Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/maker-faire-bay-area-2015-die-lust-zu-schaffen-und-zu-zerstoeren-1505-114133.html    Veröffentlicht: 20.05.2015 07:00    Kurz-URL: https://glm.io/114133

Maker Faire Bay Area 2015

Die Lust, zu schaffen und zu zerstören

Die größte Maker Faire der Welt ist Kindergeburtstag, Bildungsoffensive und Business zugleich. Drei Tage lang stellen Bastler schräge bis seriöse Projekte vor, Kickstarter-Projekte werben um Supporter, und bekannte Firmen versuchen zu zeigen, dass auch Bildung zur Kundenbindung beitragen kann.

Die Bereitschaft zum Improvisieren und die Freude am Unperfekten: Wie sehr sich die Bastlerszene in den USA von der in Deutschland unterscheidet, konnten wir auf der Maker Faire in San Mateo, Kalifornien, sehen. Die Messe wurde ursprünglich ins Leben gerufen, um Bastlern eine Gelegenheit zu geben, ihre Projekte der Öffentlichkeit vorzustellen - mittlerweile ist daraus eine riesige Veranstaltung geworden: Die älteste ist mittlerweile auch die größte Maker Faire. Wir haben uns vom 15. bis 17. Mai 2015 umgesehen und gestaunt, wie vielfältig die Maker-Szene mittlerweile ist - und wie wichtig für Startups und etablierte Firmen. Wir haben unzählige Bastelprojekte für alle Lebenslagen gesehen.

Die Spanne der Bastel- und Lernprojekte ist groß: Bei den einen ging es einfach um First-World-Probleme und simple Unterhaltung, am Nachbarstand wurden künstlerische Ambitionen verwirklicht, und noch einen Stand weiter sollte die Welt gerettet werden. Viele Projekte kommen auch ganz ohne Technik aus. Stellenweise erinnert die Maker Faire an eine Handwerksmesse. Sie hat allerdings den Anspruch, dem Besucher nicht nur fertige Dinge zu zeigen, sondern ihn auch anzuregen, selbst tätig zu werden - sei es, Holz zu bearbeiten, Nähen und Sticken zu lernen oder selbst Linsen für Fernrohre zu schleifen.

Roboter in allen Formen und Größen

Und dann gibt es natürlich jede Menge Roboter. Hinter dem eindrucksvollen Ajax-Exosuit-Projekt stehen Highschool-Schüler. Ihr Ziel ist es, einen funktionsfähigen Anzug zu entwerfen, mit dem sich schwere Lasten heben lassen.

Das Spartan-Superway-Projekt scheint ebenfalls dem Sci-Fi-Genre zu entstammen. Hierbei handelt es sich um ein System zur individuellen Personenbeförderung, das auf erneuerbare Energien setzt.

Einfach nur unterhaltsam ist hingegen das Gopro-Cannon-Cam-System. Mole-a-Whack dreht ein bekanntes Spiel um und macht den Spieler zum Maulwurf. Mitmachen kann aber nur, wer vorher seinen Spielcontroller selbst zusammengebaut hat.

Es gibt viele Arten, Dinge kaputt zu machen

Während viele Projekte eindeutig versuchen, Probleme zu lösen, gibt es aber auch genug Bastler, denen es darum geht, einfach nur Dinge kaputt zu machen. Und das möglichst spektakulär.

Beim Western Warship Combat Club war der Name Programm. In einem großen Wasserbassin fuhren die Mitglieder mit ihren RC-Schiffen umher. Das wäre noch nicht weiter spektakulär - doch die Schiffe haben hydraulisch betriebene Kanonen, mit denen Bleikugeln verschossen werden. Damit versuchen sie, andere Schiffe zu versenken, die von Besuchern gesteuert werden.

Justin Grays Roboter scheinen direkt aus einem Mad-Max-Film entsprungen. Ob mit rein mechanischer Krafteinwirkung oder mit Feuer, Hauptsache am Schluss der Vorführungen gibt es jede Menge kleingehäckseltes Altmetall.

Ein gut vier Meter hoher Battlemech ist keine Skulptur, sondern echt. Er verschoss auf der Messe Paintball-Kugeln in der Größe einer Ananas auf ein Auto. Die Macher planen bereits ein Modell, das nicht mehr auf Ketten unterwegs ist, sondern tatsächlich laufen kann. Anleitungen zum Bau sollen offengelegt werden - mit dem Ziel, Mech-Kämpfe zukünftig zu einem eigenen Sport machen zu können.

Kickstarter-Projekte zeigen ihre Produkte

Viele Projekte und Startups nutzten die Maker Faire, um für ihre laufende oder in Kürze startende Kampagne zu werben. So haben wir den 9-Dollar-Computer und den Arduboy in die Hand genommen.

Eine ganz neue Art von 3D-Drucker für Bekleidung ist der Electroloom. Das Kleidungsstück wird per CAD entworfen. Auf Basis dieser Vorlage trägt dann der Drucker eine flüssige Polyester-Baumwoll-Mischung um eine Trägerplatte auf. Wenn das Material abgebunden ist, wird es vom Träger genommen und kann sofort angezogen werden, weiteres Nähen entfällt.

Eine ungewöhnliche Einschlafhilfe ist der Sleep Sensai. Er soll mit Hilfe von sehr hellen, roten LEDs beim Einschlafen helfen. Der Sinn besteht darin, dieses Licht zu sehen, während die Augenlider geschlossen sind. Die LEDs geben ein pulsierendes Muster für eine Atemtechnik vor, wodurch der Benutzer langsam einschlafen soll.

Wer lieber Party macht als zu schlafen, sollte einen Blick auf den Bartesian werfen. Er soll Cocktails so einfach zubereiten wie eine Kapsel-Kaffeemaschine Kaffee. Der Nutzer muss zwar noch die Basiskomponenten bereitstellen, die Zutaten jedoch, die aus einem schnöden Schnaps einen Cocktail machen, kommen aus der Kapsel.

Der Weedebud ist ein kleiner Roboter für den Garten: Er fährt durch Beete und erkennt Unkraut, das er mit einer kleinen Schaufel entfernen soll.

Google und Intel begeistern den Nachwuchs für Bildung

Google war auf der Maker Faire mit drei Ständen vertreten. So konnten Kinder löten lernen, Dinge mit Hilfe der Wissenschaft kaputt machen und den Vorgang danach in Zeitlupe anschauen. An einem dritten Stand präsentierten Google-Mitarbeiter Bastelprojekte, die während der Arbeitszeit entstanden sind. Außerdem war Google schon deswegen omnipräsent, weil der Konzern Arbeitsschutzbrillen an jeden Besucher verteilen ließ.

Intel zeigte an einem Stand sowohl lehrreiche Hobbyprojekte zum Nachbauen als auch professionelle Konstruktionen. Die Werbung für die Edison-Plattform stand dabei mal mehr, mal weniger im Vordergrund. Microsoft war mit einer ganzen Armada an Raspberry Pis und Arduinos angerückt, um Bastelprojekte mit Windows 10 IoT zu zeigen. Facebook demonstrierte seine Open-Hardware-Projekte.

Meccano, in Deutschland vor allem bekannt für seine Metallbausätze, zeigte seine Meccanoids, die ab dem 15. Juni in den Handel kommen sollen. Ob die fernsteuerbaren Roboter, die an Lego Mindstorms erinnern, auch in Deutschland verfügbar sein werden, konnte uns vor Ort leider nicht genau gesagt werden.

In Deutschland undenkbar?

Wenn es funktioniert, dann ist das Ziel erst einmal erreicht - so lautete die simple Regel der diesjährigen Maker Faire - und zwar durchaus auch für professionellere Akteure, nicht nur für Hobbybastler. Das zeigte sich etwa bei den Projekten von Uni-Studenten. So manchem deutschen Ingenieur dürfte das im Herzen wehtun. Und das ist schade. Denn manch eine improvisierte Lösung ist kostengünstig, was die Nachbau-Willigkeit erhöht.

Außerdem wird die Hemmschwelle für Laien gesenkt, wenn selbst Profis zu Bastellösungen neigen. Leider gibt es da in Deutschland bei Hobbybastlern immer noch Berührungsängste, wie wir in den vergangenen Monaten in Gesprächen auf ähnlichen Veranstaltungen hierzulande immer wieder feststellen mussten.

Andere Berufsgruppen hätten hierzulande ebenfalls graue Haare bekommen: TÜV-Prüfer, die Feuerwehr und der Arbeitsschutz. Erstere wegen all der selbst gebauten Fahrgeräte, die unter der Haube dann tatsächlich doch etwas zu improvisiert wirkten. Letztere wegen der aus deutscher Sicht bemerkenswert laxen Sicherheitsmaßnahmen. Die Begriffe Wissenschaft, Kunst und Handwerk zum Anfassen wurden äußert wörtlich genommen. Wo in Deutschland um Feuerattraktionen, Experimente und Maschinen weite Absperrungen, Mauern, Abdeckungen und Schutzwände hochgezogen werden, verließen sich die Macher der Maker Faire weitgehend auf den gesunden Menschenverstand und aufmerksame Aufpasser. Die von Google verteilten Arbeitsschutzbrillen waren aus dieser Sicht kein reiner Marketing-Gag.  (am)


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