Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/deltatronic-silentium-x99-im-test-und-er-brennt-doch-nicht-durch-1507-115047.html    Veröffentlicht: 06.07.2015 12:02    Kurz-URL: https://glm.io/115047

Deltatronic Silentium X99 im Test

Und er brennt doch nicht durch

Ein passiv gekühlter High-End-PC bei 30 Grad Celsius im Sommer: Deltatronic bewirbt den Silentium X99 als lautlosen Spielerechner und stille Workstation. Wir haben mit dem schweren Achtkern-Monster geschwitzt und waren dabei mehrmals überrascht.

Ein Pionier im Bereich der PC-Passivkühlung ist das in Bruchsal angesiedelte Unternehmen Deltatronic: Seit weit über einer Dekade bauen die Baden-Württemberger Büro- und Gaming-Systeme, die komplett ohne Lüfter auskommen. Das größte Modell von Deltatronic ist der Silentium X99. Wir haben uns einen solchen High-End-Rechner ins Testlabor geholt und bei hochsommerlichen 30 Grad Celsius Zimmertemperatur vermessen.

Passiv gekühlte Computerkomponenten oder gar komplette Systeme gelten unter Silent-Fans seit jeher als reizvolle Machbarkeitsstudien. Vor gut zehn Jahren protzten Hersteller mit lautlosen High-End-Grafikkarten wie der Sapphire 9700 Pro Ultimate. Zalman veröffentlichte das monströse Heatpipe-Gehäuse TNN500A-HS1. Das legendär gute Grow Up Japan Smart Drive 2002C dämmte sogar WDs Raptor und im Forum von Silent-Hardware wetteiferten Nutzer darum, den leisesten PC zu besitzen.

Ein Jahrzehnt später hat der passive Rechner nichts von seiner Faszination verloren. Mit einem einzelnen 140-mm-Lüfter bei unter 500 Umdrehungen pro Minute wäre die Kühlleistung zwar viel besser als ohne - aber wo bliebe dann der Reiz? Bedingt durch Moore's Law und den Trend zu immer mobileren Geräten entwickeln AMD, Intel und Nvidia ohnehin kontinuierlich effizientere Hardware - bei gleicher Leistung ist sie zumeist einfacher zu kühlen.

Moderne Hardware in einem Gehäuse von anno dazumal

Als Grundlage des Silentium X99 verwendet Deltatronic ein modifiziertes Chieftech DX-01, ein nach der Jahrtausendwende beliebtes Gehäuse mit für die damalige Zeit sinnvollen Neuerungen wie einem Schienensystem für 5,25-Zoll-Laufwerke. Deltatronic verbaut in allen X99-Rechnern einen DVD- statt einen Blu-ray-Brenner, letzteren gibt es gegen 100 Euro Aufpreis. Die Festplattenschächte hat der Hersteller entfernt und durch ein System ersetzt, in dem die HDD entkoppelt in einer Art offener Kühlbox mit Aluminiumlamellen gelagert werden und die Wärme nach oben steigt.

Das Mainboard wird in allen Silentium X99 von MSI gestellt. Das X99A-SLI Plus verfügt unter anderem über acht Speicherbänke für in unserem Fall 32 GByte DDR3-2133 von Crucial, zwei rückwärtige USB-3.1-Anschlüsse und einen direkt an vier PCIe-3.0-Lanes des Prozessors angebundenen M.2-Steckplatz für SSDs.

Diesen bestückt Deltatronic mit Samsungs XP941 als Boot-Laufwerk, künftig soll die schnellere SM951 verbaut werden. Als CPUs stehen die Haswell-EP bereit, in unserem Testmuster steckt ein Core i7-5960X mit acht Kernen. Wichtiges Detail: Der Turbo ist auf 3 GHz begrenzt - Standard sind 3,3 bis 3,5 GHz.



Vier Heatpipes leiten Wärme ab

Interessant ist die Wahl der Grafikkarte und des Netzteils: Die Geforce GTX 970 Phantom mit 173 mm kurzer Platine, einem Mini-HDMI-Ausgang, DVI und drei Mini-Displayports stammt von Gainward. Dieses Modell verfügt über ein von 145 auf 190 Watt erhöhtes Power Target und bis zu 1.304 MHz Boost-Takt. Beim Netzteil kauft Deltatronic ein aktiv gekühltes Seasonic SSD-550W (PDF) mit 80-Plus-Gold-Zertifizierung ein, steckt die Elektronik in ein eigenes Gehäuse samt Kühlrippen und vergießt es wärmeleitfähig. Oberhalb des Netzteils ist das Gehäuse offen, so kann die Wärme entweichen.

Da der Deltatronic Silentium X99 vollständig passiv gekühlt wird, ist ein entsprechend großer Radiator notwendig. Der befindet sich auf der rechten Seite des Chieftec-Gehäuses, er misst 49 x 40 x 3 cm und besteht aus 40 groben Aluminiumlamellen. Der schwarz eloxierte Radiator bildet das sprichwörtliche Rückgrat der Kühlung, da hierhin ein Großteil der von der Hardware erzeugten Hitze abgeleitet und dann an die Umgebungsluft abgegeben wird.

Ein Radiator, sie alle zu kühlen

Erstes Glied in der Kühlkette ist die Geforce GTX 970, bei der aber nur der GM204-Grafikchip direkt eingebunden ist. Die Spannungswandler kühlt der originale, verschraubte Block mit Aluminiumlamellen von Gainward. Da das Profil ohne kühlenden Luftstrom auskommen muss, hätten wir uns für die temperaturempfindlichen Spannungswandler mehr Oberfläche zur Konvektion gewünscht. Der 4 GByte fassende (beschnittene) Videospeicher ist nackt. Ihm bleibt daher nichts anderes übrig, als seine Wärme an die Platine abzugeben.

Auf der Unterseite der Grafikkarte bedeckt ein Kühler den GM204-Chip. Aus dem eloxierten Kupferblock führt Deltatronic zwei 10-mm-Groove-Wärmerohre (Heatpipes) heraus, die eine Kapillarstruktur aufweisen und nahezu lageunabhängig arbeiten. Sie enden mit Wärmeleitpaste versehen in einer verschraubten Halterung auf Höhe des Mainboard-Trays, die es den Heatpipes ermöglicht, viel Hitze an den Radiator abzugeben.

Die Rückseite der Geforce GTX 970 bedeckt eine beim ursprünglichen Gainward-Design nicht vorgesehene Backplate, welche die Wärme der Platine aufnimmt, die vom Grafikchip und dem Videospeicher sowie den Spannungswandlern erhitzt wird. An der Backplate hat Deltatronic ein 8-mm-Wärmerohr angebracht, das mit dem darüber befindlichen CPU-Kühler in Verbindung steht.

Dieser wiederum leitet seine und einen Teil der thermischen Verlustleistung der Grafikkarte über zwei 10-mm-Sinter-Heatpipes an den Radiator an der Seitenwand des Gehäuses weiter. Die beiden Rohre führen durch den einzelnen, originalen Spannungswandlerkühler des MSI X99A-SLI Plus hindurch. Deltatronic hat hierzu schlicht mittig ein Stück herausgeschnitten.



Bei Last sinkt die Leistung stark

Nach dem Einschalten des Silentium X99 fragten wir uns kurz, ob der Rechner startet - er ist unhörbar, denn einen Speaker auf dem Mainboard gibt es nicht. X99-typisch dauert der Boot-Vorgang länger als bei einer Z97-Platine, was irritierend sein kann. Bei 30 Grad Celsius Raumtemperatur pendeln sich nach dem Start die Temperaturen von Prozessor und Grafikkarte bei rund 45 Grad Celsius ein; der Radiator wird handwarm.

Um das System aufzuheizen, lassen wir Next Car Game in Ultra-HD-Auflösung laufen. Die Kamera fliegt die Strecke ohne Unterbrechung ab, was in erster Linie die Grafikkarte auslastet. Der Prozessor hingegen kann alle bis auf drei Kerne schlafen schicken. Die Geforce GTX 970 startet mit einem Boost von 1.280 MHz, erreicht aber zügig ihr Temperaturlimit von 81 Grad Celsius.

Da zugleich 99 Prozent des Power Targets anliegen, taktet der Chip bis auf 1.040 MHz herunter. Das ist weniger als die von Nvidia spezifizierte Basisfrequenz von 1.050 MHz. Die per externem Thermometer ausgelesene Temperatur der Spannungswandler von 82 Grad Celsius geht in Ordnung. Der Core i7 fährt derweil die belasteten drei Kerne mit 1,2 bis 3 GHz bei etwas unter 70 Grad Celsius, die restlichen Kerne schickt Power Control Unit teils schlafen.

Als nächstes Szenario starten wir nach einer Abkühlungsphase den Luxmark v3: Dessen OpenCL-Stresstest nutzt alle acht Kerne des 5960X-Prozessors und fordert die Shader-Rechenwerke der Geforce GTX 970. Da unter anderem die Tessellation- und die Textureinheiten sowie der Videospeicher im Luxmark wenig zu tun haben, wird das Power Target der Grafikkarte nicht voll ausgefahren und die Leistungsaufnahme und die Wandlertemperaturen liegen unterhalb dessen, was im Next Car Game erreicht wird.

Da knackt und zischt doch etwas

Da der Luxmark v3 auch die CPU stark auslastet, benötigt das System 265 statt 214 Watt - und es ist auf einmal hörbar. Spieler kennen das Spulenfiepen von Grafikkarten, das bei hohen Bildraten in den Menüs mancher Titel auftritt, davor ist auch der Silentium X99 nicht gefeit. Was wir aber im Luxmark v3 hören, ist ein leichtes Knacken: Es dringt leise aus dem Netzteil, und einige Bauteile auf dem Mainboard klingen, als wären sie Holzkohle auf einem Grill oder Öl in einer heißen Pfanne.

MSI gibt eine zulässige Höchsttemperatur von 150 Grad Celsius für die Spannungswandler auf der Platine an, weitere Komponenten wie Kondensatoren dürften aber durch die hohen Temperaturen auf Dauer recht schnell altern und tendenziell früher ausfallen als bei einem luftgekühlten System. Testen können wir das allerdings nicht - nur vermuten.

Ans Limit treiben konnten wir den Silentium X99 nur mit einer Kombination aus Prime95 (In-Large-FFTs) und Furmark (Burn-in): Der Rechner benötigt dann 347 Watt und glüht bereits nach wenigen Minuten. Der Prozessor heizt sich bis fast 100 Grad Celsius auf - drosselt aber noch nicht - und die Grafikkarte schafft es auf 91 Grad Celsius. Der Chip-Takt fällt unter 900 MHz, der des 5960X weit unter 3 GHz. Bei GPU-Spannungswandler-Temperaturen von kritisch hohen 100 Grad Celsius brachen wir den Versuch vorzeitig ab.

Wichtig: Beide Stress-Tests sind keine Alltagsanwendungen, eine solch hohe Last können weder Spiele noch Video-Rendering erzeugen.

Fazit und Verfügbarkeit

Deltatronic verkauft den Silentium X99 in verschiedenen Konfigurationen: Die günstigste kostet 1.990 Euro und basiert auf einem 550-Watt-Netzteil, einem Core i7-5820K, 16 GByte DDR4-Arbeitsspeicher, einer 128 GByte großen PCIe-M.2-SSD und einer uralten Geforce 210. Die von uns getestete Version mit Core i7-5960X, 32 GByte RAM und einer Geforce GTX 970 ist für 3.455 Euro verfügbar.

Auf Wunsch ist das System mit Xeon-Modellen, bis zu 128 GByte DDR4-RAM, einer 512 GByte fassenden PCIe-M.2-SSD, einer zusätzlichen 840-Pro-SSD mit bis zu 1 TByte Kapazität, zwei WD-Red-Festplatten in Kühlboxen mit bis aufaddiert 12 TByte Speicherplatz, einer Geforce GTX 980 für Spieler oder einer Quadro K4200 für Profianwender für mehr als 8.000 Euro erhältlich.

Abseits vom X99-Rechner bietet Deltatronic auch Modelle mit Z97-Board und Haswell-Prozessoren (Devil's Canyon) an, die Intel mit nur 88 statt 130 Watt TDP wie die großen Haswells klassifiziert - inklusive Grafikeinheit wohlgemerkt. Auf Nachfrage bestätigte uns Deltatronic, dass dieses System bald auch mit den effizienteren Broadwell-Chips angeboten wird.

Fazit

Der Silentium X99 erscheint auf den ersten Blick wie eine Machbarkeitsstudie, denn das Deltatronic-System muss unter alltäglicher Last über 250 Watt passiv kühlen - kein Lüfter unterstützt die Konvektion. In der Praxis funktioniert der Silentium X99 allerdings tadellos: Weder der High-End-Prozessor Core i7-5960X noch die Grafikkarte der Oberklasse, eine Geforce GTX 970, überhitzen unter Last, wenn wir Spiele starten oder OpenCL-Programme ausführen.

Um das zu erreichen, betreibt Deltatronic jedoch viel Aufwand. Die Kühlung besteht aus einem sehr großen Radiator, der die komplette rechte Seitenwand des Chieftec-Gehäuses einnimmt, und vier Heatpipes. Den Prozessor hat der Hersteller zudem von bis 3,6 auf 3 GHz gedrosselt. Die Grafikkarte hingegen darf theoretisch mit bis zu 1,3 GHz Chiptakt laufen.

Praktisch gibt der Rechner aber ein schönes Beispiel für den Turbo-Wahnsinn, der bei einer Passivkühlung reine Makulatur ist. Unter konstanter Last drosselt die Geforce GTX 970 auf 1.040 MHz und damit unter den Takt, den Nvidia für dieses Modell als Basisfrequenz angibt. Quälen wir das System mit unrealistischer Last, verringert sich der Takt auf unter 900 MHz, und die CPU schaltet aus Sicherheitsgründen auf 2,4 GHz herab.

Für uns ist Silentium X99 ein Nischengerät für Nutzer, denen das abseits von minimalen Störgeräuschen wie knackenden Wandlern unhörbare System das Geld wert ist - etwa weil es die Arbeitsumgebung erfordert. Ob der Rechner auf Dauer unter den hohen Temperaturen leidet, können wir nicht prüfen.  (ms)


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