Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/cheating-im-e-sport-digitales-doping-1508-115791.html    Veröffentlicht: 18.08.2015 12:11    Kurz-URL: https://glm.io/115791

Cheating im E-Sport

Digitales Doping

In zwei Tagen beginnt die ESL One Cologne, Deutschlands größtes Counter-Strike-Turnier. Erstmals werden auch Dopingkontrollen gemacht. Die Profiszene hat jedoch ein viel größeres Problem mit Doping der anderen Art: Cheats. Golem.de hat mit Cheat-Codern und der ESL über die Problematik gesprochen.

Im Kampf um Preisgelder griffen E-Sportler regelmäßig zu Psychopharmaka, berichtete im Juli ein Counter-Striker. Doping unter den professionellen Counter-Strike-Spielern sei weit verbreitet. Als Reaktion darauf werden bei der ESL One Cologne, dem größten Counter-Strike-Turnier in Deutschland, erstmals Dopingkontrollen durchgeführt. Doch die Szene hat ein viel größeres Problem mit digitalem Doping, besser bekannt als Cheating.

Besonders in der Counter-Strike-Szene werden mit Cheat-Programmen oft unerlaubte Hilfsmittel eingesetzt, bei Shootern sind Cheats nämlich besonders effektiv. Sie helfen beim Zielen oder zeigen Gegner hinter Wänden an. Dass E-Sportler versuchen, mit allen Mitteln zu gewinnen, ist kein Wunder: Siegern der großen Turniere, den sogenannten Majors, winken mehrere Hunderttausend US-Dollar Preisgeld und zahlreiche neue Sponsoringverträge. Wo Geld im Spiel ist, wird Betrug zumindest versucht. Valve und die Turnierveranstalter wollen das aber verhindern.

"Die Profis werden cheaten"

"Bei der ESL One Cologne werden Spieler cheaten", sagte ein Cheat-Coder, der nicht genannt werden möchte, Golem.de. Diese Aussage wollte uns indes kein anderer aus der Szene bestätigen. Unsere Gesprächspartner sagten nur, dass Cheating auch in der Profiszene weiter ein Thema sei. Auf die Frage, ob professionelle Counter-Strike-Spieler Cheats einsetzten, antwortete auch der in der Szene bekannte Coder Supex0 kurz und prägnant: "Mit Sicherheit." Sein Cheat war es, der vor der Dreamhack im Winter 2014 in Schweden den bisher größten Cheating-Skandal in der Counter-Strike-Szene auslöste.

Konkretere Informationen wollte keiner der Coder, mit denen wir gesprochen haben, geben - schließlich würden sie ihre Kunden preisgeben. Kunden einer Branche, in der es um viel Geld geht: Zuverlässige Cheat-Provider verdienen gut und gerne 10.000 Euro im Monat, oftmals sogar noch mehr. Teilweise haben sie eine Preisgeldbeteiligung. "Der Cheat-Markt ist im Laufe der Zeit riesig geworden", erklärt der bekannte Cheat-Coder Ko1n. "Früher wurden Cheats aus Spaß an der Sache von Codern geschrieben, heute geht es den meisten einfach darum, Geld zu verdienen."

Erstellen von Cheats ist einfacher geworden

"Als ich 2006 angefangen habe, gab es ein paar IRC-Channels, in denen sich der Großteil der deutschen Szene aufgehalten hat. Jeder hat damals jedem geholfen und kaum jemand hat profitorientiert gedacht. Coole Ideen oder Code-Snippets wurden geteilt", blickt Ko1n zurück. "Die gesamte Szene hat sich stark verändert." Um Cheats zu erstellen, werde lange nicht mehr so viel Wissen benötigt wie noch vor ein paar Jahren. Der gleichen Meinung ist Tr1cky. Er ist Teil des High-Minded-Teams, das ebenfalls Cheats anbietet. "Viel Code ist mittlerweile in öffentlichen Foren zu finden. Das Erstellen von Cheats ist viel leichter geworden", erklärt er. "Immer mehr Anbieter überschwemmen den Markt."

Deswegen ist es auch so einfach, als Spieler an Cheats zu kommen: Einmal googeln und zahlreiche Foren und Webseiten werden vorgeschlagen, auf denen Cheats gekauft werden können. Wem vertraut werden kann, ist nicht zu erkennen. So kommt es nicht selten vor, dass Kunden betrogen werden. In den wenigsten Fällen werden Kontaktdaten abseits der E-Mail-Adresse und vielleicht des Skype-Kontos ausgetauscht. Sowohl Cheat-Anbieter als auch Kunden wollen anonym bleiben. Aus diesem Grund ist die Paysafecard ein beliebtes Zahlungsmittel in der Szene.

E-Sportler nutzen Private-Cheats

"Was man oberflächlich von der Coder-Szene sieht, ist nur die Spitze des Eisbergs", sagt Supex0. Durch Streit, Flame und stärker werdendes Konkurrenzdenken in der Szene haben sich viele Coder zurückgezogen und tauschen sich nur noch in kleinen Gruppen aus. Das sind vor allem Coder, die mit dem Schreiben der Cheats die Herausforderung suchen und nicht möglichst viel Geld verdienen wollen. "Viele Coder in der Core-Szene machen das alles aus Spaß und suchen im Spiel teils wochenlang nach Lücken, die sie sich mal mehr, mal weniger kreativ für ihre Cheats zunutze machen. Ihre Cheats geben sie nur im kleinen Bekanntenkreis weiter", erklärt ein Cheat-Coder. Diese Art von Cheats werden Private-Cheats genannt und sind für professionelle Spieler besonders attraktiv.

"Kennt nur ein kleiner Personenkreis den Cheat, ist die Wahrscheinlichkeit, dass er von Anti-Cheat-Programmen entdeckt wird, sehr gering", erklärt uns ein anderer Cheat-Coder. Der Cheat von Supex0 wurde im November 2014 nur entdeckt, weil der Ligenbetreiber ESEA Informationen über ihn bekam und zusammen mit Valve die Nutzer des Cheats erkennen und sperren konnte, unter anderem auch die Profispieler Simon "smn" Beck und Hovik "KQLY" Tovmassian, deren Profikarrieren mit dem Auffliegen des Betrugs zu Ende gingen. Ohne den Leak wäre der Cheat noch länger unentdeckt geblieben.

Cheaten will gelernt sein

Professionelle Counter-Strike-Spieler wissen genau, wie sie ihre Cheats einsetzen dürfen, damit diese den Zuschauern nicht weiter auffallen. Sie cheaten - wie es in der Szene genannt wird - legit: Zielhilfen etwa (Aimbot und Aimlock) sind sehr schwach eingestellt und greifen nur, wenn das Fadenkreuz tatsächlich in der Nähe des Gegners ist. So wirkt es, als ob der Spieler einfach einen guten Tag habe. Sogenannte Visuals kommen gar nicht zum Einsatz. Dazu würden zum Beispiel Wallhacks zählen, bei denen Spieler beziehungsweise deren Umrisse bunt auch hinter Wänden zu sehen sind. Sie sind einfach viel zu auffällig.

Auch ohne Cheats würden die meisten Profis den durchschnittlichen Spieler ohne Probleme besiegen, da sie sich mit ihren Bewegungen und Fertigkeiten zum Spielen auf einem professionellen Level bewegen. Die unterstützenden Elemente können in wichtigen Momenten aber über Sieg und Niederlage entscheiden - und damit über viel Geld.

Da selbst Experten anhand von Spielszenen nicht erkennen können, ob Cheats eingesetzt werden, bleiben allein Anti-Cheat-Programme, um Betrüger zu entlarven. "Anti-Cheat-Anwendungen funktionieren im Prinzip wie Antivirenprogramme", erklärt Marcel Menge von Turtle Entertainment im Gespräch mit Golem.de. Er entwickelt am Anti-Cheat-Programm der ESL.

Auch Valve selbst hat ein Anti-Cheat-System für Counter-Strike Global Offensive: die VAC-Detection. "VAC basiert hauptsächlich auf einer Blacklist und ein paar weiteren Erkennungsmechanismen", erklärt uns Ko1n. Die Hersteller sprechen nicht gerne über Anti-Cheat-Anwendungen, da sie die Mechanismen nicht erklären wollen, um keine neuen Angriffsmöglichkeiten zu schaffen. Es werden also hauptsächlich bereits bekannte Cheats erkannt. Für das normale Matchmaking reicht das System aus, da in regelmäßigen Bannwellen die Cheats der großen Anbieter gebannt werden. Unbekannte, private Cheats bleiben aber größtenteils unentdeckt.

Der Kampf gegen Cheater

Deswegen besitzt jeder größere Ligenbetreiber ein eigenes Anti-Cheat-System. Die ESEA hat ein eigenes Tool entwickelt, ebenso die ESL, die es schlicht Anti-Cheat nennt. "ESL Anti-Cheat überwacht während des Spiels, welche Prozesse neben dem Spiel laufen und sucht auch auf Treiberebene nach Unstimmigkeiten. Auch wird in der config nach manipulierten Spieldateien gesucht, indem bestimmte Dateiwerte überprüft werden", erklärt Menge. Indem wesentlich mehr Daten analysiert werden, wird versucht zu erkennen, ob Spieldateien etwa durch DLL-Injections verändert wurden.

Die gesammelten Daten werden verschlüsselt an die ESL gesendet. "Wir verschlüsseln, um den Datenschutz zu gewährleisten, aber auch damit die Dateien nicht manipuliert werden können", sagt Menge. Auf den Servern der ESL werden die Daten analysiert. Sind keine Unstimmigkeiten zu finden, werden sie gelöscht. Wird allerdings ein Cheat erkannt, darf der Spieler zwei Jahre lang nicht mehr in der ESL spielen.

"Cheating muss aktiv verhindert werden"

Da aber auch das System der ESL eher analysiert als aktiv versucht, Cheating zu verhindern, ist es mit privaten Cheats immer noch möglich zu betrügen. "Besser wäre es, etwas auf die Beine zu stellen, das aktiv gegen Cheatversuche vorgeht. Ein System, das Cheaten unmöglich macht", sagt Supex0. Auch Ko1n findet, dass alleine das Erkennen von Cheats nicht reiche: "Valve müsste endlich zahlreiche Lücken im Spiel schließen, die teilweise seit Jahren bekannt sind. Zahlreiche Funktionen könnten nicht mehr in der jetzigen Form umgesetzt werden."

In den Gesprächen mit den Cheat-Codern wurde dies Valve öfter vorgeworfen. Manche vermuten hinter dem Verhalten Kalkül. "Für Valve ist es vorteilhaft, wenn es Cheater in Spielen gibt. Wenn ein Cheat eines sehr großen Anbieters erkannt wird, werden mehrere Hundert oder Tausend Accounts gesperrt. Viele der Cheater werden das Spiel wieder kaufen, da es mit 14 Euro nicht sehr teuer ist. Und wahrscheinlich auch wieder Cheats einsetzen, um ein halbes Jahr später wieder gebannt zu werden", erklärt Tr1cky. Viele kauften sich dann wieder zahlreiche Skins, an denen Valve mitverdient.

Da Valve nur wenig unternimmt, versucht etwa Faceit, mit Game-Modifikationen das Cheaten zu erschweren. So werden Wallhacks mit Hilfe einer Serveranwendung komplett verhindert: Positionsdaten der Gegner werden vom Server nur an den Client gesendet, wenn sich der Gegner tatsächlich im sichtbaren Bereich befindet. Aktuell gibt es aber noch Probleme mit der Implementierung: Immer wieder kommt es vor, dass Gegner einfach so aufploppen, weil die Positionsdaten zu spät gesendet wurden - für Profispiele kein tragbarer Zustand.

Das Raspberry Pi als Anti-Cheat

Eine weitere Methode, gegen den Betrug vorzugehen, wären Hardware-Anti-Cheat-Lösungen wie das im Mai 2015 vorgestellte Game:ref, dessen Kickstarter-Kampagne aber gescheitert ist. Auch Ko1n arbeitet an einem Hardware-Anti-Cheat-System, das er Project Cocaine nennt. Bei dem System analysiert ein Raspberry Pi, ob die Mausbewegung mit der tatsächlichen Bewegung, die an den Server gesendet wird, übereinstimmt. Zielhilfen aller Art könnten so komplett verhindert werden.

Project Cocaine kann aber auch zu einem Hardware-Cheat umfunktioniert werden. Auf dem Raspberry Pi wird dann eine Maus emuliert, die anhand der Positionsdaten, die der Gegner sendet, beim Zielen unterstützt. Mit der Zeit sollen weitere Funktionen hinzukommen. Ob Ko1n Project Cocaine verkaufen wird, ist noch ungewiss.

Solche Hardware-Anti-Cheat-Systeme könnten allerdings nur bei LAN-Turnieren eingesetzt werden, wo bereits viele Sicherheitsmaßnahmen umgesetzt werden, um Cheating zu verhindern. So werden etwa auf der ESL One in Köln die Spieler-PCs gestellt. Die Systeme haben keinen Zugriff auf das Internet, einzig ein Steam-Login ist möglich - wie genau die ESL das umsetzt, ist nicht bekannt. Im Steam-Client sind auch der Workshop und die Steam-Cloud gesperrt, über diesen Weg haben die Spieler den Cheat von Supex0 auf bereitgestellten Systemen installiert. Die Configs und Treiber werden vorher auf eine SSD aufgespielt, jeder Spieler hat eine eigene, die er auf der Bühne in das System steckt.

LAN-Turniere mit guten Sicherheitsvorkehrungen

Bevor die Spieler an die Spielstationen dürfen, müssen sie Smartphones und andere technische Geräte abgeben, die sie erst nach dem Spiel wiederbekommen - wie geprüft wird, dass die Spieler keine weiteren Dinge bei sich haben, erklärt die ESL nicht. Cheats könnten auch über Peripheriegeräte wie Maus oder Tastatur auf die Systeme gebracht werden. Durch eine Manipulation der Firmware können Cheats mit Hilfe des kleinen Flash-Speichers in den Geräten genutzt werden - eine solche Manipulation wird auch genutzt, um Malware zu verbreiten. Um Cheating über diesen Weg zu verhindern, sammelt die ESL vor dem Event die Peripherie ein und überprüft sie auf Manipulationen.

Nicht alle Veranstalter haben so strenge Regeln, so etwa auch die Dreamhack. Die ESL macht mit ihren Regelungen Cheating fast unmöglich. Das begrüßt der Coder Ko1n: "Die Vorkehrungen der ESL sind gut und notwendig. Unmöglich scheint mir Cheating aber immer noch nicht, ich hätte eine Idee, wie trotzdem Cheats genutzt werden könnten." Genauer werden wollte er nicht. "Viel Energie werde ich dafür aber nicht einsetzen, ich erstelle keine Cheats für E-Sportler", ergänzt er. Andere Coder sehen keine Möglichkeiten, Cheats zu nutzen, außer der Cheater bekommt doch einen USB-Stick an seine Spielstation geschmuggelt.

Dass bei LAN-Turnieren noch Cheats eingesetzt werden, ist unwahrscheinlich, wenn auch nicht unmöglich. Für Onlineturniere wird es aber keinen hundertprozentigen Schutz geben. Cheats werden immer möglich sein. Valve könnte es den Cheat-Codern jedoch erschweren, wenn öfter Lücken im Spiel geschlossen würden und weiterhin am Anti-Cheat-System entwickelt würde. Die Cheat-Entwickler müssten nach neuen Möglichkeiten suchen, bestimmte Funktionen zu implementieren - das kann mehrere Monate dauern. In dieser Zeit wären auch die Onlinespiele größtenteils cheatfrei. Die E-Sport-Veranstalter versuchen bereits jetzt, mit zusätzlichen Anti-Cheat-Systemen das Betrügen einzudämmen. Ohne Valves Hilfe werden aber auch sie es nicht komplett schaffen.  (sw)


Verwandte Artikel:
ESBD: Verband will E-Sport offiziell zur Sportart machen   
(27.11.2017, https://glm.io/131346 )
Blizzard: Update und Turnier für Warcraft 3 angekündigt   
(22.02.2018, https://glm.io/132930 )
Battlefield 1: Dice warnt vor Manipulationsversuchen durch Cheat-Hersteller   
(06.02.2018, https://glm.io/132615 )
Counter-Strike Go: Bei Abschuss Ransomware   
(22.07.2017, https://glm.io/129078 )
E-Sport: 1 Million US-Dollar Preisgeld für neue Counter-Strike-Liga   
(29.04.2015, https://glm.io/113782 )

© 1997–2019 Golem.de, https://www.golem.de/