regelmäßigen Neuinstallationen von Windows 95 gewesen sein. Ganz unschuldig ist aber auch Microsoft sicher nicht, der in Windows 95 eingeführte USB-Stack funktionierte erst unter dem Nachfolger 98 einigermaßen.

Willkommen beim Startknopf

Windows 95 war für Microsoft indes die Startrampe für seine neue Benutzeroberfläche, mit dem Startknopf und der Taskleiste, die seit Windows 95 feste Bestandteile von Windows sind. Für seine Werbekampagne im Vorfeld des Verkaufsstarts von Windows 95 konnte Microsoft den Song "Start Me Up" der Rolling Stones nutzen. Ebenfalls neu waren die Verknüpfungen zu Anwendungen oder Dateien, die etwa auf der Arbeitsoberfläche abgelegt werden konnten, die es ebenfalls in der Form unter Windows 3.11 nicht gab. Außerdem wurde ein Kontextmenü unter Windows eingeführt. Für all diese neuen Funktionen war der Windows-Explorer zuständig, der neben seiner Funktion als neuer Dateimanager die grafische Shell von Windows bildete. Und Assistenten sollten bei jeglichen Computerproblemen helfen.

Unter Windows 95 konnte man noch mehr frickeln als unter MS-DOS. Registry-Tweaks machten die Runde, die meisten waren vollkommen sinnlos und viele schlichtweg gefährlich. Durch das Editieren der Datei Logo.sys konnte man den Startbildschirm umgestalten. Den Explorer konnte man sogar durch eine eigene Shell ersetzen. Die Suche in der Registry nutzten wir manchmal häufiger als die für Dateien im Startmenü.

In jeder Computerzeitschrift gab es Tipps und Tricks zu Windows 95. Auf den beiliegenden CDs gab es Software zum Ausprobieren in Hülle und Fülle. Meistens dauerte es keine Woche nach Erscheinen der aktuellen Ausgabe, bis Windows 95 nicht mehr ordentlich lief und neu installiert werden musste. Längst hatten wir unsere viel größere Festplatte in mindestens zwei Partitionen aufgeteilt. Auf der einen hüteten wir unsere persönlichen Daten. Auf einer weiteren lagen später sämtliche Treiber und wichtigen Anwendungen, damit sie bei einer Neuinstallation schnell zur Hand waren.

Neue Hardware musste her

Ab Windows 95A wurde auch der Internet Explorer in Version 2.0 mitgeliefert. Zwischen Microsoft und dem Konkurrenten Netscape entwickelte sich daraufhin ein erbitterter Konkurrenzkampf, der als Browserkrieg in die Geschichte einging. Mit Windows 95 stieg Microsofts Marktanteil bei den Betriebssystemen nochmals, vor allem, weil der Konzern Verträge mit Hardwareherstellern unterhielt, die Windows vorinstalliert auf ihren Rechnern auslieferten. So konnte der Windows-Hersteller auch den Internet Explorer vermeintlich kostenlos verteilen.

Ab 1995 sank Netscapes Marktanteil von etwa 80 Prozent so drastisch, dass dessen Browser ab 1998 kostenlos abgegeben wurde. Netscape zog zwar gegen Microsoft vor Gericht und erlangte eine außergerichtliche Einigung in Höhe von 750 Millionen US-Dollar, erholte sich aber nie. Der 1998 veröffentlichte Quellcode des Browsers wurde von Mozilla übernommen.

Während Microsoft mit Windows und dem Internet Explorer immer mehr Marktanteile eroberte, schaffte es der Konzern nicht, sich mit dem Microsoft Network gegen den damaligen Konkurrenten Compuserve und das aufstrebende AOL durchzusetzen. Beide sollten als Internetprovider die 1990er beherrschen, bis auch die von nationalen Internet Service Providern abgelöst wurden, die Kunden einen direkten Zugang zum Internet gewährten. Wer sich später per DSL einwählen wollte, der musste den externen Treiber Raspppoe bemühen, den es für Windows 95/98 und auch für die NT-Reihe gab.

Auf unserem Greymate von Escom hielt sich Windows 95 indes nur kurz. Obwohl die 486-CPU genügte, waren der Arbeitsspeicher und die Festplatte einfach nicht ausreichend, um vernünftig mit dem neuen Betriebssystem zu arbeiten. Zunächst bedeutete das eine Rückkehr zu Windows 3.11, bis genügend Geld für einen Tower zusammengekommen war. In ihm arbeitete dann auch bereits ein Pentium-Prozessor von Intel.

Zunächst lief dort Windows 95C parallel zu Linux, bis der Rechner unzählige Neuinstallationen von Windows 98 und dem Linux-Bootloader Lilo überstehen musste. In der Arbeit waren wir längst bei Windows NT 4.0 angekommen, und das von Kollegen als Textadventure verspottete Linux lief in einer Parallelinstallation immer häufiger als Windows. Das freie Betriebssystem landete auch auf dem Greymate, bis dieser den Geist aufgab. Es war auch ein bisschen so, als würde mit jeder neuen Windows-Version auch ein kräftigerer Rechner fällig.

Ach du meine Güte! Ein Fazit zu Windows 95

Windows 95 ist längst aus dem Handel verschwunden. Als Neuware ist das System entsprechend schlecht zu bekommen. Allerdings finden sich legale Lizenzen noch in der Ramschecke von einigen Hardwarehändlern, in Auktionshäusern und bei Gebrauchtwarenhändlern. Mittlerweile ist es möglich, Windows-95-Lizenzen auch in Euro zu bezahlen.

Fazit

Endlich kein DOS-Gefrickel mehr! Das war unsere Hoffnung, als Windows 95 erschien. In gewissen Teilen wurde uns diese Hoffnung erfüllt. Die unzähligen Versionen der Autoexec.bat und Config.sys verschwanden nach und nach von den Rechnern. Die neue Taskleiste war ein Segen, ebenso wie das Kontextmenü. Verknüpfungen zogen wir dem Startmenü aber vor, und die Suche half anfangs tatsächlich. Später wünschten wir uns eine bessere, die etwa Schlagwörter in Texten durchsuchen könnte. Nach anfänglicher Euphorie kam ziemlich schnell die Ernüchterung. Aktuelle Rechner, die unter DOS noch problemlos liefen, mussten für Windows 95 aufgerüstet oder durch kräftigere ersetzt werden.

Richtig nervig war unter Windows 95 aber das Gefrickel mit der Hardware - und das haben wir in Teilen auch bei unserer frischen Neuinstallation des Betriebssystems gemerkt. Wir sind zu alt für diesen Schnickschnack! Was damals selbstverständlich war, nervt heute nur noch: das Herumhantieren mit Disketten, die Suche nach den Treibern und die damit verbundene Verarbeitung längst vergessener Fehler- und Warnmeldungen - Plug and Pray also.

Wohl dem, der sämtliche Ausrufe- und Fragezeichen im Gerätemanager losgeworden ist! Das Gefrickel mit der Hardware kann man Microsoft nicht unbedingt vorwerfen, aber schlechte Treiber machten Windows 95 notorisch instabil. Auch das Aufräumen des Betriebssystems war alles andere als einfach. Die bereits damals berufsbedingte testweise Installation von allerlei Software blähte beispielsweise die Registry so auf, dass sie kaum noch bereinigt werden konnte. Neuinstallationen waren an der Tagesordnung.

Wir freuten uns regelrecht auf Windows 98. Da sollte wieder alles besser werden. Doch zu früh gefreut. Richtig zufrieden waren wir erst mit Windows XP und seinen automatischen Updates. Dennoch setzte Windows 95 Maßstäbe, die bis heute gelten.  (ase)


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