Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/plasma-mobile-ein-smartphone-os-von-und-fuer-die-community-1507-115472.html    Veröffentlicht: 29.07.2015 09:32    Kurz-URL: https://glm.io/115472

Plasma Mobile

Ein Smartphone-OS von und für die Community

Zur Entwicklung der Smartphone-Oberfläche Plasma Mobile soll von nun an jeder beitragen können. Die Begeisterung dazu ist auf der Akademy groß, denn nun fangen die Arbeit und das Basteln erst an. Dabei gewinnt die KDE-Community schon jetzt neue Mitglieder.

Mit Plasma Mobile ist noch ein weiteres Linux-basiertes System für Smartphones entstanden. Bei der bereits existierenden und vielfältigen Konkurrenz wirft das natürlich die Frage auf, ob das überhaupt nötig sei. Auf der KDE-Jahreskonferenz wird dies aber von den meisten Teilnehmern deutlich mit einem "Ja" beantwortet. Immerhin verfolgen die Entwickler damit einen in der Open-Source-Welt sehr wichtigen Gedanken: "Scratch your own itch".

Vorgegebenes Ziel ist es demnach, eine Oberfläche zu erstellen, die den Bedürfnissen der Ersteller genügt. Das heißt, es soll komplett freie Software genutzt und die Entwicklung soll von der Community getragen werden, statt von einem Unternehmen kontrolliert zu werden.

Konsequent freie Software

So hat das bei vielen Linux-Nutzern beliebte Sailfish OS von Jolla eine proprietäre Oberfläche. Das weit verbreitete Android von Google sowie einige darauf aufbauende ROMs verfügen zwar über eine frei verfügbare Oberfläche. Außenstehende können sich aber nicht direkt an der Entwicklung beteiligen.

Das gilt im eingeschränkten Sinne auch für Ubuntu Touch. Zwar nutzt Canonical dafür sogar Copyleft-Lizenzen und akzeptiert Beiträge von Dritten, aber nur unter der Bedingung einer sehr weitreichenden Lizenzvereinbarung zum Übertragen der Urheberrechte. Damit hätte Canonical jederzeit die Möglichkeit, Ubuntu Touch unter anderen Lizenzen theoretisch sogar proprietär weiter zu verbreiten. Das wird aber von vielen abgelehnt.

Plasma Mobile soll dagegen immer frei bleiben. Deshalb wird die Smartphone-Oberfläche mit Hilfe der KDE-Infrastruktur entwickelt, wo auch der Quellcode bereitsteht. Die Entwickler verwenden Copyleft-Lizenzen, doch Lizenzvereinbarungen wie bei Ubuntu sind für Beiträge nicht nötig.

Darüber hinaus ist es vergleichsweise einfach, zu der Entwicklung beizutragen. Auch wenn Clemens Tönnies jun. mit seiner Firma Blue Systems einige Kernentwickler wie Martin Gräßlin oder Sebastian Kügler finanziert, wird etwa der Plasma-Desktop nach wie vor mit der Hilfe von vielen in ihrer Freizeit erstellt. Oder als Teil ihrer Arbeit für andere Unternehmen.

Open Source ohne Business-Plan

Die bisherigen Arbeiten an Plasma Mobile waren aber ein rein internes Projekt von Blue Systems. Angefangen habe das eher als technische Studie vor fast einem Jahr, wie Kügler im Gespräch mit Golem.de berichtet. Zunächst sei aber nicht viel Zeit in Plasma Mobile investiert worden.

Doch in den vergangenen Monaten haben die Angestellten von Blue Systems einen Großteil ihrer Zeit auf die Mobile-Entwicklung verlagert. Schließlich sollte auf der Akademy ein funktionierender Prototyp gezeigt werden können. Diese Anstrengungen beeinflussten auch die Entwicklung des Desktops positiv, was etwa an den Wayland-Arbeiten sichtbar wird.

Von nun an soll Plasma Mobile aber von der gesamten Community entwickelt werden. Das Verhalten von Tönnies wird von seinen Angestellten dabei weiterhin als philanthropisch bezeichnet. Er selbst bestätigt auch, dass für Blue Systems ebenso wie für Plasma Mobile kein Geschäftsplan existiert. Dadurch wird auch verhindert, dass weder der Druck noch die Erwartung entstehen, ganz schnell ein verkaufbares Produkt erstellen zu müssen.

Ausgehend von dem noch sehr rudimentär wirkenden Prototyp hat die Community die Akademy dazu genutzt, grundlegende Dinge für Technik und Design zu erörtern. Die öffentlichkeitswirksame Ankündigung führte dabei auch zu Kontakten und Kooperationen mit Personen außerhalb der KDE-Community, die vielleicht schon bald einen komplett freien Software-Stack ermöglichen.

Happy Hacking an allen Baustellen

Die aktuelle Referenzplattform, ein Nexus 5, nutzt den gleichen Unterbau wie Ubuntu Touch mit einem Android-Kernel sowie der Bibliothek Libhybris. Insbesondere die damit verbundene Nutzung unfreier Treiber ist sowohl aus ethischer als auch aus technischer Sicht problematisch. Zwar wollen die KDE-Entwickler dies prinzipiell ändern, eine laufende Oberfläche war bisher aber das eigentliche Ziel.

Einen großen Teil der Lösung dieses Problems könnten dabei die bei Red Hat angestellten Kernel-Hacker Rob Clark und Bjorn Andersson von Sony beitragen. Um den enormen Aufwand der internen Android-Produktpflege zu verringern, versucht Sony offenbar, einen Mainline-Linux-Kernel auf seinen Geräten zu starten. Die so für Qualcomm-Chips erstellten freien Treiber könnten eventuell auch zu Portierungen auf andere Geräte als jene von Sony führen.

Bei dem Magazin LWN.net äußerte sich Clark kritisch gegenüber der Nutzung von Android. Kügler sowie Krita-Maintainer Boudewijn Rempt reagierten sofort darauf und luden Clark zu Beiträgen an dem Projekt ein. Kügler bestätigt im Gespräch, dass Kontakt mit den Kernel-Entwicklern aufgenommen werde.

Viele weitere Geräte

Außerdem bietet die bisherige Architektur aber auch zumindest theoretisch die Möglichkeit, Plasma Mobile auf die Geräte zu bringen, auf denen bereits Ubuntu Touch läuft. Oder gar auf sämtliche Android-Geräte, sofern sich jemand findet, der die Software an die jeweiligen Kernel und Hardware anpasst.

Eine erste vorsichtige Annäherung an einen Hardwarehersteller besteht aber immerhin schon. So haben die KDE-Hacker persönliche Kontakte zu dem Team des Fairphones. Ob und was sich aus einer Kooperation von Plasma-Mobile-Team mit den Fairphone-Machern ergeben kann, ist derzeit aber noch völlig offen.

Noch kein endgültiges Gestaltungskonzept

Aufseiten der Oberfläche kann die KDE-Community ihre Ideen und Vorstellungen aber eigenständig umsetzen. Bisher ist für die Mobile-Shell aber noch kein weitgehendes Konzept erstellt worden. Das sei aber gewollt, erzählt Jens Reuterberg, der Leiter der Visual-Design-Gruppe, die auch hauptverantwortlich für das neue Aussehen des Plasma-Desktops ist.

Ein erstes Treffen der Gruppe sowie interessierten Entwicklern und Nutzern auf der Akademy sollte dazu dienen, die gestalterischen Möglichkeiten auszuloten und idealerweise auch einige Grundregeln festzulegen. Zum Vergleich mit den verfügbaren Testgeräten packten die Anwesenden oft ihre eigenen Geräte mit Android oder auch Blackberry 10 aus.

Diskutiert worden sind dabei etwa unterschiedliche Wischgesten oder das allgemeine Layout der Shell. Währenddessen sind diverse Gestaltungsstudien bei Google-Plus von Andrea del Sarto gepostet worden. Dieser war den Teilnehmern der Konferenz bis jetzt völlig unbekannt. Reuterberg hofft aber, ihn zu langfristigen Beiträgen bewegen zu können.

Design mit tiefer Integration

Ebenso ist besprochen worden, wie stark Plasma Mobile mit dem Desktop integriert werden soll und kann. Mit KDE Connect arbeitet das Team bereits seit längerem an einer Verknüpfung von Android mit dem Plasma Desktop. Dies kann dank der nun gleichen Technik noch weiter ausgebaut werden.

Sämtliche Bestandteile wie die Benachrichtigungen oder auch das Chat-System könnten geräteübergreifend genutzt werden. Auch dafür gibt es bereits ansehnliche Ideen aus der Community. Theoretisch ist mit Plasma Mobile auch eine vollständige Konvergenz möglich, wie diese Ubuntu mit Unity8 oder Microsoft in Windows 10 mit Continuum umsetzen möchte.

So weit sind die KDE-Entwickler aber noch nicht. Dennoch sollte mit dem aktuellen Code zumindest eine Mobile-Shell auch auf dem Desktop gestartet werden können, um auch ohne Smartphone testen und entwickeln zu können. Für Bastler bleibt zunächst das Nexus 5.

Ob die starke Einbindung der Community tatsächlich dazu führt, dass Plasma Mobile in einem Jahr ein "konkurrenzfähiges Produkt" wird, bleibt abzuwarten. Zumindest zum Beginn der Arbeiten sind die Beteiligten hochmotiviert, das zu erreichen.  (sg)


Verwandte Artikel:
Slimbook 2: KDE aktualisiert Community-Laptop   
(12.02.2018, https://glm.io/132722 )
Akademy 2015: Plasma Mobile hilft KDE bei der Wayland-Umsetzung   
(27.07.2015, https://glm.io/115441 )
Shashlik: Eine Android-Umgebung für jedes Linux   
(26.07.2015, https://glm.io/115429 )
Unix-Desktop: KDE Plasma 5.12 startet schneller und bringt LTS   
(07.02.2018, https://glm.io/132636 )
Konkurrenz für Jolla und Ubuntu Phone: KDE Plasma 5 läuft auf Smartphones   
(25.07.2015, https://glm.io/115426 )

© 1997–2019 Golem.de, https://www.golem.de/