Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/ss7-schwachstellen-firewalls-sollen-angriffe-mildern-1504-113335.html    Veröffentlicht: 07.04.2015 12:03    Kurz-URL: https://glm.io/113335

SS7-Schwachstellen

Firewalls sollen Angriffe mildern

Die Probleme im Protokoll SS7 lassen sich nicht ohne weiteres absichern, denn es wurden dafür nie entsprechende Sicherheitsmaßnahmen implementiert. Mit Firewalls können Provider Schwachstellen zumindest abmildern.

Die ursprünglichen Entwickler des SS7-Protokolls hatten wohl nicht damit gerechnet, dass es missbraucht werden könnte. Denn als es 1981 verabschiedet und später für den Mobilfunk erweitert wurde, gingen sie davon aus, dass nur vertrauenswürdige Telekommunikationsunternehmen Zugriff auf SS7 erhalten. Selbst als bekanntwurde, wie einfach es ist, Schwachstellen in SS7 auszunutzen, teilte die Telekom mit: "Das geschilderte Missbrauchsszenario erfordert ein hohes Expertenwissen und kriminelle Energie in der Umsetzung. Konkret geht es um das gezielte Ausspionieren von Einzelpersonen. Dazu muss man sich in der Nähe des Teilnehmers aufhalten, über einen speziellen Empfänger verfügen, der nicht am Markt erhältlich ist, und sich Zugang zum internen Signalisierungsnetz der Mobilfunkbetreiber verschaffen".

<#youtube id="lQ0I5tl0YLY"> Inzwischen haben jedoch mehr als 800 Provider notwendigerweise Zugriff auf das SS7-Netz erhalten. Denn über SS7 werden SMS vermittelt und das globale Roaming erst ermöglicht. Ein Zugang kostet nur wenige hundert Euro im Monat. Die Provider erhalten einen sogenannten globalen Titel, der im SS7-Netzwerk statt einer IP-Adresse genutzt wird und einer Mobilfunknummer ähnelt. Einige Telekommunikationsunternehmen vermieten wiederum ihre Roaming-Lizenzen an andere, etwa damit diese ihre SMS-Dienste anbieten können. Und einige sichern ihre Zugänge nur unzureichend ab, auf sie kann beispielsweise mit mäßigem Aufwand über das Internet zugegriffen werden. Schließlich sind auch die Femtozellen, die die Netze eines Providers in Privat- oder Geschäftsräumen erweitern, Teil des SS7-Netzwerks und einige davon haben bekanntermaßen ebenfalls Schwachstellen.

Firewalls gegen illegitime SS7-Anfragen

Wer sich mittlerweile im SS7-Netz tummelt, lässt sich daher kaum mehr nachvollziehen. Wer einmal Zugriff auf das SS7-Protokoll erhält, kann es weltweit ohne weitere Authentifizierung nutzen. Und jüngste Analysen legen nahe, dass es auch diejenigen gibt, die das SS7-Protokoll regelmäßig für unnötige Abfragen missbrauchen. Dagegen wollen Provider in Deutschland jetzt Firewalls einsetzen.

Über SS7 lassen sich zahlreiche Informationen über den Anwender abfragen. Tobias Engel hatte auf dem Hackerkongress 31C3 demonstriert, wie SS7 missbraucht werden kann, um einzelne Personen zu tracken. Es reicht, die IMSI eines Geräts zu kennen und eine Abfrage an die Datenbank im sogenannten Home Location Register, das über das SS7-Protokoll erreichbar ist. Dort wird einiges über die Anwender gespeichert, neben Basisinformationen wie der Telefonnummer und Informationen über den Vertrag des Kunden weiß das Home Locatin Register auch, bei welcher Vermittlungsstelle (Mobile Switching Center beziehungsweise Visitor Subscription Center) das entsprechende Gerät eingebucht ist. So lässt sich auch eine nahezu lückenlose Route eines Nutzers nachzeichnen.

Unzureichend geschützt

Im Visitor Location Center (VLC) werden diese Daten aus dem Home Location Register empfangen, sobald ein mobiles Gerät dort eingebucht wird. Solche VLCs verraten bereits auch die ungefähre Position des Nutzers, denn sie werden regional eingesetzt, etwa für einzelne Städte oder Gebiete. Ähnlich verhält es sich mit den Mobile Switching Centers. Diese werden neben VLCs aufgestellt und dienen als Vermittlungsstelle für Telefonate oder SMS.

Ein Angreifer kann so herausfinden, in welche Basisstation ein Nutzer gegenwärtig eingebucht ist. Dazu sendet er eine Anfrage mit der Mobilnummer seines Ziels an das Home Location Register, das ihm auch die IMEI-Nummer des Geräts verrät. Das HCL wiederum sendet eine Anfrage an das Visitor Location Center, das die Identifikationsnummer der Basisstation kennt, in der der Anwender eingebucht ist.

Blockaden helfen kaum

Normalerweise werden solche Abfragen genutzt, um beispielsweise zu ermitteln, ob sich ein Kunde in seiner Homezone befindet, etwa um dann einen günstigeren Tarif zu erhalten. Sie sollten also nur von dem internen Netzwerk eines Providers genutzt werden können. Alle deutschen und die meisten europäischen Provider blockieren solche direkten Anfragen inzwischen, weltweit sei das aber nicht so, sagte Engel.

Diese Blockaden lassen sich aber umgehen, indem eine Anfrage mit Hilfe des globalen Titels eines Providers direkt an das VLC gerichtet wird. Dazu wird die IMSI eines Geräts benötigt, die das Home Location Register verrät. Solche Anfragen laufen über das Mobile Switching Center, das sie meist uneingeschränkt weitergibt. So lasse sich beispielsweise eine solche Abfrage über ein MSC in Indonesien tätigen, auch wenn der Benutzer in einem deutschen Netz eingebucht ist.

Weltweite Trackingdienste

Die Identifikationsnummern der einzelnen Basisstationen gibt es ohnehin öffentlich im Netz. Google hat beispielsweise eine umfassende weltweite Datenbank bekannter Basisstationen zusammengestellt. Ein US-israelisches Unternehmen wirbt sogar mit seinen Trackingdiensten: Das Infiltrator Real-Time Tracking System erlaube Regierungseinrichtungen und Sicherheitsunternehmen eine Verfolgung einzelner Personen weltweit und in Echtzeit. Lediglich die Mobilfunknummer des Anwenders muss bekannt sein. Es garantiere seine Dienste für 70 Prozent aller Nutzer, zitierte Engel das Unternehmen in seinem Vortrag (11:25). Ausgenommen seien jedoch israelische Kunden in Israel und US-Kunden weltweit. Es ist nicht das einzige Unternehmen, das solche Dienste öffentlich anbietet.

Karsten Nohl zeigt ebenfalls auf dem 31C3, dass sich durch einen bestimmten Befehl der Schlüssel einer 2G- oder 3G-Verbindung von einem Provider anfordern lässt, ein ansonsten legitimer Vorgang, wenn ein Telefonat beim Roaming von einem Provider an den anderen vermittelt werden soll. Mit diesem Schlüssel lässt sich dann eine Verbindung mitschneiden und entschlüsseln, egal ob es sich um ein Telefonat, eine SMS oder den darüber laufenden Datenverkehr handelt.

Auf SS7 lässt sich nicht verzichten

Das hätten deutsche Provider inzwischen unterbunden, sagte Engel vor wenigen Tagen zu Golem.de. Es sei aber nur eine von vielen Schwächen, die das unzureichend abgesicherte SS7-Protokoll aktuell noch hat. Gespräche könnten auch weiterhin ohne diese Schlüssel mitgeschnitten werden, etwa wenn sie über die internen Netzwerke laufen. Über SS7 könne auch auf Kosten anderer telefoniert oder ihre Verbindungen gekappt werden.

Das Problem: Auf SS7 lässt sich nicht verzichten. Und es kann auch nicht so einfach repariert werden. Die aufgedeckten Probleme lassen sich lediglich eingrenzen. Nach den Hinweisen Engels und Nohls haben zumindest ein paar deutsche Provider reagiert und begonnen, Gegenmaßnahmen umzusetzen. Beispielsweise wird bei der Vermittlung einer SMS nicht mehr das Visitor Location Center preisgegeben, in dem ein Anwender eingebucht ist. Das wiederum erschwert das Tracking, macht es aber nicht unmöglich. Dazu haben die Provider Vodafone und die Telekom teils eigene SMS-Router eingerichtet. Sie beginnen auch, Befehle, die eigentlich nur im internen Netz verwendet werden sollten, an den Grenzen ihres Netzes zu blockieren. So sollen legitime Anfragen von illegitimen getrennt werden.

Dazu müsste zunächst aber der Datenverkehr in den SS7-Netzen genau analysiert werden. Denn manuelle Blockaden seien kaum umzusetzen, sagte Engel. In Deutschland hätten die Provider seit den Vorträgen auf dem 31C3 damit begonnen. Erst intelligente Firewalls, die unberechtigte Abfragen automatisch erkennen und aussortieren, könnten effektiv vor Angreifern schützen.

Über kurz oder lang wird SS7 aber ohnehin hinfällig, denn es wird lediglich bei GSM und UMTS eingesetzt. LTE nutzt ein eigenes Netzwerk, das solche Schwachstellen nicht hat. Allerdings rechnen die Provider mit einer Übergangszeit von etwa 20 Jahren.  (jt)


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