Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/ubuntu-15-04-angesehen-auf-die-inneren-werte-kommt-es-an-1504-113677.html    Veröffentlicht: 23.04.2015 14:40    Kurz-URL: https://glm.io/113677

Ubuntu 15.04 angesehen

Auf die inneren Werte kommt es an

Die auf eine einfache Nutzung ausgerichtete Distribution Ubuntu ändert erneut nur sehr wenig am Desktop. Umso mehr können sich Entwickler auf neue Werkzeuge freuen. Admins müssen sich mit Systemd als Init-Dienst vertraut machen.

Für Desktop-Nutzer, die bisher wichtigste Zielgruppe von Ubuntu, fallen die Neuerungen der Version 15.04 alias Vivid Vervet, wie schon beim Vorgänger, eher gering aus. Zu den üblichen Paket-Aktualisierungen hat das Ubuntu-Team sein Angebot für Entwickler aber erheblich ausgebaut. Außerdem nutzt Ubuntu nun Systemd als Standard-Init-Dienst.

Letzteres ersetzt in Vivid den Upstart-Dienst, der ursprünglich von dem Ubuntu-Sponsor Canonical erstellt wurde, um den Startprozess zu beschleunigen. Systemd verwendet jedoch neue Konzepte und bricht, anders als Upstart, in weiten Teilen mit dem noch vor einigen Jahren in Linux-Distributionen vorherrschenden Implementierungen Sys-V-Init.

Ubuntu orientiert sich an Debian

Vor allem deswegen wurde die Diskussion um Systemd in dem basisdemokratisch geführten Projekt Debian teils sehr harsch geführt. Letztlich setzte sich aber auch Canonical-Mäzen Mark Shuttleworth für den Wechsel zu Systemd ein, nachdem das technische Leitungsgremium in Debian eine entsprechende Entscheidung getroffen hatte.

Die Ubuntu-Macher zögerten wohl auch deshalb vergleichsweise lang bei der Umsetzung, weil die Distribution trotz aller Unterschiede immer noch eine enge Verbindung zu Debian pflegt. Der Wechsel zu Systemd ist bereits von vielen Distributionen durchgeführt worden, wie etwa Fedora, Opensuse und Arch.

Wirklich grundlegende Probleme mit der Technik sollte es wegen der großen Nutzerbasis und der vielen Tester wohl aber nicht mehr geben. Immerhin konnten der neue Init-Dienst und die im Einklang mit Systemd programmierten Werkzeuge bereits in der vorangegangenen Version ausprobiert werden.

Umstieg leicht gemacht

Administratoren müssen sich vermutlich dennoch erst an den neuen Standard gewöhnen. Im Ubuntu-Wiki bietet allerdings eine recht ausführliche Übersicht einen Einstieg in den Umgang mit Systemd im Vergleich zu Upstart. Sollte der Wechsel bei den eigenen Systemen dennoch nicht ganz reibungslos ablaufen, kann mit wenig Aufwand weiterhin Upstart genutzt werden.

Erleichtert wird die Verwendung von Systemd aber auch durch die gelungene Integration mit anderen Werkzeugen. So verweist etwa das Programm zur Paketinstallation Dpkg bei Fehlern auf das Journal oder die Überprüfung des Systemd-Service.

Insbesondere erfahrene Systemd-Nutzer werden nun auch schneller eine Ubuntu-Installation administrieren können. Das Ziel von Systemd, eine Sammlung einheitlicher Userspace-Werkzeuge bereitzustellen, sorgt für eben diesen Vorteil.

Ubuntu für Macher

Mit Vivid stellt Canonical erstmals das an Programmierer gerichtete Werkzeug Ubuntu Make (Umake) in seiner Distribution vor. Gestartet ist die Entwicklung des ursprünglich Ubuntu Developer Tools Centre genannten Projekts erst Ende vergangenen Jahres.

Umake soll es ermöglichen, so schnell und einfach wie möglich alles Notwendige zum Programmieren aufzusetzen. Die Eingabe eines einzigen Befehls soll ausreichen, um alle benötigten Bibliotheken und Abhängigkeiten zu installieren, so dass nach dem Download direkt mit der Arbeit begonnen werden kann.

Vollständige Programmierumgebungen

Derzeit können so das Android NDK und Android Studio heruntergeladen werden. Darüber hinaus stehen IDEs wie Eclipse, Pycharm oder die auf Intellij Idea aufbauenden Webstorm, Rubymine und Phpstorm bereit.

Unterstützt werden von Umake aber auch die Programmiersprachen Go und Dart. Die Developer Edition des Webbrowsers Firefox ist ebenso verfügbar. Langfristig soll das Projekt von Canonical um viele weitere Bestandteile erweitert werden.

Als besonders vorteilhaft soll sich Umake deshalb erweisen, weil damit wohl Bibliotheken an der Linux-Paketverwaltung vorbei mittels Npm oder Rubygem installiert werden können, ohne die Installation des Betriebssystems durcheinander zu bringen.

Noch benötigt Umake aber mehr Arbeit. Die Entwicklung findet bei Github statt, wird bisher aber fast ausschließlich von dem Canonical-Angestellten Didier Roche getragen. Über ein PPA steht Ubuntu-Make auch für Ubuntu 14.04 LTS bereit.

Snappy für die Cloud und IoT

Mit Vivid erscheint auch die erste stabile Version von Snappy Ubuntu Core. Diese minimale Linux-Distribution soll sich besonders für den Einsatz in Cloud-Umgebungen eignen. Ausgelegt ist die Distribution auf die Verwendung von Container-Technologien wie Docker, sie soll jedoch auch für jedwede Art von smarten Geräten genutzt werden können, die meist unter dem Namen Internet of Things zusammengefasst werden.

Das Werkzeug Snappy dient zur Softwareverwaltung. Es können damit auch Updates des Kernsystems vorgenommen werden. Um die Anwendungen vom Betriebssystem getrennt zu halten, werden lediglich zwei Verzeichnisse mit Schreibrechten versehen. Unter /var/apps werden systemweite Anwendungen abgelegt, während im Home-Verzeichnis die Apps installiert werden, die nur von einem Anwender genutzt werden. Updates für Apps und das Basissystem können unabhängig voneinander eingespielt werden.

Neu in Ubuntu ist auch der Linux Container Daemon (LXD). Er ist eine Art Hypervisor, der Container in einer Art und Weise voneinander trennt, wie dies bereits mit virtuellen Maschinen (VM) geschieht. Canonical grenzt LXD dabei aber deutlich vom Konzept von Docker ab.

Kleinigkeiten am Standard-Desktop

Wie beim Vorgänger Utopic Unicorn gibt es beim Standard-Desktop Unity in Vivid kaum Änderungen. So haben die Entwickler hauptsächlich Fehler behoben, wie das Auftreten leerer oder komplett schwarzer Fenster bei der Verwendung des proprietären Treibers von Nvidia.

Die wenigen Neuheiten sorgen aber für einen leicht verbesserten Umgang mit der Oberfläche. Möglich ist nun etwa die dauerhafte Anzeige der Fenstermenüs, statt wie bisher nur beim Überfahren mit der Maus. Zudem werden die in die Titelleisten integrierten Menüs nun in nicht fokussierten Fenstern dargestellt. Die Schaltflächen des Dash genannten Startmenüs sowie die Fenster zum Abmelden und Herunterfahren können sich nun auch über Vollbild-Anwendungen legen.

Canonical konzentriert sich offensichtlich weiter völlig darauf, den neuen mit Qt geschriebenen Desktop Unity8 samt Displayserver Mir zu erstellen. Zumindest ein Smartphone mit Ubuntu, das das neue Unity nutzt, ist bereits erhältlich. Zwar lässt sich Unity8 schon testen, die Oberfläche erinnert derzeit aber nur entfernt an einen Desktop. Es handelt sich eher um eine sehr rudimentäre Tablet-GUI, die nicht besonders gut auf die Steuerung mit Tastatur und Maus ausgelegt ist.

Andere Desktops

Kubuntu nutzt in Vivid erstmals Plasma 5 als Standard-Desktop und verabschiedet sich damit vom alten KDE SC 4. Ausgeliefert wird Plasma 5.2. Der für die kommende Woche geplante Nachfolger sollte aber nach dem Erscheinen problemlos über ein PPA installiert werden können.

Ubuntu Gnome setzt auf Version 3.14 der gleichnamigen Desktop-Umgebung. Bei dem für eher leistungsschwache Rechner gedachten Lubuntu sind fast ausschließlich Fehler behoben worden, da das kleine Team von Lubuntu den Wechsel auf Lxqt vorbereitet.

Fazit

Der Wechsel zu Systemd ist so grundlegend, dass vor allem auf Administratoren wohl viel Arbeit zukommt. Bis zur nächsten Veröffentlichung mit Langzeitunterstützung (LTS) in einem Jahr sollten die Betroffenen aber genug Zeit haben, eigene Anpassungen zu portieren und mit dem aktuellen Ubuntu zu testen. Für die meisten Desktop-Nutzer ändert sich durch Systemd nichts spürbar. Es müssen, wenn überhaupt, ein paar wenige neue Befehle erlernt werden.

Mit Angeboten wie Ubuntu Make wird deutlich, dass sich Canonical immer weiter vom Heimnutzer als Zielgruppe entfernt und stattdessen auf Programmierer und professionelle Anwender zielt. Das zeigt sich auch an der Kooperation mit Dell, welches das XPS 13 auch mit Ubuntu anbietet. Um zu überzeugen, fehlen Umake aber noch Funktionen und die Integration weiterer Projekte.

Bei seinen Serverprodukten, die Canonical auch mit Vivid weiter ausbaut, zeigt das Unternehmen, dass sich der Aufwand und die Zusammenarbeit mit verschiedenen Unternehmen wohl vor allem wirtschaftlich sehr lohnen. Was das für den Desktop bedeutet, ist schwer abzusehen. Von außen betrachtet scheint dessen Weiterentwicklung fast zu stagnieren. Ob so das Ziel eingehalten werden kann, schon mit Ubuntu 16.04 in einem Jahr auf Unity8 zu wechseln, ist ungewiss.

Ubuntu 15.04 steht auf den Webseiten von Canonical zum Download bereit.  (sg)


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