Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/rocket-league-im-test-fantastische-tore-mit-der-heckklappe-1507-115500.html    Veröffentlicht: 30.07.2015 14:44    Kurz-URL: https://glm.io/115500

Rocket League im Test

Fantastische Tore mit der Heckklappe

Das Arcade-Fußballspiel der Stunde trägt den Namen Rocket League. Statt Cristiano Ronaldo und Lionel Messi kicken hier verschiedene Autos, die unter anderem Vollgas-Tore und Glanzparaden mit der Handbremse zu bieten haben.

Trackmania trifft Fifa Street und heraus kommt Rocket League, ein Multiplayer-Fußballspiel mit Autos. Das Arcade-Spiel von Psyonix setzt überhaupt nicht auf Realismus, schafft es aber trotzdem, fast alle Emotionen einer echten Fußballpartie hervorzurufen: den Jubel und Trubel beim Ausgleich in der letzten Minute, die Anstrengung bei Sprints in die Abwehr oder den Kick nach einer glorreichen Glanzparade.

Der Spieler steuert immer nur ein Auto. Die Matches werden in den Modi 1 gegen 1, 2 gegen 2, 3 gegen 3 oder 4 gegen 4 Spieler ausgetragen. Eine Partie dauert fünf Minuten. Zu Spielbeginn lohnt es sich, etwas Zeit alleine im Tutorial zu verbringen und zu üben. Die Steuerung der Boliden zu erlernen ist das Wichtigste, um mit Rocket League Spaß zu haben.

Die Autos erweisen sich nach etwa einer halben Stunde als äußerst agile Kicker, die neben Gas und Bremse auch den Turboboost und die Handbremse zu nutzen wissen. Das klingt simpel - und ist es auch. Komplexität und Tiefe bringt der Sprungknopf: Je länger der Spieler ihn betätigt, desto höher katapultieren sich die Autos in die Luft. Wird der Knopf ein zweites Mal gedrückt, sind zudem Salti und Seitwärtsrollen mit dem Analogstick möglich. Wird der Ball mit einer solchen Aktion in der Luft getroffen, bekommt er Spin und vor allem nimmt er kräftig Geschwindigkeit auf.

Normalerweise verhält sich der Ball in Rocket League eher wie ein träger Luftballon als ein Leder-Fußball. Er schwebt und kullert vor sich hin, bis er von den Autos angestupst wird. Das Spielfeld und die Arenen sind alle begrenzt und abgerundet: Aus, Einwurf oder Ecken gibt es nicht. Wer den Ball mit Karacho gegen die Banden stößt, zaubert dadurch fast automatisch jedes Mal eine gelungene Flanke in die Offensive. Für genügend Übersicht sorgt ein Knopfdruck, der die Ball-Kamera aktiviert. Sie fokussiert die Blickrichtung des Spielers stets auf den Ball.

Der Turbo steht den Spielern nicht permanent zur Verfügung. Nachdem das erste Kontingent aufgebraucht ist, muss er an verschiedenen Stellen im Stadion wieder eingesammelt werden. Wer einen anderen Spieler mit der Maximalgeschwindigkeit trifft, kann diesen sogar kurzzeitig ausschalten. Er wird wenig später wieder neu auf das Spielfeld gesetzt. Solche Manöver sind vor allem dann sinnvoll, wenn ein Spieler des gegnerischen Teams versucht, den Ball abzufangen, bevor er ins Tor kullert. Dann ist es unter Umständen sinnvoller, mit Turboschub auf den Gegner zu prallen statt noch einmal den Ball ins Visier zu nehmen.

Verglichen mit dem Vorgänger "Super Sonic Acrobatic Rocket Powered Battle Cars" hat sich primär die Ballphysik verbessert. Die Autos müssen die Kugel nun wirklich berühren, um sie durch die Stadien zu schießen. Die überlegene Kollisionsabfrage ermöglicht genauere Schüsse, vor allem beim Drehen in der Luft.

Mit den aktuellen Stadionlayouts in Rocket League entsteht häufig ein Getümmel neben den Toren, kurz vor dem entscheidenden Pass vor das Tor. Das haben die Entwickler im Vorgänger durch kreativ gebogene Layouts von zusätzlichen Stadien umgangen, was für etwas mehr Abwechslung gesorgt hat.

Spielerfreundliches Design und Fazit

Löblich ist, dass die Entwickler an einen Offline-Splitscreenmodus gedacht haben. Bis zu vier Spieler können es sich vor dem PC- oder TV-Bildschirm gemütlich machen und gemeinsam spielen. Sogar online dürfen die Teams antreten, die eingeschränkte Sicht im Splitscreen erzeugt allerdings einen leichten Nachteil gegenüber Teams, bei denen jeder Spieler seinen eigenen Bildschirm hat.

Dafür dürften Absprachen auf der Couch einfacher sein. Und die sind wichtig: Es lohnt sich selten, als komplettes Team dem Ball hinterher zu flitzen und ihn einmal anzustupsen. Viel sinnvoller ist es, die Rollen des Ausputzers, Flankengebers und Angreifers zu verteilen.

Reduziert auf das Nötigste

Neben den Einzelmatches mit und ohne Matchmaking, on- und offline bietet Rocket League noch einen spartanischen Liga-Modus, der sich zum Üben gut eignet. Spieler können ihr Team individuell gestalten und sich über die Playoffs bis zum Titelgewinn vorkämpfen.

Mit jeder bestrittenen Partie sammelt der Spieler Erfahrungspunkte und schaltet Gegenstände oder Lackierungen für sein Vehikel frei. Durch zum Teil kreative Stücke wie eine Königskrone oder kleine im Fahrtwind wehende Fähnchen motiviert auch dieser Teil des Spiels und lädt zum Experimentieren ein. Einflüsse auf die Fahrphysik haben die Veränderungen am Design oder der Karosserie aber nie.

Rocket League ist für die Playstation 4 und Windows-PCs via Steam verfügbar und kostet 20 Euro. Playstation-Plus-Abonnenten bekommen den Titel im Juli 2015 kostenlos. Eine Besonderheit ist, dass Spieler beider Plattformen auch gegeneinander antreten. Das Online-Matchmaking sorgte in den ersten zwei Wochen nach Release noch für Frust bei den Spielern, vor allem auf der Konsole. In den letzten zwei Juli-Wochen, in denen wir Rocket League getestet haben, kam es nicht mehr zu Verbindungsproblemen. Spieler verlassen aber relativ häufig das Spiel, wenn sie denken, dass die Partie verloren ist.

Fazit

Rocket League ist ein großer Fußballspaß! Das Spiel schafft es, die gleichen Emotionen und Reaktionen wie Fifa oder Pro Evolution Soccer hervorzurufen. Und das, obwohl es zahlreiche elementare Facetten des Sports vermissen lässt: Es gibt keine Spieler mit vordefinierten besonderen Fähigkeiten, keine Standardsituationen, keine Fouls, keine Schiedsrichter, also eigentlich: keine Regeln!

Und vielleicht ist genau das der Grund, dass Rocket League so viel Spaß macht. Im Vergleich zu den großen Fußballsimulationen wirkt es direkt und echt. Jede Aktion muss manuell vorgegeben werden. Hier gibt es keine Automatismen wie den Vorlegepass der bekannten Simulationen. Diese Unverfälschtheit sorgt für weniger Ausreden bei eigenen Fehlern und pure Freude bei eigenen Glanzleistungen.

Rocket League ist leicht zugänglich, zugleich sorgt es aber durch Luft-Akrobatik, perfektes Timing und das richtige Stellungsspiel für ausreichend Komplexität und Langzeitmotivation. Für die Zukunft wünschen wir uns nur noch ein paar kreative Ideen der Entwickler für neue Arenen, die das Spielgeschehen etwas aus den Ecken herausholen.  (mw)


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