Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/hanson-robotics-technik-die-dich-anlaechelt-1507-114857.html    Veröffentlicht: 02.07.2015 09:05    Kurz-URL: https://glm.io/114857

Hanson Robotics

Technik, die dir zuzwinkert

Die freundliche Maschine vom Empfang: In wenigen Jahren werden viele humanoide Roboter im Service arbeiten, weil junge Arbeitskräfte fehlen, prophezeit Jong Lee, Chef von Hanson Robotics. Und je mehr eine Gesellschaft sie braucht, desto weniger gruseln sich die Menschen vor ihnen.

Besoffen ist einer der Gesichtsausdrücke, die Han draufhat. Er verzieht dann das Gesicht und schielt, mit einem Auge etwas mehr als mit dem anderen. Der Roboter kann aber auch anders: Er runzelt die Stirn, kneift die Augen zusammen und sieht richtig böse aus. Dann lächelt er und zwinkert seinem Gegenüber sogar zu.

Das mache ihn so menschlich, sagt Jong Lee, der Chef von Hanson Robotics, das Han entwickelt hat. Menschlich zu sein, ist für Roboter wichtig. Denn Lee glaubt, dass Roboter künftig in verschiedenen Dienstleistungssektoren einsgetzt werden.

Das von dem US-Robotiker David Hanson gegründete Unternehmen hat sich auf Roboter spezialisiert, die ein Gesicht mit Mienenspiel haben. Die Haut besteht aus Frubber - das ist eine Abkürzung für Flesh Rubber. Frubber ist ein weicher Polymerschaum, den Hanson entwickelt hat. Er wird von etwa 40 Servomotoren bewegt.

Smartphone bringt Han zum Lachen

Gesteuert wird Han über eine Smartphone-App. Darüber kann der jeweilige Gesichtsausdruck ausgewählt werden. Insgesamt sind es rund ein Dutzend, darunter freundlich, empathisch, angeekelt, böse, traurig oder melancholisch. Über einen Drehregler wird eingestellt, wie stark der Gesichtsausdruck ist, also wie sehr Han das Gesicht verzieht. Über ein Touchpad werden schließlich die Kopfbewegungen - Drehung und Nicken - gesteuert.

Das Unternehmen, das inzwischen seinen Hauptsitz von Texas nach Hongkong verlegt hat, arbeitet an zwei Klassen von Robotern: "Es gibt humanoide Roboter von der Größe eines Menschen und kleine, persönliche Roboter", erzählt Lee. Die großen Roboter sollen nach der Vorstellung von Hanson Robotics im Servicebereich eingesetzt werden: in Geschäften, an Abfertigungsschaltern im Flughafen, an Hotelrezeptionen - in Japan wird in Kürze das erste von Robotern geführte Hotel eröffnet - und natürlich im Gesundheitswesen.

Es fehlt an jungen Arbeitskräften

In wenigen Jahren werde es an qualifiziertem Personal für solche Dienstleistungen fehlen, sagt Lee im Gespräch mit Golem.de. Dafür macht er zwei Entwicklungen verantwortlich: Die Gesellschaften alterten rapide. "In Japan fehlt es heute schon an jungen Arbeitskräften. Es verwundert deshalb nicht, dass Roboter dort so bereitwillig angenommen werden. Der Bedarf ist groß", sagt Lee. "Weshalb werden Fabriken in China schneller als irgendwo sonst auf der Welt auf robotische und automatisierte Produktion umgestellt? Weil der Nachschub an jungen Arbeitskräften, die dort arbeiten können, dramatisch zurückgeht."

Zudem wachse in asiatischen Ländern der Mittelstand - also in jenen Ländern, in denen heute viele Servicekräfte rekrutiert werden. Das Pflegepersonal in den USA etwa komme heute häufig aus Asien. Wenn sie aber in Zukunft zu Hause genauso gut bezahlt würden, warum sollten sie dann woanders ihr Auskommen suchen, fragt Lee. "Wer kümmert sich dann um unsere Leute in den USA?"

Roboter sollen ins Dienstleistungsgewerbe

Die Antwort ist für den Chef von Hanson Robotics klar: die Technik. Roboter sollen die Aufgaben übernehmen. Aber nicht einfach automatisierte Systeme, die den Kunden überfordern, sondern solche, die ihn betreuen, mit Freundlichkeit und Respekt behandeln. Für Hanson sind das Roboter, die ihr Gegenüber freundlich anschauen.

"Stellen Sie sich das Personal am Empfang eines Hotels in der Schicht von Mitternacht bis 8 Uhr morgens in einer Metropole vor", sagt Lee. Die Chance, dass ein Gast um diese Zeit freundlich betreut werde, sei relativ gering: "Ist das Personal wach? Wie viele verschiedene Sprachen muss es sprechen? Beherrscht es Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Chinesisch und Japanisch? Wohl kaum. Was ist, wenn ein Gast unhöflich oder gar rabiat wird?"

Das Gegenmodell sei ein Empfang mit einem Roboter.

Der Roboter empfängt den Gast

"Er erkennt das Gesicht und die Stimme und begrüßt den Gast: 'Guten Tag, wie geht es Ihnen? Schön, dass Sie wieder bei uns sind'", sagt Lee. Der Roboter sei mit dem Kundenbeziehungsmanagement des Hotels, über das der Gast gebucht hat, verbunden und kenne deshalb dessen Gewohnheiten: "Er weiß, dass der Gast eine späte Abreise bevorzugt. Er kennt das Lieblingsgetränk. Der späte Check-out ist organisiert und auf dem Zimmer steht schon das Getränk. In 60 bis 90 Sekunden ist der Gast der glücklichste Gast aller Zeiten."

Der Roboter könne dabei komplett autonom agieren. Allerdings glaubt Lee, dass das nicht nötig sein wird. Der Roboter solle einfache Aufgaben übernehmen: den Gast empfangen, ihm die Schlüsselkarte aushändigen oder ihm den Weg weisen. Habe der Gast eine kompliziertere Frage, verbinde der Roboter ihn mit dem Call Center, mit dem er auch verbunden werde, wenn er die Kundenhotline des Hotels anrufe.

Der Mensch hinter der Maschine

Der Roboter sei mit einer Spracherkennung ausgestattet, die die Muttersprache des Gastes erkenne und könne ihn deshalb an einen einen passenden Kundenbetreuer weiterleiten. Der sieht den Gesprächspartner durch die Kamera des Roboters. "Für den Gast sieht es so aus, als sei der Kundenbetreuer direkt vor ihm. Er kann ihn sehen, er kann ihn anfassen", sagt Lee. Diese Konstellation sorge auch für mehr Wohlbehagen: "Wir fühlen uns heutzutage doch besser, wenn wir wissen, dass hinter der Maschine echte Menschen sitzen."

Das Uncanny Valley, also den Effekt, dass Menschen einen Roboter zu menschlich finden und deshalb ablehnen, fürchtet Lee nicht: "Wenn es das Uncanny Valley wirklich gibt, dann sind wir weiter als alle anderen - nämlich schon wieder auf dem Weg heraus", sagt er selbstbewusst.

Der Weg aus dem unheimlichen Tal

Viele Roboter sähen menschlich aus, solange sie stillhielten. Das wecke Erwartungen, die sich dann aber nicht erfüllten, wenn sich der Roboter bewege. "Wir nennen das den Zombie- oder Goldfisch-Effekt", sagt Lee. "Sobald sie sich bewegen, ähneln sie Goldfischen: Sie zwinkern mit den Augen und öffnen den Mund, aber sie haben keinen Ausdruck auf dem Gesicht."

"Unsere Roboter lächeln, schauen finster drein, sie erzeugen Gesichtsausdrücke, die sie natürlich und menschlich aussehen lassen." Sie hätten das auf verschiedenen Konferenzen, Messen und Veranstaltungen mit unterschiedlichem Publikum ausprobiert. Mit Erfolg: "Von 5 bis 95: Wenn unser Roboter sie anlächelt, lächeln sie zurück."

Hanson baut Promi-Roboter

Gründer Hanson entwirft seit gut 20 Jahren Robotergesichter, angefangen hat er damit während des Studiums an der Rhode Island School of Design. Sein erstes war ein Selbstporträt. Zu seinen bekanntesten Robotergesichtern gehört sicher Albert Einstein. Andere Porträtierte sind der Science-Fiction-Autor Philip K. Dick, der Mathematiker und Erfinder Charles Babbage und der arabische Universalgelehrte Ibn Sina, der im Westen als Avicenna bekannt ist.

Seit dem Einstein-Roboter habe sich einiges geändert, sagt Lee. Die Technik sei zwar im Kern noch die Gleiche, aber viel weiter fortgeschritten. Bisher habe sich Hanson Robotics auf Anwendungen in der Forschung spezialisiert und viel mit Universitäten zusammengearbeitet. In den letzten anderthalb Jahren hätten sie die Roboter zu Serienreife weiterentwickelt.

Han ist allerdings noch ein Vorserienprodukt. Als Serienprodukt soll Eva auf den Markt kommen, eine Frau mit asiatischen Zügen, die die gleiche Technik nutzt wie Han. Das soll in absehbarer Zeit passieren. "Wir hoffen, in den kommenden zwölf Monaten einige unserer menschengroßen Roboter in wichtigen Bereichen, darunter im Unterhaltungsbereich und im Gesundheitswesen, zum Einsatz zu bringen", sagt Lee.  (wp)


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