Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/pebble-time-im-langzeit-test-nicht-besonders-smart-aber-watch-1506-114882.html    Veröffentlicht: 29.06.2015 12:08    Kurz-URL: https://glm.io/114882

Pebble Time im Test

Nicht besonders smart, aber watch

Die Pebble Time ist das erfolgreichste Kickstarterprojekt - aber wie schlägt sie sich im Alltag? Ist die Akkulaufzeit so lang, wie der Hersteller verspricht, und funktioniert sie mit Android genauso gut wie mit iOS? Wir haben die Smartwatch mit E-Paper-Display im Langzeittest ausprobiert.

Die Pebble Time hat auf Kickstarter 20 Millionen US-Dollar eingespielt, wurde in der Kunststoffversion an die Unterstützer ausgeliefert und ist im Handel für rund 250 Euro nun auch in dieser Version erhältlich. Grund genug, diese Smartwatch auszuprobieren, die über ein E-Paper-Display verfügt, eine deutlich längere Akkulaufzeit als die Konkurrenz bieten soll, aber weniger Funktechnik und Sensoren enthält.

Bei der Pebble-Smartwatch kommt ein zur Gruppe der E-Paper-Displays gehörendes Modell mit 144 x 168 Pixeln und 64 Farben zum Einsatz, das nach der Memory-in-Pixel-Technik arbeitet. Das Farb-E-Paper-Display der Uhr ist kontinuierlich aktiv und kann mit einer LED auch bei schlechtem Licht abgelesen werden - ansonsten reicht Umgebungslicht. Die Darstellung ist allerdings kontrastarm und nicht zu vergleichen mit OLED- oder LC-Displays anderer Smartwatches. Doch dafür soll die Uhr nicht die üblichen ein bis zwei Tage mit einer Akkuladung auskommen, sondern bis zu einer Woche.

Einen Pulsmesser, GPS oder NFC beziehungsweise WLAN und Mobilfunkverbindungen sucht der Nutzer vergebens. Die Pebble Time kann nur eine Bluetooth-Anbindung zu Android- und iOS-Geräten aufbauen. Dazu bedarf es einer App, die es für beide Betriebssysteme gibt und über die der Anwender die Uhr konfigurieren und mit neuen Apps versehen kann. Auch die Einstellung der App selbst wird darüber vorgenommen. So kann der Anwender zum Beispiel bestimmen, welche Kalender synchronisiert werden sollen. Über die App können auch neue Zifferblätter auf die Uhr kopiert werden.

Nur in der Android-Version lässt sich auch konfigurieren, welche App-Benachrichtigungen an die Uhr weitergeleitet werden sollen und welche Sprache in der Diktierfunktion genutzt wird. Von iOS-Geräten werden alle Benachrichtigungen auf die Uhr gespielt, so dass der Nutzer nur die Möglichkeit hat, auf seinem Smartphone oder Tablet bestimmte Meldungen auszuschalten, wenn diese nicht auf der Pebble Time erscheinen sollen. Eine Diktierfunktion mit Texterkennung gibt es unter iOS gar nicht. Windows Phone wird offiziell nicht unterstützt.



Das Display wirkt etwas klein

Die Pebble Time verfügt über ein quadratisches Display, ein Gehäuse aus schlagfestem Kunststoff und ein breites Silikon-Band, das wider Erwarten angenehm zu tragen ist. Wer will, kann es gegen ein Standard-22-mm-Band austauschen. Die Bandanstöße entsprechen denen normaler Armbanduhren. Da das mitgelieferte Armband wie bei der Apple Watch keinerlei Funktion hat, kann der Anwender ein alternatives Band nach persönlichem Geschmack wählen.

Die Uhr wirkt, anders als viele Smartwatches, nicht klobig. Das liegt an dem kleinen und flachen Gehäuse, das 40,5 x 37,5 x 9,5 mm misst und leicht gewölbt ist, um sich dem Armgelenk besser anzupassen. Allerdings ist die Pebble Time von einem recht breiten Rand umgeben, so dass das 1,25 Zoll große Farbdisplay etwas verloren aussieht. Bedient wird die Uhr über Knöpfe am rechten und linken Rand, die gut zu treffen sind und einen ordentlichen Druckpunkt haben.

Geschützt wird das Display nach Herstellerangaben von Gorilla-Glas. In unserem Test zeigte sich schon bald ein hässlicher Kratzer, obwohl wir uns keines Vorfalls bewusst sind, bei dem die Oberfläche hätte Schaden nehmen können.

In wenigen Wochen soll die Edelstahlversion der Uhr auf den Markt kommen, die einen etwas größeren Akku hat und etwas höher ist. Die Uhr soll in bis zu 30 Meter Tiefe wasserdicht sein, was wir nicht überprüft haben. Ein unfreiwilliges Bad in einem gefüllten Handwaschbecken überstand sie problemlos.

Smartwatch ohne Touchscreen

Die Pebble Time hat keinen Touchscreen und wird vollständig über die seitlichen Knöpfe bedient. Deren guter Druckpunkt ermöglicht eine nahezu blinde Bedienung, was keineswegs selbstverständlich ist. So lässt sich der Wecker mit Vibrationsalarm problemlos deaktivieren beziehungsweise für zehn Minuten stumm schalten, ohne die Uhr ansehen zu müssen.

Links befindet sich ein Knopf, rechts sind gleich drei. Mit dem linken Knopf kommt der Nutzer in der Menüsteuerung zurück. Pebble hat der Uhr ein besonderes Bedienungskonzept mitgegeben. Die drei Buttons rechts steuern eine Zeitleiste. Alle App-Benachrichtigungen, Erinnerungen, Ereignisse und Nachrichten sind in einer chronologischen Reihenfolge angeordnet. Der obere rechte Knopf zeigt aktuelle Daten an. Drückt der Nutzer ihn noch einmal, zeigt er Informationen vom Vortag an. Die Betätigung des unteren Buttons aktiviert die Anzeige künftiger Daten, zum Beispiel die Wettervorhersage.

Durch diese - zunächst etwas verwirrende - Steuerung muss der Benutzer in der Regel keine Apps starten, um sich schnell zu informieren. In der App auf dem iOS- oder Android-Gerät kann der Nutzer mit den Timeline Pins in den Einstellungen einiger Apps festlegen, ob Daten dieser App in der Zeitleiste erscheinen sollen oder nicht. Zudem kann er bestimmen, ob die Uhr eine Benachrichtigung durch Vibration und Text bei neuen Daten von dieser Anwendung empfangen will.

Natürlich kann die App auch normal geöffnet werden. Dazu wird der mittlere rechte Knopf gedrückt, der das App-Menü aufruft. Hier kann der Anwender blättern und die gewünschte Anwendung auf der Uhr mit dem Mittelknopf starten. Wer will, kann auch eine Lieblings-App auf den oberen und den unteren Knopf legen, die dann bei längerem Betätigen direkt gestartet wird. Wir haben zum Beispiel eine Fitness-Tracker-App und die Benachrichtigungs-App dort als Favoriten abgelegt.

Zwar lassen sich je nach Dateigröße recht viele Apps installieren, doch das mühsame Durchscrollen verleidet diese Möglichkeit. Wer einmal durch 40 Apps scrollte, wird verstehen, dass die Bedienungsweise dieser Smartwatch nicht nur positive Reaktionen hervorruft. Die Reihenfolge der Apps lässt sich auf dem Mobilgerät spezifizieren.



Betriebssystem verwaltet Speicherplatz

Wenn der Benutzer den Speicher der Uhr durch zu viele Apps überreizt hat, werden diejenigen, die selten aufgerufen wurden, von der Uhr automatisch und ohne Rückfrage entfernt. Im App-Menü verbleibt ihr Eintrag jedoch. Ruft der Nutzer sie darüber auf, werden sie automatisch per Bluetooth vom verbundenen Mobilgerät heruntergeladen und gestartet. Das dauert nur wenige Sekunden.

Im Einstellungsmenü der Uhr kann die Zeitzone verändert oder eine Benachrichtigungspause für die Nacht festgelegt werden. Die Uhr kann hier auch neu gestartet oder in den Flugzeugmodus versetzt werden, in dem Bluetooth deaktiviert wird.

Der App Store ist rappelvoll

Die Pebble Time kann die Apps der alten Pebble-Smartwatch ausführen, weshalb rund 6.500 Apps zur Verfügung stehen - die meisten arbeiten jedoch nur in Schwarz-Weiß. Farb-Apps sind noch recht rar. Herausragende Beispiele sind Evernote, Tripadvisor und ESPN sowie einige Spiele. Das sollte sich in Zukunft noch ändern, wenn mehr Entwickler daran arbeiten und die Uhr auch über den Einzelhandel eine größere Verbreitung finden sollte.

Eine empfehlenswerte Fitness-Tracker-App ist die von Misfit, die mit dem integrierten Beschleunigungsmesser als Schrittzähler arbeitet und auch als Schlaf-Tracker verwendet werden kann. In Zusammenarbeit mit dem GPS des Mobilgeräts kann Tripadvisor zum Restaurantführer am Handgelenk werden, der Gastwirtschaften in der Nähe mitsamt Empfehlungen aufführt.

Die Kartenanwendung Maptastic zeigt die Grenzen des Displays auf. Wer mit dieser Anwendung versucht, die Vektorkarte der Umgebung zu lesen, dürfte bald entnervt aufgeben, weil das Display dafür einfach zu winzig und zu schlecht abzulesen ist. Witzig ist die Steuerung für die Hue-Lichter von Philips, die als Lichtschalter an Handgelenk fungiert.



Mit IFTTT mehr Infos erhalten



Empfehlenswert ist auch die App 'If this then that' (IFTTT). Damit lassen sich zum Beispiel RSS-Feeds und andere Nachrichtenquellen anzapfen sowie E-Mails von Google Mail filtern. Neue Einträge in diesen Feeds oder Filterergebnisse werden dann auf dem Mobilgerät als Benachrichtigungen eingeblendet - und damit lassen sie sich auf der Pebble Time anzeigen.

Hallo? Ist da jemand?

Das Mikrofon der Pebble Time macht derzeit nur Android-Benutzern Freude, denn darüber können sie auf eingehende SMS antworten. Die Spracherkennung geschieht online und ist erstaunlich akkurat, wie unsere Versuche zeigten. In der mobilen Android-App muss die Erkennungssprache eingestellt werden. Die Transkription funktioniert auch in deutscher Sprache.

Alternativ zur Texteingabe per Stimme können auch mehrere vorgefertigte und in der Mobil-App abgelegte Antworten ausgewählt und per SMS verschickt werden. Diese Funktion bietet beispielsweise auch die Apple Watch. Auch Emojis können aus einer großen Auswahl verschickt werden. Wann die Sprachfunktion mit iOS genutzt werden kann, ist unbekannt. Mit den Sprachsteuerungen Apple Siri oder Google Now ist die Pebble Time bisher nicht kompatibel. Über die Uhr kann man sein Smartphone also weder steuern noch befragen. Ob dies noch nachgeliefert wird, bleibt fraglich.



Der Akku hält fast, was Pebble verspricht

Auf Kickstarter und der Unternehmenswebsite gibt Pebble eine Laufzeit von bis zu sieben Tagen für die Pebble Time an. Diese Zeit haben wir im Alltagsbetrieb mit ungefähr 40 Benachrichtigungen pro Tag im Schnitt nicht erreicht, sondern mussten die Uhr nach etwa vier bis fünf Tagen wieder aufladen. Ein Ziffernblatt mit Sekundenzeiger wurde nicht verwendet, denn dies würde zu einem ständigen Refresh des Displays führen, was sich negativ auf die Laufzeit auswirken würde.

Der Ladeprozess dauert ungefähr eine Stunde und ist damit schnell abgeschlossen. Allerdings ist der Aufladevorgang aufgrund des schlecht konstruierten Haltemechanismus nur möglich, wenn die Uhr vorsichtig und ohne Zug vom Kabel her abgelegt wird. Leider rutscht das mit zwei kleinen Magneten gehaltene Ladekabel viel zu leicht von den Kontakten. Die Pebble Time Steel soll eine Laufzeit von bis zu zehn Tagen haben, was wir mangels Testgerät jedoch noch nicht prüfen konnten.

Wo steht die Uhr im Vergleich zur Konkurrenz?

Über Design lässt sich bekanntlich streiten, doch es fällt auf, dass die Pebble Time gegenüber der Apple Watch, aber auch gegenüber den meisten Android Wear Uhren optisch abfällt. Während viele Hersteller versuchen, klassische Uhrengehäuse zumindest nachzubilden, orientiert sich Pebble eher frühen LCD-Uhren. Das wird nicht jedem gefallen, zumal der breite Rahmen klobig wirkt. Von den Funktionen her ist die Pebble Time minimalistisch: Es gibt, wie eingangs erwähnt, kein GPS, NFC oder WLAN und auch ein Pulsmesser fehlt. Mit 250 Euro im Einzelhandel ist die Uhr derzeit zudem recht teuer.

Fazit

Die Pebble Time ist für iOS-Benutzer derzeit eher nicht zu empfehlen - schließlich kann sie weder SMS schicken noch ist die Diktierfunktion nutzbar. Dafür arbeitet sie im Gegensatz zur Apple Watch auch mit dem iPad zusammen.

Bei Android sieht die Sache schon anders aus: Die Diktierfunktion hat uns sehr gut gefallen und die feiner konfigurierbare Benachrichtigungsfunktion verhindert, dass die Uhr sich ständig mit irgendwelchen Hinweisen bemerkbar macht, die am Smartphone auftauchen.

Beim Design scheiden sich die Geister. Manche Kritiker empfinden sie als unelegant und klobig, während andere ihr minimalistisches Äußeres loben und denjenigen empfehlen, die keinen Schmuck am Handgelenk tragen wollen. Das größte Plus ist jedoch die Akkulaufzeit: So lange wie die Pebble Time läuft unseres Wissens nach keine andere Smartwatch mit Display und eigenen Apps.

Nicht berücksichtigen konnten wir die Möglichkeit, durch sogenannte Smart Straps die Funktionalität der Uhr zu erweitern - es sind schlicht bisher keine mit solcher Technik bestückten Uhrarmbänder erschienen. Die Funktionsweise der Timeline überzeugt, auch wenn das Bedienungskonzept der Pebble Time beim App-Switcher an seine Grenzen stößt.

Da die Uhr auch mit den alten Pebble-Apps benutzt werden kann, steht ihr vom Start weg ein großes Sortiment von Anwendungen zur Verfügung. Für das neue Betriebssystem hat Pebble zudem ein SDK vorgestellt, mit dem eigene Anwendungen erstellt werden können.

Im Smartwatch-Segment nimmt die Uhr eine Sonderstellung ein: Sie funktioniert sowohl mit iOS als auch Android, glänzt mit einer durchaus langen Laufzeit, kann dafür aber auch recht wenig. Die große Hoffnung liegt nun auf den Zusatzarmbändern - und auf den Entwicklern.  (ad)


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