Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/mozilla-firefox-werbung-von-und-mit-der-community-1506-114605.html    Veröffentlicht: 11.06.2015 14:41    Kurz-URL: https://glm.io/114605

Mozilla Firefox

Werbung von und mit der Community

Personalisierte Werbung anbieten und gleichzeitig die Privatsphäre seiner Nutzer schützen: Damit will Mozilla ein Vorbild im Web werden. Helfen kann dabei auch die Community, wie Marketingchef Patrick Finch im Gespräch mit Golem.de erklärt. Noch steht dem Projekt aber einiges an Arbeit bevor.

Vor etwa einem Jahr begann Mozilla, Werbekacheln in der Übersicht für neue Tabs anzuzeigen. Seit etwas mehr als zwei Wochen testet das Team mit den sogenannten Suggested Tiles gar personalisierte Werbung. Im Gespräch mit Golem.de hat der verantwortliche Marketingchef Patrick Finch erklärt, dass die Programme Nutzern einen echten Mehrwert bieten sollen. Umgesetzt werden könne dies aber nur mit einer aktiven Beteiligung der Community, die dafür auch von der Werbung profitieren soll.

Werbung für die Community

Denn anders als bei derartigen Kooperationen üblich soll es auch explizit nichtkommerzielle Vereinbarungen geben. Denkbar sei zum Beispiel die Integration von Kacheln für gemeinnützige Organisationen, sagt Finch. Wohl auch deshalb vermeidet Mozilla den Begriff Werbung und spricht selbst lediglich von Suggestions, also Vorschlägen.

Noch könnten die Partner zwar nicht offiziell genannt werden, doch in dem laufenden Betatest wird in Ansätzen deutlich, was das bedeuten könnte. So zeigt Mozilla derzeit Werbung für sich und seine Dienste, "die Mission", wie Finch es nennt. Dementsprechend könnten Nutzer künftig Hinweise auf bekannte Organisationen wie EFF, FSF oder auch ACLU erhalten, mit denen Mozilla viele Werte teilt.

Ob Mozilla darüber hinaus Partnerschaften mit kommerziellen Anbietern anstrebt, die nicht für die Zusammenarbeit bezahlen müssen, ist derzeit nicht klar. Finch und sein Team sehen sich aber auch diese Möglichkeit näher an.

Vorschläge aus der Community

Die Auswahl, welche Werbekacheln Nutzer über die Suggested Tiles letztlich zu sehen bekommen, wird über eine Liste von URLs getroffen, die in Interessengruppen sortiert sind. Diese finden sich direkt im Quellcode des Browsers, was es zumindest theoretisch ermöglicht, relativ einfach Einfluss darauf zu nehmen.

Ob dies auch Programmierern erlaubt sein wird, die nicht bei Mozilla angestellt sind, ist zurzeit allerdings ungeklärt. Finch zufolge ist diese Idee schlicht noch nicht erörtert worden, da die Arbeiten an dem Programm noch nicht so weit fortgeschritten sind.

Der Marketingchef kann sich jedoch durchaus vorstellen, diese Art der Community-Beteiligung aktiv zu nutzen. So benötigt das Projekt einen sehr hohen Verwaltungsaufwand, vor allem zum Auffinden der Partner und für die Pflege der Liste. Das gilt laut Finch vor allem für die geplante Ausweitung auf weitere Märkte außerhalb der USA.

Mozilla könnte hierfür auf das Wissen lokaler Entwicklergruppen zurückgreifen, um den Aufwand zu reduzieren und dennoch angemessene Vorschläge liefern zu können. Möglicherweise wird sogar das Einreichen von Patches dazu ausreichen.

Benutzerfreundliche Werbung als Geschäftsmodell

Mit den Suggested Tiles will Mozilla den Beweis antreten, dass die von Auftraggebern oft geforderte personalisierte Werbung auch dann umsetzbar ist, wenn die Privatsphäre der Nutzer geschützt wird. Dieses Anliegen betont auch Finch, der sich eine noch bessere Transparenz für das Programm wünscht.

Bisher ist etwa bekannt, dass die Logik zum Unterbreiten der Vorschläge in Firefox selbst untergebracht ist und nicht über entfernte Server abgewickelt wird. Außerdem sammelt der Browser keinerlei neue Daten, sondern wertet nur vorhandene aus.

Finch formuliert aber auch den Wunsch, dass eben diese Vorgänge noch besser für den einzelnen Nutzer nachvollziehbar sein müssten. Denkbar wäre etwa eine bessere Verfügbarkeit der URL-Liste sowie der Produktkategorien, damit die Anwender verstehen, warum sie welche Werbung angezeigt bekommen. Dies könnte zum Beispiel über eine Webseite oder auch direkt in der Oberfläche des Firefox geschehen.

Dies ist aber nur eine weitere Idee, die bisher noch nicht umgesetzt wurde. Mozilla konzentriert sich zunächst darauf, so viele Informationen wie möglich nach außen zu tragen. So ist bereits in der Ankündigung auf das Opt-out hingewiesen worden, womit die Anwender die Suggested Tiles einfach abschalten können.

Ebenso sollen Nutzer die Gelegenheit dazu haben zu verstehen, wie genau Mozilla mit seinen Werbepartnern zusammenarbeitet und welche Informationen dabei ausgetauscht werden. Die hierzu angefertigte Infografik, in der auch die Backend-Server erklärt werden, will das Team außerdem noch in andere Sprachen übersetzen.

Vorsichtige Veröffentlichung

Technisch ist das neue Werbeprogramm laut Finch so gut wie fertig. Mozillas Team sei mit den bisher durchgeführten Tests sehr zufrieden. An die Firefox-Nutzer werden die Suggested Tiles dennoch eher zurückhaltend ausgeliefert. Begonnen werden soll im dritten Quartal mit den Anwendern in den USA.

Frühestens für Herbst ist dann die weitere Verbreitung in anderen Märkten zu erwarten, also auch Europa. Diese vorsichtige Vorgehensweise liegt wahrscheinlich nicht nur an den bereits genannten, eher organisatorischen Problemen.

Natürlich müssen sich die damit verbundenen Ausgaben für Mozilla auch rechnen. Wie bei jedem anderen Produkt sollte sich die Arbeit für die Suggested Tiles über die Einnahmen finanzieren können. Tatsächlich gebe es zurzeit aber immer noch nur sehr wenige wirklich grenzüberschreitende Werbekampagnen, sagt Finch. Das weltweite Anbieten von Suggested Tiles lohnt sich also nur, wenn die Partner dafür bereitstehen.

Langfristig allerdings erhofft sich Mozilla wohl Einnahmen, die die bisherige starke Abhängigkeit von Suchmaschinenbetreibern zumindest etwas aufbrechen. Dass diese Diversifizierung ein wichtiger Grund für die neuen Werbeformen in dem Browser ist, bestätigt auch Finch.  (sg)


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