Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/urheberrecht-computerspiele-koennen-kaum-legal-archiviert-werden-1504-113802.html    Veröffentlicht: 29.04.2015 15:11    Kurz-URL: https://glm.io/113802

Urheberrecht

Computerspiele können kaum legal archiviert werden

Computerspiele gehören zum kulturellen Erbe einer Gesellschaft. Doch für Museen und Archive gibt es zahlreiche Hürden, wenn sie dieses Erbe bewahren wollen. Das Urheberrecht behindert die Arbeit von Museen und Archivaren dabei enorm.

Wie können Computerspiele für künftige Generationen bewahrt werden, und welche Hürden gibt es dabei zu überwinden? An der Humboldt-Universität hat dazu die Gesellschaft für Informatik ein Workshop mit dem Titel Save Game - Legal Challenges in Game Preservation veranstaltet. Vor allem das aktuelle Urheberrecht bereitete den anwesenden Fachleuten Kopfzerbrechen - denn eine legale Archivierung von digitalen Spielen ist mit den aktuellen Regelungen oft nahezu unmöglich.

Der polnische Spieleentwickler Maciej Miąsik berichtete von seinen Erfahrungen, seine eigenen Spiele der Nachwelt verfügbar zu machen. Ursprünglich hatte er sich für dieses Thema nicht interessiert, so Miąsik, doch mit der Zeit seien immer mehr Menschen auf ihn zugekommen, die Interesse an seinen alten Spielen hatten.

Epic Puzzle Pack als Positivbeispiel

Bei einer DOS-Spielesammlung aus den frühen 90er-Jahren mit dem Titel Epic Puzzle Pack gelang es Miasik, den Rechteinhaber davon zu überzeugen, die Spiele unter einer Creative-Commons-Lizenz (Atribution/Share Alike) zu veröffentlichen. Jeder kann heute die drei enthaltenen Spiele Adventures of Robbo, Heartlight und Electro Man legal herunterladen und in einem Emulator spielen.

Doch derartige Fälle sind die Ausnahme. Ein weiteres Spiel, das Miasik der Nachwelt gern erhalten würde, ist Fire Fight. Hier besitzt er zwar den Quellcode und alle Daten, es ist aber schwierig, das Spiel auf aktuellen Systemen zum Laufen zu bekommen, da es noch für die frühen 16-Bit-Versionen von Windows entwickelt wurde. Eventuell könnte man den Code anpassen und das Spiel auf modernen Systemen betreiben, doch es ist unklar, wer überhaupt die Rechte an dem Spiel besitzt. Herausgegeben wurde das Spiel von Epic und Electronic Arts, welche von beiden Firmen die Rechte hat, ist unbekannt. Epic und Electronic Arts zeigten bislang wenig Interesse an Miasiks Versuchen, sie zu einer Freigabe der Rechte zu bewegen.

Ein Spiel, das nie veröffentlicht wurde, würde Miasik ebenfalls gern der Nachwelt zur Verfügung stellen. Es handelt sich um ein 3D-Spiel mit dem Namen Mag. Das Problem: Es nutzt die 3D-Beschleunigungsfunktion von alten Grafikkarten, und bislang ist es dem Entwickler nicht gelungen, es in irgendeinem Emulator oder einer virtuellen Maschine zum Laufen zu bekommen.

Facebook-API und alte Browser-Plugins

Welche Herausforderungen insbesondere moderne Online-Spiele mit sich bringen, zeigt das Beispiel Neuroshima Apocalypse. Das Spiel nutzt die API von Facebook, allerdings in einer alten Version. Wenn Facebook diese API abschaltet, gibt es praktisch keine Möglichkeit mehr, das Spiel weiter zu nutzen. Auch nutzt das Spiel ein Plugin namens Unity Web Player, welches in aktuellen Chrome- und Firefox-Versionen nicht mehr funktioniert. Um Neuroshima Apocalypse zu betreiben, sind die Entwickler des Spiels auf externe Infrastruktur angewiesen, auf die sie selbst praktisch keinen Einfluss haben.

Nach Miasiks Beispielen aus der Praxis erläuterten einige Fachleute die rechtliche Situation bei der Archivierung von Spielen. Wenn es wie im Fall von Epic Puzzle Pack gelingt, die Zustimmung des Rechteinhabers zu erhalten, ist die Situation einfach. Doch das ist in den seltensten Fällen der Fall. Oft ist dabei das Problem überhaupt nicht, die Zustimmung einzuholen, sondern vielmehr herauszufinden, wer die Rechte besitzt. Die meisten Firmen aus der Frühphase der Computerspiele existieren heute nicht mehr, sie sind von anderen Firmen übernommen worden oder wurden aufgelöst. Verträge zwischen Entwicklern und Firmen sind oft verschollen.

Software-Archivierung nicht vorgesehen

Christian Rauda, Rechtsanwalt der Kanzlei Graef, hatte für die Teilnehmer vor allem schlechte Nachrichten zu dem deutschen Urheberrecht. Zwar gebe es einen Absatz, der das Kopieren von urheberrechtlich geschützten Werken für Privatarchive in sehr engen Grenzen erlaubt (§ 53), doch für Software gelte dieser Absatz nicht. Denn das Kopieren von Software sei separat in einem eigenen Paragraphen geregelt (§ 69) und der sehe nur einen einzigen Grund für das Kopieren von Software ohne Zustimmung des Rechteinhabers vor: einzelne private Backups.

Ein Spiel zu Archivierungszwecken mehrfach zu kopieren oder dabei gar zu verändern, um es auf aktueller Hardware zum Laufen zu bekommen, ist schlicht nicht vorgesehen. Regelungen, die den Zugang zu urheberrechtsgeschützten Werken in Archiven regeln, sind für Software ebenfalls nicht vorgesehen.

Zitatrecht erlaubt nicht Kopie eines ganzen Spiels

Das einzige Recht, auf das man sich teilweise berufen könne, wäre das Zitatrecht. Doch das erlaubt nicht das Kopieren eines ganzen Spiels, man könnte dadurch höchstens einzelne Szenen oder Screenshots verfügbar machen, wenn man diese kritisiert oder bewertet.

Selbst Backups von Software, zu denen man das Original besitzt, helfen in vielen Fällen nicht, um Spiele rechtssicher zu erhalten. Denn das Urheberrecht verbietet die Umgehung von Kopierschutzmaßnahmen, und das unabhängig davon, zu welchem Zweck dies geschieht. Schon den 80er-Jahren gab es Kopierschutzmaßnahmen für Spiele auf Disketten.

Die EU hatte vor einigen Jahren eine Richtlinie ins Leben gerufen, die die Veröffentlichung sogenannter verwaister Werke regeln sollte, also Werke, deren Autor oder Rechteinhaber nicht auffindbar ist. Doch auch diese Richtlinie ist für die Spielearchivare nicht hilfreich. Generell gilt diese Richtlinie nur für öffentliche Institutionen, private Museen und Archive können sich nicht auf sie berufen. Und für Software gilt sie wohl sowieso nicht. Während die Formulierung der EU-Richtlinie selbst noch von "audiovisuellen Werken" spricht und es zu klären wäre, ob hier Computerspiele darunter fallen, ist in der deutschen Umsetzung der Richtlinie nur noch von "Filmwerken" die Rede. Die bürokratischen Hürden, um Werke nach dieser Richtlinie der Öffentlichkeit verfügbar zu machen, sind zudem enorm hoch. Bevor ein Werk als verwaist gilt, müsste erst eine umfangreiche Recherche durchgeführt werden. In Deutschland müsste man dazu über 100 Institutionen anfragen und in deren Datenbanken nachforschen.

Zwei Sätze im Koalitionsvertrag

Dass die Archivierung von Computerspielen eine wichtige Aufgabe ist, hat sogar die Bundesregierung anerkannt. Im Koalitionsvertrag der aktuellen Regierung findet sich dazu folgender Absatz: "Wir wollen zudem das digitale Spiel für nachfolgende Generationen erhalten. Es gilt, geeignete Archivierungsmöglichkeiten zu prüfen."

Wir hätten gerne gewusst, welche konkreten Maßnahmen die Bundesregierung hier plant, allerdings blieb eine Anfrage von uns an das Ministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur auch nach mehreren Tagen unbeantwortet.

Ganz praktisch ist es heute so, dass die Archivierung von Computerspielen meist durch Privatpersonen geschieht. Viele Fan-Seiten der Retro-Szene stellen Spiele im Netz zum Download bereit. Legal ist das häufig nicht - aber es ist scheinbar notwendig, um das kulturelle Erbe einer Generation zu erhalten.  (hab)


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