Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/uberchord-besser-spielen-statt-highscore-jagen-1508-115582.html    Veröffentlicht: 26.08.2015 10:08    Kurz-URL: https://glm.io/115582

Uberchord ausprobiert

Besser spielen statt Highscore jagen

Selbst einem kleinen Gitarrensolo unter Freunden gehen unzählige Stunden Übung voraus. Die App Uberchord soll dabei helfen, zielgerichtet zu üben. Wir haben das Programm ausprobiert und mit den Machern gesprochen.

Das Smartphone zeigt das Bild eines Gitarrenakkords, Simon Barkow-Oesterreicher legt die Finger auf die Saiten und beginnt zu spielen. Doch er ist in unserem Interview ein wenig nervös und trifft den Akkord nicht auf Anhieb. Seine Uberchord-App zeigt nicht nur an, dass er falsch gespielt hat, sondern auch, wo Finger danebenlagen. Doch beim zweiten Anschlag klappt es, sofort taucht ein neuer Akkord auf. Auch ihn meistert er, nun läuft die kleine Melodie über das Display und dezent wird ein Schlagzeug eingespielt. Barkow-Oesterreicher spielt sauber im Takt und erreicht schließlich die höchste Stufe: Nur noch die Akkordnamen werden angezeigt.

Wir sind beeindruckt, nicht nur von den Gitarrenkünsten von Simon Barkow-Oesterreicher, einem der Gründer von Uberchord, sondern, weil bei unserer kleinen Übungssession tatsächlich nur eine Akustikgitarre und ein Smartphone mit der installierten App zum Einsatz kommen. Gitarrenspiele erforderten bisher ein angepasstes Instrument oder wenigstens ein spezielles Kabel für die E-Gitarre.

Harte Arbeit anstelle eines Partyspiels

Das ist nicht der einzige Unterschied zu Rocksmith oder Guitar Hero - Uberchord ist kein Spiel. Die Optik der App unterstreicht das deutlich: Statt bunter Farben und Rockstar-Attitüde hält sich die Oberfläche farblich zurück und verzichtet auf gammelige Probenraum-Ästhetik. Als wir die App selbstständig ausprobieren, kommen wir mit der Benutzerführung schnell zurecht.

Auch ein anderes Element fehlt in Uberchord: Die Nutzer werden nicht mit bekannten Chart-Songs gelockt, die es stur Note für Note einzustudieren gilt, um einen perfekten Highscore zu erzielen. "Wir wollen Musikverständnis vermitteln, nicht nur die handwerklichen Fähigkeiten, Töne zu reproduzieren", sagt Eckart Burgwedel, der zweite Gründer von Uberchord. "Die Vision ist ein spielerischer Gitarrenlehrer, der von der ersten Note über den kompletten Song mit Soli bis hin zur Jazz-Improvisation alles vermittelt."

Akkorde lernen zum Einstieg

So weit ist die App allerdings noch nicht. Im Vordergrund steht derzeit das intensive Üben von Akkorden. Die Macher sehen das als einen Einstieg und Weg, Nutzer mit der App und ihrer Funktionsweise vertraut zu machen. "Mancher Einsteiger will erst einmal nur eine Handvoll selbst gewählter Lieder am Lagerfeuer spielen können", so Barkow-Oesterreicher, auch wenn eher ernsthaft am Lernen und Lehren von Musik Interessierte die eigentliche Zielgruppe sind. So steht in der App auch das Erlernen der Akkorde und von Akkordfolgen in der aktuell verfügbaren Version im Vordergrund.

Im Übungsmodus lernen wir deshalb Griffe und kurze Akkordsequenzen zu spielen. Neben diesen vorgegebenen, nach Schwierigkeitsgrad sortierten Tutorials können wir auch eigene Sequenzen festlegen, bis hin zu ganzen Songs. Die können auch an Freunde und Bekannte weitergegeben werden - oder wie es ganz im Sinne der Macher wäre: Unser Gitarrenlehrer stellt Stücke für uns, seine Schüler, zusammen. Was allerdings derzeit noch fehlt, ist eine öffentliche Datenbank für selbst erstellte Stücke. Hier besteht laut Barkow-Oesterreicher das Problem, dass Nutzer urheberrechtlich geschützte Titel einstellen.

Wo die Musik spielt, sind Lizenzen im Spiel

Die rechtliche Problematik ist auch der Grund, warum Uberchord selbst noch keinen bekannten Titel anbietet. Die Gründer mussten bei diesem Thema viel dazulernen. Dass sie für existierende Lieder die notwendigen Lizenzen einholen mussten, war ihnen bewusst. Doch die App spielt oder streamt die Musik schließlich nicht selbst, die Musiklabels waren die falsche Adresse. Sie fragten bei Musikverlagen an, die sie an Notenverlage weiterverwiesen. Diese publizieren heute die vielen Musikern bekannten Notenblätter zum Nachspielen.

Doch bevor die Gründer überhaupt an Rechteverhandlungen denken konnten, galt es, eine funktionierende App zu programmieren. Die Idee für die App hatten Barkow-Oesterreicher und Burgwedel, als sie 2012 zusammen im Flugzeug saßen. Kurz darauf lernten sie Martin Polak kennen, der ihre Begeisterung für die Idee teilte und auch das notwendige Entwickler-Know-how einbrachte. Laut Burgwedel verstanden sich die drei damals derart gut, dass sie den grundlegenden Vertrag zwischen ihnen auf die Rechnung einer Pizzeria schrieben, in der sie sich trafen.

Der Programmcode passt nicht auf eine Quittung

Doch die Gründungsromantik vereinfacht die Programmierung nicht. Die Auswertung der Gitarrenklänge verlangt eine aufwendige Analyse des Mikrofonsignals, um den gespielten Akkord zu erkennen. Wird eine Gitarrensaite angeschlagen, entstehen neben dem eigentlichen Ton weitere Obertöne. Beim Spiel eines einzelnen Akkords erklingen so unter Umständen mehr als 100 Töne gleichzeitig - von denen das menschliche Ohr aber nicht alle wahrnimmt. Das Mikrofon nimmt diese aber trotzdem auf, sie müssen bei der Analyse und Auswertung des Signals beachtet werden. Burgwedel glaubt, dass ihre seit zwei Jahren entwickelte Analysetechnik "die einzige der Welt ist, die komplexe Akkorde in Echtzeit erkennen kann".

An einer anderen Stelle gab es bei der Entwicklung weniger Probleme. Uberchord gibt es aktuell nur für iOS und laut Barkow-Oesterreicher ist die Qualität des Mikrofons in den mobilen Geräten von Apple recht gut. Allerdings sei die iOS-API für den Zugriff auf das Mikrofonsignal von Apple etwas "stiefmütterlich" dokumentiert und nicht immer ganz einfach zu meistern.

Uberchord selbst hat laut eigenen Angaben mittlerweile 470 Betatester für seine App, darunter viele professionell arbeitende Musiker in den USA. Doch nicht nur beim Testen der App arbeiten sie mit Musikern und Lehrern zusammen, auch an der eigentlichen Entwicklung und der Verbesserung der Erkennungsalgorithmen sind sie beteiligt. Allein um die korrekte Nomenklatur der Akkordbenennung in der App zu gewährleisten, war das Fachwissen von Jonas Schoen-Philbert unverzichtbar. Der Professor für Komposition und Musiktheorie gehört mittlerweile auch zum Mitarbeiterstamm, wie auch der Musiklehrer Enzo Galli, der sich nicht nur um die Ausarbeitung der Lektionen kümmert.

Noch ist Selbstmotivation wichtig

Die richtige Benennung der Akkorde ist schon aufgrund der zweiten Funktion der App von Bedeutung. Sie kann einen beliebigen, auf der Gitarre gespielten Akkord und Töne erkennen und taugt so als Werkzeug für Bands, um eigene Lieder zu komponieren.

Doch bis unsere Fähigkeiten so weit sind, mit unserem Spiel öffentlich aufzutreten, wird wohl noch einige Zeit vergehen. Zum Üben müssen wir uns allerdings derzeit noch selbst motivieren. Die App bietet keinen spielerischen Karrieremodus, Trophäen oder ähnliche Gimmicks. Stattdessen soll es später einen Lernpfad geben, den sich der Spieler erarbeiten muss. Ein Punktesystem existiert schon. Das soll aber vor allem unseren Fortschritt dokumentieren. Laut Barkow-Oesterreicher sollen die erfassten Erfahrungspunkte später auch helfen, bei neuen Liedern gezielt Schwachstellen üben zu können.

Aus den bereits angesprochenen rechtlichen Gründen fehlt es allerdings noch an einer solchen Downloadmöglichkeit. Die soll aber schnell kommen - unter anderem darauf stützt sich das zukünftige Geschäftsmodell der App. Die Uberchord-App selbst ist kostenlos, inklusive der Akkordlektionen. Für den Nutzer Geld kosten soll hingegen der Download neuen Liedmaterials. Bis dahin ist das Unternehmen aber noch auf Investorenkapital angewiesen. Den Gründern gelang es bereits, neben weiteren, den Verlag hinter dem Musikfachmagazin Musik&Bass als Kapitalgeber zu gewinnen. Trotzdem ist die Suche noch nicht abgeschlossen, genauso wie immer noch offene Stellen zu besetzen sind.  (am)


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