Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/adblocker-humancredit-faire-werbung-fuer-gute-menschen-1506-114860.html    Veröffentlicht: 25.06.2015 12:09    Kurz-URL: https://glm.io/114860

Adblocker Humancredit

Faire Werbung für gute Menschen

Das Projekt Humancredit will den Krieg zwischen Werbewirtschaft und Adblockern befrieden. Wer Werbung durchlässt, soll gemeinnützigen Projekten helfen und die Anzeigen besser machen. Ein Vorteil für alle Beteiligten?

Onlinewerbung kann nervig sein. Sie blinkt, springt vor den Text oder spielt ungefragt hektische Filmchen ab. Viele Nutzer blocken daher Werbung und und verweigern damit die Gegenleistung, die sich kommerzielle Anbieter für ihre kostenlosen Angebote erwünschen. Die Werbewirtschaft wiederum bekämpft Adblocker-Plugins erbittert auf juristischer und technischer Ebene. Aus diesem Dauerclinch will das Projekt Humancredit einen Ausweg bieten, der allen Beteiligten hilft: einen Adblocker, der nur erwünschte Werbung durchlässt und dessen Gewinne für einen guten Zweck gespendet werden. Kann das funktionieren?

Hinter dem Berliner Startup steht der Architekt Georgi Musev. Der gebürtige Bulgare hat seinen Job als Chef des Berliner Architekturbüros Raumhoch vor anderthalb Jahren aufgegeben und will mit Humancredit ein neues Konzept für Onlinewerbung etablieren. "Wir müssen den Dialog zwischen Menschen und Firmen im Internet anders interpretieren, so dass der Mensch im Mittelpunkt steht und nicht zugeballert wird von außen", sagt der 45-Jährige im Interview mit Golem.de. Der Nutzer soll dabei mit Hilfe des Adblockers die Kontrolle über die von ihm gewünschte Werbung behalten.

Strenge Kriterien für Firmen und Anzeigen

Nur solche Firmen können werben, die eine Reihe von Bedingungen erfüllen: Sie müssen sich zum einen verpflichten, die zehn Prinzipien für ein verantwortungsvolles Wirtschaften gemäß der UN-Kampagne Global Compact einzuhalten, zum anderen muss deren Vermarkter ein sogenanntes OBA-Zertifikat für nutzungsbasierte Onlinewerbung (Online Behavioural Advertising) besitzen. Die Anzeigen selbst sollen die Kriterien für akzeptable Werbung erfüllen, die Adblock Plus mitformuliert hat. Erkennbar ist die Werbung dann am kleinen blauen Humancredit-Punkt in der Ecke.

Wer das entsprechende Plugin installiert hat, kann sich entscheiden, ob er die von Humancredit akzeptierte Werbung sehen möchte. Ihm steht jedoch weiterhin frei, sämtliche Anzeigen komplett zu blocken. Wer das Plugin deaktiviert oder gar keinen Adblocker installiert hat, sieht natürlich sämtliche Werbeanzeigen auf der Seite. Das Humancredit-Plugin basiert auf dem Tool UBlock und ist bereits für den Chrome-Browser verfügbar. "In einer späteren Version soll das Plugin personalisiert werden können und die Möglichkeit bieten, einzelne Werbeanzeigen zu bewerten", erläutert Musev. Doch warum sollten Nutzer, die bereits einen Adblocker verwenden, auf Humancredit umsteigen? Und warum sollten Anzeigenkunden möglicherweise mehr Geld für den Kontakt mit dieser kritischen Zielgruppe ausgeben?

Kreditpunkt für soziale Zwecke

Musev nennt dafür eine ganze Reihe von Gründen. Ein Köder für die Nutzer sind dabei die gemeinnützigen Projekte, die Humancredit unterstützen will. Für jede Anzeige, die durchgelassen wird, gibt es "Human Credits", menschliche Kreditpunkte, die in der Summe Projekten zugutekommen, die die Nutzer in einer späteren Phase selbst vorschlagen können. "Zudem können sich die Nutzer sicher sein, dass sie nur 'faire' Werbung von Unternehmen sehen, die sich zu einer ethischen Verantwortung verpflichtet haben", sagt Musev. Später soll es die Möglichkeit geben, mit den gesammelten Punkten auch in sozialen Netzwerken zu renommieren. Zu guter Letzt trägt Humancredit dazu bei, dass sich die besuchten Internetseiten besser finanzieren können. Was sicher auch im Interesse der Nutzer liegt.

Den Werbekunden verspricht Musev über das Plugin den Zugang zu einer Zielgruppe, die sie sonst nicht erreichen können: vor allem technisch versierte Nutzer und die "Generation Y". "Wir öffnen verlorenes Inventar und machen eine Reichweite flüssig, die sonst nicht genutzt werden kann", sagt Musev. Besonders attraktiv sei diese Zielgruppe, weil sie sich bewusst dafür entscheide, die Humancredit-Werbung sehen zu wollen. Außerdem mache das werbende Unternehmen auf diese Weise explizit deutlich, dass es bestimmte ethische Regeln einhalten wolle.

Testphase soll bis zu 100.000 Nutzer bringen

Das Konzept mag überzeugend klingen - dennoch dürfte es nicht so leicht sein, die komplexe Werbewirtschaft, zu der Verlage, Vermarkter, Agenturen und Anzeigenkunden gehören, zu einem Testlauf für Humancredit zu bewegen. Musev plant eine neunmonatige Testphase, in der er 50.000 bis 100.000 Menschen finden will, die bei Humancredit mitmachen. Zudem hofft er auf neues Startkapital, um die personalisierbare Version des Plugins mit dazugehöriger Datenbank programmieren zu können. Bislang arbeiten die acht Mitarbeiter fast alle ehrenamtlich, lediglich ein Programmierer wird bezahlt. Eine halbfertige Betaversion will Musev den Nutzern jedoch nicht anbieten.

Seine eigentlichen Vorteile dürfte das Konzept in der Tat erst dann ausspielen, wenn ein personalisiertes Plugin vorliegt. Denn auf diese Weise soll es beispielsweise möglich sein, ein Feedback auf die Werbung abzugeben. Zudem könnten die Nutzer in anonymisierter Form ihre Werbepräferenzen angeben, um nur solche Werbung zu sehen, die sie tatsächlich interessiert. Das ermöglicht präzisere Kampagnen und könnte letztlich sogar dazu führen, dass die Sammelwut der Datenkraken wie Google, Facebook und Amazon überflüssig wird, weil der Nutzer selbst und kein Algorithmus seine Präferenzen bestimmt. Schließlich leidet die klassische Bannerwerbung bislang unter sehr hohen Streuverlusten, was Anbieter wie Facebook aufgrund der persönlichen Nutzerdaten zu einem attraktiveren Werbeumfeld macht.

Alternative zu Ad Defendern

Ein Projekt wie Humancredit dürfte außerdem eine Alternative zu sogenannten Ad Defendern darstellen, mit deren Hilfe Adblocker auf technische Weise umgangen werden sollen. Diese Dienste, wie Addefend von Bemitho, Veeseo von Ligatus oder Produkte von Tisoomi, liefern Werbeanzeigen an den Adblockern vorbei aus. Dies wird dadurch realisiert, dass die Werbung nicht von externen Adservern kommt, sondern vom selben Server, der auch die Bilder für die Website liefert. Noch weiter will das Unternehmen Sourcepoint gehen und mit einem Tool verhindern, dass Adblock-Nutzern redaktionelle Inhalte angezeigt werden.

Wie aus Diskussionen auf dem Easy-List-Forum hervorgeht, liefern sich die Adblocker-Community und die Ad Defender seit März 2015 ein Katz-und-Maus-Spiel, um sich gegenseitig auszutricksen.

Nach Ansicht Musevs muss sich die Werbeindustrie von einer solchen Bevormundung der Nutzer verabschieden. Auch bei den Prozessen gegen Adblock Plus hätten sich die Vermarkter "eine rote Karte zeigen lassen" müssen. So verloren das Handelsblatt und Zeit Online im April 2015 ihren Prozess vor dem Landgericht Hamburg, im Mai griffen die Fernsehsender ProSieben und RTL erfolglos vor dem Landgericht München die Acceptable-Ads-Initiative an.

Crowdinvesting-Kampagne möglich

Sollte Humancredit tatsächlich eine kritische Masse an Menschen von sich überzeugen können, hofft Musev in vier bis fünf Jahren auf Einnahmen von rund 20 Euro pro Nutzer im Jahr. Selbst Einnahmen von bis zu 150 Euro hält er für möglich. Je nachdem, wie viele Nutzer sich beteiligen, könnte Humancredit damit Erlöse in Millionenhöhe für gemeinnützige Projekte generieren. Es wäre ein klitzekleines Stück vom Online-Werbekuchen, der in diesem Jahr in Deutschland bei mehr als fünf Milliarden Euro in Deutschland liegen soll.

Entscheidend dürfte für Humancredit nun sein, das Kapital für die Testphase und die Programmierung der personalisierten Version hereinzubekommen. "Humancredit sollte im Idealfall den Nutzern gehören", sagt Musev, der auch eine Crowdinvesting-Kampagne für möglich hält. Die Idee, dass sich die Nutzer ihre Humancredits selbst auszahlen lassen wollen, hält er hingegen für wenig sinnvoll und erfolgversprechend. "Befragungen haben gezeigt, dass die Nutzer das Geld lieber spenden wollen", sagt Musev. Mit dem Start von Humancredit könnte sich zeigen, ob das "Friedensangebot" angenommen wird oder Werbewirtschaft und Nutzer weiter den Adblocker-Krieg führen wollen. Aber vielleicht sind doch so viele gute Menschen im Internet unterwegs, wie der Architekt das glaubt.  (fg)


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