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Spieletest: Hitman - Die Profikiller-Simulation

Moralisch fragwürdiges, technisch perfektes Spiel von Eidos

Die Diskussion, ob gewalttätige Computer- und Videospiele einen negativen Einfluss auf Kinder und Jugendliche haben, ist beinahe so alt wie das digitale Entertainment-Genre selbst, mit dem Programm Hitman - Codename 47 liefert Eidos einen neuen Diskussionsbeitrag, der zumindest hier zu Lande einer Indizierung kaum entgehen dürfte.

Als Hintergrundgeschichte dienen die blutigen Verwicklungen der französischen Fremdenlegion während des Bürgerkrieges 1950 in Indochina. Die Fremdenlegion unternimmt eine Reihe von medizinischen Experimenten an der eingeborenen Bevölkerung mit dem Ziel, eine Substanz zu ermitteln, die genetische Blockaden des Immunsystems überwindet und damit eine gefahrlose Transplantation von körperfremden Extremitäten ermöglicht.

Screenshot #1
Screenshot #1
Das Ergebnis der wissenschaftlichen Arbeit am lebenden Objekt ist der Hitman, ein perfekter Klon, der in der vollkommenen Isolation einer rumänischen Nervenheilanstalt aufgezogen wird. Aller menschlichen Fähigkeiten der Erinnerung oder des Skrupels beraubt, wartet diese Kreatur nur darauf, Befehle anzunehmen und ohne Hinterfragen durchzuführen.

Screenshot #2
Screenshot #2
Eng angelehnt an Auftragsmörderfilme wie Leon oder Nikita geht es im Folgenden darum, die Mordaufträge, die man erhält, möglichst perfekt und ohne Spuren zu hinterlassen durchzuführen. Wer hier aber nun plumpe Ballerei erwartet, sieht sich getäuscht, vielmehr ist unauffälliges Vorgehen gefragt, um überhaupt in die Nähe der zum Tode bestimmten Personen zu gelangen. Ganz im Stile eines Dark Project muss man Verstecke ausnutzen, unauffällige Kleidung oder andere Gegenstände zur Tarnung einsetzen und erst im letzten Moment die Waffe zücken, um nicht schon vorher von immer wachsamen Bodyguards erwischt zu werden.

Screenshot #3
Screenshot #3
Eine Vielzahl von Waffen steht zur Missionserfüllung bereit, neben verschiedenen Messern gibt es diverse Handfeuerwaffen, Gewehre mit und ohne Zielfernrohr und, als besonders tückisches und unauffälliges Mordinstrument, sogar eine Klaviersaite. An Spannung sind die einzelnen Missionen kaum zu überbieten: Faszinierende und wunderbar anzusehende Schauplätze mit kreativen Gebäuden und unzählige, durch ihre Mimik und ihr Verhalten realistisch wirkende Charaktere, dazu ein Soundtrack und eine englische Sprachausgabe, die einem des Öfteren das Blut in den Adern gefrieren lassen.

Screenshot #4
Screenshot #4
Eben diese Faszination und der Spannungsaufbau, die sich bei jedem Mordauftrag wiederholen und für eine ungemein hohe Motivation sorgen, lassen das Spiel aber moralisch fragwürdig erscheinen: Der Tod ist das Ziel jeder Handlung, und wenn man mit ansieht, wie die Opfer nach einer Klaviersaiten-Attacke zu Boden gehen, realistisch röcheln und um Gnade flehen, ist die Grenze des guten Geschmackes fast schon überschritten. Da zudem das Blut in Strömen fließt, darf von einer baldigen Indizierung des Spieles ausgegangen werden.

Fazit:
Eine Bewertung von Hitman fällt alles andere als leicht: Auf der einen Seite hat die bisher unbekannte dänische Spieleschmiede IO Interactive hier einen in technischer und atmosphärischer Hinsicht brillanten Titel vorgelegt, andererseits wurde das gezielte Ermorden selten so realistisch und spannungsgeladen gezeigt wie in diesem Programm. Spieler mit harten Nerven werden begeistert sein, besorgte Jugendschützer erneut und wohl auch zurecht die Barrikaden stürmen.  (tw)


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