Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/siod-wenn-die-anzeige-auch-in-der-zeitung-blinkt-1507-115059.html    Veröffentlicht: 27.07.2015 09:26    Kurz-URL: https://glm.io/115059

SIOD

Wenn die Anzeige auch in der Zeitung blinkt

Eine Zeitung, in der sich die Bilder bewegen wie bei Harry Potter: Das ist das Ziel des Startups Siod. Zunächst wollen die Forscher Papier per OLED mit Lichteffekten aufpeppen.

Ein Bild mit einer animierten, fliegenden Möwe oder blinkende Augen: Auf einem Monitor ist das leicht umzusetzen, doch auf Papier erscheint es unmöglich. Das Chemnitzer Unternehmen Siod will das aber schaffen. Wir haben mit den beiden Gründern, Marcin Ratajczak und Patrick Barkowski, über ihre Idee und die Umsetzung gesprochen. Dabei fanden wir erstaunlich, wie eine innovative Anwendungsforschung auch mit vergleichsweise geringem Mitteleinsatz möglich ist, wenn vorhandenes Wissen und Technik clever kombiniert werden und man beim Forschungsstandort flexibel ist.

Produzieren und Forschen zu gleich

Frei programmierbare, farbige Displays auf organischer Basis (OLEDs) auf Papier sind das große Ziel von Siod, doch bis dahin ist noch einiges an Forschung notwendig, wie Marcin Ratajczak sagt. Das erfordert Geld, und die Förderung durch Startup-Initiativen hält nicht ewig vor. Deswegen will Siod möglichst früh Produkte mit seiner OLED-Technik auf den Markt bringen.

Am Anfang stehen einfache Effekte, die aber allein schon durch ihre Neuheit auffallen. Siod zeigt uns im Gespräch eine fiktive Werbeanzeige für ein Computerspiel, in der die Augen der abgebildeten Spielfigur einfach nur intensiv aufleuchten sollen, wenn die Seite in einem Magazin aufgeklappt wird. Einfache Animationen mit wenigen Bildern sollen sich später durch die Rasterung von OLED-Bildpunkten erzeugen lassen, in denen zu bestimmten Zeitpunkten unterschiedliche Bildpunkte angesteuert werden.

Siod will dabei als Dienstleister auftreten, nicht als reiner Produzent von Drucktechnik und -material. Marcin Ratajczak stellt sich das so vor: "Ein Kunde liefert uns ein animiertes GIF-Bild und wir drucken daraus eine animierte Seite für einen Prospekt."

OLEDs können gedruckt werden

Für dieses Ziel auf die OLED-Technik zu setzen, hat nichts damit zu tun, dass diese bei Smartphones, Fernseher, Smartwatches und Autoradios scheinbar "in" ist. Die Technik wird bereits seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts erforscht. Die Vorteile gegenüber anderen Displaytechniken wurden schon früh erkannt: Die Technik benötigt wenig Strom und OLEDs werden aus sehr dünnen Schichten aufgebaut. Dünn genug, dass sie biegbar sind. Deshalb können sie auf flexible Oberflächen aufgebracht werden. OLEDs können zudem deutlich einfacher als klassische Halbleiter-Technik hergestellt werden.

Das Ziel von Siod, OLEDs auf Papier zu drucken, scheint also nur eine konsequente Nutzung der Vorteile von OLEDs zu sein. Zugleich kommt bei Displays auf Papier und der Geschäftsidee von Siod der bekannteste Nachteil von OLEDs kaum zum Tragen: ihre nur eingeschränkte Haltbarkeit.

Doch auch wenn die Grundlagen bekannt sind und im Labor dünnste Displays auf Papier mit Hilfe von Spin Coating produziert werden können - für eine massenhafte Produktion von Displays ist das Verfahren untauglich. Deshalb experimentiert Siod mit einer Technik, die bei vielen auf dem Schreibtisch steht.



Die erforderliche Technik ist nicht neu

Siod will OLEDs mit Hilfe der Ink-Jet-Technik produzieren, also der gleichen Technik, die heute in jedem Tintenstrahldrucker steckt. Sie ist in der Lage, Druckschichten im Mikrometerbereich zu produzieren, die erforderlichen Materialien für die Produktionen können "literweise" im Voraus produziert werden und schließlich sind damit sowohl individuelle Drucke als auch Massendrucke umsetzbar.

"Unsere Experimente erfordern Kenntnisse sowohl in der Chemie als auch der Physik", sagt Patrick Barkowski. Es gilt, eine Tinte zu finden und zu produzieren, die alle erforderlichen chemischen Eigenschaften hat, um später leuchten und auch schnell trocknen zu können. Aber auch die notwendigen physikalischen Eigenschaften, um den Tintentropfen genau abzumessen und auf den Mikrometer genau platzieren zu können.

Ein Drucker für Profis

Für ihre Experimente benutzen die Forscher keinen klassischen Bürodrucker. Ihr Testgerät erinnert vielmehr an einen kleinen Lasercutter. Es handelt sich um einen speziellen Forschungsdrucker von Fujifilm. Er hat keinen Papiereinzug, das zu bedruckende Material wird auf einen flachen Boden platziert. Der Druckkopf mit dem Tank kann einfacher ausgetauscht und aufgefüllt werden als bei einem Bürodrucker. Das ist aber nicht der einzige Vorteil dieses Druckers - wichtiger ist die Möglichkeit, jeden Aspekt beim Druck zu beeinflussen, angefangen von der Positionierung des Druckkopfes bis hin zu den Spannungswerten für die Ansteuerung des Piezo-Elementes im Druckkopf.

Diese Freiheit ist allerdings preisintensiv. Ein einzelner leerer Druckkopf kostet um die 70 bis 100 US-Dollar. Und die Forscher haben in ihren Experimenten schon 70 verschlissen. Anhand der Experimente wollen sie die erforderlichen Druckparameter und Tinteneigenschaften ermitteln, um später eine Druckmaschine für den maschinellen Druck der Displays aufzubauen.

Diese Experimentaltechnik und die notwendige Laborumgebung sind für ein Startup kaum zu finanzieren. Deshalb sahen sich die Gründer, die beide aus Berlin stammen, früh nach Einrichtungen um, wo die entsprechende Technik und auch das Wissen um ihre Anwendung zur Verfügung stehen. Fündig wurden sie an der Professur für Digitaldruck und Bebilderungstechnik der Technischen Universität Chemnitz. So ist Siod wohl einer der seltenen Fälle, bei denen Gründer Berlin verlassen haben, um ihr Startup aufbauen zu können.



OLEDs sind kein Sondermüll

Während ihrer Experimente produzieren die Forscher zwangsläufig viel Altpapier. Doch diese Menge ist gering verglichen mit dem, was später produziert werden soll. Wenn es nicht gerade um Akten und Dokumente geht, heben die wenigsten Menschen Papier auf. Es landet früher oder später - hoffentlich - im Altpapiercontainer. Doch wie verhält es sich mit Papier mit Elektronik darauf? Marcin Ratajczak betont hier den Vorteil der organischen Basis von OLEDs. Die Displaytechnik basiert auf Kohlenstoffverbindungen wie das Papier. Sie soll keine getrennte Verwertung erfordern. Verbrennungsprozesse sollen nicht zu giftigen Endprodukten führen.

Nicht nur für Werbung gut

Doch bevor der Leser ans Wegwerfen denkt, soll er das gedruckte Display erstmal wahrnehmen. Die Technik soll nicht so schnell unbeliebt werden wie Flash auf Webseiten. Auch deswegen will Siod als Dienstleister auftreten. Allzu aggressives Geblinke soll den Lesern auch beim Fortschreiten der Technik erspart bleiben. Denn gedruckte OLEDs sollen sich nicht nur für Werbung eignen, sondern auch für redaktionelle Darstellungen, zum Beispiel von animierten Infografiken in Artikeln und Bedienungsanleitungen. Dabei sind auch verschiedene Arten denkbar, um den eigentlichen Effekt auszulösen. Eine berührungsempfindliche Schaltfläche bietet sich genauso an wie lichtempfindliche Sensoren.

Doch bis es soweit ist, wird noch etwas Zeit vergehen. Derzeit nutzt Siod noch über den Campus der Uni verteilte Ressourcen und Räume der Universität. Das ist nicht nur unbequem, eine Testproduktion ist unter diesen Bedingungen kaum aufzubauen. Demnächst wollen Ratajczak und Barkowski aber vollständig in das angrenzende Startup-Zentrum umziehen und eigene Maschinen aufbauen. Dann soll es nicht mehr lange dauern, bis erste Produkte verfügbar sind - welche das sind, verraten die Macher aber noch nicht.  (am)


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