Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/windows-10-im-tablet-test-ein-sinnvolles-windows-fuer-tablets-1507-115385.html    Veröffentlicht: 30.07.2015 12:05    Kurz-URL: https://glm.io/115385

Windows 10 im Tablet-Test

Ein sinnvolles Windows für Tablets

Windows 8.1 sollte sich mit der Modern-UI-Oberfläche explizit an Touchscreen-Nutzer wenden, praktisch war es im Alltag aber oft nicht. Windows 10 macht vieles anders bei der Touch-Bedienung - und besser.

Microsoft hat unter Windows 10 die Benutzeroberfläche bearbeitet, um den Komfort bei der Touch-Eingabe zu verbessern. Der Nutzer kann jetzt explizit einen Tablet-Modus auswählen, zudem stehen zahlreiche Gesten zur Verfügung. Golem.de hat das neue System mit Windows 8.1 verglichen und überprüft, wie praxistauglich es ist. Dafür haben wir uns Windows 10 auf einem 10-Zoll-Tablet angeschaut.

Bereits die Benutzeroberflächen von Windows 8 und Windows 8.1 waren für Tablet-Nutzer mit Touchscreens gedacht. Mit Windows 8 führte Microsoft die Modern-UI-Oberfläche mit Kacheln ein, auch als Metro-Oberfläche bekannt. Damit sollten die Nutzer ihre vom Desktop gewohnte Umgebung nicht nur verwenden können, wenn ihr Gerät mit einem Monitor, einer Maus und einer Tastatur verbunden war; auch im Touch-Modus sollte das Tablet mit dem Finger gut nutzbar sein. Doch das System hatte noch Mankos.

Es stört bei Windows-8.1-Tablets, dass die Modern-UI-Oberfläche jedes Mal auf den Desktop-Modus wechselt, wenn eine X86-Anwendung gestartet wird. Das führt häufig dazu, dass der Nutzer sich doch mit den dicken Fingern auf der Desktop-Oberfläche herumtreibt - wohl dem, der einen aktiven Eingabestift eines Tablets hat! Microsoft hat bei Windows 10 versucht, dieses Problem mit einem anderen Grundaufbau zu lösen.

Der Startbildschirm des Tablet-Modus von Windows 10 unterscheidet sich auf den ersten Blick kaum von dem eines Windows-8.1-Tablets. Der Nutzer sieht die bereits von der vorigen Windows-Version bekannten Kacheln, neu hinzugekommen sind jetzt eine Taskleiste mit Navigationsbuttons am unteren Rand und eine Menü-Leiste links. Hierüber lässt sich eine Übersicht der installierten Anwendungen und der meistverwendeten Programme anzeigen. Die installierten Apps sind auch direkt über eine Schaltfläche unten links erreichbar - den Startbildschirm nach oben wischen muss der Nutzer dafür bei einem Windows-10-Tablet nicht mehr. Klickt der Nutzer hier auf einen der Buchstaben, schaltet die Anzeige in eine alphabetische Übersicht um. So können direkt die Anfangsbuchstaben von Apps ausgewählt und diese schneller gefunden werden.

Ähnliche Wischgesten, neue Menüs

Wischt der Nutzer von rechts in das Display, öffnet sich nicht mehr die Charms-Leiste, sondern das Action Center. Hier werden wie bei Windows Phone 8.1 eine Reihe von Schnelleinstellungen und aktuelle Benachrichtigungen angezeigt - das ist deutlich praktischer und intuitiver als bei Windows 8.1. Zu den angezeigten Benachrichtigungen zählen unter anderem E-Mails und Systembenachrichtigungen. Unter Windows 8.1 fehlte eine derartige Übersicht komplett, was wir als störend empfanden. Das Action Center ist auch im Desktop-Modus aufrufbar. Bestimmte Einstellungen sind direkt über die Taskleiste aufrufbar, beispielsweise die WLAN-Optionen, die Lautstärke oder die Bildschirmhelligkeit.

Ein Wisch von links ins Display ruft die Übersicht über die aktuell geöffneten Anwendungen auf - und zwar über alle einzelnen, auch die X86-Programme. Unter Windows 8.1 wurden diese lediglich unter "Desktop" zusammengefasst. Die Anwendungsübersicht ist unter Windows 10 eine Ansammlung von kleinen Fenstern und keine schmale Leiste wie unter Windows 8.1. Statt der Wischgeste können Nutzer auch die Schaltfläche in der Navigationsleiste verwenden, neben dem Cortana-Button.

Im Startbildschirm des Tablet-Modus hat der Wisch von oben oder unten ins Bild keine Funktion; unter Windows 8.1 konnte man damit den Startbildschirm umorganisieren. Das war eine recht unnütze Funktion, da ein langer Druck auf eine Anwendungskachel den gleichen Bearbeitungsmodus aufrief. Auf diese Weise kann auch unter Windows 10 der Startbildschirm bearbeitet werden.

Keine Desktop-Kachel mehr

Eine Desktop-Kachel gibt es unter Windows 10 nicht mehr - um den Desktop zu erreichen, muss der Nutzer jetzt im Action Center explizit den Tablet-Modus deaktivieren. Dann werden alle geöffneten Apps wie beim Desktop-Modus von Windows 8.1 als Fenster angezeigt und in der Taskleiste aufgeführt, ein Druck auf die untere rechte Ecke minimiert alle Fenster.

Die Kacheln des Tablet-Modus werden standardmäßig neben den zuletzt verwendeten Programmen im Startmenü des Desktops angezeigt - in der gleichen Anordnung wie im Tablet-Modus. Das ist nicht unpraktisch, wenn doch einmal der Desktop-Modus mit dem Finger benutzt werden muss.

Unter Windows 8.1 schaltete die Windows-Taste komplett auf die fingerfreundliche Metro UI um und blieb nicht auf dem Desktop - dieses Umherwechseln von Desktop und Metro UI fanden wir immer unschön. Vor allem vor dem Hintergrund, dass wir die Desktop-Oberfläche aufgrund der Limitierungen von Modern UI doch häufig verwendeten.

Desktop-Modus? Brauch' ich nicht

Die Touch-Oberfläche von Windows 10 hingegen verleitet uns kaum, in den Desktop-Modus zu schalten: Apps und X86-Programme werden automatisch im Vollbild geöffnet und detailliert in der Anwendungsübersicht angezeigt. Der Minimieren-Button der X86-Programme hat im Tablet-Modus keine Funktion, ist aber trotzdem vorhanden. Alle Einstellungen sind bequem per Fingerdruck erreichbar und einstellbar. Mit der Snap-Funktion können zwei Anwendungen parallel auf dem Bildschirm genutzt werden - hier finden wir es schade, dass das nicht mit X86-Programmen funktioniert.

Geöffnete Anwendungen ziehen wir dafür am oberen Rand nach links oder rechts und legen sie anschließend in einer der beiden Bildschirmhälften ab - das zweite Programm wählen wir anschließend aus einer Übersicht aus. Die Funktion ähnelt der Snap-Funktion des Desktop-Modus, auch unter Windows 8.1 gab es diese Möglichkeit schon. Hier lässt sich der Modus auch mit X86-Anwendungen nutzen, da diese generell unter "Desktop" zusammengefasst werden. Dementsprechend wird einfach der komplette Desktop auf einer Bildschirmhälfte angezeigt.

Möchten wir den Split-Screen-Modus beenden, können wir den Trenner in der Mitte einfach zu einer Seite weg ziehen. Geöffnete Anwendungen lassen sich wie unter Windows 8.1 durch einen Wisch von oben in den Bildschirm hinein schließen.

Tablet-Modus ist konfigurierbar

Der Tablet-Modus von Windows 10 ist in gewissen Punkten konfigurierbar. So kann der Nutzer zunächst einstellen, ob das Tablet überhaupt mit der touch-freundlichen Oberfläche starten soll oder doch im Desktop-Modus - sinnvoll für Geräte, die hauptsächlich an einem Monitor hängen.

Zudem kann eingestellt werden, dass die aktuell geöffneten Apps wie im Desktop-Modus als Symbol in der Taskleiste angezeigt werden. Wir finden das aber etwas unübersichtlich und bevorzugen bei reiner Fingersteuerung die App-Übersicht - dass der Nutzer hier aber die Wahl hat, ist begrüßenswert.

Wer im Desktop-Modus virtuelle Desktops anlegt, kann diese im Tablet-Modus nicht nutzen. Die geöffneten Apps werden hier statt auf den verschiedenen Arbeitsoberflächen nur generell in der Übersicht der geöffneten Programme angezeigt. Wechselt der Nutzer zurück in den Desktop-Modus, sind die virtuellen Desktops wieder vorhanden.

Systemeinstellungen sind immer noch doppelt vorhanden

Obwohl wir die Benutzbarkeit für Tablets mit Windows 10 insgesamt deutlich besser finden als noch unter Windows 8.1, gibt es auch hier noch Probleme. So hat Microsoft immer noch kein einheitliches Einstellungsmenü geschaffen: Wieder gibt es die Systemeinstellungen des Desktop-Modus sowie ein separates Menü, das über das Action Center erreichbar ist.

Dabei überschneiden sich zahlreiche Einstellungsmöglichkeiten, manche können allerdings auch nur über die Systemeinstellungen des Desktops erreicht werden - etwa Einstellungen zur Firewall. Diese Zweiteilung störte uns schon bei Windows 8.1.

Fazit

Wir kommen mit Windows 10 auf einem Tablet besser zurecht als mit Windows 8.1 und dessen ständigem Wechsel zwischen Desktop-Oberfläche und Modern UI. Bei der letzten Windows-Version haben wir trotz Touch-Bedienung meist auf dem Desktop herumhantiert, glücklicherweise auf einem Surface Pro mit aktivem Stift. Wer diesen nicht hat, muss sich viel zu häufig mit seinen Fingern durch viel zu kleine Schaltflächen quälen.

Bei Windows 10 hingegen hat Microsoft eine gute Balance zwischen dem Touch- und dem Desktop-Bereich gefunden: Wir haben im Tablet-Modus nicht das Bedürfnis, zur besseren Bedienung in den Desktop-Modus umzuschalten, da auch X86-Anwendungen wie Apps aus dem Windows Store innerhalb der Touch-Oberfläche geladen werden. Auch werden wir im Desktop-Modus nicht immer wieder in den Touch-Modus geworfen, wie unter Windows 8.1, wenn wir den Windows-Button drücken.

Auf der anderen Seite hat Microsoft die Kacheloberfläche besser in den Desktop-Modus integriert als unter Windows 8.1: Statt jedes Mal in die vom Desktop-Modus abgetrennte Metro UI zu gehen, wenn der Windows-Button gedrückt wird, wird das Kachelmenü einfach als Startmenü eingeblendet - der Sprung zwischen den Ebenen entfällt.

Allerdings kann das verbesserte Grundgerüst des Betriebssystems nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch im Touch-Modus viele X86-Anwendungen noch nicht auf die Benutzung mit dem Finger ausgelegt sind. Bei vielen Programmen sind die Bedienungselemente zu klein und mit dem Finger schwer zu treffen - hier müssten Hersteller mehr optimieren.

Konzentrieren wir uns bei der Bewertung aber auf Windows 10 selbst, so können wir deutliche Fortschritte gegenüber Windows 8.1 feststellen. Besonders Nutzer von Tablets ohne Eingabestift werden die verbesserte Bedienbarkeit schätzen.  (tk)


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